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Meteoris-nachschlagen, welche man auch in dem I. Buche der eigenen Schriften und Ueberfeßungen der deutschen Gesells schaft, überfekt nachlesen kann, als die hier einem jeden unentbehrlich ist.

10. 8. Nachdem wir nun einmal wissen, worinn die poetis sche Schreibare besteht: so müssen wir sie auch in ihre Classen einttyeilen. Ich darf aber auch hier nur bey den dreyen Arten bleiben, die ich in meiner Redekunst schon angegeben habe: nämlich eine ist die natürliche oder niedrige; die andere ist die

innreiche oder sogenannte kohe; die von andern auch die scharfsinnige oder geistreiche genannt wird; und die dritte ist die pathetische, affectuóse, oder feurige und bewegliche Schreibs art. Alle dren müssen wir erklären, mit Erempeln erläutern, und von ihren Afterschwestern unterscheiden lernen. Ich weis wohl, daß es gewisse Klüglinge giebt, die in dieser Eintheis lung, ich weis nicht, was für ein Mischmasch finden wollen, Sie bilder sich ein, was nicht nach ihrem unreifen Sinne ist; oder vielmehr was denenjenigen, deren Sprachrohr sie abgeben, nicht gefällt, das sen nicht richtig. Imgleichen giebt es noch andere, die mit einer unnöthigen, mehr als metaphysischen Genauigkeit, die Dinge ohne Nußen vervielfältigen, und wohl zwanzigerlen Schreibarten ausbecken: wie man im fiebenten Bande der kritischen Beytråge sehen kann. Allein es wird leicht fallen, ihre ungegründete Urtheile abzufertigen.

11. S. Erstlich důnft es ihnen, natürlich mußten alle Gattungen der Schreibart femn; und also könnte man keine besondere Art daraus machen. Wer sieht aber nidje die muth. willige Zunöthigung in diesem Einwurfe? Freylich sind alle Arten des Ausdruces demjenigen, der sie brauchet, natürlich. Auch ein Pritschmeister redet in seinen garstigsten Possen, dadurch er die Großen belustigen will, seiner Natur gemäß. das ist alber und schmußig. Auch ein Phantast reder seinem schwulstigen Gehirne gemäß, so wie es ihm natürlich ist; und so weiter. Allein wer þat denn hier das Natürliche dem Uebernatürlichen entgegen zu regen gedacht? Wird denn det Natur nicht weit öfter die Kunst entgegen gestellt? Die

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finn.

sinnreiche Schreibart aber sowohl, als die pathetische ist weit künstlicher, als die niedrige; wie ein jeder, der sie nur halb fennet, mir zugestehen wird. Man darf auch nur einen Blich in meine Redekunst thun, wo ich davon gehandelt Tabe, so wird dieses von sich selbst in die Augen fallen. Das. jenige nåmlich, was man iin gemeinen Leben, wo man nur auf die Sachen, und nicht auf die Worte denkt, in der Histor rie, in dogmatischen Büchern u. d. gl. braucht, das heißt natürlich: weil man darinn nicht fünftelt, sondern zufrieden ist, wenn man sich so deutlich und richtig ausgedrüchet hat, daß man leicht verstanden werden kann. Alles übrige, was mit Fleiß ausstudiret wird, das ist künstlicher. Es ist aber auch leicht zu denken, daß man hier nur die schöne Natur versteht, der alle Künfiler nachzuahmen pflegen; nicht aber die haßliche, die sich in der Sprache des Pobels, die dem. selben natürlich ist, zeiget. Eben darum habe ich sie nicht die gemeine Schreibart nennen fónnen.

12. S. Zum andern will man den Grund dieser Abthei. lung wissen: und weil es diesen tiefsinnigen Kunstrichtern so schwer fällt, denselben zu finden; so will ich ihn hieher seken. Ein Redner oder Dichter will seine Zuhörer entweder schlech. terdings unterrichten und lehren, oder er will sie belustigen, oder er will sie endlich bewegen. Behr Absichten fann er bey der Schreibart nicht haben. Ist das erste, so bedienet er sich des natürlichen oder niedrigen Ausdruckes, da man sich der gewöhnlichsten Redensarten und Ausdrůckungen gebraus chet. Dieses thun also die Historienschreiber, wenn sie von rechter Art sind, und die dogmatischen Scribenten: auch wohl die Redner in ihren Eingången, Erklärungen und Beweisen. Ist das andere die Absicht des Scribenten; so muß er allerlen sinnreiche Gedanken auf eine eben so finnreiche Art vortragen; und das thun insgemein Redner, wenn sie hier und da Erläuterungen, gute Einfälle, Lehrspriche, u. d. gl. in ihren Keden einmengen; sonderlich aber die Poeten, wenn sie bittere Lehren oder Wahrheiten angeneẩm machen wollen. Wil aber ein Schriftsteller endlich das legte: so muß er die

Gemüths.

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Gemüthsbewegung, die er in andern erwecken will, selbst annehmen, und so feurig und beftig, oder affectuós und pathetisch, als welches einerley ist, reden, daß sein Lefer oder Zuhörer auch entzündet wird; wie solches Soraz in seiner Dichtkunft gelehret hat: Si vis me flere &c. Da hat man nun den Grund meiner Eintheilung; die ich doch nicht einmal für meine Erfindung ausgebe, indem sie schon von so vielen geschickten Kunstrichtern, gebrauchet worden, mit denen ich lieber irren, als mit andern redit haben wil. *

13. S. Die natürliche oder niedrige Schreibart eines Poeten unterscheidet sich zwar von der ungebundenen Rede durch einige oben benannte Zierrathe der Gedanken. Doch erhebt fie sich nicht sehr, verschwendet ihre Blumen nicht, sondern ist. mit einem måßigen Puße zufrieden. Ihr eigentlicher Siz ist in poetischen Erzählungen, in Briefen, in Satiren, in Lehrgedichten , imgleichen in Gesprächen: wenn die Beschaf: senbeit der Personen, die sich mit einander besprechen, es zuc lißt, daß sie besser reden mogen, als man insgemein spricht. Ein Erempel von Erzählungen giebt uns Raniz in seiner Fabel auf die Tadelsuche :

Merk auf, ich bitte dich, wies jenem alten gieng,
Der, um die Belt zu fehn, noch an zu wandern fieng.
Sein Efel war fein Pferd, Fein Sohn war fein Gefährte;
Doch als der fanfte Ritt kaum eine Stunde währte,
Da rief ein Reisender ihn unterwegens an:
Was hat euc) immermehr das arme Kind gethan,
Daß ihrs laßt neben eud) mit schwachen Fúffen traben?
Drum stieg der Vater ab, und wich dem můden Knaben.
Doch als er dergestalt die Liebe walten ließ,
Sab er, daß inan bernach mit Fingern auf ihn wies.
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Ihr * Siche B. Neufirihs Anleitung Eintheilung anführen will, ift mei zu deutschen Briefen im V. Stap. deš ner Mennung, wenn er lagt, die IV. B. p. 603. S. auch des Herrn Rede habe drey Eigenschaften : La Rollins Manicr die freoen fünfte zu Simplicité, l'agrement, & l'elevaLehren auf der 29. S. Comme il-y-a tion. Daber láme le fimplc, l'agre. trois devoirs principaux de l'Ora- able, le fublimc. Auch Cicero und reur, qui font d'instruire, de plai- Quintilian haben das ducere, dere, & de toucher; il y a austi trois lecture and movere für die dren genres d'eloquence. &c&c. Und Pflichten eines Redners ausgegeben. selby Gisbert, som man wider meine

Shr fonntet ja mit Recht, hórt er von andern Leuten,
Zum wenigsten zugleich mit eurem Buben reiten.
Er folgte diesem Rath, und als er weiter kam,
Erfuhr er, daß man ihm auch dieses übel nahm.
Es schrie ein ganzer Markt: 3hr thut dem Thiere Schaden!
Man pflegt nicht so, wie ihr , fein Vieh zu überladen.
Der Alte, der noch nie die Welt so wohl gekannt,
Kehrt cilig wieder um, wie ets am besten fand,
Und sagte: Sollt ich mich in alle Leute schicken,
So packten sie mir gar den Esel auf den Rücken.

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14. S. Dieses ist nun die poetische Art, Fabeln zu erzäh. len, der sich, im Lateinischen, Dhadrus als ein Meister bedienet hat. Virgil, in seiner Aeneis, hat sich eben ders felben bedienet, so oft er selber etwas erzählet, und keinen an. dern redend einführet. Ainthor hat in seiner Uebersebung die edle Einfalt dieses Lateiners völlig erreichet, darum will ich eine Probe gleid) aus dem ersten B. wo es heißt: Vrbs antiqua fuit &c. herreken:

Ein alter Wunderbau, den man Karthago hieß,
Worinn der Eyrier sich häuslid) niederließ,
Durch Krieg und Frieden groß, lag der berühmten Tyber,
Und dem Lateinerland zur Seiten gegen über.
Man sagt, daß Juno ihn vor allen hochgeschakt,
Ja Samus. Götterhaus ihm selber nadigereßt.
Hier war der Waffenplatz für ihre Macht ersehen,
sier sollte pieß und Schild nebst ihrem Wagen stehen:
ga tråfe das Geschick mit ihren Wünschen ein,
So sollten Ost und West Karthagen zinsbar feyn.
Und dennod, mugte sie die trübe Zeitung hören,
Es würde Trojens Blut der Tyrer Schlösser stören.
Und ein gefürchtet Volf, von dessen Kronengold
Und seiner Waffen Bliß die Welt erschüttern sollt,
Auch selbst den Lybier von seinem Thron verdringen:
Midts wurde diesen Schluß der strengen Parcen zwingen 2c.

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Da nun dieses die rechte Schreibart ist, die sich zu einem Heldengedichte schickt, welches eine Erzählung seyn muß: fo kann man leicht urtheilen, daß moeder Lucan, noch Statius, noch Claudian in diesem Stúde den rechten Weg gee gangen find. Alle diese schreiben viel zu hochtrabend, als daß ihre Schreibart einer vernünftigen Erzählung ähnlich sehen sollte. Sie gehen immer auf Stelzen; ja mit dem Soraz fann man von iğnen sagen:

gangen

Nubes & inania captant. 1549. Wir wollen doch eine Probe aus dem Lucan anses hen, um uns durch den Augenschein selbst überführen zu lassen, und die Ueberfeßung, die Hofrath Pietro gemacht þat, þinzusegen:

Bella per Emathios, plus quam civilia, campos, Jusque datum fceleri canimus, populumque potentem In sua victrici converfum viscera dextra, Cognatasque acies; & rupto fædere regni Certatuin, totis concufli viribus orbis In commune nefas; infestisque obvia lignis Signa, pares aquilas, & pila minantia pilis. Quis furar? o Cives! quæ tanta licentia ferri, Gentibus invisis Latium præbere cruorein? Cuinque superba foret Babylon spolianda tropæis Ausoniis, umbraque erraret Crassus inulta: Bella geri placuit mullos habitura triuniphos. Heu quantum potuit terræ pelagique parari, Hoc quem civiles hauserunt sanguine dextræ! Unde venit Titan &c.

Die Ueberseßung aber lautet fo:

Das unfruchtbare Blut, so durch die Bürgerfriege,
Ematien befleckt, der frechen Bosheit Siege,
Des starken Volkes Hand, das sein entblößtes Sdimert,
So sonst die Barbarn schlug, auf seine Brüste kehrt;
Des Reiches Band getrennt, zwey Blutsverwandte Freunde,
Zum Streit erhitzet hat, die als erboßte Feinde,
Mit aller Kraft gekämpfe, als die emporte Welt,
Biey starker Heere Madt zum Treffen aufgestellt;
Als Fahn auf Fahne stieß, als Schild auf Sdilde stießen, ..!
Und selbst der Römer Arm mit scharfen Bürgerspießen

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