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29. S. Ein jeder sieht wohl, daß die gemeinen Romane m einer so lóblichen Absicht nicht geschrieben sind. Ihre Verfasser verstehen oft die Regeln der Poesie so wenig, als die wahre Sittenlehre: daber ist es kein Wunder, wenn sie einen verliebten Labyrinth in den andern bauen, und eitel Thorheiten durcheinander Flechten, ihre wollüstige Leser noch ůppiger zu machen, und die Unschuldigen zu verführen. Wenn sie erbaulich seyn sollten, mußten fie nach Art eines Heldengedichtes abgefasset werden, wie Beliodor, long gus, Cervantes, Fenelon und Chancierges im Dies oprolem, einigermaßen gethan haben. Zieglers Banise ist ber uns Deutschen noch der allerbeste Roman: das macht, daß er in wenigen Stücken von den obigen abweicht; kann auch daher von verståndigen und tugendliebenden Gemüthern noch mit einiger Lust und Nußen gelesen werden. * Don neuern französischen kann man den reisenden Cyrus, den Sethos, und die Ruhe des Cyrus dazu nehmen, wies wohl sie in der Dauer der Fabel, von der Regel abweichen. Von lustigen Heldengedichten sind auch Sudibras, des Boileau Pult, die geraubte Haarloške, und die Tänzerinn mit hieher zu rechnen.

30. S. Indessen darf niemand denken, die Fabel wåre bloß in den großen Gattungen der Gedichte brauchbar, und mußte also nicht für etwas allgemeines ausgegeben werden. Man kann sie überall anwenden, und in allen kleinern Arten der poetischen Werke mit Nußen einmis schen. In Oben, Elegien, Schäfergedichten und Sati. ren, ja auch in poetischen Briefen, haben die Alten und Neuen sich ihrer Dichtungskraft mit gutem Fortgange bedienet. Deswegen aber läugne ich nicht, daß nicht die erstern und unvollkommenern benden Gattungen der Nachahmung, nåmlich die Beschreibungen und Ausdrůc

fungen

Siche. Die Beurtheilung dcffelben in der tritischen Beptråge

1. Sanbe.

fungen der Gemüthsberoegungen, in diesen kleinern Ges dichten gleichsam herrschen sollten. Eben darum aber sind sie auch für geringer zu halten, als die großen poetis schen Werke, wo die Fabel zum Grunde liegt. Wer jene geschickt verfertiget, der heißt zwar auch ein Dichter, in so weit er der Natur nachahmet; aber ein Dichter von meit geringerer Fähigkeit, als einer, der, in großen moras lifdien Fabeln, die Handlungen der Menschen auf eine so vollkommene Art vorzustellen vermogend ist. Wer ein gut Naturell und Lust zur Poesie hat, der fångt vom Kleinen an; strebt aber mit einer löblichen Ehrliebe nach dem Vollkommensten. Wer diesen Gipfel nicht erreichen kann, der bescheidet sich auch, daß er kein großer Poet ist, und begnügt sich, wenn er unter den kleiner Dichtern einiges Lob verdienet. Unser Vaterland hat auch in der That noch nicht viel große. Poeten hervorgebracht: weil wir in den großen Gattungen der Gedichte noch wenig gute Originale aufzuweisen haben. Mit Uebersegungen aber ist es nicht ausgerichtet. Wenn ich gleich die Jlias und Odyssee, und die Zeneis noch dazu, in die schönsten deutschen Verse übersekte: so würde ich dadurch eben so wenig ein Poet, als die Frau Dacier. durch ihre ungebundne französische Uebersekung eine Dicha terinn geworden ist. Es muß etwas Eigenes, es muß eine neue poetische Fabel fenn, deren Erfindung und ges fchickte Ausführung mir den Namen eines Dichters ers werben soll. Es ist aber nunmehr mit vieler Wahrscheinlichkeit zu hoffen, daß wir bald mehr dergleichen vortreffliche Seister unter unsern Sandesleuten erleben werden. Ja wir können uns rühmen, daß wir an des Herrn Barons von Stenåich Sermann, nunmeậr ein Heldengedicht bekommen haben, welches wir getrost der Henriade des Herrn von Voltaire an die Seite reken können.

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Das V. Hauptstück.
Von dem Wunderbaren in

der Poesie.

1. S. Am ersten Hauptstüde ist schon beyläufig gedacht worden,

daß sichs die ältesten Dichter gåtten angelegen fenn

lassen, sich bey dem menschlichen Geschlechte ein ans fehen zu erwerben, und von ihm bewoundert zu werden. Nun bewundert man nichts Gemeines und Altågliches, fondern lauter neue, seltsame und vortreffliche Sachen. Daher mußten auch die Poeten auf etwas Ungemeines den. ken, dadurch sie die Leute an sich ziehen, einnehmen und gleichsain bezaubern könnten. In den ältesten Zeiten nun, war dieses eben nicht zu fdywer. Denn unwissenden Leuten war alles, was man ihnen vorsingen oder sagen konnte, jehr neu und feltfam: das macht, sie hatten noch nichts bessers gesehen oder gehöret. Allein in den folgenden Zeiten hat es den Dichtern mehr Mühe gemacht. Je aufgeklärter die Zeiten wurden, desto schwerer ward es auch, das Wuns berbare zu erfinden, und die Aufmerksamkeit dadurch zu ges winnen. Der Grund dieser Bemühung aber steckt in der menschlichen Neugierigkeit; und die Wirkungen habens gewiesen, daß sie nicht vergebens gewesen. Un sich selbst aber ist dergleichen Mittel, die Leute aufmerksam zu machen, ganz erlaubt: wenn man nur den guten Endzweck hat, fie ben der Belustigung zu bessern und zu lehren.

2.9. Nun kann man wohl freylich die Fabel felbst, davon wir im vorigen Hauptstücke gehandelt haben, von dem Wuns derbaren nicht ganz ausschließen. Die åsopischen · Fabela insonderheit sind von der Art, daß fie Kindern und Ein. fåltigen sehr wunderbar vorkommen; bloß weil es neu und

feltsam

seltsam zu hören ift, daß Thiere, Bäume und andere leblose Dinge vernünftig geredet haben sollen. Die Fabeln von Göttern sind völlig von eben der Gattung. Es dúnfete den alten Heiden sehr wundersam zu seyn, wenn sie höreten, daß die größten himmlischen und irdischen Götter zwar sonst eben so, als wir Menschen, gleichwohl aber viel mächtiger, stårker, künstlicher, wißiger und weiser, ja gar unsterblich warm, wie Sefiodus und soinerus lie beschrieben. Dieses lekte nahm die damalige Einfalt wunder, da es doch vielmehr das erste båtte thun follen: und sie hatten einige Ursache dazu, weil die ersten Poeten sehr unrichtige Begriffe von der Gottheit gehabt, die der Vernunft nothwendig lau. ter Anstoß und Aegerniß geben mußten. Die menschlichen Fabeln, die in Heldengedichern, Schauspielen und Schäfer. gedichten Hauptsächlich herrschen, scheinen anfangs nicht viel Wunderbares in sich zu begreifen: weil lauter Personen darinn vorkommen, die gewöhnlicher Weise in der Welt zu reden und zu handeln pflegen. Allein die Verwirrungen dieser Fabeln, die mannigfaltigen unvermutheten Zufälle, die ihren Hauptpersonen begegnen, die großmüthigen oder verzagten Entschließungen, die sie dabey fassen, und andre solche Stücke mehr, machen eine sonst ganz wahrscheinliche Fabel oft so wunderbar, als ob Båume und Thiere mit einander geredet håtten; oder als ob ein halb Dubend Götter fichtbar erschienen wåren.

3.9. Wir können also, nach dieser Anleitung, das Wunderbare in dren Gattungen eintheilen: davon die erste, alles, was von Göttern und Geistern herrühret; die andre, alles, was von Glück und linglück, von Menschen und ihren Handlungen entsteht; die dritte, was von Thieren und andern leblosen Dingen kommt, in sich begreift. Alle drey Arten reken den Leser oder Zusdauer eines Gedichtes in Erstaunen, wenn sie nur wohl ersonnen, und glücklich angebracht wors den: alle dren müssen auch nach gewissen Regeln eingerichtet werden, wenn sie nicht findisch und lächerlich herauskommen sollen.

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4. S. Das erste Wunderbare, was die Götter verursachen, ist wohl zweifelsohne der Beystand, den sie dem Poeten selbst leisten sollen. Wir finden, daß die Alten, nicht nur die Musen, sondern auch wohl andre Gottheiten, als den Jue piter, Phdbus, Bacchus, Mars , imgleichen die Venus, Diana, Sonne zc. angerufen haben: doch haben die erstern allezeit den Vorzug behalten, daß man sie für die eigent, lichen Gehülfinnen der Dichter angenommen hat. Daher entstunden nun die Häufigen Anrufungen derselben, die wir in allen Arten der Gedichte antreffen. Die Poeten achteten fichs für eine Ehre, von den Musen getrieben und begeistert zu seyn, oder es wenigstens zu heißen: ja sie begaben fich fast alles Antheils, den sie an ihren Sachen hatten, urn nur für göttlich erleuchtete Månner gehalten zu werden; die gleich den Propheten, nicht von sich selbst, sondern aus höherer Eingebung geredet und geschrieben hätten. Bey der Einfalt der åltesten Völker, war dieses auch etwas leich tes. Die dummen Leute, die irgend eines mietelmäßigen Poeten Verse håreten, dachten so gleich: das gienge nicht natürlich zu, daß ein folcher Mensch, wie sie, dergleichen ungemeine Dinge aus seinem eigenen Kopfe vorbringen könnte. Der Schluß war also richtig: þaben sie es nicht von fich felbst; so bat es ihnen ein Göheres Wesen, eine Gottheit, oder eine Muse eingegeben. Wir finden selbst in der Ber: theidigungsrede des Sokrates beym Plato, daß Sokras tes von den Poeten sagt: sie pflegten viele herrliche und schöne Sprüche und Sachen zu sagen; doch wåren sie daher den Propheten gleich, die auch treffliche Dinge sagten, aber selbst dasjenige nicht verstunden, was sie redeten. Dergestalt fónnte wohl so gar dieser Weltweise die Poeten für begeisterte Leute gehalten Şaben. Und warum das nicht? Zum weniga sten hat es mit ihren göttlichen Trieben eben so viel Richtige feit gehabt, als mit seinem Geiste, der ihn allezeit gewarnet haben soll. Wenn nun die Poeten, diesem gemeinen Wahne zu folgen, fleißig die Musen anriefen: so klang es in den Dhren des Pobels so andachtig, als wenn heutiges Tages

Prediger

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