Page images
PDF
EPUB

10. S. Man braucht diese Sinngedichte zu Unter - oder Ueberschriften ben Gemåhlden und Sinnbildern, zu Grabschriften, zu Erleuchtungen, Ehrenpforten, oder wo man sonst will.

Geineiniglich loben oder tadeln sie etwas, wie schon oben erinnert worden: zuweilen aber ist der Gedanken auch nur wegen seines Nachdruckes, oder der Neuigkeit halber angenehm. Ein lobendes, war jenes auf des Königs in Frarifreich, Residenzschloß: Par urbi domus eft, urbs orbi, neutra triumphis,

Et belli & pacis, par, Ludovice, tuis. Dein Haus kann man der Stadt, die Stadt der Welt vergleichen,

Doch beydes, Ludewig, muß deinen Siegen weichen. Ein anderes auf Ludewigs Bildsaule in dem botanischen Garten, zu Paris, lautete so:

Vitales inter succos plantasque falubres,

Quain bene stat populi vita falusque sui! Bey Säften voller Kraft, ben den gesunden Pflanzen,

Wie schon steht da das Heil und Leben seiner Franzen! Besiehe davon der Belust. des V. und W. 1742. im Herba monate a. d. 245. S. woselbst eine gelehrte Streitigkeit darů. ber vorkommt. Ein tadelndes mag folgendes abgeben: In mare cornutos jaciendos, Pontius inquit.

Pontia respondet: disce natare prius. Erläuft, wás Hörner trågt! schreyt Mops mit lauter Stimmen:

Ach Schab! vetsegt sein Weib; so lern bey Zeiten schwimmen. Von der dritten Art darf nian die Erempel nur in Catons moralischen Lehrversen suchen; davon Opisz viele sehr rein und glücklich ins Deutsche übersekt hat. Ueberhaupt kann man auch Tschernings Frühling, Flemmings und Mor: hofs Gedichte, und insonderheit des von Golau gesammlete Sinngedichte nachsehen; wo viel artiges, theils neues, theils überseßtes vorkommt. Crir. Dilbik.

Er

7. $.

11. S. Aus diesen wenigen angeführten Erempeln, da ich von lareinischen Sinngedichten lauter zwenzeilige Uebersegungen gegeben habe, wird man leicht sehen, daß unsere Sprache nicht eben so ungeschickt zu einem kurzgefaßten und scharfsinnigen Ausdrucke fer, als wohl einige denken. Ja man fönnte vielmehr einem Lateiner gu thun machen, eine jede ursprünglich deutsch abgefaßte Ueberschrift, in eben so vielen und gleichlangen Zeilen zu geben. Man hat aber in dieser Art hauptsächlich auf die Kürze zu sehen, in Toweit dieselbe mit der Verståndlichkeit und Richtigkeit des Uusdruckes bestehen kann. Denn die Weitläuftigkeit verderbet alles: es wåre denn, daß die lekte Zeile einen ganz unvermutheten Gedanken in sich hielte, den man gar nicht vorher sehen, oder nur errathen können. Ich schließe indessen diese 26handlung der Sinngedichte durch ein Erempel, welches die Natur derselben kurz in sich schließt; wie ich dieselbe schon von andern, wiewohl nur prosaisch beschrieben gefunden:

Machst du ein Sinngedicht; so laß es neu und klein,
Fein stachlicht, bonigsüß; kurz, Bienen ähnlich seyn.

Ende des ersten Abschnitts.

Des 691

Des II Theiles

II. Abschnitt.
Von Gedichten, die in neuern

Zeiten erfunden worden.

.

Das I. Hauptstück.

Von allerley kleinen Liedern, als Madrigalen, Sonnetten und Rondeaux, oder

Kling - und Ringelgedichten

V

1. S. enn ich hier von den neuerfundenen Liedern und Ges

sängen der europàischen Völker qandeln will: so ist

es meine Meynung nicht, von allen Arten derfciben zu reden, die entweder von den Provenzaldichtern, oder målschen Poeten, in unsäglicher Menge ausgehecfet wor: den, und die man im Crescimbeni und dem Muratori della perfetta Poelia, imgleichen in des Anton Minturni Arte Poetica, die 1725. zu Neapel in 4. heraus gekommen ist, beschrieben lesen kann. Meine Absicht ist nur von denen wenigen Arten zu handeln, die auch bis nach Deutschland gekommen sind, und einigen Beyfall gefunden haben. Zudy ist es meine Mennung nicht, alle Erfindungen unserer Meistersånger in ihren verschiedenen ja unzähligen Weisen, oder Tonen zu erzählen; 'wovon Wagenfeil einen ziemlichen Theil, in seinem Buche von ihrer Kunft, namhaft gemacht und beschrieben hat. Ich könnte diese feine Nachrichten frenlich um ein großes vermehren, wenn ich aus den 25. bis 30. Bånden alter geschriebener Meistersånger Lieder, die ich

Er 2

aus

aus des sel. Gottfried Thomasius zu Nürnberg, Verlassenschaft, käuflich an mich gebracht, Auszüge machen wollte. Allein da diese Arbeit für Anfänger keinen Nuken haben würde: so verspare ich sie in mein größeres Werk von der Geschichte der deutschen Sprache und Poesie; dahin fola dhe historisdie Nachrichten mit besserm Rechte gehören.

2. 5. Das kürzeste und kleinste Stück, der neuern lyrischen Poesie ist sonder Zweifel das Madrigal; dessen Namen und Art wir Deutschen von den Wälschen, diese aber, ihrem eigenen Geständnisse nach, von den Provenzalpoeten bes kommen haben. Die erste Frage ist, was das Wort Madrigal eigentlich bedeute? Und davon sind verschiedene Mens nungen. Bembus (Prof. L.2.) führet zwo an, deren er keine der andern vorzieht. Die erste ist, Madrigal hieße gleichsam Material; weil nåmlich die ersten Lieder dieser Urt, von groben, schlechten, niedrigen und verächtlichen Sachen verfertiget worden: und dieser Meynung giebt Job. Bapr. Doni, (Comp. del Tratt

. de Modi della Mul.p. 113.) Beyfall. Die zweyte ist, daß Madrigal von Mandre, 0.i. einen Schäfer in der Provenzalsprache herkomme: weil es anfänglich lauter Schäfer - oder Hirtenlieder, von Wåldern und Heerden, und andern verliebten Schäferbegebenheiten gewesen. Und da bemerket Joh. Bapt. Strozzi, in seis nen lectionen über das Madrigal, p. 195. daß Petrarcha, Boccaccio, u. a. m. in ihren Madrigalen, von nichts, als Flüssen, Thålern, Pflanzen, und andern båurischen Sachen geredet haben: ja felbst Triffino, Dolce, Mintur, no und Menage, sind dieser Meynung. Crescimbeni pflichtet ihr gleichfalls bey: aber alle diese Herren sagen uns nicht, wo sie die Sylbe gal herbekommen? Sie können es auch), ohne die Kenntniş des Deutschen, nicht thun. Ich habe oben schon erinnert, daß der erste Provenzaldichter, Gottfried Rudel, ein Deutscher gewesen seyn muß, von dem die übrigen die Kunst zu reimen gelernet. Dieser Deutsche hat nun sonderzweifel auch das Wort Gall, oder Ball, Sdall aus seiner Muttersprache gewutzt, welches wir noch in Nachtigall, in gallen u. 6. gl. haben. Diefes hat er nun mit dem Worte Mandre, ein Schäfer, wel: ches wohl gar aus dem Deutschen, Mann, seinen Ursprung haben mag, zusammengeseket, so daß es ein Xiánnergall, oder Schäferlied hat Heißen sollen. Denn daß andre es von Madre della gala, Madre galante, oder della gaya, oder, wie Ferrarius (in Orig. Lingu. Ital.) von dem Spanischen Madagar, früh aufstehen, herleiten wollen; das sind bloße Anspielungen, die keine Aufmerksamkeit verdienen.

3. Ş. Die ersten Madrigale sind nicht unter fechs, und niemals über eilf Verse lang gemachet worden; und also die kleinste Art von Liedern gewesen. Doch hat man sie da. mals aus lauter gleich langen eilffylbigten Versen gemacht: wie Crescimbeni bezeuget. Allmählich aber ist man ro wohl von der Zahl der Zeilen, als von ihrer gleichen långe abgewichen, und diesen Erempeln der Neuern sind auch unsere Deutschen gefolget. Nur diese Unbequemlichkeit entstund daraus, daß bey der unendlichen Abwechselung, die sich nunmehr in den Madrigalen fand, die alten Melodien fich nicht mehr darauf schicketen: daher denn so zu reden jedes neue Madrigal, eine eigene Singweise foderte. Weil nun nicht alle Dichter Tonkünstler waren, sich selbst neue Melodien zu machen: so wurden eine Menge ihrer Madrigale gar nicht in Noten geseget, und folglich auch nichts gesungen.

Und so ist es sonderlich in Deutschland gegan. gen.

Italienische Madrigale in Noten gefekt, habe ich selber im Drucke. * Allein in einer großen Menge deutscher in Noten gesegter und gedruckter Lieder, die ich besike, finde ich kein einziges Madrigal. Ja in allen unsern Anweisungen zur Dichtkunst, habe ich es noch nirgends erwähnet gé. funden, daß Madrigole eigentlich zum Singen erfunden worden. Indessen ijt es nicht anders: und ich glaube gar,

das * 3. E. Eins führt den Titel: Kapsperger, nobile Allemanno. RacLibro I. de Madrigali, a cinque colti dal Sign. Cavallier Marcanvoci, col basso continuo, & suoi nu- tonio Stradella. In Roma. 1608 meri, del Signor Gio. Girolamo in El. ful.

£r 3

« PreviousContinue »