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frenlich das Weinen Flåglich, das Sachen lustig, u. s. f. ein jedes Wort nach seiner Bedeutung, mit einer guten Stimme auszusprechen wissen; fich aber auch dabey vor allem lachers lichen Zwange in acht nehmen. So muß es ein Musikus auch machen, und sich vor allen Ausschweifungen hüten, die feinen Gesang dem natürlichen Ausdrufe der Gedanken, der unter vernünftigen Leuten gewöhnlich ist, unáhnlich machen fónnten. Wir leben aber ißo gewiß zu einer Zeit, da die Musikmeister außer ihren Noten und Künstelenen wenig oder nichts verstehen, und also nach der Poesie nichts fragen; ob sie durch ihre Noten erhoben, oder verhunget wird. Daher kommt es, daß das Natürliche im Singen, gegen das vorige Jahrhundert zu rechnen, so sehr verlohren geht; da bloß das Dhr, durch unendlich viel gebrochene Töne gefüßelt, das Herz aber gar nicht mehr gerühret wird. Daher sagt der berühmte Herr Prof. Rickey von der gar zu fünstliden Dichtkunst einiger neuern Poetaster, mit Recht:

Sie machts, wie ihre liebe Schwester,

Die auf Natur fast wenig hält :
Das schickt sich für fein walsch Orchester,

Was nicht ins Wunderbare fällt.
Gesang und Rührung gehn verlohren,

Vor Zauberer, mit Mund und Hand.
Man denkt nicht mehr an Herz und Ohren:

Denn was man förnet, ist Verstand. Man lese hier nach, was der kritische Musikus, in der neuen Ausgabe, für vernünftige Regeln davon vorgeschries

ben hat.

11. §. Eine Cantate muß sich ordentlicher Weise mit einer Arie anheben und schließen, damit sie theils im Anfange mit einer guten Art ins Gehør falle, theils auch zulegt noch einen guten Eindruck mache: doc findet inan im Jtalienischen viele, die gleich von Anfange ein Recitativ Baben. Die fürzesten darunter , haben nur ein einzig Recitativ in der Mitte; und besleben also nur aus dreyen Theilen. Gemeiniglich aber hat eine Cantate drey Urien, und zwey Recitative, und die

lång långsten sollen nicht mehr, als vier oder fünf Urien haben. Diese können nun jambisch, trochåisch, oder daktylisch seyn; nachdem es der Poet für gut befindet: das Recitatio aber anders als jambisch zu machen, das ist nicht gewöhnlich. Nur merke sich der Poet, daß er ben der Versart, womit er eine Arie anfängt, bis ans Ende bleibe; auch nicht kurje und lange Zeilen durch einander menge, wenn er dem Componisten gefallen will. Selbst die Zeilen im Recitative an Långe sehr ungleich, d.i. etliche von zwey, etliche von zwolf Sylben zu machen, das ist so wenig angenehin, als im Ma. drigale. Die Reime gar zu weit vou einander zu werfen, das heißt eben so viel, als gar keine zu machen: und man thåte, nach dem Muster der Wälschen, besser, fie gar nicht zu reimen; aber desto besser zu fcandiren, welches die Italiener fast gar nicht thun. Weibliche mit weiblichen, und männs liche mit månnlichen Reimen zu vermischen, das klingt auch nicht gut; ob es gleich viele nach dem Muster der Wälschen thun; es wåre denn, daß man was Deutsches auf die Come position wålscher Arien machen müßte. Die Länge eines Recitativs kann man zwar nicht bestimmen: aber je fürzer es fällt, und je fürzer die Perioden darinnen sind, desto besser ist es; weil es insgemein so schlecht gesegt wird, daß man es bald überdrüßig werden muß.

12. J. Wenn eine Cantate des Abends, offentlich oder in frener Luft aufgeführet wird: so nennet man sie eine Seres nata, von dem wålschen Worte Serena, welches einen scho. nen Abend bedeutet. Insgemein aber fållt sie dann etwas långer, und þat verschiedene Stimmen, die sie absingen. Redet ein Paar mit einander, fo nennen es die Musici ein Duerto; kommen drey Personen in der Poesie, und folglich im Gesange dren Stimmen vor, so nennet man es ein Trio. Redetert aber noch mehrere mit einander, so, daß es auch desto långer würde, so mußte es ein Drama þeißen, und könnte zu fürstlichen Tafel. und Abendmusiken, imgleichen bey großen musikalischen Concerten gebraucht wers oen. Denn auch hier muß man merken, daß es epische 304

und

und dramatische Cantaten, Serenaten, oder wie mans nen. - Men will, geben könne. Wenn der Poet selbst darinn redet: so ist es episch verfasset, obgleich hier und da auch andere Personen redend eingeführet werden. Mein Orpheus fann hier zuin Erempel dienen. Såßt aber der Poet durchgehends andere Personen reden und Handeln, so, daß er selbst nichts darzwischen sagt, sondern so zu reden, unsichtbar ist: io entsteht ein kleines theatralisches Stück daraus, welches von dem griechischen deãv, þandeln, thun, ein Drama genennt wird, dergleichen man in meinen Gedichten verschiedene finden wird.

13. S. Die Kirchenstücke, welche man insgemein Oras torien, das ist Bethfiúce nennet, pflegen auch den Cane taten darinn áhnlich zu seyn, daß sie Arien und Recitative enthalten. Sie führen auch insgemein verschiedene Pers fonen redend ein, damit die Abwechselung verschiedener Sing. stimmen statt haben möge.' Hier muß nun der Dichter, entweder biblische Personen, aus den Evangelien, oder andern Terten, ja Jesum, und Gott selbst; oder doch alle: gorische Personen, die sich auf die Religion gründen; als Glaube, Liebe, Hoffnung, die christliche Kirche, geistliche Braut, Sulamith, die Tochter Zion, oder die gläubige Seele, u. D. m. redend einführen: damit alles der Absicht und dem Orte gemäß berauskomme. Doch ist noch einerley daben zu beobachten. Die Poeten haben sich daben auch der biblischen Sprüche zuweilen, anstatt der Recitative, bedies net: und die Componisten pflegen sie auch wohl zuweilen Arioso zu regen; wenn sie etwas rührendes in fidh halten. Endlich ist es bey uns Evangelischen sehr erbaulich und be weglich, zuweilen einen oder etliche Verse aus unsern geist. lichen Liedern, einzuschalten, die von der ganzen Gemeine mitgesungen, oder doch von allerlen Instrumenten choralisch begleitet werden. Dadurch nun werden folche Oratorien viel erbaulicher, als bey den katholischen: wo obredieß alles entweder lateinisch, oder wålsch abgefasset ist, das der ge meine Mann nicht versteht. Wir haben viele gedructie

Samm

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Sammlungen geistlicher Kirchenstücke, von Teumeistern, u. a. m. Auch an Passionsstücken, die hieher gehören, fehlet es nicht: worunter aber Brockfens und Pietschens Aus. arbeitungen viel zu schwulftig in der Screibart sind, als daß sie sich recht zum Singen schicken sollten.

14. S. Als Erempel von Cantaten, hätte ich gern aus unsere alten Dichtern, welche Hergeseket. Üllein, in dem vorigen Jahrhunderte, bat man von dieser Art bennahe nichts gewußt; weil Dichter und Sänger sich an Oden begnüget haben. In dem işigen Jahrhunderte, hat man zwar Cantaten genug gemacht, und gedrucket; aber fast immer auf besondere Per. folien und Gelegenheiten, die unsern Componisten zu nichts gedienet haben. Wie es nun bey diesem Mangel an deutschon, moralischen und verliebten Cantaten zu wünschen ist: daß Dichter, die eine natürlidie, fließende und bewegliche Sdireibart in ihrer Gewalt haben, sid; der Musik zu gut, auf diese Art der Gedichte mehr als bisher legen mögen: also sehe ich mich genöthiget, meine Leser zu der menantisdien galanten Poesie zu verweisen, darinn verschiedene gute Stücke von dieser Art vorkommen; die es auch wohl werth wåren, daß sie von guten Componisten gesekt, und von guten Stim. men, in Concerten und andern Gesellschaften abgesungen würden. Dieses würde uns wenigstens von dem unver. ståndigen Geheule, italienischer Terte befreyen: die von den meisten deutschen Sångern, eben weil sie kein Wålsch fóra nen, fo zermartert werden, daß auch diejenigen Zuhörer, die Jtalienisch können, keine Sylbe davon verstehen. Es würde auch bey deutschen Terten eine affectuósere Art zu singen ber uns aufkommen, wenn der Sånger selbst wußte, was er finget. Denn wie will er den Worten mit der gehörigen Art ihr Recht thun, wenn er wie ein Papagen, oder wie eine Schwalbe, lauter unverstandene Sylben Kergurgelt, oder abzwitschert?

15. g. Von französischen Cantaten findet man nicht nur in Fontenellens Schriften, und im Rousseau verschies dene; sondern es hat auch Clerambault, ein großer Tons

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fünstler fünstler dieses Jahrhunderts, dergleichen in Noten gefekt herausgegeben; die sehr gut gerathen sind. Dieses versteht sich aber nach französischer Art, deren Geschmack in der Musik von dem Bålschen ganz unterschieden ist; und insgemein von den Liebhabern der italienischen Künste sehr verachtet wird. Von Wilschen ist mir Metastasio befannt, der in seinen Werken viel geistliche und weltliche Cantaten gemachet hat. Die Engländer machen nicht eigentliche Cans taten in ihrer Sprache, sondern behelfen sich mit sogenannten Oden, die aber ganz dithyrambisch, in allerlen kurzen und langen Versen, und in ungleichen Strophen, durch einander laufen: dergleichen ich von dem königl. Hofpoeten Cibber , auf des Königes Geburthstag verschiedene gesehen habe. Wie sich nun ihre Tonkünstler bey der Composition verhale ten mogen, weis ich nicht: vermuthlich aber, werden sie einige Stellen davon wie Arien, andere schlechtweg, wie Recitative seßen, und absingen lassen: wie es unsere Musik, meister machen, wenn fie ben akademischen Gelegenheiten lateinische Oben in Noten Reken. Wenn nun gleich Soraz fehr darüber lachen würde, wenn er dergleichen Gesinge, ohne Beobachtung der lateinischen Quantitåten, hören sollte: fo denken wir doch Wunder, wie schon solches klingt. Doch habe ich auch einmal ein englisches Singstück in Arien und Recitativen von Såndels Composition gesehen: welches aber für die Schaubühne, als ein posfirliches Intermezzo gee macht war; und also zum folgenden Hauptstücke

gehörte.

Des

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