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Des II. Abschnitts VII. Hauptstück. Von politischen Fabeln, und an

dern dergleichen Erdichtungen.

1. S. er Schluß des vorigen Hauptstücfes giebt mir den

Anlaß, auch von dieser weit núblichern Art von dich

tenden Schriftstellern zu handeln. Es ist wahr, daß mancher sie kaum unter die Poeten wird rechnen wollen. Allein, nach der aristotelischen Erklärung der Dichtkunst, kann und muß ich sie mit eben dem Rechte hieber rechnen, womit Suetius die Romane zur Dichtkunst gezogen. Das Alterthum hat uns nur ein einziges Muster von dieser Art hinterlassen, und dieß ist Xenopbons Eyropådie. Dieser große Weltweise und Geschichtschreiber wollte der Welt einen guten Begriff, von der Auferziehung eines föniglichen Prinzen geben; der zu einem großen Monarchen vorbereitet wer: den sollte. Um seine Zeit hatte man feinen größern Helden in den Geschichten, als den Stifter der perfischen Monarchie Cyrus. Von dessen ersten Jugendjahren hatte man in Griechenland, wenig oder keine Nachrichten. Xenopbon bemächtigt sich also dieses Helden, und macht eine Erdichtung, von seiner vermuthlichen Auferziehung; die er aber der Wahrscheinlichkeit nach, fo umständlich erzählet, als ob sie wirklich geschehen wäre. Dieß ist nun ein politisches Ger dicht, weil es in die Staatskunst einschlågt, und jungen Prinzen die vortrefflichften Regeln geben kann. Es läßt sich aber , wie ein jeder sieht, in die engen Regeln eines HelDengedichts nicht einschränken: sondern erstrecket sich auf viele Jahre. Kein anderer von den Alten hat diesen Weg, fo viel mir wissend ist, betreten.

2.9. Von den Neuern hingegen haben wir fast unzäşlige folche Werke. Der erste, der in politischen Absichten der. gleichen unternommen hat, ijt Thomas Morus gewesen. Sein Gedicht heißt llropia; und enthält eine Beschreibung eines unbekannten (andes, darinn die bürgerlichen Verfaffungen der Städte und des Sandvolkes, mit besonderer Ge. schicklichkeit beschrieben werden. Nådyst ihm kann Thomas Campanella, der unter dem Titel Civitas Solis poetica, einen Begriff von einer philosophischen Republik gab. Es ist sehr sinnreich geschrieben, und verdient allerdings gelesen zu werden. Jým folgte Franz Baco, Baron von Pes", rulam, mit seiner neuen Atlantis. Auch diese zeiget die Gedanken eines großen Mannes, der überall viele Einsicht in Staatssachen verråth, und allerdings viel Aufmerksamkeit verdienet.' Auf eben dieser Spur folgte ein Deutscher, der sich aber unter dem Namen Mercurii Britannici versteckete; und sein Buch Mundus alter & idem nennete, darinn ein unbekanntes Südland beschrieben wird, unter dessen Bilde er bloß unsere Welt satirisch abschildert. Ich babe in dem Biedermann vor mehr als zwanzig Jahren einen Auszug daraus gegeben. Ich weis nicht, ob ich noch Melchior Inchofers, eines gewesenen Jesuiten Monarchiam Solipsoruin hieħer rechnen foll; die gleichfalls das Regiment des Jesuiterordens auf eine satirische Art beschreibt. Man hat dieß Werk auch französisch unter dem Titel La Monarchie des Solipses, in groß 12. gedruckt; und es ist allerdings werth, daß man es lieft. Den Barclajus muß ich endlich nicht vergessen, der uns in seiner Argenis einen wirklich politischen Roman beschrieben hat, dazu ben einigen Aus. gaben auch der Schlüssel zu finden ist.

3.9. Ehe ich auf die deutschen Werke dieser Art komme, muß ich einiger französischen erwähnen. Das erste, so mir bekannt ist, heißt Sechos, und enthält eine ägyptische Ges schichte eines alten Königes, oder Prinzen, der von seiner Stiefmutter verfolget, und in einer Schlacht gefangen und weggeführet wird; hernach einen Zug zur See um gang Tric. Dichik.

DOO

Africa

Africa thut, verschiedener wilden Völker Gefeßgeber, ein Erretter der farthaginensischen Fürften wird; endlid, nach Hegypten kommt, seinen Vater gegen den Aufstand gewisser Rebellen schüßet, endlich erfannt wird, seinen Brüdern aber Braut und Reich abtritt, und sich, als ein Eingeweiheter, ju den Priestern begiebt. Dieß ist eine treffliche Fabel, voll edler Bilder der Tugend, und Großmutly; die ungemein viel politische Wahrheiten enthält. Der Abt Plůche, roll der Verfasser davon senn. Die zweyte ist Ramseys Reise des Cyrus. Ist gleich derselbe ein Engländer, so hat er doch französisch geschrieben, ob er sie gleich hernach auch englisch herausgegeben. Er dichtet auf eine andere Art, wie Cyrus seine Jugend angewandt, daß er ein fo großer Held geworden; und läßt ihn alle berühmte Männer seiner Zeiten, in Afien, Hegypten und Griechenland sprechen. Auch dieses ist ein treffliches Buch, das wir auch im Deutschen lesen fónnen. Das dritte ist die Ruhe des Cyrus, eines Ungenannten: der noch eine dritte Art ersonnen hat, wie Cyrus håtte erzogen werden können, um ein großer Mann zu werden. Und ob es gleich sehr wohl geschrieben ist: so ist es doch den obigen beyden nicht gleich zu schågen. Sjerr Prof. Bårmann in Wittenberg hat es sehr schön ins Deutsche ůberseget. Id würde noch den Neoprolemus und mem. non zieher zählen, wenn sie nicht Heldengedichten weit åhnlicher waren, und also besser zum Telemach geģöreten: der aber auch reich an politischen Materien und Lehren ist. Den ersten hat Herr M. Pantke regr fchon in deutsche Verse ges kleider. Die Geschichte der Severamben aber, die Reisen des Masse, und den englischen Philofoph, Cleveland fann man mit besserm Rechte hieher rechnen.

4. S. Håtte ich nicht oben schon Reineken den Fuchs billig unter die scherzhaften Heldengedichte zählen müssen: fo würde er diesen Namen einer politischen Fabel vollkoinmen verdienen. Eben das könnte gewisser maßen vom frofit, máuseler gelten. Allein es fehlt uns an andern solchen Büchern nicht. Im 1585sten Jahre kam zu Dresden ein

solches

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folches Stüc Heraus, von ten losen Füchsen dieser Welt in 4. Bald darauf, nåmlich 1592. kam heraus Reichstag, oder Versammlung der Bauren, gehalten zu Friedberg im Rychthal, darinnen die gemeine Klage ißiger Welt gehöret wird nc. in 8. der Verfasser davon wird Vs Liftein ge. nannt, und hatte 65 Jahre früher gelebet. In ungebundener Rede haben wir vom 1625sten Jahre den Efelfonig, eine wunderseltzame Erzehlung, wie nemlich die Monarchei vnnd Gubernement vber die vierfüßige Thier,: geåndert, das Königreich vmbgefallen, vnd die Krone auff einen Esel gee rathen; welchergestalt derselbe regieret, und wunderbarer wense, mit gefahr leibs und lebens bald wider vmb das Ko. nigreich kommen ac. durch Adolph Rosen von Ereußheim, in 4. Auf eben die Art kam 1638. heraus Legation, ober Abschickung der Esel in Parnassum, durch Randolphum von Dießburg. Unter den Eseln werden hier die Unterthanen, sonderlich die Sandleute verstanden, die sich über die Hårtig. Feit der Fürsten beklagen. Dahin gehöret auch Relation von den Liebesneigungen der allerschönsten Princessin Eus ropa; sodann von den wunderbaren Begegnissen Ihrer mit weyland Keyser Carl dem Großen erzeugten fürstl. jungen Herrn zc. abgelegt in dem Parnasso von Mercurio Platonifsante, in 12. Endlich würde auch der politische Lauf der Welt und Spiel des Glücks, zum Spiegel menschliches Lebens, in der wunderwürdigen Lebensbeschreibung Tychanders hieher gehören, der von Hieron. Dürern 1685. ans Licht gestellet worden.

5.9. Von neuern noch eins und das andere zu erwähnen: so muß ich zuförderst Swifts Reise nach Caflogallinien, sowohl als Gullivers Reisen, nach Liliput und Brobdingnac, hieber rechnen: Erdichtungen, die gewiß voll politischer Gea banken und Anmerkungen sind. Hernach hat ber uns Amas dåus von Creugberg das {and der Zufriedenheit , oder die Insel der Glückseligkeit beschrieben; und darinn feinen Bes griff von einer platonischen Republik gegeben. In Dånnes mark hat Herr von Solberg seines Klimms unterirdische Doda

Reisen

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Reifen auf diese Art beschrieben, daß er viel politische Bes trachtungen åber die Fehler der Staaten, unter verdeckten Bildern zu verstehen gegeben. Und wo bleibt Menoza, der asiatische Pring, der auf seinen Reisen durch ganz Europa gute Christen sucher; aber überall die Gebrechen und guten Eigenschaften der Regierungen anmerket. Der Vers fasser dieses überaus nůßlichen Buches soll der fel. Rath Gramm, gewesen seyn: welches auch seinem vernúnftigen Inhalte nach), gar wohl möglich ist. Noch ein französisches Gedicht von dieser Art fällt mir ein, welches der große Leibs nig gemacht Gat. Es steht in Herrn Kortholts kleiner Sammlung französischer Briefe dieses Sterns erster Größe: und handelt von einer politischen Wahrheit, die man vor dem Successionsfriege, im Anfange dieses Jahrhunderts den Holländern begreiflich machen wollen: indem man ihnen die vormalige schädliche Sicherheit, der in dem Harlemersee überschwemmten Städte und Dörfer poetisdy abgeschildert.

6.ß. Wer auch nur etliche von allen diesen Fabeln gelesen hat, der wird wohl sehen, daß sie gar nicht nad) einerley Regeln gemachet worden. Die Dichtungskraft ihrer Urheber hat sich alle mögliche Frenheiten genominen, bald so, bald anders zu wirken. Bald hat sie sich an die glaublichen Fabela gehalten, und lauter menschliche Personen gebraucht: bald hat sie sich in das åsopisdie Feld gewaget, und allerley Thiere aufgeführet; bald gar neue Geschöpfe hervorgebracht, wie Rlimm und Gulliver. Die Wichtigkeit der Absichten ist auch nicht allemal gleich; weil sie bisweilen auf ganze Reiche und Lånder, bisweilen auf kleinere Provinzen und Städte, bisweilen auch nur auf besondere Gesellschaften der Menschen abzielen. Von diesen lekten fallen mir noch ein Paar ein, die bende von spanischem Ursprunge find. Jenes ist des Gracians Criticon; dieses aber des Saavedra Republik der Gelehrten, die uns neulich ein hiesiger berühmter Ges lehrter deutsch ans Licht gestellet. Wie das erste etwas allgemeiner ist, und sehr viele Stånde des Lebens betrifft: also geht dieses lektere nur die einzigen Gelehrten

an;

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