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auf unsern Helden deuten lassen, als wenn man sagt: Doch, wo gerath ich, hin:

15. S. Die Schreibart aller dieser Gedichte muß, nach Beschaffenheit der Sachen und Personen, davon sie handeln, bald prachtig und erhaben, bald sinnreich und nachdenklich, bald pathetisch, bald aud) natürlich werden. Hofrath Pietsch hat in seinen meisten Gedichten eine so edle Art des Ausdruckes, und so erhabene Gedanken gebraucher, daß er zu solchen Lobgedichten fast allein gebohren zu feyn geschienen : wie man unter andern aus seinem Gedichte auf den Grafen zu Waldburg, und dem langen Gefange auf den Prinzen Eugen sehen kann, der sich angebt: Ufeuriger Eugen! der aber einer Ode åbnlicher sieht, als einen heroisdien Ges dichte. Opis giebt in seinem Lobgedichte aufden König Vla. dislas, ein treffliches Muster einer edlen Einfalt des Aus. druckes. Er geht nicht auf Stelzen, sondern ist von Natur durch die Art seiner Gedanken erhaben. Er kennet die Pflidhten eines Königes, und alles dessen, was ihn wirfe lich groß machet. Dieses schildert er nun so natürlid), daß er seinen Leser dahin reißt, und ibn in Bewunderung seines Helden feket. Sein Herz, und nicht sein Wię scheint die Feder zu führen, wenn er lobet. Nächst ihm hat neu. kirch in seinen Jobgedichten auf den König in Preußen die rechte Schreibart in seiner Gewalt gehabt. Auch er floßt lauter edle Bilder von seinem Helden ein: da hergegen Rø. nig, wenn er den Auguftus loben will, nur auf seine Stårfe, große Nase, und starke Augenbraunen verfällt; gerade als ob solche Kleinigkeiten zu der Würde eines Königes etwas beytrügen. Auch das ist tadelhaft, wenn Dichter in ihren Lobgedichten auf Fürften, nur ihre Kronen, Gold, Edelsteine, Purpur, Sammt, Trabanten, Pracht und Gefolge loben. Dieß sind Dinge, die zwar des Pöbels Hugen blenden, aber feine wahre Größe zeigen. Ein Nero kann sie eben fowohl, als ein Litus und Trajan Haben: aber diese wissen andere Mittel, rich ansehnlich und beliebe zu machen. Ein Dicha ter muß die Gedanken seiner Leser über die Vorurtheile des

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gemeinen Wahnes zu erheben, nicht aber darinn zu består: ken suchen. Man gåte sich endlich auch vor allen schwulsti. gen Uusdrückungen, in welche die lohensteinische Schule eine . Zeitlang gerathen war; und wovon auch neukirchin seiner Jugend angeftecket gewesen. Eben deswegen habe ich aus der Sammlung seiner Gedichte, die ich ans licht gestellet, alle die Stücke ausgeschlossen, darinn dieser bose Geschmack noch þerrschete.

16.9. Doch ehe ich dieses Hauptstück schließe, muß ich nod etwas erinnern, was zu diesem und allen vorhergehenden Hauptstücken dieses andern Theiles gehöret. Es betrifft die Titel, die man zu feinen Gedichten machen soll. Hier fragt sichs nun, wie man dieselben einzurichten habe? Viele Leute lieben die gekünstelten oder hochtrabenden, das ist, die metaphorischen oder allegorischen Titel: und diese pflegen ihre vornehmste Erfindungskraft schon auf der Leberschrift zu verschwenden. Feidhard hat eine Cantate ges macht, deren Titel dieser war: die mit blauen Adlers: flügeln gen Simmel geflogenen güldenen Sonnen. Die Erfindung war aus dem Wappen desjenigen Grafen genommen, bey dessen Seiche dieses Stück zur Trauermusit dienete. Wer sieht aber nicht, wie ungereimt die Phantasie des Poeten gewesen, der das Herz gehabt, die blauen Flů, gel an die Sonnen zu sehen, um sie damit gen Himmel fliegen zu lassen? In andern Gedichten findet man eben solche Ausschweifungen: ja in ganzen Büchern der Poeten ist es nichts feltsames, daß man poetische Trichter, Helikone, Parnasse, Tempel, Altåre, Rosenblätter, Rosengebüsche, Cebern. Lorbern. Myrten - und Cypressen - Håyne, Posaunen, Harfen, Glocken , Cymbeln, und warum nicht auch Schållen? von ihnen zu sehen bekommt.

17. S. Allein, wenn ich die Wahrheit davon gestehen soll; so machen alle diese metaphorische Titel einem Buche fein sonderlidies Ansehen. Die Alten haben ihren größten und besten Gedichten sehr einfache und schlechte Namen gegeben.

Die Jlias und Aeneis , nebst allen Trauerspielen der Gries chen, können genugsam davon zeugen. Andere kleine Were ' ke, hießen auch schlechtweg, Ode, Idylle, Satire, Elegie, Schreiben, Sinngedichte, u. s. w. ohne ein großes Geprale von dem wunderwürdigen Inhalte solcher Stücke zu machen. Und in den neuern Zeiten, haben auch die besten Dichter sich solcher hochtrabenden Titel enthalten. Man sieht mohl, daß Opig, Fleinining, Ranis, Besser, Philander und Günther sich aller dieser weitgesuchten Ueberschriften, sowohl in einzelnen Stücken, als in ganzen Sammlungen enthalten haben. Bey denen aber, die sich auf eine pralerische Art mit seltsamen Ueberschriften breit gemachet haben, hat es mehrentheils geheißen :

Quid tanto dignum feret hic promiffor hiatu?

Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus. Man bleibe also ben einer ungezwungenen natürlichen Kürze in den Titeln seiner Gedichte; und halte fest dafür: daß es weit besser sen, wann fernach im Gedichte oder im Buche mehr enthalten ist, als man aus dem Titel vermuthet håtte; als wenn auf dem Titel mehr wåre versprochen worden, als der Poet im Werke selbst leisten gewollt oder gekonnt:

Non fumuin ex fulgore, fed ex fumo dare lucem
Cogitat, ut fpeciosa dehinc miracula

promat.

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***** ***** Des I. Abschnitts VII. Hauptstück. Von Satiren oder Strafgedichten.

1. ). ie die Poesie überhaupt von der Musik und den ersten

Liedern ihren Ursprung hat, so ist es auch mit der

satirischen beschaffen. Man hat lange vor dem sos mer spottische und schimpfliche Gesänge gemacht, und ab: gesungen; folglich ist diese Art von Gedidten eben so neu nicht. Aristoteles, der uns dieses im vierten Kapitel feiner Diditkunst erzáblet, reget hinzu: daß diese Lieder sehr unflåtig und garstig gewesen, und daß somerus sie zuerst von dieser Unart gesaubert, da er in heroisdjen Virsen auf den Margites eine Satire gemacht. Dieser Margites, wie schon ben anderer Gelegenheit gedacht worden, modite ein Müßiggånger gewesen senn, der weder einen Schäfer, noch einen Udermana, noch einen Winzer abgeben wollte; und also nach der damaligen Art ein unnüßes Glied der menid). lichen Gesellschaft war. Uuf diesen machte nun somer ein Strafgedicht, welches er von den oben erwähnten Felleen der Grobheit und Schandbarkeit befreyete; und gab uns also, nach Aristotels Urtheile, den ersten Begriff von einer guten Satire, wie er uns vom Heldengedichte das erste gute Muster gemacht. Da aber dieses seinen Nachfolgern Gelegenheit gegeben, die Tragödie zu erfinden; so hat auch jene, nåmlid, die Satire, zur Erfindung der Komödie Unlaß gegeben.

2. S. Was nun somer in þeroischen Versen gethan hatte, das versuchte, um des Gyges, oder Romulus Zei. ten, wie Serodotus und Cicero bezeugen, oder im 3250sten Jahre der Welt, Archilochus in Jamben; die er selbst zu dieser Absicht erfand. Soraz sagt deswegen von ihm:

Archilochum proprio rabies armavit sambo. Diesen Vers zu verstehen, muß man die Geschichte wissen, die er voraussetzet. Lykambus hatte dem Arcbilocus

die VTeobule, eine von seinen dren Töchtern versprochen. Als dieser nun Ernst machen wollte, so schlug er sie ihm wieder ab, und gab sie einem andern. Das verdroß nun den Aretilocus dergestalt, daß er aus Rachgier, in jambischen Versen, die allerbeißendste Satire auf ihn machte. Diese brachte nun den Lykainbus zu folcher Verzweifelung, daß er fich felbft erhieng: ja seine drev Töchter, die er vieleicht auch nid)t geschonet hatte, follen, nach andern, eben das gethan haben. Von dieses Archiloctus Gedichten sind nur wenige Verse übrig, die einr. Stephanus, mit den Fragmentis Lyricoruin ans Licht gestellet bat. Ardiilochus ward darauf ein Soldat, und blieb in einer Schlacht. Außer dem aber, daß seine Gedichte so beißend gewesen, haben sie auch viel unzuchtige und den guten Sitten zuwider laufende Dinge in fich gehalten: weswegen die Lacebåmonier sie in ihrem Staate zu lesen verborhen. Sein Lobgefang auf den Herkules aber , ward so beliebt, daß er bey den olympischen Spielen auf die Sieger allezeit dreymal abgesungen ward. Apollonius, der Rhodier, hat sein Leben beschrieben, und Seraklides ein Gespräch von ihm gemacht. So berühmt er aber dadurch geworden und geblieben, so wenig Nachfol.. ger hat er in der jambischen Satire gefunden.' Man weis Feinen einzigen, der ihm darinn nachgeahmet håtte: vieleicht weil seine Schreibart zu viel Merkmaale der Rachgier gehabt, und eher einer persönlichen Såsterschrift, als einer allgemeinen Bestrafung der Easter ähnlich gesehen. Vieleicht hat aber sonst die unflåtige Art des Ausdruckes einen Abscheu vor feinen Gedichten erwecket. Die jambischen Verse indessen, die er erfunden, find in vielen Arten der Gedichte gebrauchet, und beybehalten worden.

3.9. In eben dem Hauptstücke erwähnt Aristoteles, daß man noch bis auf seine Zeiten, in vielen Stådten satirische Lieder voller Zoten gesungen, ja daß sie sogar durch öffentliche Gefeße eingeführet gewesen. Indessen fielen doch die besten Poeten, die zur Satire ein Naturell hatten, auf die Komödien, die anfänglich durch den Pratinas, Eu

polis,

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