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Das Latein troket, mit seinen Redensarten, aller Ehrbarkeit: allein heute zu Tage will ein Leser damit geschonet werden. Die allergeringste Unreinigkeit becleßet ihn mit ihrer Frechheit; wenn nicht die Schamhaftigkeit in Morten, die Vorstellungen mildert. Id fodre in der Satire einen aufrichtigen Sdriftsteller, und Riche einen Unverschämten, der mir die Schamhaftigkeit pres diget.

Diesert Tert fann man ben uns auch Racheln, und sonderlich Günthern lesen, die sich ebenfalls bescheidener Håtten verhalten sollen; und denen man also nicht darinn zu folgen, befugt ist. Wer andern ein Sittenlehrer seyn will, der muß selbst nicht durch seine Schreibart zu verstehen geben, daß er la terhaft ist: sonst wird man von iým urs theilen, wie Quintilian vom Afranius schreibt: Togatis excelluit Afranius; utinamque non inquinasset argumenta, puerorum fædis amoribus, mores fuos fallus !

Lib. X. c. 1.

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nan Des I. Abschnitts VIII. Hauptstůck. Von dogmatischen Gedichten.

1. S. ir haben in dem ersten Hauptstücke des ersten Theils

gesehen, daß die Dichter die ältesten Lehrer des

mensdylidyen Geschlechtes gewesen; und daß also die Dichtkunst die Weltweisheit der rohen Völker abgegeben. Diesen Begriff bestätiget nichts so sehr, als die Vetrachtung einer großen Menge von eigentlichen Lehrgedichten, die uns aus dem Alterthuine übrig geblieben; und die uns 5. Stéphas nus, unter dem Titel, Poesis Philosophica, ans licht gefellet. Nun leidet es zwar mein Raum hier nicht, von allen denselben zu reden: allein von den vornehmsten muß ich doch einige Nachricht geben, um die Regeln der dogmatischen Poesie daraus zu ziehen. Dieses wird zugleich deutlich zeigen, daß die Poeten nicht nur das Belustigen, fon. dern auch ganz eigentlich das Unterrichten ihrer Sefer zum Zwecke gehabt:

Aut prodesse volunt, aut delectare Poetæ ;

Aut fimul & jucunda, & idonea dicere vitæ. Uus den fabelhaften Gedichten allein wollen dieses einige Feinde der Dichtkunst, f. E. Le Clerc, noch nicht sattsam einsehen: wie denn dieser in seinen Parchasianen die Poeten mit geschickten Kegelspielern vergleicht, und nicht begreifen kann, wozu sie einer Republik nůße wären. Sieße in der kritisch. Beytr. VI. B.a. d. 572. u.f. S. meine Uebersegung, von dieser Abhandlung, nebst den Anmerkungen dazu. Allein aus den eigentlichen Lehrgedichten muß die Sache so deutlich ins Auge fallen, daß die Absicht der Dichter auch das eigentliche Lehren gewesen sen, und seyn fónne: wie ich in der lateinischen Abhandlung, die ich vor der leipziger

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Ausgabe von des Card. Polignac, Antilucrez, deutlich erwiesen habe. Man sehe auch in der Geschichte der parisis schen Akademie der rdónen Wissensdyaften VI. B. XII. Art. a. d. 132. u. f. S. was Racine daselbst sehr gelehrt von dieser Sache geschrieben hat.

2.5. Die alleråltesten Gedichte dieser Art würden unstreis tig die sybillinischen Orakel seyn: wenn es nur ausgemacht wäre, daß dieselben nidit in neuern Zeiten untergeschoben worden. Aliein ihr Inhalt zeiget zur Gnüge, daß die noch vorhandenen Bücher derselben von denen ganz unterschieden sind, deren Livius und andere Alten gedenken. Diese zielten nämlich zu Beförderung der Abgórterer), und des Heya denthums ab: dahingegen jene allenthalben das klare Chri. stenthum im Munde führen; und auf den Goßendienft los ziehen. Zudem findet man, daß die wahren sybillinischen

Bücher, die zu Rom bis auf des åltern Theodosius Zeiten, von den Zehnmånnern zu Rathe gezogen werden muß

ten, unter dem Bonorius vom Stilicon verbrannt wora den: worüber denn die Heyden sehr bittere Klagen geführet. Rutilius humarianus schreibt davon im XI. Buche:

Nec tantum Geticis graffatus proditor armis,

Ante Sybillinæ fata cremavit Opis.
Odimus Althæam confunti fædere torris;

Nifæuin crimen flere putantur aves.
At Stilicho æterni fatalia pignora libri,

Et plenas voluit præcipitare colus.
Und wie ungereimt ist es nicht, zu glauben, daß die blinden
Heyden, ein größeres licht vom künftigen Messias gehabt
haben sollten, als die Juden; denen die Propheten nur råth.
felhaft davon geweissaget. Die Sybille nennet ausdrücklich
den Namen der Mutter Christi, Maria , und ihres Soh,
nes Jesus; die ein Efaias nicht wußte. Kein Prophet
hatte vorher gesaget, daß Jesus im Jordan getaufet werden
würde: aber die Sybille weis es; ja sie seget auch hinzu, die
ganze Dreneinigkeit werde sich dabey offenbaren. Wo bleibt

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nun

nun noch die so berufene Dunkelheit der fybillinischen Schreib. art; die sich in den vorhandenen Gedichten gar nicht findet ? Ja dieser ihr Ausdruck ist nicht einmal recht griechisch, fon. dern wimmelt von Fehlern. Endlich zeiget der Inhalt, daß die Verfasser derselben allererst um die Zeit der Antoninen gelebet: ob gleich die vermeynte Sybille vorgiebt, fie ren mit ihrem Manne benm Noah im Kasten gewesen. S. den Vossius de Poetis græcis Cap. I. a. d. 3. u. f. S.

3. S. Die Heilige Schrift liefert uns also an dem Buche Hiobs, an den Sprüchen, und dem Prediger Salomons unstreitig die alleråltesten Lehrgedichte, die nur vorhanden find. Daß nämlich Hiobs Buch das älteste Stück der Schrift fen, bekennen alle Ausleger; und daß es poetisch gefdhrieben sen, gestehen sie gleichfalls; wenn man den Eingang davon ausnimmt. Doch so verschieden die Schreibart der selben klingt, so gewiß ist auch dieser poetisc); ro gar, daß Jofephus deswegen dieß Buch für ein episches Gedicht ausgegeben hat. Es würde sich auch so ziemlich zu dieser Classe rechnen lassen: wenn nicht die Zahl der Gespräche und moralischen Unterredungen, die Erzählungen bey weitem übertråfe; als die nur im ersten und legten Kapitel haupts fácylich vorkommen. Der Hauptinhalt ist also unstreitig dogmatisch; indem Hiob mit seinen Freunden von den Wegen der Vorsehung, von der Gerechtigkeit Gottes, von der (ugend und dein (aster, und von beyder Belohnungen und Strafen handelt. Seine Lehrart aber wird dadurch desto lebhafter, daß fie ganz dramatisch, oder gesprächsweise abgefasset ist. Kurz, es ist ein Meisterstück in seiner Art. Salomons Vortrag hingegen ist in seinen Schriften gang davon unterschieden. Er redet lauter Sprüche, und drůdet seine Sittenlehren sehr kurz aus: nicht anders, als ob er die Regel Sorazens vor Augen gehabt gåtte:

Quidquid præcipies esto brevis! ut cito dicta,
Percipiant aniıni dociles, teneantque fideles.

Dieses

Dieses ist nun durchgehends im Oriente, bis nach China þin, die älteste Sehrart gewesen. In seinem Prediger suchet Sa: lomon zwar þauptsächlich die Wahrheit zu behaupten,daß alles eitel fen: doch kommen noch viel andere vortreffliche Lehren vor, die er sehr rührend einzuschårfen weis. Wenn das Buch der Weisheit, und das Buch Sirachs poetisch abge. fasset waren: so würde man sie ebenfalls in diefe Classe rechnen fónnen. Allein sie würden auch in neuern Zeiten, lange' nach dem Sesiodus gehören.

4. S. Der älteste heydnische Sehrdichter bleibt also wohi Sesiodus, aus Cuma gebürtig, der um Somers und des Lumelus, eines andern Dichters Seiten gelebet , iii Afcra einem Flecken am Fuße des Berges Helikon erzogen, ja selbst ein Priester Apollons gewesen seyn foll. Ein großer Beweis seines Alters ist es, daß er selbst anmerket, das Gestirn Arkcurus sen zu feiner Zeit in Biotien, den 8 Mårz, anporuxos aufgegangen: woraus Jos. Scaliger, in seinen Anmerkungen über den Pufebius beobachtet: man kónne in Bestimmung seiner Zeit über siebenzig Jahre nicht fehlen. Er muß nåmlich um die Zeit der ersten Olympiaden, oder um des Romulus Zeiten gelebet haben. Sein vornehmstes Werk, das hieher gehöret, sind seine Eeyoc xay 'Huegen, wiewohl auch seine Theogonie, und sein Schild des Hers kules zu dieser Classe gerechnet werden können. In dem ersten muntert er zuförderst den Perses zum fleißigen Ackera baue auf; nadidem er ihn aus der Fabel vom Prometheus, dem Epimetheus, und der Pandora belehret: woher es komme, daß es dem Menschen iko so sauer werde, seine Lebensmittel aus der Erde zu ziehen? Ferner lehret er diesen Freund, alle Tage im Jaộre, daran gewisse Feldarbeiten, oder andere Beschafftigungen eines Sandmannes vorgenommen werden müssen: als welche Kenntniß in den alten Zeiten, ein großes Stück der allernüglichsten Weisheit der Menschen ausmachete. In der Theogonie lehret er seine Leser gleich. sam den Ursprung aller Dinge, 0.i. der Götter und der Welt nach seinem und anderer Weisen damaligen Begriffe. Es ist

wahr,

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