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vorbrachten. Die alten Poeten waren nåmlich die ersten Weltweisen, Gottesgelehrten, Staatsmänner: oder umgekehrt, die åltesten Weltweisen bedienten sich der Poesie, das rohe Volk dadurch zu zähmen. Horat. Dichtk. 0.567.

Das war vor grauer Zeit die Weisheit jener Ulten,
Zu zeigen, was für gut und strafenswerth zu halten,
Was recht und schåndlich war; der Unzucht feind zu seyn,
Den Berichlaf abzuthun, den Ehstand einzuweihn,
Die Städte zu erbaun, Geseke vorzu chreiben:

So mußte Ruhm und Preis den Didhtern eigen bleiben. Dergestalt wurden nun die åltesten Poeten für Gottesgelehrte, Staatskundige, Rechtsverständige, und Weltweise zugleich gehalten. Sie waren aud) in der That alles in allem, und wurden also für Lehrer des menschlichen Geschlechts, für außerordentliche, ja recht göttliche Männer angesehen; die noths wendig alles was fie sungen, aus einer höhern Eingebung, nåmlich von dem Beystande der Musen und des Apollo, herhaben mußten.

30.9. Alle diese Kunstgriffe hat somer in seinen beyden Heldengedichten, Jlias und Odyssee, auf eine geschichte Art zu verbinden gewußt. Er erzählt wahre Geschichte; er erdichtet Fabeln von Göttern und Helden; er erregt die Affecten; er schreibt edel und erhaben; er lehrt und belustiget endlich feine leser, auf eine so fünstliche Art und Weise, daß man sich lange vergebens bemühet hat, seine rechte Hauptabsicht zu errathen. Ohne Zweifel aber hat er mit Fleiß alle Schönheiten der Poesie in einem Meijerstücke verknüpfen, die gemeine Wohlfahrt seiner Griechen befördern, und sich selbst dadurch in besondre Hochachtung legen wollen. Er hat auch seinen Endzweck damit völlig erreichet; denn es ist bekannt, wie hoch derselbe zwei bis dren tausend Jahre her, von allen, die ihn verstanden, geschåket worden. Einige sind in dieser Hochachtung so weit gegangen, daß sie gar alle seine Fehler für fchon ausgegeben, und alle seine Schniker canonisiren wollen. Andre aber haben zwar die Mángel erkannt, aber sie, wie es billig war, mehr seinen Zeiten, als ihm selbst bey gelegt; und

ihm dessen ungeachtet , doch das Lob eines recht großen , lebhafa ten und glücklichen Geistes, nicht abgesprochen. Man sehe des Herrn Oe la Morte Discours, über den Homer, den er vor, feiner französischen Jlias drucfen lassen, und Popens Leben Somers, wie es meine Freundinn in der Sainmlung aus. erlesener Stůcke 1749. Deutsch herausgegeben hat. Mit dem Virgil hat es eben die Berandniß.

31. S. Die Tragödien und Komödien anlangend, so ist die Absicht ihrer Verfasser gewiß eben dieselbe gewesen. Man findet was wahres, aber auch was erdichtetes darinnen. Man sucher durd) Erempel der Tugenden und Laster, die Zuschauer zu unterrichten. Die Erregung der Affecten ist hier noch weit lebhafter, als in jenem, weil die sichtbare Vorstellung der Personen weit empfindlicher rühret, als die beste Beschreibung. Dadurch aber suchet man die Leidenschaften der Zuschauer zu reinigen. Die Schreibart ist, sonderlich im Trauerspiele so edel und erhaben,wie die Sachen selber sind: und an lehrreichen Sprůchen hat es eher einen Ueberflußals Mangel. Selbst die Komödie lebret und unterrichtet die Zuschauer, obwohl sie das Gelächter erweckt; und also haben freylich auch ein Sophos kles, Euripides, Menander und Terenz Ehre genug durch ihre Poesien erlanget, und ihren Zweck, nåmlich die Erbauung und Belustigung der Zuschauer, dergestalt vollfommen erhalten.

32. S. Was die kleinen Gattungen der Gedichte anlange, fo sind dieselben freylich so vollkommen nicht. Einige erzählen nur; andere find bloße Fabeln; noch andere klagen nur allein; und einige find bloß zum Zehren gemacht. In einigen will man nur loben, und in andern schlechterdings spotten. Viele sind auch nur zum Scherze und zur Belustigung ges macht: und also haben sich die Verfasserderselben gleichsam in die Vollkommenheiten der größern getheilet. Sie erhalten dergestalt auch nur ein geringes Lob, weil zu einer einzigen poetis schen Absicht, auch ein sehr feichter Geist und måßiger Wię schon zulänglich ist. Daher bringen auch solche poetische Kleinigkeiten einer Nation nicht viel Ehre. Es mußwas größers

feyn, womit man sich gegen andre Völker breit machen, und ihren Dichtern Trok biethen will. Indessen bleibt es doch in allen Gattungen der Gedichte ben sorazens Ausspruche:

Der wird vollkommen seyn, der theils ein lehrreich Besen,
Und theils was lieblidhes durch seinen Vers befingt;
Zugleich dem Leser núßt, zugleich Ergeßung bringt.
Ein solch Gedicht geht ab, wird weit und breit verführet,
Bis es dem Dichter gar Unsterblichkeit gebiehret. Dichtk. 0.495.

33. J. Bey, dem allen ist es nicht zu leugnen, daß nicht, nach dem Urtheile des großen Aristotels, das Hauptwerf der Poesie in der geschickten Nachahmung bestehe. Die Fabel felbst, die von andern für die Seele eines Gedichtes gehalten wird, ist nichts anders, als eine Nachahmung der Natur. Dieß wird sie nun durch die Aehnlichkeit mit derselben: und wenn fie diese hat, so heißt sie wahrscheinlich. Die Wahrscheinlich. Feit ist also die Haupteigenschaft aller Fabeln; und wenn eine Fabel nicht wahrscheinlich ist, so taugt sie nichts. Wie kann sie aber wahrscheinlich seyn, wenn sie nicht die Natur zum Vorbilde nimmt, und ihr Fuß vor Fuß nachgeht? Soraz schreibt:

Die Fabel laute so, daß sie der Wahrheit gleicht,
Und fodre nicht von uns, daß man ihr alles glåube:
Man reiße nicht das Kind den Heren aus den Leibe,
Wenn sie es idon verzehrt.

Dichtk. 0.489. 34. S. Diese Nachahmung der Poeten , geschieht entweder vermittelst einer sehr lebhaften Beschreibung, oder durch eine epische und dramatische Erzählung, oder gar durch lebendige Vorstellung desjenigen, was sie nachahmen. Und dadurch unterscheidet sich der Dichter von einem Maler, der nur mit Farben , und einem Bildhauer, der in Srein oder Holz seine Nachahmung verrichtet. Will man sagen, daß auch in uns gebundener Rede solche Nachahmungen zu geschehen pflegen, die wir der Poesie zueignen; als wann zum Erempel Plesopus prosaische Fabeln macht, oder Livius und andre Geschichts schreiber gerißen großen Männern folche Reden andichten, die sie zwar nicht von Wort zu Wort gehalten, aber doch wahrscheinlicher Weise hätten halten fónnen: so werde ich

antwor

antworten, daß sowohl Aesopus, als solche dichtende Ges schichtschreiber, in so weit sie dichten , unter die Poeten gehören: Die Verse machen das Wesen der Poesie nicht aus, vielme: niger die Reime. Können doch ganze Heldengedichte in ungebundener Rede geschrieben werden. Denn wer wollte es leugnen, daß nicht die prosaische Uebersegung, welche die Frau Dacier vom somer gemacht, noch ein Heldengedicht geblieben wåre; oder daß Fenelons Telemach fein poetisches Werf wåre? Kinder und Unwissende bleiben am äußerlichen fleben, und sehen auch eine scandirte und gereimte Profe für ein Gedicht, und jeglichen elenden Versmacher für einen Poeten an: Kenner aber halten es mit dem Soraz, der uns einen Poeten so beschreibt:

neque eniin concludere versum
Dixeris esse fatis; neque fi quis fcribat uti nos,
Sermoni propiora, putes hunc effe Poetam:
Ingeniuin cui fit, cui mens divinior, et os
Magna fonaturun, des nominis hujus honorem.

Lib. I. Sat. 4.

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Nun weis ich zwar, daß aus diesen Worten einige Neuere, ihre důstre åsthetische Schreibart, als das Wesentliche der Dichtkunst auf den Thron zu erheben gesucher. Allein ein anders ist der Mann, ein anders der Roc den er trågt. Man kann auch dogmatische und historische Sachen in einer fchwülstigen und finstern Urt des Ausdruckes, vortragen: wie Jakob Böhme, Pordetsib, Lrasmus Francisci, und andre Schwärmer mehr gethan Gaben. Allein solche wilde åsthetische Köpfe sind darum keine Somere und Maro nen. Die Nachahmung der Handlungen und Leidenschaften des Menschen, wird wohl allemal das Hauptwerk der Dichtkunst bleiben: weil Fabeln auch dann Gedichte sind, wenn sie nie die åsopischen, in der einfaltigsten und ungekünsteltsten Urt des Ausdruces erscheinen.

Das

Das II. Hauptstück.
Von dem Charactere eines

Poeten.

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1. S.

Bachdem wir den Ursprung und das allmählige Wachs

thum der Poesie fürzlich erwogen haben: so ist es nicht

undienlic), von einem wahren Poeten einen Abriß zu machen, und ihn nach allen seinen Eigenschaften zu beschreiben. Man ist mit diesem Namen zu 'allen Zeiten gav zu frengebig ges wesen; weii man nicht sattsam eingesehen, was für eine große Fähigkeit der Gemüthskräfte, wieviel Gelehrsamkeit, Erfahrung, Uebung und Fleiß zu einem rechtschaffenen Dichter ges hören. Und das ist kein Wunder gewesen. Gemeiniglich haben fidis diejenigen angemaßet, den Titel eines Poeten auszutheilen, die einen viel zu seichten Verstand, und eine viel zu blode Einsicht in das Wesen der wahren Dichtkunft gehabt. Der Pöbel hat sich allezeit ein Recht zueignen wollen, von poetischen Scribenten zu urtheilen: 'und dieses ist desto lächerlicher, da iyin die Beurtheilung prosaischer Schriften niemals zugestanden worden. Kann er nun hierinnen keinen gültigen Ausspruch thun, und die Verfasser derselben', weder für gute Historienschreiber , noch für Redner, Philosophen, Arzneyverståndige oder Rechtsgelehrte erklären: wie wird er vermogend Feyn, von Gedichten zu urtheilen, deren Einrichtung und Ausarbeitung desto schwerer zu prüfen ist; je mehr sie unter so vielen äußerlichen Schönheiten und Zierrathen, dadurch auch kritische Augen zuweilen verblendet werden, verhållet ist, ja tief verbors gen liegt. Plinius schreibt an einem Orte; von Künstlern fónne r:ur ein Künstler urtheilen. Man wird also mit der Poesie wohl nicht unbilliger umgehen wollen, als mit der Musik, Malerey, Baukunst und dem Bildschniken. Wer be

ruft

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