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Derhalben weldien Gott mit dieser Gnade regnet,

Daß er' in seiner Eh noch funfzig Jahr vollbringt,
Dem ist ein Wunderwerk und solch ein Glück begegnet,

Das unter hunderten kaum einem halb gelingt.
Hier steht dergleichen Mann, ein Priester , greis von Haaren xe.
Aus dem zweyten fållt mir ben, beym Aufschlagen, das Beya
lagersgedichte von Alerandern und Roranen in die Augen,
Wo Jupiter im Anfange sich so hören läßt:

Das Ehen auf Erden
Von Mensden vorgenommen werden,
Kommt nicht von Menschenvorfaß her:
Es ist mein Thun, der ich die Welt regiere,
Es ist ein Wert vom Jupiter.
Lernt, Sterblidhe, daß ich die Herzen führe;
Daß Ehen zwar auf Erden

Bollzogen; aber nur von mir beschloßen werden. 2. S. Was ist nun in diesen benden Stücken poetisches, außer dem Sylbenmaaße und den Reimen? Sind es nicht lauter gemeine Gedanken, gemeine Wörter und Redensarten, und gemeine Bedeutungen derselben? Wie gåtte man sich eigentlicher ausdrücken, und den natürlichen Verstand der Worte genauer beybehalten können, als hier geschehen ist? Man darf nur eine kleine Veränderung damit vornehmen, so, daß das Sylbenmaaß verschwindet, und der Keim wegs fållt: so bleibt nichts als eine sehr magre Prosa übrig. Wir wollen mit dem ersten die Probe machen:

Wer ißo in seinem ganzen Leben funfzig Jahre zurüche ,,legen kann, dem scheint es trefflich viel zu senn. Die Welt „ nimmt alle Tage ab, und will uns fast Abschied geben.

Jemehr die Jahrzahl zunimmt, defto fürzer wird auch „das Ziel. Welchen Gott derohalben mit dieser Gnade „segnet, daß er noch funfzig Jahre in seiner Ehe vollbringt, „dem ist ein solch Wunderwerk und Glück begegnet, daß

faum einem unter hunderten Halb zu gelingen pflegt. 2C. Nun möchte ich gern wissen, wo hier das poetische Wesen stecket; worinnen sich der Geist und Wiß eines Dichters ge

wiesen

وز

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wiesen hätte? Alles dieses Hat meines Erachtens ein jeder denken und schreiben können, der niemals einen Poeten gea sehen oder gelesen, ja kein Wort von Poesie reden gehörer hat. In der besserischen Stelle redet Jupiter ebenfalls in der gemeinsten Sprache, wenn man nur das klingende Sylbenmaaß und die Reime wegschaffet.

„Daß auf Erden von den Menschen Eßen vorgenommen », werden, das kommt nicht vom Vorsage der Menschen her. „Es ist ein Werk Jupiters: es ist nur mein Thun, der ich die Welt regiere. Lernet ihr Sterblichen, daß ich die Herzen lenke, und daß die Ehen auf Erden zwar vollzogen, aber „ nur von mir beschlossen werden.

3. S. Vieleicht halten viele dafür, daß dieses eben die recha te Schönheit der vernünftigen Poesie fen, ganz natürlich zu reden, und sich von allen schwülitigen Redensarten zu enthalten. Allein wir wollen uns erstlich erinnern, daß Boraz uns vor benden Fehlern gewarnet, und weder zu hoch über allen Wolfen nach leerer luft zu schnappen, nod) im Staube zu kriechen; sondern die Mittelstraße zu halten, und auf dem erhabenen Parnaß zu gehen, befohlen hat.

Profeffus grandia, turget;
Serpit humi, tutus nim um timidusque procellæ :

In vitium ducit culpæ fuga, si caret arte.
Fürs andere ist es långst, auch von Rednern, angemerket wora
ben, daß der uneigentliche Ausdruck durch verblümte Redens-
arten, so gar der ungebundnen Rede eine besondere Anmuth
giebt. Cicero 3. E. lehrt im dritten Buche vom Redner im
38. Capitel ausdrücklich, daß die uneigentlichen Bedeutungen
der Wörter zwar zu allererst aus Mangel und Dürftigkeit der
Sprachen aufgekommen; hernach aber auch zur Anmuth und
Zierde gebraucht worden: wie man auch die Kleidungen
anfänglich zur Bedeckung unfrer Bloße, nachimals aber zur
Pracht ausgesonnen und eingeführet hat. Er erweiset es durch
verschiedene verblümte Reden, die auch ben den lateinischen
Bauern gewöhnlich gewesen; dergleichen etwa ber uns fole

Ra

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genoe

gende wåren: Der Wald ist mir ausgestorben; ber Baum hat den Rrebs; die Zweige kriegen schon Augen; die Saat steht geil; der Acker ist fett; das Geträyde brandig, u. d. gl. Darauf erinnert er, daß er außer diesen gemeinen Arten verblümter Reden, noch eine verwegnere Gattung gebe, die nicht aus dem Mangel der Sprache; sondern aus einem feurigen Wiße entsteht, und der Rede viel Glang und Schönbeit zuwege bringet; welches er dann mit vielen poetischen Erempeln erläutert.

4. S. Ich will desgleichen thun, um die Sache in ein vole liges licht zu feßen. So schreibt Flemming auf der 362, S.

Der verliebte Himmel lächelt,
In die gleich erwärmte Luft;
Welche gleid)sam Kusse fåchelt,
Auf der schwangern Erden Kluft:
Die bald beyden, fo fie liebet,

Tausend schöne Binder giebet.
Wer sieht hier nicht einen sehr edlen poetischen Ausdruc;
in verblümten Verstande gebrauchte Worte, und fühne Ries
densarten? Der Himmel muß verliebt Heißen, welches man
sonst nur von verstandigen Wesen fagt. Die Luft muß Kusse
fächeln; weil sie so lieblich ist, als eine freundliche Schóns
heit, wenn sie einen Geliebten füssen will. Die Erde ist
schwanger, weil die Gewächse gleich einer Frucht in Mutter-
leibe, in ihr verborgen liegen, ehe sie im Frühlinge ausbre-
chen. Sie muß den Himmel und die Luft lieben; welches
wiederum nur im verblümten Verstande angeht: weil sie sich
nåmlich ben der Gegenwart des freundlichen Himmels, mit
ihrem (aube und Grase schmůcket; wie eine verliebte Dirne
gegen die Ankunft ihres Liebsten. Endlich giebt sie tausend
(chöne Kinder, das ist, in der eigentlichen Sprache zu reden,
Blumen und Früchte. Und wer sieht hier nicht, daß diese
Strophe durch ihre derblümten Rebensarten weit schöner
und geistreicher geworden, als wenn sie aus lauter eigentlichen
Ausbrückungen bestanden håtte? Noch eins zum Ueberflusse,
aus eben dem Poeten, auf der 353. S.

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Die verlebte Welt wird jünger,
Und streicht mit verliebtem Finger,
Ihre Runzeln von der Haut.
Sehr, seht! wie sie aus den Feldern,
Aus den Auen, aus den Wäldern,

Mit perbublten Augen schaut. 5. S. Hieraus erhellet ja wohl deutlich genug, was ein poetifcher Geist, was eine edle Art zu denfen, und ein feuriger ungemeiner Ausdruck sena Dieß ist die Sprache der Poeten, dadurch sie sich von der magern profaischen Schreibart unterscheiden. Man versuche es, und zertrenne auch hier das Sylbenmaaß; man verstecke die Keime, wie man will: es wird doch ein poetischer Geist daraus hervorleuchten. Daß aber diefes die rechte Probe des poetischen Geistes fey, das lehrt uns Soraz, der in der IV. Satire des I. B. ausdrücklich sagt: daß seine und Lucils Verse nichts poetisches mehr an fich behielten, fo bald man durch die Versekung der Worte ihnen das Sylbenmaaß genommen. Weit anders verhalte es sich mit dem Ennius, der die poetische Schreibart in seiner Gewalt gehabt. Denn wenn man gleich die Worte: Nachdem die scheußliche Zwietracht die eisernen Pfosten und Thore des Rrieges erbrochen, noch so rebr verseken wollte: so würde man doch allezeit die Glieder eines zerlegten Poeten darinn antreffen. Es ist werth, daß ich das lateinische davon herseße. * Ich muß nur erwah, nen, daß soraz durch diese Anmerkung erweisen wollen, eine Satire verdiene nicht den Namen eines Gedichtes. Denn kurz vorher hatte er sich ausdrücklich aus der Zahl der Poeten ausgeschlossen, in so weit er nur ein Satiren

R 3

schreiber

* Non fatis est puris versuin per- Pofterius facias , præponens ultima fcribere verbis,

primis, Quem fi dissolvas, quivis stoma- Non, ut fi folvas: Potquam discorchecur. etc.

dia tetra His, ego que nunc; Olim quae fcripfit Lucilius, eria Beli ferratos postes portasque refree pias fi

git ; Tempora certa modosque, & quod invenies etiam disje£ti membra prius ordine verbuin est,

Poete.

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schreiber war. * Ein Poet muß also einen großen Wiß,
einen göttlichen Geist und einen erhabnen Ausdruck haben,
wenn man ißn mit diesem Namen beehren soll. Da ich nun
diese Lehren schon vor mehr als zwanzig Jahren gegeben
Habe: so urtheile man, ob diejenigen Tadler recht haben,
die mir Schuld geben wollen, ich wollte in Gedichten nur
eine abgezählte und gereimte Prosa leiden.

6.). Und frenlich zeiget sich der Wig eines Poeten haupt-
fåchlich in der glúflichen Erfindung verblümter Redensarten.
Denn ist derselbe eine Kraft der Seelen, das Aehnliche leicht
wahrzunehmen: fo merket man, daß in jedem uneigentlich
verstandenen Worte ein Gleichniß stecket, oder sonst eine
Aehnlichkeit vorhanden ist, weswegen man eins für das an=
bere fekt. Das belustiget nun den Leser eines solchen Gedich-
tes. Er siehet nicht nur das Bild, darunter ihm der Poet eine
Sache vorstellet, sondern auch die Absicht derselben, und die
Hehnlichkeit zwischen benden: und da fein Verstand auf eine
so angenehme Art mit so vielen Begriffen auf einmal besityáff-
tiget ist; so empfindet er nicht nur wegen der Vollkommen-
Heit des Poeten, dessen Schrift er lieft, ein Vergnügen;
fondern er belustiget sich auch über seine eigene Scharfsinnig-
keit, die ihn fähig macht, alle Schönheiten des verblümten
Ausbruckes, ohne Mühe zu entdecken. 3. E. Amboe
schreibt auf der 125. Seite:

Ját schroindet allgemach,
Der Schatten lange Nacht, und fågt der Thürme Zinnen.
Ein frohes Morgengold gewinnen,
Der alte Nordwind giebt dem jungen Zephir nach:
Die Erde wird der lústern Sonnen Braut,
Die ihren Bräutigam stets náher treten schaut.
Sie schmückt sich schon zur neuen Hochzeitfeper:
Weil Phobus ihren Wittwendileyer,

Den
* Primum ego me ilforum, dede- Sermoni propiora, putes hunc esse

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rim quibus esse Poetas, Excerpam numero: nec enim con- Ingenim cui fit, cui mens divicludere versum,

nior , atque os Dixcris esse fatis; neque li quis fcri- Magna fonaturum, des nominis hu

jus honorem

poetam.

bat uri nosa

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