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und verständlich zu machen, denn trotz Boeckh's Bemühungen war die Rhythmik des Aristoxenus ein fast verschlossenes Buch geblieben. Dann handelte es sich darum, die Angaben der alten Techniker durch die antiken Dichterwerke und umgekehrt die Formen der Dichter durch die alten Techniker zur klaren Einsicht zu bringen, eine umfangreiche Aufgabe, die sich nicht in einem Male zum Abschlusse bringen liess, sondern immer neuen Anlauf erforderte. Die Metrik anderer Poesien, antiker wie moderner, durfte nicht zur Seite gelassen werden, die deutsche, die altindische und die des Avesta - die wichtige Parallele des russischen Volksliedes sollte mir erst hier zugänglich werden). Dann erst durfte ich daran denken, den Rhythmus der modernen Musik nach der auf die antike Praxis begründeten, immer msasgebend bleibenden und wunderbar klaren Doktrin der Alten zu prüfen. Einen ersten Versuch hierzu unternahm ich Ende der sechziger Jahre in den Elementen des musikalischen Rhythmus. Es ging nicht anders, als dass jenem Buche die Mängel ankleben mussten, welche sich beim ersten Betreten eines neuen Feldes nicht

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vermeiden liessen, unter andern auch der Mangel, dass ich erst am Ende der in dem Buche niedergelegten Studien die nähere Bekanntschaft desjenigen grossen Meisters machte, dessen Kunstsinn dem der Griechen am meisten kongenial ist und der auch in der Rhythmik das Alpha und Omega der musischen Kunst für alle nachfolgenden bleibt, des grossen Meisters J. S. Bach. Ihn kennen zu lernen war, seitdem ich 1873 Deutschland verlassen, mein unausgesetztes Streben. So hat denn das Geschick gewollt, dass was in dieser Arbeit für das Verständnis Bach's geschehen ist, fern von Deutschland in derselben Stadt geschah, welche so glücklich ist, unter ihren andern werthvollen Schätzen auch das wichtigste Aktenstück über Bach's Leben zu besitzen (im Hauptstaatsarchive zu Moskau, jüngst edirt von Philipp Spitta), ebenso wie in der andern russischen Metropole ein grosser Theil der Bach'schen Kompositionen der Unsterblichkeit, für die sie der Geist der Geschichte bestimmt hatte, gerettet wurde.

Die Jahre, die ich hier in Moskau an Ihrem Lyceum verlebt habe, gehören zu den schönsten und fruchtreichsten meines

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Lebens. Ich bedaure es tief, dass das harte Klima mir eine längere Fortsetzung meines Aufenthaltes in Moskau unmöglich macht. Durch Ihre gütige Erlaubnis, Ihren gefeierten Namen dieser Schrift voranzustellen, gewähren Sie mir die gewünschte Gelegenheit, die wahrlich aufrichtige Dankbarkeit öffentlich auszusprechen, von welcher mein Herz gegen Ew. Excellenz, gegen Moskau und gegen Russland, das mir nach mancherlei Trübsal noch so viel des Glückes gewährte, bis zum Lebensende erfüllt bleibt.

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VORWORT.

Von allen Studien, mögen sie eine Kunst oder eine Wissenschaft betreffen, ist das der Musik in demselben Grade das schwierigste, wie es das am wenigsten lohnende ist. Denn wenn der Musiker nicht, wie es glücklicherweise immer der Fall ist, den Lohn der Arbeit in der Musik selber findet, dann giebt es wenig Berufsarten, welche einen so unsicheren und so wenig verlockenden Erfolg versprechen. In der Regel wird ein äusserer Erfolg nur dem zu Theil, der sich in seinem musikalischen Studium zu einem Virtuosen herangebildet hat. Auch wenn man den Begriff des Virtuosen recht enge begrenzt, wird doch, um bis zu diesem Ziele zu gelangen, eine unsägliche Anstrengung erfordert, die mit dem idealen Ziele, welches der Begeisterung des Musik-Studirenden vorschwebt, wenig zu thun hat. Es handelt sich darum, auf irgend einem Instrumente dasjenige, was Prof. Ehrlich in richtiger Bezeichnung der Sache »die Mechanik des Spiels« nennt, zu erreichen, eine Arbeit, die an Anstrengung und Unerquicklichkeit die schwerste Handwerksarbeit hinter sich lässt. Es ist ein hartes, saures Stück Brod, welches der MusikStudirende zu erwerben trachtet. Auch das theoretische Studium, welches ihn gleichzeitig mit jenen handwerksmässigen Arbeiten in Anspruch nimmt, ist eine zwar weniger geistlose, immer aber sehr schwierige Arbeit; mit nicht grösserer Mühe würde er ein anderes Studium absolviren können, welches ihm einen sicherern Erfolg verspricht und ihn der furchtbaren Mühe überhebt, welche das geistlose Erlernen der Mechanik des Instrumentalspiels verlangt. In der That nur wenige würden sich einem so muhevollen und im Allgemeinen so wenig lohnenden Studium hin

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geben, wenn nicht die Musik in sich selber eine solche Gewalt besässe, dass sie immer von Neuem zu der grössten Opferwilligkeit bewegte.

Es liegt am Tage, dass der Musiker bei der ungemeinen Arbeit, welche sein schwieriges Fach unerlässlich macht, für dasjenige, was man allgemeine Bildung nennt, weniger Zeit und Gelegenheit als die meisten Andern hat. Insbesondere kann ihm für jene Bildung, welche auf das klassische Alterthum basirt, nur in Ausnahmefällen Gelegenheit werden. Meist steht sie nur denjenigen Musikern zu, welche eine Zeit lang einer Universitäts-Studium sich gewidmet haben. Gott sei Dank, dass die Zahl der Musiker dieses exceptionellen Bildungsganges nicht mit den Namen Robert Schumann und Richard Wagner abgeschlossen ist !

Für die bildenden Künste, wie Architektur und Plastik, treten die Jünger zum klassischen Alterthume wenigstens in so weit in enge Beziehung, als es sich um den dort für die betreffende Kunst gewonnenen Standpunkt handelt: beim Studium der Plastik ganz besonders werden sie fast von Anfang an auf die antiken Denkmäler als die unübertrefflichen Musterwerke ihrer Kunst hingewiesen; die Architektur-Schulen pflegen den Kunstjünger zuerst in die Architektur der Alten einzuführen, bevor sie ihn mit den Kunstwerken des Mittelalters und der Neuzeit bekannt machen.

Der Musiker steht nun zwar für sein specielles Fach zu dem klassischen Alterthum keineswegs in der engen Beziehung wie jene bildenden Künstler. Denn während diese ihre ewigen Vorund Musterbilder in der Plastik und Architektur der alten Griechen und Römer haben, ist von der Musik des klassischen Alterthums kaum mehr als die eine oder die andere Melodie erhalten, die, so interessant sie sein mag, immer mehr ein historisches als ein unmittelbares künstlerisches Interesse hat. Die Entwickelung unserer modernen Musik hat sich ganz unabhängig von der Musik des Alterthums auf eigener Grundlage auferbaut. Sie ist von unseren Künsten die einzige, die mit den antiken in durchaus keinem direkten Zusammenhange steht, - wir sagen die einzige, denn von den übrigen Künsten steht nicht bloss Plastik und Architektur in einem unmittelbaren Anschlusse, sondern auch die moderne Poesie hat, wenn auch erst in verhält

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