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Verleihe fecen Muth, und schärfe meine Sand,
Zu' dringen durch den Neid des Volkes auf der Erden,
Das sonst mit seiner Schaar mein Meister möchte werden,

Und Wahrheit faum verträgt. Eben das hat er in den Büchern der Trostgedichte gethan, wo er fich den heiligen Geist, als den bochten Trost der Welt zum Helfer und Benstande erbittet." Wie nun hieran nichts auszuseßen ist: also ist es auch nicht allzeit nöthig, ders gleichen Anrufung zu machen., Boraz und Boileau haben in ihrer Dichtkunst keine gemacht. Opis in seinem Buche von der Ruhe des Gemüths, thut es auch nicht; ob es gleich eben so groß ist, als eins von den vorhergehenden.

15. 9. Was für Verse man zu solchen dogmatischen Ge dichten brauchen solle, das können die Erempel der Alten und Neuern lehren. Jene haben die Herameter für geschickt dazu gehalten, und Opig þat die langen jambi schen dazu bequem gefunden. Und in der That shitfen sich - zu einem langen Lehrbuche feine kurze Verse. Corneille hat dieses wohl geroußt, daher bar :er den Thomas von Reine "pis durchgehends in einerley gwolf - und drentebnfylbigte Verse, nicht aber in andere Arten derselben gebracht. Auch Philander, von der Linde har das lange geistliche Ges dicht Sam. Slaters, welches ein Gespräch der Seele mit dem Glauben vorstelle, in keine andere Art von Versen übersekt. Und es wäre zu wünschen, daß man folshes in der deutschen Uebersegung des Thomas von Rempis auch gethan hátte: da þingegen die eine, die wir davon haben, bald aus Elegien, bald aus Heroischen , bald aus trochaischen Versen besteht; die andere aber, die nicht långt Heraus gefommen, gar wie ein Gesangbuch aussieht. Wenn jemand Zeit und luft hätte, ein folches dogmatisches Wert in unfre Sprache zu überlegen, der dürfte nur den Palinges nius dazu wählen, welcher in dieser Classe gewiß eins von den schönften und erbaulichsten Büchern ist, die id) je geles fen habe.

Des

Des I. Abschnitts IX. Hauptstück. Von Söyllen oder Schäfer

gedichten.

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1. ll. an fann gewissermaßen sagen, daß diese Gattung von Gedichten die allerålteste sey. Denn ob ich wohl in

dem Capitel von Oben, im Absehen auf dieselben eben das behauptet habe: so widerspreche ich mir doch nicht, wenn ich sage, daß die allerersten Lieder, Schäferlieder odec Hirtengedichte gewesen. Die ersten Einwohner der Welt nährten sich bloß von der Viehzucht, Der Ackerbau, die Jagd, der Fischfang und das Weinpflanzen sind viel fpåter erfunden und in Schwang gebracht worden. Die Kaufo mannschaft und alle andere Künste sind noch viel jünger. Da nun die Erfindung der Poesie mit den ersten Menschen gleich alt ist, so sind die ersten Poeten, oder Liederdichter, Småfer oder Hirten geroefen.' Dhne Zweifel haben sie ihre Gesänge nach ihrem Character, und nach ihrer Lebensart eins gerichtet : folglich find ihre Gedichte Schäfergedichte gewesen.

2. S. Ich will damit nicht behaupten, daß die åftes sten Gedichte, die wir noch übrig haben, Schäfergedichte wåren. Nein,' was wir vom Theokritus, Bion und Morotus in dieser Art haben, das ist sehr neu.

Die allerersten Poesien sind nicht bis auf unfre Zeiten gekominen: ja sie haben nicht können so lange erhalten werden; weil fie niemals aufgeschrieben worden. Was nur im Gedächtnisse behalten und mündlich fortgepflanzet wird, das kann gar zu leicht verloren gehen. Daß aber vor Theofrits Zeiten wirklich Schäfergedichte müssen gemacht worden seyn, das kann aus seinen eigenen Jopllen er,

wiefen

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wiesen werden. Er berufft sich immeč auf die arkadi. fchen Hirten, als auf gute Poeten, die ihre Musik vom Pan gelasset hätten. Es müssen doch also unter den dama. ligen Schäfern mancherler Lieder im Schwange gegangen fenn, die zum Theile sehr alt gewesen seyn mogen. Haben fie so schön und so zierlich nicht ausgesehen, als Theokrics Gedichte, so ist es kein Wunder. Die Natur allein war ihre Lehrmeisterinn gewesen, und die Kunst mochte noch keinen Theil daran gehabt haben. Theokritus hat bendes zu vereinigen gesucht, und also feine Vorgånger weit übertroffen.

3. S. Will man nun wissen, worinn das rechte Wesen eines guten Schäfergedichtes besteht; so kann ichs kürzlich fagen : in der Nachahmung des unschuldigen, ruhigen und ungekünstelten Schäferlebens, welches vorzeiten in der Welt geführet worden. Poetisch würde ich sagen, es sey eine Abschilderung des güldenen Weltalters; auf christliche Art zu reden aber: eine Vorstellung des Standes der Unschuld, joder doch wenigstens der patriarchalischen Zeit, vor und nach der Sundfluth. Aus dieser Beschreibung kann ein jeder leicht wahrnehmen, was für ein herrliches Feld zu schönen Beschreibungen eines tugendhaften und glücklichen Lebens sich hier einem Poeten zeiget. Denn die Wahrheit zu sagen, der heutige Schäferstand, zumal in unserm Vaterlan: de, ist derjenige nicht, den man in Schäfergedichten ab, schildern muß. Er hat viel zu wenig Annehmlidykeiten, als daß er uns recht gefallen könnte. Unsere Landleute sind mehrentheils armselige, gedrüfte und geplagte leute. Sie find felten die Besiger ihrer Heerden; und wenn sie es gleich find: so werden ihnen doch so viel Steuren nnd Abgaben auferlegt, daß sie ben aller ihrer sauren Arbeit kaum ihr Brod haben. Zudem herrschen unter ihnen schon so viel {aster, daß man sie nicht mehr als Muster der Tugend auf. führen kann. Es müssen ganz andere Schäfer seyn, die ein Poet abschildern, und deren Lebensart er in seinen Gedichs ten nachahmen soll. Wir wollen dieselben etwas näher be trachten.

4. S.

4. 5. Man stelle fich die Welt in ihrer ersten Unschuld vor. Ein frenes Volf, welches von feinen Königen und Fürsten weis, wohner in einem warmen und fetten Sande, welches an allem einen Ueberfluß hat; und nicht nur Gras, Kråuter und Bäume, sondern auch die schönsten Früchte von sich selbst hervorbringet. Von schwerer Arbeit weis man daselbst eben so wenig, als von Drangsalen und Kries gen. Ein jeder Hausvater ist sein eigener Konig und Herr; seine Kinder und Knechte sind seine Unterthanen, seine Nachbaren sind seine Bundesgenossen und Freunde ; feine Heerden sind fein Reichthum, und zu Feinden hat er sonst niemanden, als die wilden Thiere, die seinem Viehe zuweilen Schaden thun wollen. Eine hölzerne Hütte, oder wohl gar ein Strohdach, ist ihm ein Pallast, ein grüner Lustwald sein Garten, eine fühle Höhle sein Keller, .eine sauberhütte fein Sommerhaus: Pelz und Wolle und ein Strohhut sind seine Kleidung; Milch und Käse sind seine Nahrung; die Feld - und Gartenfrüchte seine Leckerbissen ; ein hölzerner Bächer, ein Korb, eine Flasche, ein Schäferstab und feine Hirtentasche fein ganzer Hausrath. Sein Hund ist sein Wächter, eine Blume sein Schmuck und seine Erquickung, die Musik aber sein bester Zeitvertreib.

5. S. Im Absehen auf den Verstand, sind diese glück. feligen Schäfer zwar einfältig, aber nicht dumm. Sie können nach ihrer Art mancherley Künste, fie flechten schöne Körbe und künstliche Hüte, fie schålen bunte Ståbe, sie schnißen Figuren und Bilder auf ihre Flaschen und Bächer, sie winden Blumenkrånge, und pflanzen Bäume. Gelehrt find sie zwar nicht: doch wissen sie aus den Erzählungen ihrer Vorfahren, von einigen alten Geschichten; und aus dem Unterrichte der Flügsten unter ihnen, von einigen Geheimnissen der Natur , von dem (aufe der Geftirne u. d. m. doch allezeit mit einer gewissen Einfalt, zu reden. Sie haben einen gewissen natürlichen Wiß, aber keine gefünstelte Scharfsinnigkeit. Sie machen auch Vernunftschlüsse, aber von metaphysischen Absonderungen wissen sie nichts. Sie halten

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fid; allezeit an das, was sie empfinden, und ihre Unterredungen handeln von dem, was geschieht, was sie gesehen ober gehöret haben. Daher lieben sie die Erzählungen, und vsrtiefen sich, nach Art einfältiger Leute, zuweilen in besondern Umstanden, und solchen Kleinigkeiten, die nicht eben so no thig zu wissen waren.

6. S. Zhren Willen anlangend, haben sie zwar, als Menschen, Uffecten; aber keine unordentliche und ausschweifende Begierden, dadurdy sie einander beleidigen fónns ten. Der Geiz und Ehrgeiz verleitet sie zu feiner Ungerechtigkeit; und man weis ben ihnen weder von Schimpfworten noch von Schlägereyen zu sagen. Ihre Streitigkeiten bestehen darinn, daß sie im Singen oder Spielen, oder in andern Künsten, einander überlegen seyn wollen: und diese werden allezeit durch einen unparterischen Schiedsmann, den beyde Parteyen zuin Richter erwählen, entschieden. Sie (derzen mit einander, aber ohne Zoten zu reißen: denn die Ehrbarkeit ist bey ihnen zu Hause. Ihr Handel besteht im Tauschen; und ob sie wohl zuweilen durch eine kleine List einander hintergehen, so geschieht es doch nur zur Kurzweil: denn der Betrug ist ihnen so abscheulich, als das Steplen und Rauben. Jør Umgang ist von aller Grobheit so weit, als von allen Complimenten und von der Falschkeit, entfer: net. Sie sind offenherzig, aber bescheiden; frengebig, aber nicht verschwenderisch; sparsam, aber nicht farg; ehrliebend, aber nicht stolz. Endlich sind sie auch måßig und nüchtern, und mit einem Worte, ganz tugendhaft und vergnügt.

7. J. Ich habe noch nichts von der Liebe gedacht, weil dieses eine besondere Beschreibung verdienet. Diese Seidenfchaft herrschet am meisten unter ihnen, aber auf eine un. (dyuldige Weise. Sie ist die einzige Quelle ihres größten Vergnügens, aber auch ihrer größten Unruhe. Ihre Muße auf den Fluren und bey ihren Heerden, läßt ihnen Zeit genug, zu verliebten Gedanken und Unterredungen: aber ihre Einfalt verbeut ihnen alle gar zu künstliche Mittel, zu ihr tem Zwecke zu gelangen. Ihre guten Eigenschaften mas

chen

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