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'worden. Denn er meldet mit feinem Worte, daß er zuerst auf diese Erfindung gekommen sey; welches er wohl ges than haben würde, wenn er der erste Erfinder gedesen wåre. Allein gesetzt, er wäre es gewesen; so kann er me. nigstens die Kunst von den Wälschen nicht gelernet haben: da das obige erste målsche Singspiel erst 1597. gea machet worden. Deutschland hat also die Ehre, daß in Nürnberg zuerst die Kunst erfunden und ausgeübec wors den, ganze musikalische Vorstellungen auf der Bühne zu sehen. Und ob sie gleich durchgegends nach einer Melodie gesungen worden, wie andere lieder : ro thut dieß nichts zur Sache. Denn wer weis, wie die erste walsche Oper ausgesehen hat? Alle Dinge sind im Anfange schlecht, und einfach : allmählich geht man weiter. So ist z. E. des Harlekins singender Hochzeitschmaus, den wir einzeln viel. mal gedrucket haben, und den ich noch selbst habe singend aufführen gesehen, schon etwas fünstlicher, weil er aus zweyerlen Strophen besteht, und nach zweyerley Melodien gesungen wird. Endlich hat man nach dem Muster der Wålschen, auch durchgehends neue Noten zu den Versen ges seket: und das ist, soviel mir bekannt, um Opigens Zeit, bey seiner Daphne zuerst geschehen, welche Sseinr. Schüge bey einem fürstlichen Beylager 1627. musikalisch auf den Schauplak gebracht. Er gesteht es in der Vorrede selbst, daß er dieses Drama mehrentheils aus dem Jtalienischen genom. inen. Nächst diesem weis ich keine ältere gedruckte Oper, als David Schirmers triumphirenden Ainor, in einem Sin. gespiel zu Dresden vorgestellet 1652; den ich im II. Buche seiner Rautengepůsche finde. Nächst diesem habe ich Amelinde oder dy triumphirende Seele, wy ly nad vielerley Anfect, tungen überwinder rc. dem Herz. August zu Braun. schweig an seinem 79sten Geburtstage 1657. zu Wulfens Bürtel vorgestellet.

7. S. Ich würde ein großes Register machen müssen, wenn ich alle nachfolgende Operndichter in Deutschland ers zählen wollte. In der ofterwähnten Geschichte der theatra.

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lischen Dichtkunst, wird dieses ausführlich vorkommen. Hier will ich nur anmerken, daß Dedekind um die Jahre 60 und 70 des vorigen Jahrhunderts, viel geistliche, Postel, aber feind, Sunold, (sonst Menantes) und König viel weltliche Singspiele gemachet: unzählicher andern unbekannten Opernmacher zu geschweigen, die sich entweder gar nicht genennet, oder doch nicht so berühmt geworden. beck find, seit dem Anfange dieses Jahrhunderts, jährlich geistliche Singspiele in der Hauptkirche abgefungen, aber nicht dramatisch vorgestellet worden, die ich fast alle befize; und darunter verschiedene von den neuern, von sehr guten Federn sind: 3. E. von Herrn M. Langen, dein gelehrten Conrector des dasizen Gymnasii. Sonderlich find an dem Hofe des Magdeb. Postul. Administratoris Herz. Xugusts zu Halle, imgleichen dem braunschweigischen, dresdnischen, weißenfelsischen, barcuthischen und andern kleinen Höfen im Reiche eine Menge folder Opern, mit entseßlichen Kosten aufgeführet worden. In Wien hat man unter Leopolden, Jofephen, und Karl dem VI. jährlid) eine sogenannte fais serliche Oper mit erstaunlichem Aufwande gespielet: zu ges fchweigen, was in Leipzig auf den drey Mellen, und in Hamburg für eine unglaublide Menge derselben vorgestellet worden: so lange die Bezauberung gewähret, in welche diese Neuigkeit die Gemüther geseket hatte. Ich besiße von allen diesen gedruckten Stücken fast vollkommene Sammlungen, und konnte viel ungereimte Dinge daraus anführen, wenn es Zeit und Raum erlaubete. In Frankreid) hat man im vorigen Jahrhunderte aus des Quinaurs Opern sehr viel gemachet, doch haben auch la Morte und foncenelle viel folche Stücke geliefert. Die Walschen haben unter den Neuern niemanden zu nennen, der es dem Abte Metastasio, kaiserl. Hofpoeten zuvorthåte: zumal derselbe die alten Unordnungen seiner Vorgånger, fo viel möglich, abzustellen suchet.

8. S. Die Verfe der Opern werden nach Art der Canta. ten gemacht, und bestehen also aus Recitativen und Arien. Crit. Dichik.

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Der Tonkünstler seget dieselben nach seiner Phantasie; die Sånger lernen Tert und Musik auswendig; die Schaus bühne wird prachtig ausgezieret; und die ganze Vorstellung mit vielen Veränderungen und Maschinen abgewechselt. Der Vorhang öffnet sich mit einem Concerte der allerschónften Instrumenten, die von den größten Meiftern gespielet werden; und das ganze Singspiel wird mit einer beståndigen Begleitung einiger schwächern Instrumenten erfület. Diese Kunst ist indessen in Frankreich noch unvollkommen ges wesen, bis der berühmte Lulli die Musik auf einen ganz an. dern Fuß geseket hat. Dieser bemächtigte sich ifrer Opern. bühne ganz und gar, und richtete alles nach seinem Kopfe ein. Die Poeten mußten' nach seiner Pfeife tanzen, und folche Stücke ersinnen, darinnen fein viel buntes und selesames ausgeführet werden konnte.

Die Schaubühne mußte sich zum wenigsten in jeder Handlung åndern, bald einen güldenen Pallast, bald eine wilde See, bald Felsen und wüste Klippen, bald einen Garten, bald sonst eine bezauberte Gegend vorstellen. Es mußten viel Gotter in aller, hand Maschinen erscheinen: und fonderlich mußten die Arien dem Musikmeister viel Gelegenheit geben, feine Künste an: zubringen. Dabey hub man fati alle Reeln der guten Trauer - und Lustspiele gånzlich auf. Es wurde nicht mehr auf die Erregung des Schreckens und Mitleidens, auch nicht auf die Verlachung menschlicher Therheiten gesehen: sondern die phantastische Komanliebe behielt fast allein Plaç. Die Einigkeit der Zeit und des Ortes wurde aus den Augen geseget; die Schreibart wurde hochtrabend und aus: schweifend; die Charactere waren theils übel formiret, theils immer einerlen, nåmlich lauter untreue Seelen, seufzende Buhler, unerbittliche Schönen, verzweifelnde Liebhaber u. d. gl. Mit einem Worte, die Opera wurde ein ganz nas gelneues Stück in der Poesie, davon sich bey den Alten wohl niemand håtte tråumen lassen.

9. §. Ich habe bisher nur eine kurze Erzählung von der Dper gemachet; und meine Gedanken davon noch nicht ges

sagt. faget. Allein aus dem obigen wird man leicht schließen fón: nen, was ich davon halte. Wenn nicht die Regeln der ganzen Poesie übern Haufen fallen sollen, so inuß ich mit dem Sr. Lvreniond sagen: Die Oper fer das unges reimreste Werk, das der menschliche Verstand jemals erfunden har. Ein jeder kann aus der Beschreibung eines Gedichtes überhaupt den Beweis machen. Ein Gea dich, oder eine Fabel muß eine Nachahmung einer menschlichen Handlung seyn, dadurch eine gewisse moralische Lehre befiåriget wird. Eine Nachahmung aber, die der Natur nicht ähnlich ist, tauget nichts : denn ihr ganzer Werth ent- : steht von der Leinlichkeit. Uus dieser aber find alle die Res. geln geflossen, die wir oben von der Schaubühne, sowohl für die Tragödie, als Komödie, gegeben haben. Diese Regeln sind aus der Natur selbst genommen, durch den Beyfall der größten Meister und Kenner von Schauspielen bestårket, und ben den gescheidesten Völkern gut geheißen worden. Was also davon abweicht, das ist unmöglich recht, und wohl nachgeahmet. Wer sieht aber nicht, daß die Oper alle Fehler der oben besc riebenen Schauspiele zu ihren größe ten Schönyeiten angenommen hat; und daß fie ganz und gar wegfallen, oder doch ihre vornehmste Anmuth verlieren würde, wenn man sie davon befreuen wollte ?

10. S. Einmal ist es gewiß, daß die Handlungen und dazu gehörigen Fabeln, mit den alten Ritterbüchern uno schlechten Romanen mehr Uehnlichkeit haben; als mit der Natur, so, wie wir sie vor Augen haben. Wenn wir eine Oper in ihrem Zusammenhange ansehen, so müssen wir uns einbilden, wir wåren in einer andern Welt: so gar unnatürlid, ist alles. Die Leute denken, reden und handeln ganz anders, als man im gemeinen Leben thut: und man würde für nårrisch angesehen werden, wenn man im geringsten Stücke so tebete, als es uns die Opern vorstellen. Sie res hen daher einer Zauberey viel åhnlicher, als der Wahrheit; welche Ordnung und einen zulänglichen Grund in allen Stů: den erfodert. Wo sieht man im gemeinen Leben leute, die

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einander als Gótter anbethen; Liebhaber, die auf den Knieen vor ihren Gebietherinnen liegen, und sich das Leben nehmen wollen; Prinzen, die in Gestalt der Sklaven in weitentlegene Länder ziehen, weil sie sich in den bloßen Ruf von einer Schönheit verliebet haben; Könige, die ihre Kronen, um eines schönen Weibes halber, verlassen, und was dergleichen Phantasien mehr sind? Wo höret man die gewöhnliche Opersprache, von Sternen und Sonnen, don Felsenbrüsten und åtnagleichen Herzen, von verfluchten Geburtsstunden, um eines scheelen Blickes wegen, und von grausamen Donnerkeilen des unerbittlichen Verhàngnisses, welches eine verliebte Seele nur zu lauter Marter erkohren hat? Alle diese Dinge sind uns so fremde, daß wir sie in feiner Reisebesthreibung von Liliput für erträglich halten wür: den: und gleichwohl sollen sie in der Oper schon sein. Ich schweige noch der seltsamen Vereinbarung der Musik, mit allen Worten der Redenden. Sie sprechen nicht mehr, wie es die Natur ihrer Kehle, die Gewohnheit des Landes, die Art der Geinůthsbewegungen und der Sachen, davon geħandelt wird, erfordert: sondern sie dehnen, erheben, und vertiefen ihre Töne nach den Phantasien eines andern. Sie lachen und weinen, husten und schnupfen nach Noten. Sie schelten und klagen nach dem Tacte; und wenn sie sich aus Verzweifelung das Leben nehmen, fo verschieben sie ihre heldenmäßige That fo lange, bis sie ilgre Triller ausgeschlagen haben. Wo ist doch das Vorbild dieser Nachahmungen? Wo ist doch die Natur, mit der diese Fabeln eine Aehnlichkeit haben?

11. S. Ich weis es wohl, daß es hier und da große Lieb. Haber und Bewunderer der Opern giebt, die sie für das Meisterstück der menschlichen Erfindungskraft; für einen Zusammenfluß aller poetischen und musikalischen Schönheiten; für einen Sammelplaß aller ersinnlichen Ergeßlichkeiten ansehen. Allein ich weis auch, daß alle diese Leute, die im übrigen gar vernünftige und rechtschaffene Männer seyn kön

nen,

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