Page images
PDF
EPUB
[ocr errors]
[ocr errors]
[ocr errors]

Des II. Abschnitts IV. Hauptstück.
Von Opern oder Singspielen,
Operetten und Zwischenspielen.

1. S.
Ich håtte mit dem vorigen Hauptstücke die singende Dicht-

kunst beschließen können; wenn nicht die neuern Zeiten

eine besondere Art der Schauspiele erdacht hätten, die man eine Opera nennet. Ihr erster Erfinder, soll, nach einiger Meynung, ein italiänischer Musikus, Tefti, am savonschen Hofe gewesen seyn; der des Guarini treuen Schåfer in die Musik gesegt, und wo nicht ganz, doch zum we= nigsten größtentheils fingend aufgeführet

. Allein ich habe ben weiterer Untersuchung dieser Sache befunden, daß diese Erfindung noch etwas älter seyn muß. Dryden, ein englis fcher Poet, der selbst etliche Opern gemacht hat, hålt dafür, die Italiener mußten den ersten Anlaß zur Erfindung der Opern, in den barbarischen Zeiten, als die Mauren noch in Spanien waren, bekommen haben. Denn diese pflegten solche Fefte mit Singen und Tangen und andern Lustbarkei. ten zu feyren. So verkleinerlich diese Meynung den Opern ist, so übel gefäfit fie dem Verfasser eines-englischen Buches, The Taste of the Town, or a Guide to all publick Diversions, der uns in der ersten Abtheilung seines Werkes auch von der Oper in London einen Begriff benbringen will. Er will uns nämlich bereden, die Oper habe aus dem Chos re der alten griechischen und römischen Trauerspiele ihren Ursprung genommen. Denn so wie man darinn eine große Anzahl Sånger auf die Schaubühne stellte, die zwischen den Aufzügen der Tragödien gewisse Oden fingen mußten, die sich zu dem Vorhergehenden schickten : also wåre dieses die Veranlassung gewesen, ganze Stücke absingen zu lassen.

Ja,

Ja, dieser Scribent geht gar fo weit, daß er uns bereden will, die Odca der Athenienser und Römer, barinn lich die Musikanten zu üben pflegten, wenn ein neues Schauspiel aufgeführt werden sollte, wären nicht viel was anders, als Opernbühnen gewesen: und also båtten schon Griechen und lateiner Opern gehabt.

• 2. . Allein diese Gedanken gehen wohl etwas zu weit, und der Verfolg wird lehren, daß diese Erfindung allerdings weit neuer sey. Niemand hat diese Untersuchung mit gròs Berm Fleiße angestellet, als der berühmte Murarori, in der gelehrten Einleitung, zu dem von ihm zu Verona ans licht gestellten Theatro Italiano, welches ohne Zweifel einem jeden ein Gnůge thun wird. Man kann auch den Verf. des kleinen Tractats dagegen halten, der ohne Benennung des Jahres, unter dem Titul, Le Glorie della Poesia et della Musica, nell elatta Notitia de Theatri della Citta di Venetia &c. ein Verzeichniß aller venet. Bühnen, Singspiele und ihrer Verfasser herausgegeben; oder auch den Auszug davon im VIII. B. des neuen Büchers. der schön. Wiss. auf der 236.u.f. S. nachsehen. Mussato berichtet in der Vorrede des IX. Buchs de gestis Italorum, daß man auf den Schaubůh: nen die Thaten der Könige und Fürsten (cantilenarum modulatione) mit Liedern vorgetragen habe. So viel ich dars aus sehen kann, wird man den Königen und Fürsten zu Ehren Lieder gesungen haben, wie schon die åltesten Völker ges than: aber daß man ganze dramatische Vorstellungen fingend aufgeführet håtte, erhellet daraus noch im gerings sten nicht. Sulpizio, der den Vitruv mit Noter berausgegeben, růhmet fich zwar, daß er in Rom 1480. zuerst gewiesen habe, wie man eine Tragödie fingen fulle. D6 dieses aber von einein eigentlichen Gesange, oder nur von eis ner natürlichen guten Aussprache zu verstehen sen? das ist abermal schwer auszumachen, wie Crescimbeni sehr wohl angemerket hat. Tristano Calchi erzählet in seiner Histos rie, daß man dem Herzoge zu Mayland Galeazzo, zu Tortona eine theatralische Vorstellung in Musik aufgeführet

babe.

[ocr errors][ocr errors]
[ocr errors][ocr errors]

habe. Allein so viel ist gewiß, daß man im fechzehnten
Fahrhunderte bloß Chåre der Tragödien musikalisd) abgesun-
gen habe; doch so, daß die rechten Unterredungen der spies
lenden Personen nur gesprochen worden. Endlich ist allererst
im 1597. Jahre von einem Modeneser, Oratio Vecchi, auf
eine bis dahin unerhörte Art alles, was die Komödianten
zu reden haben, musikalich aufgeführet worden: so daß we-
der Pantalon, noch der Doctor, noch der spanische Capis
tain, noch die lustige Person davon ausgenommen worden.

3. S. Dieses Stück nun ist eigentlich für die erste wål-
sche Oper zu halten, und ist noch iko, unter die Noten ges
feßt, in dem Vorrathe der Academia Filarmonica zu finden.
In der Vorrede desselben bedienet sich der Verfasser der fol-
genden Worte: Non essendo questo accopiamento di Co-
medie & di Musica più stato fatto, ch'io mi fappia da al-
tri, e forse non iinaginato, farà facile 'aggiungere mol-
te cose per dargli perfezzione; ed io devrò essere, se non
lodato, almeno non biasinato dell' invenzione. Darauf
sind nun viele andere diesem Erempel haufenweise gefolget,
darunter aber Ottavio Rinuccini, ein Florentiner, mit
seiner Euridice der erste gewesen; worauf noch die Daphne
und Ariane von demselben Poeten gefolget. Im Anfange
ist das Singen dieser Opern noch nicht sehr von der ordenta
lichen Aussprache abgegangen. Es hat weder die Hand:
lungen noch die Worte unterbrochen, so daß man noch die
ganze Schönheit der Ausdrückungen und Gedanken einsehen
können, und die Poesie dabey nichts verlohrer.. Allein wie
alle Dinge durch das Künsteln verschlimmert werden, so ist
es auch mit diesen Singspielen gegangen. Allmählich hat
sich die Oper mehr und meør verwandelt, und dadurdy, nach
und nach beyde Künste; Musik und Poesie, aufs feltsamste
verderbet. So weit geht nun die Erzählung, aus der 2b.
handlung des Herrn Muratori; und wie dieselbe mit aller
möglichen Wahrscheinlichkeit verseken ist: also sehe ich nicht,
was man weiter daben verlangen kann, als wie diese Kunst,
Opern zu machen, aus Wälschland in die übrigen europäi-

[ocr errors]

schen Lånder ausgebreitet worden. Wer dieses von den Franzosen wissen will, der darf nur St. Loremonds Roe mödie, Les Opera genannt, nachschlagen, die auch in meia ner deutschen Schaubühne wiewohl auf das Hamburgische Theater gedeutet, anzutreffen ist.

4. $. Nach vielem Forschen in unsern alten deutschen Dichtern habe ich gefunden, daß unsere Landsleute , auch in diesem Stücke die Ehre der ersten Erfindung behaupten können. Ich sage dieses nicht; als ob es etwas großes und vortreffliches wåre, die Singspiele erfunden zu haben. Nein, wer meine geringe Neigung gegen diese Art theatralischer Vorstellungen kennet, wird mirs nicht zutrauen, daß ich eine so gar große Ehre darinn suchete, daß eben unsere Nation fie erfunden hatte. Ich will dieses nur anführen, um den Stolz der Ausländer zu demüthigen, die sich mit iþrem Wiße soviel wissen, daß sie auch in schlechten Erfindungen mit seiner Fruchtbarkeit pralen, und ihre Nachbarn als dumme Kloger und Erdschwämme verachten. Es sey also cinmal, daß es eine Ehre sex, zuerst Singspiele gemachet und aufgeführet zu haben: so will ich zeigen, daß diese Ehre unfern deuts schen Dichtern gebühre. Schon um Sans Sachsens Zeiten sind zu Nürnberg fingende Fastnachtspiele aufgeführet worden. Ich sehe dieses aus Jacob Ayrern, der ihn in seinen leßten Jahren noch gekannt, und schon 1585. Frisch, lins Julius C&far und Cicero redivivus, deutsch überfeßt herausgegeben. Dieser hat unter andern sehr vielen Sdauspielen, auch beynahe ein Dußend singende Spiele, wie er sie nennet, abgefasset und hinterlassen. Sie stehen am Ende feines so betitelten Operis Theatrici, welches nach seinem Tode 1610 (wie die Jahrzahl am Ende ausweist) in fol. Herausgekommen. Da dieß Werk nicht in jedermanns Hånden ist, so will ich die Ueberschriften davon aufs genaues fte Herseken, um mir Glauben

fu

erwerben. 5. S. Das erste steht a. d. 137. S. und heißt: Ein schön fingers, Spiel, der declarfi Franciscus, mit der venes

bischen

[ocr errors]

dischen jungen Wittfrauen', mit vier Personen, in des Row lands Thon. Ehrenfried geht ein und singt :

Heut früh on that ich schauen
Ein weil zum Fenster nauß,
Da sah ich ein Wittfrauen
Tretten aus ihrem Hauß,
Die hat viel junger Knaben,
Die al warten um sie,
Und sie wil feinen haben,

telt fich, ich weiß nicht wie. 2c. Und auf eben die Art sind alle andere Strophen eingerichtet: ob gleich nicht jede Person sie ganz, sondern bisweilen nur eine, zwo oder drey Zeilen singet. Das folgende heißt gieichfalls 2) ein schönes neues fingers Spil, von einem una gerechten Juristen, der ein Münch worden, mit sechs Pers. Im Thon: Ljeb haben steht einem 'jeden frer. Anthoni der Meşler geht ein, und fingt?C. 3) Ein singets Spiel, von dreyen bösen Weibern, denen weder Gott noch jre Männer recht können tyun, mit sechs Perf. im Thon , wie man den englis schen Roland fingt. 4) Ein schön fingers Spiel, der For: ster im Schmalzkübel, mit vier Perf. im Thon: Außfrischem freiem Muth, Eang du mein edles Blut. 5) Ein schönes singets Spiel, von dem Knörren Cúnklin, im Thon: Ves nus, du vnd dein Kind, feynd alle beyde blind. 6) Der Münch im Keßkorb, im Thon, wie man den engl. Roland fingt. '7) Ein fingets Spiel, der Wittenbergisch Magister in der Narrenkappen, mit siben Personen. Im Thon, wie man den Dillathen, oder Narr dummel dich, singt. 8) Von etlichen nårrischen Reden des Claus Narrn, im Thon, last uns ein Weil beneinander bleiben. .9) Von dem Eulenspi. gel, mit dem Kaufmann vnd Pfeifenmacher zc. in des engl. Rolands Thor

6. $. Nun schließe ich so: Hat Ayrer dergleichen sine gende Spiele gemachet, so hat er sonder Zweisel dergleichen schon gesehen; die von Sans Sachsen, oder andern Meia Her Sängern in Nürnberg vor ißm gemachet, und gespielet

worden

« PreviousContinue »