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Es ist vollbracht! der Schatten ist vergangen,
Es liegt zerknirscht, das Haupt der alten Sdılangen,

Der Höllen Thor bat Simson umgekehrt,

Und Michael das.fefte Schloß zerstört,
1 Darinn der Mensch lag auf den Tod gefangen.

Es schäumt der Dracy in Ketten und in Zangen,
D Siegeswort! davon wir Trost erlangen,
Das man am Kreuz von Christo hat gehört.:

Es ist volbracht!
Herr! steh mir bey, wenn endlich meine Wangen,
Vom Todtenhauch erblasset sollen hangen:

Wann meine Seel nun aus dem Kerfer fährt;

So laß auch mich, im Glauben unversehrt,
Und freudenvoll, mit deinem Lebwort prangen:

Es ist vollbracht!
Eins ist hier nur zu bemerken, darinn dieß Ringelgedicht
von dem französischen abgeht: námlich daß dieses lauter
månnliche Reime hatte, das deutsche aber dieselben mit weibs
lichen abwechselt. Allein daß jenes im Französischen feine
Regel sen, zeigen viele andere in eben dem Maroc, und in
andern Dichtern, die gleichfalls gewechselt haben. Und
eben daraus erhellet auch, daß man eben sowohl mit einem
månnlichen Reime anfangen könne, wann nur das übrige
hernach in eben der Ordnung beybehalten wird.

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1.

Des II. Abschnitts II. Hauptstück. Von allerley neuen Arten großerer Lieder, als Ningeloden, Sedstinnen

und

Gesängen.

1. S. ach dieser legten Art hat man auch andere Ringeloden im Deutschen zu machen versuchet, und verschiedene

Arten derselben auf die Bahn gebracht. Denn theils hat man am Ende jeder Strophe die erste Zeile derselben wiederholet. Ein Erempel mag mir Philander von der Linde geben. Es steht in seiner Unterredung von der Poesie a. 6. 227. S.

2. Lieben hab ich zwar verredt,

Meine Freyheit steht mir an, Aber nicht verschworen.

Doch nur eine Weile:
Weil die Liebe Schmerzen bringet Denn es fomen doch die Stunden,
Und nach Wunsche nicht gelinget, Da die Seele wird gebunden.

Mag ich nicht: jedoch ich muß Und voll fußer Fellel ift.
Wenn zuleşt despiñels Schluß Daß mit diesem was mid) küßt,
Mir was auserfohren.

Ich mein Herze theile.
Lieben hab ich zwar vertedt, Meine Freyheit steht mir an,
Aber nicht verschworen. Doch nur eine Weile.

3.
Lieben hab ich zwar verredt,

21ber nicht verfdworen.
Soll mich endlich was vergnügen,
Mags der Himmel glücklicl) fügen.

Spielt die Hoffnung wunderlich
Ey! so ist sie doch für mich

Auch nicht ganz verlohren.
Lieben hab ich zwar verrebt,

Uber nicht verschworen.
Die andere Art, wiederholt im Anfange jeder Strophe ben
Schluß der vorhergehenden; und dergestalt hången die Stro.
Crit. Dichte.

yy

phen

phen gleichsam wie die Glieder einer Kette an einander; der
Schluß der leßten Strophe aber schließt auf den Anfangs-
worten des ganzen Liedes. Ein Erempel giebt Menantes
in seiner gal. Poesie a.d. 119. S.

Erbarme dich, du Schönheit dieser Welt,
Und nimm von mir die Fessel meiner Seelen!

Wenn Stahl und Eis dein Herz umschlossen hålt,
Durch, Sclaverey mich auf den Tod zu qualen,
So denke nur, die Größe meiner Moth

Ist schon der Tod!
Sft fdyon der Tod ein Opfer deiner Lust, ac.
Und die lebte Strophe schließt so:
Mein Herz giebt nur den Seufzer noch, von sich,

Erbarme dich!
Eben dergleichen kommt auch auf der 175. u.f. S. vor, und
Kebt an:

Ergoße dich, befriedigtes Gemüthe,

An allem was der Himmel fügt. ac.

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2. S. Fast zu eben dieser musikalischen Urt gehören die Wiederhallslieder. Man versteht durch dieselben solche lies der, die an Dertern gefungen werden können, wo das Echo die lekten Sylben jeder Strophe wiederholet; dieses aber dem Dichter Gelegenheit zu einem neuen Gedanken giebt, dem er in der folgenden Strophe weiter nachdenket. Denn ob wohl einige auch andere Arten von wiederballenden Versen zu machen gelehret, die nicht gesungen werden können, und wo das Echo an keinen gewissen Stellen etwas wiederholet: so kommen mir doch dieselben viel unnatürlicher und abgeschmack. ter vor. Denn wer wird in einen Wald hintreten, um eis nen fertigen Vers so laut abzulesen, daß ihm das Echo ants worten könne. Hergegen ein Lied, kann man schon fo laut fingen, daß der Wiederhall ertönen kann: und da Verliebte die Einsamkeit in Wåldern suchen ; so ist es so ungereimt nicht, daß man ihnen auch solche Lieder mache, die zu gue ten Gedanken Anlaß geben. Das Muster will ich wieder

aus

men.

aus dem Menantes, oder vielmehr Hrn. VTeumeister neho

Es steht a. d. 253. S.
Wozu entschließt fich mein Gemüthe?

Wo findt mein Herz die beste Ruh?
Welch Glücke zeigt mir seine Güte ?

Und weld) Vergnügen deckt mich zu?
Doch was mir långst ist vorgeschrieben,
Das ist der freye Weg im Lieben.

Edho. Im Lieben!
Wie? artge Nymphe, willst du scherzen ?

Und stimmest dem Enschlusse bey:
Daf Lieben für galante Herzen

Das allerbeste Labral reg?
So laß sich alles glücklich fügen,
Mich durch die Liebe zu vergnügen.

secho. Vergnügen.
Vergnügen! dody nicht bloß durch Worte,

Die That muß selber Zeuge seyn x. Obwohl ich nun diese Erfindung an sich nicht verwerfe: so kommt mir doch dieses etwas zu gezwungen vor, wenn der Verfasser, alle diese Schlußworter seiner Strophen, zusama men genommen, einen besondern Sinn ausmachen låst; als ob ihm nåmlich die Waldnymphe die Sittenlehre, Håtte zuruffen wollen: Im lieben Vergnügen suchen, betrüger Tho. ren; ich (fcil. hab es) erfahren: als nåmlid, Echo in den Wiederhall verwandlet worden. Denn dieses erbellet, aus der gewaltsamen und unerlaubten Uuslassung, in dem legten Nachklange: zugeschweigen, daß ein Echo, das zwo Syl. ben nachruffet, allemal dabey bleibet, und schwerlich drey, aber gewiß nidyt vier nachruffen kann.

3. S. Noch eine weit gezwungenere Art von Liedern, haben die Provenzalpoeten, und Wålschen an ihren Secto, stinnen eingeführet: wobey es aber auf nichts anders, als aufs Reimen, und die Wiederholung und Verwechselung deč Reime ankommt. Das Muster, das uns Crescimbes ni davon giebt (L. I, p. 25.) ist vom 1560sten Jahre, von dem fciaulischen Dichter Amalteo, und die erste Strophe lautet fo:

»n 2

L'au:

2).

3).

L'aura, che gia di questo fragil legno,
Hebbe 'l governo, et la guarda da scogli,
Or me contesa da rabbiofi venti,
E ver me sento congiurate l'onde
Ne fra tante procelle scorgo il porto,

And’io pavento a cosi lungo corso. Hier sieht man fun eine sechszeiligte Strophe , deren Verfe fich gar nicht reimen: deren Schlußwórter abet in den fole genden fünf Strophen, denn soviele müssen noch dazu ges macht werden, wieder vorkommen; so daß das legte davon, Corso, gleich in die erste Zeile der folgenden Strophe kommt; die andern aber wechselsweise, von oben und von unten folgen. In diesem Falle nåmlich. kommen die Reime der folgenden Strophen fo. Corso

Venti Porto Onde Scogli 1). legno corso venti porto

onde porto l'onde 3 scogli 4). legno 5). corso scogli legno corso venti

porto l'onde scogli legno

corfo venti venti.

porto. l'onde. scogli. legno. Hier fieht man wohl, was einem Dichter von dieser tyran, nischen Art der Ordnung der Reime, für ein hartes Joch auferleget wird: indem es nicht anders ist, als ob er lauter Bouts - rimez, zu machen håtte, wie er denn wirklich nicht Reime zu den Versen und Gebanken; sondern Gedanken und Verse zu den Reimen zu suchen hat. Ob sich nun daben die Mühe verlohne, die man ben Anstrengung seines Wißes und der Erfindungskraft anwenden muß, das ist eine andere Frage. Der Wohlflang der Reime verliert sich ja durch ihre Entfernung und Vermischung ganz und gar: und in der That find es nicht einmal Reime zu nennen, da nur jedes Bort in sechs Strophen fechsmal wiederholet wird, ohne daß sich ein anderes darauf reimet.

4. S. Vielleicht ist das die Ursache gewesen, warum andere, noch einen großern Zwang gefuchet, und in öfterer

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