Page images
PDF
EPUB

3

rische Tånze die Zeit verkürzen, und zugleich die Liebe zur Tue gend beybringen sollte: und dieses ist mit so gutem Erfolge geschehen, daß sie nicht eher verführet werden können, als bis Aegysthus diesen Meister ermordet hatte. Die Alten spielten auch im Tanzen den Ball: und daher kommt das heutige Wort Ball, Ballet, womit man die Tånze benennet, δοη βαλλειν perfen: σφαιρα βαλλομενη, είne Rugel jum werfen, wie Suidas den Ball erklärt. Darauf haben sich allerley Meister der Ballete gefunden: Barhyllus von Alerans drien hat lustige, Pylades aber ernsthafte und pathetische Tånge zu den Schauspielen erfunden. Solche Tänze nun waren geschickt, die Bewegungen des Leibes zu bessern, so wie die Tragödie die Regungen des Gemüths in Ordnung zu bringen dienen sollte. Uber überhaupt geben die Alten, die davon geschrieben haben, diese Erklärung eines solchen Tanja fpiels: Es sey eine Nachahmung derjenigen Sachen, die man saget und singt, durch abgemessene Gebärden und Beweguna gen des Leibes. Und Aristoteles sagt gar, daß man die Sitten und Gemůchsbewegungen, durch die harmonischen tactmäßigen Stellungen und Tritte ausdrücken müsse.

26.9. Es ist also mit den Balletten oder Tanzspielen nidyt anders bewandt, als mit den übrigen Künsten: sie sind alle Nachahmungen, nur mit dem Unterschiede, daß, da die Maleren 3. E. nur die Figur, die Farben und die Ordnung der Dinge vorftellen kann; diese Tanzkunst auch die Bewegungen ausdrůdet, und sogar die Natur vieler Dinge und die verborgene Beschaffenheit des Hemůthes abschildern kann. Diese Nach. ahmung nun geschieht durch die Bewegungen des Leibes, und zwar nach der Harmonie der Musik, welche gleichfalls die Gemüthsbewegungen ausdrůcket. Es ist bekannt, wie vieles man mit Geberden und Bewegungen der Gliedmaßen des leis bes zu verstehen geben kann; und die Alten haben ihre Par. tomimen gehabt, die sich alles, ohne ein Wort zu sprechen, auszudrücken getrauet. Man weis auch, daß jede Gemüthsbewegung ihre eigene Stellungen und Bewegungen hat, da. durch sie sich an den Tag legt. Solche Dinge nun müssen Crit. Dichek.

Ecc

in

in den Tanzspielen vorgestellet werden. Wir haben an der Folie d'Espagne, und vieleicht auch an dem so genannten Aimable Vainqueur, wenn dieser von zwenen getanzt wird; ein Paar Tänze, die solche Gemüthsbewegungen ausdrücken. Denn jener soll den spanischen Eigensinn, dieser aber die Ge: můthsart zweyer Verliebten vorstellen; die bald sehr freund. lich mit einander thun, bald kaltsinnig werden , bald sich erzúr. nen, sich aber dennoch wieder vertragen: und es fehlt nur ein Tert dazu, der sich zu allen diesen Gebården schidei, und sie zu erklären geschicht ist; so wird es ein jeder bemerken. Auch die englischen Tånze sind insgemein so allegorisch, wie z. E. der Jalousie - Tanz genugsam zeigen fann; der alten deutschen Schäfertånge zu geschweigen.

27. S. Doch ich vertiefe mich zu weit. Nun sollte ich weitläuftig lehren, wie ein Erfinder solcher Tanzspiele sich eine alte Geschicht, oder Fabel erwählen; oder auch eine neue ersinnen könne, die er in einem theatralischen Tange vorstel. len will. Ich sollte zeigen, wie diese Erfindung im Tanzen, gleichfalls eine Einheit in der Handlung, oder Absicht haben muß, darauf alle ihre Theile abzielen. Ich sollte auch an die Hand geben, was für Mittel man habe, die Personen, die man tanzend aufführt, zu characterisiren. Ich sollte endlich zeigen, was man bey dem allen für Fehler begehen könne, und dieses mit Erempeln alter und neuer, guter und schlechter Bals lete erläutern. Allein theils ist dieses schon in den vorigen Hauptstücken von Schauspielen geschehen; theils muß es ein Erfinder dieser Spiele aus dem Alterthume und der Mythologie wissen; theils ist es mir gier zu weitläuftig ins Werf zu riditen. Uebrigens gehören aber auch geschickte Musikmeia ster und Tanzmeister dazu, die das, was der Poet erfunden, geschicklich auszuführen wissen. Daß ein vermogender großer Herr dazu gehöre, der zu dergleichen Spielen die Kosten her: geben kann, das versteht sich von sich selbst. Es wäre denn, daß in einer großen Residenz, z. E. wie Wien ist, die Menge der Zuschauer so viel eintrüge. Denn hier habe ich 1749. auf der deutschen Schaubühne am Kärnther-Thore die artigsten

pantos

[ocr errors]

pantomimischen Ballette vorstellen gesehen, die alle sehr redeno waren, ungeachtet fein Wort daben gesprodien wurde. Aber hier sah man auch eine prächtige Sd;aubühne, mit vielen Verzierungen, ja auch fast ben jedem neuen Ballette, neue Maschinen, Kleidungen und Zierrathe in großer Mena ge. Was kostet nicht die große Anzahl Tånzer zu unterhalfen, die sich oft bis auf 36 und mehr Personen und drůber erstrecken können?

28. S. Ich habe es noch vergessen zu erwåhnen, daß aller Schönheit der Vorstellungen ungeachtet, dennoch oftmals diese allegorischen Tånze dem meisten Theile der Zuschauer wahrhafte hieroglyphische Figuren seyn würden, davon fie nichts verstånden; wenn nicht der Poet zuweilen den vor. neþmsten Personen solcher Tanzspiele aud, gewisse Worte zu reden und zu singen in den Mund legte. Diese werden nun in lauter Versen, doch kurz und gut gemacht: weil die Abs, ficht nicht ist, durch Worte, sondern durch Bewegungen des Leibes etwas anzuzeigen. Doch wer davon mehrere Anleitung verlanget, der muß den oben gerühmten tjenestrier nach. lesen, wo er zugleich einen großen Vorrath von Erfindungen zu Balletten antreffen wird. Man kann auch die ges! lehrten Abhandlungen nachlesen, die in den Meinoires de l'Academie des belles Lettres & des Inscriptions, in vero sdiedenen Bånden dieses Buches vorkommen. Endlich lese man auch das oberwåhnte Buch The Taste of the Town, wo gleichfalls in der III. Abtheilung von den Långern, und in der IV. von Chören gehandelt wird, die bende zu dieser Absicht gehören. Vieleicht kommen einmal in Deutschland die Zeiten, da man durch dergleichen sinnreiche Erfindungen, die das vorige Jahrhundert schon gekannt, und geliebet, die Schaubühne wieder emporheben, und den bisherigen Wuft der unnatürlichen Opern, in solche allegorische Tanzspiele; die abgeschmackten Haupt- und Staatsactionen, in herge! rührende Trauerspiele; und die närrischen Burlesken der italienischen und anderer gemeinen Komödianten, in lehre reiche und scherzhafte Lustspiele verwandelt seben wird. CCC 2

Des

[ocr errors]

ఆరంభicticide

Bootoofacionadodododendoi Des II. Abschnitts VI. Hauptstück. Von Schäferspielen, Vorspielen

und Nachspielen.

1. S. ch habe zwar oben im ersten Abschnitte von Joyllen,

oder Schäfergedichten gehandelt; auch benläufig er.

innert, daß dieselben zum Theil auch dramatisch, das ist gesprächsweise, eingerichtet würden. Und so viel lehrten mich die Erempel und Meisterstücke der Alten. Allein von ganzen theatralischen Schäferstücken weis das ganze Alterchum nichts: ungeachtet nichts natürlicher gewesen wäre, als darauf zu gerathen. Denn ahmet das Trauerspiel die vornehmste Classe der Menschen, ich meyne das Leben der Könige und Fürsten nach; lo schildert das {uftspiel den Mittelstand der Welt, an Adel und Bürgern ab. Nun ist noch die dritte Lebensart, nåmlid, der landleute übrig: da. von wir ben den alten dramatischen Dichtern keine Nach. ahmungen finden. Dieses ist nun destomeôr zu bewundern, da die ganze theatralische Dichtkunst auf den Dörfern und Flecken zuerst entstanden. Soll ich meine Gedanken von der Ursache entdecken, so werden es diese seyn: {andleure, welche die Beschwerlichkeiten ihrer Lebensart zur Gnuge kannten, konnten unmöglich begierig seyn, den Abriß derselben auf der Bühne zu sehen. Hergegen konnten sie, nach der nas türlichen Neubegierde der Einfältigen, gar wohl begierig seyn, das Leben der Könige und Fürsten, kennen zu lernen; oder auch das Stadtleben des Bürgerstandes vorgestellet zu seheri. Nad bendem konnte das unwissende Sandvoll lústern fenn: so wie wir iin Gegentheile finden, daß die Großen dieser Welt sich gern an den Thorheiten des Mittel: fiandes, und wohl gar an den Bauerpolien eines Hanswursts, oder andern groben Lümmels, er fey nun walsch oder deutsch,

be.

[ocr errors]

belustigen; ernsthafte Trauerspiele aber, von Königen und Fürsten gar nicht sehen mögen; es wåre denn, daß sie nach Art der Opern ganz ins verliebte Fach gehöreten, und durch Musik und Lånze in Stücke aus Schlaraffenland verwan delt worden.

2. . Ich weis wohl, was die Bewunderer des Altera thums hier sagen werden. Um zu behaupten, daß es ihm auch an Schģferstücken nicht gefehlet habe, werden sie sich auf die satirischen Schauspiele der Griechen berufen; davon Casaubonus ein ganzes Buch geschrieben. Ich kenne es, und habe es mit Bedacht gelesen, wie es 1605. unter dem Titel Ilaaci Casauboni de Satirica Græcorum Poesi, & Ro. manorum Satira, zu Paris in 8. Herausgekommen. Hier darf zuförderst niemand denken, daß die griechische Satire von eben der Art gewesen, wie die lateinische, eines Lucils, Soraz, oder Juvenals, nachmals gewesen. Nein, sie war kein Gedicht zum Lesen, wie etwa Somers Margites; sondern ein dramatisches Stück, welches man auf einer Bühne mit lebendigen Personen vorstellete. Sie hatte den Namen von des Bacchus Gefährten, den Silenen und Sa. tiren; weil nåmlich diese dem Bacchus zu Ehren , an feinen Festtagen, von dem betrunkenen Sandvolfe vorgestellet wurden. Boraz beschreibt uns diesen Zustand, in dem Schreba ben an den Kaiser Auguft:

Agricolæ prisci, fortes, parvoque beati,
Condita post frumenta, levantes tempore festo
Corpus, & ipsum animum, fpe finis, dura ferentem,
Cum sociis operum & pueris & conjuge fida,
Tellurem porco, Silvanum lacte piabant;
Floribus & vino, Genium, memorem brevis ævi.
Fescennina per hunc inventa licentia'ınorem,

Verlibus alternis opprobria rustica fudit.
Von diesem Ursprunge nun, will Casaubonus die satirische
Poesie der Griechen herleiten: und-ich bin ipm in soweit
nicht zurpider, als die ganze theatralische Dichtkunst ihren

Ursprung

[ocr errors]
[ocr errors]
« PreviousContinue »