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Das X. Hauptstück.
Von den Figuren in der Poesie.

1. .
ie Abhandlung von den Figuren gehöret eigentlich für

die Meister der Redekunst: und ich könnte also meine

Leser dahin verweisen, oder gar zum voraus reßen, daß sie sich darum schon bekümmert haben würden. Allein fürs erste hat die gebundne Schreibart eben so viel Recht dazu, als die ungebundne , ja noch wohl ein großeres. Sie hat sich nicht nur dieser Zierrathe bedienet , ehe diese noc) erfunden worden: fondern sie pfleget fich auch damit weit håufiger zu pußen, als dieselbe. Hernach kann man nicht allezeit zum Grunde feßen, daß die Liebhaber der Dichikunft sich vorher in der Redekunst fest gesekt haben sollten. Dieser Gattung Lesern zu gefallen, habe ich mein Buch lieber vollständiger madyen, als sie auf einen anderweitigen Unterricht in diesem Stücke verweisen wollen.

2. ). Einige neuere Lehrer der Beredsamkeit haben mit großem Eifer wider den Unterricht von Figuren, der in allen Rhetoriken vorkommt, geschrieben. Sie haben dafür gehalten: man könnte diefe ganze Lehre ersparen, und dörfte die Jugend mit so vielen griechischen Namen nicht plagen; zumal da sie daraus nichts mehr lernte, als wie man eine Sache benennen könnte, die auch dem einfältigsten Póbel beo fannt wåre. Zu dieser Zahl ist noch neulid) ein schweizerischer Kunstrichter getreten, der anstatt der Figuren, ein unverstandliches Mischmasch, und eine sclavische Nachahmung des, in seiner eignen Sprache barbarischen Miltons einzuführen wünschte. Man giebt es zu, daß viele Schullehrer der Sas che zu viel gethan, und sich gar zu lange dabey aufgehalten þaben. Man giebt auch zu, daß die griechischen Namen oft eine unnöthige Schwierigkeit verursachen, und daß man bef: 11 5

ser

Der Schiff und Gut verlohr, und nur durch meine Hand,
Nebst feinein nackten Volk, des Lebens Rettung fand ?
Ich berste fast für Zorn! Der Schmerz bringt mich zum Rasen.
Nun hat Apollo ihm was neues eingeblasen,
Ein Tra:im aus Lycien was anders prophezeiht ;
Ja selber Jupiter ihm drohend angedeut,
Er solle seinen Fuß in andre Lånder tragen:
Ja recit! Gott wird wohl viel nadh deinem Sdwärmen fragen!
Der Himmel, welchen nichts in seiner Ruhe stört,
Hat seine Sorgen ißt auf deine Fahrt gefehrt!
Dod) lauf! ich halt dich nicht; id) will nicht widersprechen:
Nur fort ! und faume nicht, die Wellen durchzustechen.
Such dein Italien, das dir so wohl gefällt,
Und wo die Hoffnung dir ein neues Reid bestellt!
Ich weis, der Himmel wird gerecht und heilig bleiben,
Und dein verschlagnes Schiff an Klipp und Syrten treiben!
Da wird die wilde Fluth ein Racher meiner Pein,
Da wird dein lektes Wort: Dido! Dido seyn.
Ja wird der falte Tod den warmen Geist verjagen,
Soll mein Gelpen te did, doch allenthalben plagen.
Du sollst, du kannst, du wirst der Strafe nicht entgehn,
Und ich will deine Quaal aud in der Gruft verstehn!

Wer aus einer fo herzrührenden Rede den Nachdruck der Figuren nicht begreifen kann, der muß wenig Empfindlichkeit und Nachsinnen besigen. Wer aber überführet feyn will, daß dieses rührende Wesen bloß von den Figuren herrühre, der darf nur eine andre Uebersekung von der lateinischen Stelle machen, darinn alles schledytweg gesagt wird: sogleich wird alles Feuer, alle Heftigkeit und alle Lebhaftigkeit daraus verschwinden; ja man wird es kaum glauben können, daß es dieselbe Rede fer.

5.9. Lami fångt die Figuren mit dem Ausruffe (Exclamatio) an; weil diese die nacirlichste ist, und in vielen Affecten zuerst hervorbricht. Denn es giebt einen Ausruf, in der Freude, Traurigkeit, Racgier, imgleichen im Schrecken, Zagen , Verzweifeln, Trezen, u. d.gl. Nun giebt es zwar gewiite Formeln, die eigentlich dazu bestimmt sind, als Ach! D! Weh! Wohlan! Hey! Sa, Sa! Ha! u. a.m. Allein

es werden so viel andre Redensarten dazu gebraucht, daß ihre Zahl nicht zu bestimmen ist. 3. E. Jammer! Lustig! Frisch auf! Herzu! Ich Urmer! Mich unglückseligen! Trok fen dir gebothen ac. 2. Ein Erempel giebt mir Flemming auf der 201. Seite:

Als aber gleid, der Krieg, Erbarmes Gott, der Krieg! mit welchem wir uns Deutschen, Voh so viel Jahren her nun ganz zu tode peitsden,

Mein liebes Meißen traf.
Ranitz auf der 43. Seite der neuen Auflage:

O kindisder und toller Wahn,

Der bey mir eingerissen! Opig im IV. Budhe der Poet. W. schreibt an Nüßlern, von seiner Flavien:

Ad)! daß ihr frecher Sinn
Mich, der ich ihrer Huld vielmehr als würdig bin,
So wenig gelten läßt! ach, ach! daß kein Vergießen

Der Thränen, und kein Wort, kein Seufzen x. Veukirch in seinem Gedichte auf die Königinn in Preußen, schreibt gleichfalls:

Ich leider! allzu viel, zu viel auf einen Sdylag!

Wer ist, der unser Leid nur halb ergrûnden mag?
Und Pietsch in seinem Gesange auf den Prinz Eugen sagt:

Wie seltsam leitest du der Deutschen fühnes Heer!
Der Zug des Hannibalo war lange nicht so schwer.

6.9. Die andre Figur ist der Zweifel, (Dubitatio) womit man entweder bey sich ansteht, ob eins oder das andre zu glauben, oder zu thun fer; oder sich doch so stellet, als ob man sich nicht entschließen könnte. Die Heftigkeit der Gemüthsbewegungen fekt uns oft in den Stand, daß man weder aus, noch ein weis: dean ehe man mit dem Entfchlusse noch fertig ist; fo fållt uns augenblicklich etwas anders ein , welches das vorige wieder zunicht macht. Rani giebt uns

ein schönes Erempei in der Ode auf seine Doris.

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Er hat in der vorhergehenden Strophe die verflossenen
Grunden zurück geruffen; besinnt sich abes bald anders,
und singt:

Aber nein! eilt nicht zurücke,
Sonst entfernen eure Blicke
Mir den långstgewünschten Tod,
Und benchmen nicht die Noth.
Dod), könnt ihr mir Doris weisen;
Eilet fort! Nein: haltet still!
Ihr mögt warten, ihr mögt reisen,

Ich weis selbst nicht, was ich wil.
Zuweilen zweifelt man zwar selber niche; will aber durch
einen verstellten Zweifel die Zuhörer zuin Nachsinnen bewes
gen. So zweifelt Günther in seiner Sterbeode, wem er
keine Leyer vermachen foll:

Sage, du begriffne Lever!
Bein ich dich vermachen darf?
Viele tvůnsdyen dich ins Feuer;
Denn du rasselst gar zu scharf.
Coll ich did nun lodern laßen?
Nein, dein niemals fauler Klang
Ließ mich oft ein Herze fassen,
Und verdienet bessern Dank.

Soll ich dich dem Phóbus schenken?
Nein, Du bist ein schlechter Schmuck,
Und an den Parnas zu henken,
Noch nicht ausgespielt genug.
Opib würde dich beschämen,
Flimming módyte widerstehn:
Mag dich doch die Wahrheit nehmen,
Und damit hausiren gehn.

7. S. Die III. fann der Wiederruff (Correctio oder Epanorthosis) feyn, wenn Leute ihr Wort, das sie schon gesagt, wieder zurück nehmen; weil es ihnen zu schwach vorkommt, und sie also ein heftigers heraus stoßen wollen. 3. E. Opis in einem Hochzeitwunsche auf der 77. S. Der Port. W. 0. 133.

Der

Der (Gott) lasse mich, erfahren,
Und hören oft und sehr,
Was hören? Tehn vielmehr,
Daß dich, von Jahr zu Jahren,
Was dir giebt dieser Tag,

Mit Frudyt bereichern mag. Zuweilen hat man auch wohl etwas zu frey Herausgesagt, will also das ausgestoßene Wort wieder zurück nehmen, und ein bessers an die Stelle seken. So läßt f. E. Gůnchec den Apollo in einer Cantate, wo er mit dem Mercur um den Vorzug streitet, folgendergestalt reben:

So, hör idy, foll dein Judasspieß,
Dein Zepter, wollt ich sagen,
Mehr Frudt und Vortheil traget,

Als meiner Künste Paradies ? Hieher kann man auch rechnen, wenn der Poet, dasjenige, was er gesagt, zwar nicht zurück nimmt; aber dod) widers legt, weil es ihm von andern getadelt werden möchte. 3. E. so schreibt Neukirc, in feinen geschüßten Nachtia gallen:

Das eingeworfne Bonn, das wuste Kaiserswerth,
Die ungarische Sdylacht, den Schuß der Niederlande,
Belief er alles zwar mit eifrigem Verstande:
Doch, Mauren, sprach er, hat schon Cåsar umgekehrt!

8. S. Die IV. ist das Verbeißen, (Ellipfis) oder 26bredien einer Redensart, die man nur anhebt, aber nicht völlig endiget. Sie entsteht, wenn der Affect so heftig ist, daß der Mund und die Zunge den geschwinden Gedanken der Seele nicht folgen kann, und also mitten in einem Saße abbrechen, und dem neuen Gedanken des Geistes plößlich folgen muß. Amthor hat aus dem Virgil das bekannte, Quos ego! des Neptunus, sehr gut überseßt, womit er die Winde bedroht; aber mitten in dem Dråuworte inne pålt.

Und sprach: Madyt euch der Glanz der Ahnen so werwegen?
Dürft ihr, mir unbewußt, die fühnen Flügel regen?
Das Erd und Himmel fast sich durch einander mischt,

Und

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