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chet werden, haben insgemein weder Art noch Geschicf. Die alevåterischen Regeln davon haben uns wohl magere Reimschmiede, aber feinen einzigen muntern Dichter gezos gen; es wåre denn, daß dieser soldies Joch bald wieder abgeschüttelt hätte. Was haben aber alsdann die Regeln daben gethan?

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10. S. Die Schreibart der Briefe ist nicht allemal gleich. In lobenden fann fie prachtig, scharfsinnig und pathetisch, aber doch nicht schwülstig seyn. Hierinn pflegt es amchor leicht zu versehen; wie dieses sein Gedicht an Friedrich den III, König in Dänemark zeigen kann. Aber ein Muster von einer vernünftigen Hoheit der Schreibart giebt hier VTeukirch in seinem Schreiben an den König, Friedrich den 1. Hier herrschen lauter gesunde Gedanken, die durch keine Schminke des Ausdrucks überfirnißt worden. Auch Seråus hat diese Schreibart wohl erreicht: ob er sie gleid) mehrentheils in andern Arten der Gedichte angebracht hat. Doch fann ich nicht umhin, bey dieser Gelegenheit dieses großen Mannes eigene Worte, von der erhabenen Schreibart hier anzupreisen, die ich lieber schon im I. Theile, wo ausdrücklich davon die Rede war, angebracht hätte. Sie stehen in der Vorrede zu seinen Werfen, auf der 27. Seite, und können dienen, die neuen Kunstrichter, die uns die Hoheit in Worten lehren wollen, vollends zu be, schamen. Auch Piersity ist in dieser Schreibart vortrefflich gewesen. In lustigen Briefen ist sie natürlich und gemein, dod) nicht niederträchtig. Hierinn habens viel neuere Poeten versehen, die aus Begierde, natürlich zu schreiben, gar die Sprache des Pöbels in thren Bries fen gebraucht haben : und selbst (bünther ist hier ofta mals zu tadeln, daß er sich bis in die tiefste Niedrige keit herab gelassen hat. In satirischen Briefen muß fie feurig und scharfsinnig, größtentheils aber natürlich seyn. Denn das ist gu merken, daß selten nur einerley Schreibart in einen Gedichte allein herrschet. Die Verånderung der

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Sachen und Gedanken fodert allezeit einen andern Auge druck, wie man in den Erempeln der besten Poeten überall finden wird.

11. S. Schlußlich erinnere ich noch, daß man nicht nur in eigenem, oder anderer lebendiger Leute Namen; sondern auch im Namen gewisser eingebildeter oder fabelhafter Per. fonen, Briefe an jemanden schreiben könne. Dieses giebt nun einem Poeten viel schöne Erfindungen an die Hand, und ist eine Quelle vortrefflicher Gedanken. So bat z. E. Ullrict) von Sutten im Namen Italiens an den Kaiser Maximilian, Lobanus Sessus aber im Namen des Kaifers die Antwort an Italien; imgleichen hat Flemming im Namen Deutschlandes an die Churfürsten und Stände geschrieben. Man lasse f. E. die Wahrheit an jemanden ein Schreiben abfassen, dergleichen im I. Stúde der Beluftigungen des Verstandes und Wiges eins vorkommt; oder man schreibe im Namen der Vernunft, der Weltweisheit, der Tugend, der Frenheit, oder anderer solcher allegorischen Personen: so wird man regen, zu was für schönen Einfällen dieses Anleitung geben wird. Nur muß man frenlich allemal die Wahrscheinlichkeit beobachten, und seine Personen nichts sagen lassen, als was sich für ihren Character schicfet. So hat neutirch die Aurora an den König in Preußen schreiben lassen, und ein rechtes Meisterstuck daran gemacht, und Herr M. Schwabe einmal im Na. men der Trågbeit, an des Churprinzen Friedrichs Königl. Hoheit eins druden lassen. Ja, man kann durch die Profopopoie auch leblosen Dingen Briefe andichten, wenn es

zu gewissen Absichten dienlich seyn könnte.

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Des I. Abschnitts XIV. Hauptstück. Von Sinngedichten, Grab- und

Ueberschriften.

1. g. 2ch bin mit allen großern Arten der alten Gedichte fertig,

insoweit dieselben durch ifren innern Inhalt unters

schieden sind. Nur feplen mir noch die kleinern Arten, die unter verschiedenen Nainen vorkommen, doch unter die allgemeine Benennung der Sinngedichte gezogen werden können. Wir geben ignen im Deutschen diesen Namen, weil sie gemeiniglich etwas scharfsinniges, oder besser, etwas Sinnreiches in sich haben, das dem Leser ein angenehmes Nachsinnen erwecket. Im Griechischen, ja auch im Latein nennet man sie schlechtweg Epigrammata, d. i. Ueberschrif. cen; darunter man denn auch Unterschriften, unter Bilder, Bildfäulen, und andere Gemälde, oder Sinnbilder zu rechnen pflegt. Imgleichen gehören Epitaphia, oder Grabs schriften, und allerley kurze zufällige Gedanken der Dichter, über vorkommende merkwürdige Gegenstände hieher, die eben nirgends drůber oder drunter geschrieben werden sollen. Da nun so leicht kein großer oder kleiner Dichter in der Welt gewesen seyn wird, der nicht dergleichen Einfälle bisweilen gehabt, und in etliche Verse gekleidet haben sollte: To ist auch die Anzahl der epigrammatischen Dichter und Poesien ungleich größer, als aller obigen Arten geworden.

2. S. Was die griechischen Dichter anbetrifft: so haben wir theils vom Somer etliche, theils vom Rallimachus über ein Schod. Außer denen aber findet man in der großen Sammlung derselben eine unglaubliche Menge fol. cher Sinngedichte gesammlet, und in VII. Bücher abges theilet. Nur die Namen der Verfasser herauszuziehen, würde beynahe einen Bogen füllen; und wie groß ist nicht die Menge derer Stücke, deren Verfasser man nicht weis? Daben ist es aber nicht geblieben. Es giebt noch neuere Sammlungen griechischer Ueberschriften, oder sogenannte Anthologien, d. 1. Blumenlefen, die den Liebhabern des Alterthums bekannt sind, andern aber nichts nüßen. Es ist wahr, daß verschiedene Stücke darunter sind, die uns auch igo noch vergnügen können; weil sie wirklich sinnreich find. Allein es giebt auch eine Menge, die man verachten würde, wenn sie deutsch wåren; und die weiter nicht schåg. bar sind, als weil sie alt, und zwar griechisch sind: welches ben gewissen Gelehrten schon genug ist, um sie zu bewundern: vieleicht, weil sie nicht ein jeder versteht, und man . sich also sehr breit damit machen kann, daß man sie vers steht; oder doch errathen kann, was sie sagen wollen, un. geachtet man unzählige male fehlschießt. Manches darun. ter ist auch wohl schmußig, und manches giebt den Aus. legern nur schöne Gelegenheit, ihre antiquarische Gelehrs · samkeit auszuframen. Doch es isi noch eine Classe, die ich nicht vergessen muß. Die Griechen haben auch die Kunst erfunden, malerische Sinngedichte zu machen; ich menne aus Versen Bilder zusammen zu regen, Theokritus hat uns einen Altar, und ein paar Flügel; wie Simmias eine Urt, ein En, eine Hirtenpfeife mit sechs ungleichlangen Röhren, Syring genannt, hinterlassen: vermuthlich weit es Ueberschriften auf dergleichen Dinge haben seyn sollen. Allein das ist nun eben nicht das schåßbarste daran; und es hat Deutsche genug gegeben, die sie in solchen Tåndeleyen nachgeahmet, ja übertroffen haben. S. Schottels deutsche Profodie a. 0. 215. u. f. S.

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3. . Was die lateinischen Dichter betrifft, so haben wir von denenselben lange nicht so viel poetische Aufschriften oder Sinngedichte zu lesen bekommen. Catullus scheint der erste zu seyn, der sich damit hervorgethan, obwohl sich schon Plautus eine poetische Grabschrift gemachet Gatte, u. d. m. Virgil machte sich durch eins zuerst bekannt, welches er an

den

den Kaiserlichen Pallast anschlug, als auf eine stürmische Nadie ein sehr schöner Tag folgte, welchen Augustus gewissen öffentlichen Schauspielen gewidmet hatte. Es hieß: Nocte pluit tota, redeunt Spectacula mane,

Divisum imperium cum Jove Cæsar habet. Ovið und Soraz haben nichts von dieser Art hinterlassen. Der jủngera Plinius ist ein Liebhaber davon gewesen; aber es sind uns kaum ein Paar davon in seinen Briefen übrig geblieben. Partial hergegen hat es so weit gebracht, daß er fast allein in dieser Art für einen Meister bekannt gewors den: und man kann ihm in der That einen feinen Wię nicht absprechen. Wir haben XIV. Bücher Sinngedichte von ihm, deren Mannigfaltigkeit wundernswürdig ist. Sie sind nicht alle gleid) kurz, und einige füllen ganze Seiten. Ein artiges zur Probe zu geben, mag das 69ste aus dem VIII. Bude dienen; das er an den Vacerra, einen großen Bewunderer der Alten, gerichtet:

Miraris Veteres, Vacerra, solos,
Nec laudas, nisi mortuos Poetas:
Ignoscas petimus, Vacerra; tanti
Non est, ut placeam Tibi, perire.
Du lobst, Vacerra, nur die Alten;
Die tooten Dichter bloß sind würdig zu behalten.

Wohlan! verwirf nur mein Gedicht;

Dir zu gefallen, sterb id) nicht! Imgleichen das gte aus dem III. B.

Verficulos in me narratur fcribere Cinna:

Non scribit, cujus carmina nemo legit.
Man spricht, daß wider mich Misander Verse schreibt:

Doch lagt mir: schreibt wohl der, der ungelesen bleibt? Zuch Ausonius und Prudentius haben sich endlich in dies ser Art gewiesen: wiewohl des legtern feine mehrentheils von geiftlichem Inhalte sind.

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