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Des I. Abschnitts XIII. Hauptstück. Von poetischen Sendschreiben

oder Briefen.

1. $. o gut andere Leute in ungebundener Rede an einander

schreiben können; so leicht kann ein Poet solches in

gebundener Schreibart thun. Wie es aber dort eine besondere Kunst ist, ein schönes Schreiben abzufassen: so ist es auch nicht eines jeden Werk, einen guten poetischen Brief zu machen. Ja in gewisser Absicht ist dieses noch schwerer. In prosaischen Briefen macht man zuweilen lauter Complimenten und unnůke Umschweife in Worten, die durch die Höflichkeit eingeführet worden. Man schreibt auch oft von nöthigen Angelegenheiten und Hausgeschafften, die sonst nies, mand wissen mag oder soll, als den sie angehen. In der Poesie aber würde es lächerlich seyn, solche Briefe zu schreiben. Sie mülsen allezeit gewisse Materien betreffen, die allerlen Lesern núßlich und angenehm seyn können. Sie complimenticen daher nicht viel; sondern gehen gerade zu: das her es denn auch kommt, daß man in Versen alle Titel und Ehrenworte der vornehmsten Personen zu vermeiden pflegt. Die deutschen Poeten haben auch überaus wohlges than, daß fie, in den Anreden an die vornehmsten Leute, sich, nach alter Art, das edle Du vorbehalten haben, welches die profaischen Scribenten gar nicht mehr brauchen dórfen.

2. $. Die alten Römer und Griechen haben uns sehr schöne Muster solcher Briefe hinterlassen. Einen guten Theil davon haben wir schon im vorigen Hauptstücke, unter den Elegien betrachtet: es ist aber noch eine andere Art übrig, die eine besondere Abhandlung verdient. Dort herrschte, nach dem Character der Elegie, ein zärtliches und trauriges

Wesen:

Wesen: hier ist der Flihalt geruhig und ernsthaft, zuweilen scherzhaft, auch wohl moralisch und satirisch. Wie nun in jener Art Ovidius sonderlich ein Meister gewesen, so haben wir in dieser Gattung den Soraz zum Muster. Dieser schrieb nun nicht nur an den Kaiser Auguft, sondern aud) an den Mácenas, Claudius Nero, und Julius Florus; ja an den Poeten Albius Tibullus, an seinen Pachter , und endlich an sein eigen Buch. Håtte Ovidius nicht alle feine Briefe als Elegien abgefasset : so würde man eine Menge davon anzuführen haben. Denn nicht nur seine Heroides Epiftolæ, oder Briefe der Heldinnen, sondern auch seine eigenen Ex Ponto, und die in den Libris Tristium stehen, wården hieher gehören. Eben so haben Tibullus und Propertius alle ihre Briefe in Gestalt der Elegien abge. fafset: weil sie mehrentheils verliebtes und zårtliches InHalts waren. Juvenal und Persius, machten, nach ihrer Neigung zur Satire, alle ihre Schreiben so stachlicht, und gesalzen, daß man sie für nichts anders, als für Satiren, oder Strafgedichte ansieht. Statius hat in seinen Silvis doch einige von anderer Urt mit unterlaufen lassen: 3. E. das im II. Buche, worinn er den Melior über den Tod seiner Glaucia troster, ferner das, welches er im III. B. an seine Gattinn Claudia ablåßt; das an den Marcellus, im IV.B. imgleichen an den Jul. Menefrates, bey der Geburt seines dritten Sohnes rc. Von neuern hat Vida auch ein paar von der Art, an Giberten, und den Vegius abgelassen. Ulrich) von Sucren Gat nur eins von der Art an Pabst Leo X. geschrieben; feine übrigen sind als Elegien abgefasset. Auch Joh. Secundus ist hier nicht zu vergessen, indem er uns ein halb Dußend sehr nette poetische Schreiben hinter: lassen, da er sonst in Elegien am stårksten ist.

Vieler ans dern neuern vor ißo zu geschweigen.

3. g. Unter den Franzosen hat uns Marot ein ganzes Schock poetische Episteln hinterlassen, wie aus der neuesten Ausgabe seiner Werfe erhellet. Ronsard hat eben fowohl an Konig Karl den IX. und viele andere Große und gerin

gere

gere seiner Zeit Sendschreiben abgelassen; ja gar von er: wähntem Könige poetische Antworten bekommen. Selbst unter seinen so genannten Elegien sind eine Menge, die besser hieher gehören; weil die ungetrennten Reime derselben gar nicht Jegienmäßig klingen. Eben das ist von des Des: portes Elegien zu sagen: doch findet man auch einige andere, die hieher zu ziehen wåren, z. E. die er Complaintes nennet 'imgleichen die Discours, an seine Freunde. Unter den neuern ist Boileau durch verschiedere Epitres bekannt geworden, und so wohl Teukirch, als ich selbst, haben die Epitre au Roy, ins Deutsche gebracht. Rousseau hat auch viele Stücke dieser Art geschrieben; ob er gleich die eilfsylbigten Verse dazu gebrauchet. Was Herr von Voltaire u. a. m. in diesem Stücke geleistet, ist in aller Hånden. Von Engländern hat Orrway es unter andern auch daran nicht fehlen lassen. Dryden und Congreve haben auch derglei: chen gemacht: vor allen aber hat sich Pope dadurch gewiesen. Denn außer daß er den Abålard an die Heloise (dyreis ben lassen, und Ovids Brief der Sapho an den Phaon ůberseket, þat er uns dren Bücher sogenannte Ethic Epistles hinterlassen, die voll der trefflichsten Gedanken sind; und davon das erste Buch das so genannte Essay on Men, als ein größeres Lehrgedicht, enthält.

4. . Von unsern Deutschen hat gleich Opig einen treuen Nachfolger der Alten, sonderlich des boraz, abgegeben. Seine Schreiben an Nüßlern, Zinkgråfen, Seußiussen, und viele andere mehr, sind in dem besten Geschmacke abges fasset. Viele führen zwar andere Ueberschriften 3. E. als Hochzeit oder Seichengedichte: sie sind aber doch im Grunde nichts anders, als solche Schreiben, darinn man entweder Glůch wünschet, oder fein Begleid bezeiget. Eben dergleichen findet man in Flemmingen, Tscherningen, Risten, Siebern, Franken u.a. m. in großer Zahl. Doch Rani ist vor andern in dergleichen Art nachzuahmen. Es herrscht eine so edle Art der Gedanken, und eine ungekünstelte vertrauliche Art des Ausbruckes ben ißm, daß er fast unnad)

ahmlich

ahmlich ist. Sein Einladungsschreiben vom Jandlében, ist ein Meisterstück, und es wäre zu wünschen, daß wir meh. rere von dieser Art von ihm håtten. Es ist auch Schade, daß er das eine, in der ungleich langen Art von Versen ges schrieben; wiewohl es sonst gleichfalls sehr artig ist. Teukirc) ist ihm ziemlich nahe gekommen, seit dem er in Ber: lin den vorigen schwülstigen Geist hatte fahren lassen. Sein Schreiben nach Breslau von 1700. ift schon fhón: aber noch weit schöner das, in der Aurora Namen, an den König in Preußen, und andere mehr; die man in meiner Ausgabe seis ner Gedichte bevsammen finden wird, da sie sonst in den Hofmannswaldauischen Gedichten zerstreuet stehen. Günther ijt in diese Fußtapfen öfters nicht unglücklich getreten; wie. wohl es ihm an den artigen Sitten, und ihrem edlen Aus. drucke hin und wieder fehlt. Der låderliche Student guckt an vielen Orten aus seinen Briefen hervor, und schildert seine Sehensart, auch wenn er nicht daran denfet. Dietrich hat auch einige Stücke von dieser Art geschrieben; doch seine erhabene Art zu denken, gab ihm insgemein die epische Trompete in die Hand, so daß er unversehens in die heroische Schreibart verfiel.

5. S. Soraz hat in seinen Briefen durchgehends, die herameder oder heroischen Verse gebraucht; niemals aber fünffů. fige darunter gemischet. Die Ursache mag wohl diese gewesen fenn, weil man sich in Elegien gar zu sehr binden muß. Der Verstand muß sich daselbst allezeit ben der andern Zeile schließen, damit der Wohlklang nicht gehindert werde: 60raz aber liebte die Freyheit in seinen Briefen, wie auch ihr Character solches erforderte. Er nahm daher lieber die heroischen Verse dazu, wo man die Erlaubniß hat, den Verstand zuweilen in die dritte, vierte, ja fünfte Zeile hin: auszuziehen. Wäre in den heutigen Sprachen dieses Sylbenmaaß aud) eingeführet; fo dorften wir dem Römer nur hier: in nachfolgen: nun aber müssen wir uns nach unserer Art eine Gattung von Versen nehmen, da uns eben der Vortheil zu statten kommt. Das sind nun die sogenannten aleran

brinischen

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brinischen Verse, nåmlich die sechsfüßigen jambischen, mit
ungetrennten Reimen. Ronsard, Desportes und Bois
leau haben sich derselben auch bedient, und unsere Poeren has
ben sie einhållig dazu angewandt. 3. E. Opis schreibt an
den Kaiser Ferdinand:

Du Zier und Trost der Zeit, du ebles Haupt der Erden,
Dem Himmel, Luft und See und Land zu Dienste werden,

gr85er Ferdinand, nådist allem, was did, ehrt,
Und deiner Macht Geboth mit treuem Herzen hört,
Kommt auch der Musen Schaar, die deutschen Pierinnen,
Kniet fröhlich vor dir hin, und sagt mit frenen Sinnen:
Daß fie, o Lust der Welt, binfort bestehen kann,
Der fremden Sprachen Truß, das hast du auch gethan. ac.

4. S. Nach iþrem Inhalte kann man diese Briefe in ernsthafte, lustige und satirische abtheilen. Die erstern fine den statt, wenn man an höhere, oder doch an solche Personen schreibt, denen man einige Ehrerbiethung schuldig ist. Imo gleichen lassen sie sich bey Trauerfållen, als Leichengedidice, an die Seidtragenden richten; denen 'man' gewiß in folchem Falle nichts Scherzþaftes sagen würde, wenn sie gleich une sere vertrautesten Freunde wären. Sie sind also hauptsäche lich entweder Lob- oder Trauerschreiben; es wåre denn, daß fie ganz moralisch abgefaßt wåren: da sie aber mehrentheils auf die Satire zu verfallen pflegen. Ein folder lobender Brief ist der obige von Opigen, nebst vielen andern von dies fem Poeten. Einen traurigen will ich aus Flemmings IlItem Buche der poetischen Wålder anführen, der an einen Witwer, nach dem Ableben seiner Ehegattinn abgelassen ist, und sich so anhebt:

Wenn, Edler, unser Geist auch mit dem Leibe ftürbe,
Und wenn er sich verschleußt, die Seele mit verdúrbe,
So wår es zweymal recht, daß ihr, und wer euch ehrt,
Als den es billig frånft, was Leid euch widerfahrt,
Bep dieser boren Poft euch zweymal mehr betrübtet.
Bie, ach! sie ist dahin, die ihr so innig liebtet,
Das creue fromme Weib! Sie, ach ! fie ist vorbey,
Was ist es, das man hat, das mehr zu flagen sep?
Crit. Dicht.

uu

Eben

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