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Des I. Abschnitts V. Hauptstück. Von milefiichen Fabeln, Ritters büchern und Romanen.

1. S. omer und sesiodus waren eine lange Zeit in Gries

dyenland gelesen worden, als sich endlich ein Phere

cydes und Serodot hervorthaten, die auch in unge bundener Rede zu schreiben anfiengen. Kaum wurden ihre Schriften recht bekannt, als sie mehrere Nachfolger fanden, die das, was vorhin nur in Versen geschehen war, auch in Profa thaten; ich meyne, die auch Fabeln und Gedichte, in einer freyen Schreibart zu Papiere brachten. Es kann feyn, daß sie darinn die Hebråer zu Vorgängern gehabt, die das Buch Esther, das Buch Judith, und das Buch vom Tobias geschrieben haben: welches theils um die Zeiten des Cyrus, theils noch eher, theils etwas spåter geschehen feyn mag. Dieses sind solche Gedidyte, die mit den inilesto schen Fabeln oder Romanen febr genau übereinkommen. Denn es liegt überall eine verliebte Geschichte zum Grunde, die durch allerley geschickte Nebenfabeln wahrscheinlich ge. macht, und erweitert wird. Allein da wir nicht versichern können, daß die ersten Erfinder milesischer Fabeln das Phos nizische, oder Hebräische verstanden: fo können wir auch nicht sagen, daß fie sich diese jüdische Bücher zu Mustern genom. men: es müßten denn die beyden legtern seyn, die griechisch geschrieben find. Doch was bedarf es fremder Muster? Soiner felbft, giebt in feiner Odyssee, theils durch die Ges schichte der Penelope und ihrer Freyer, theils in den Ers jåhlungen von der Circe, Ralypso und Baufikaa, nur gar zu guten Anlaß, dergleichen Liebesfabeln zu schreiben. Es þat also in flein Asien, einem blühenden und reichen Lande, wo es feit den åltesten Zeiten an wißigen Köpfen nicht ges

fehlet,

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feblet, gar leicht jemand darauf fallen können, solche ausführliche Liebesgeschichte zu schreiben; die entweder ganz, oder doch größtentheils erdichtet waren, und also unstreitig zur Dichtkunst gehören.

2. S. Die Jonier waren vor andern schon ein Volk, wels ches, weil es im Ueberfluite lebte, zu den Wollisten geneigt war; als Cyrus den Krosus schlug, und ganz klein-Asien eroberte. Die strengen Sieger sahen es gern, daß sie ben dieser Lebensart blieben, damit sie keinen Aufstand von ihnen zu besorgen hatten. Sie ergaben sid, also nur immer mehr dem Woølleben und Schmausen: sie schmückten sich mit Blumen und wohlriechenden Salben, sie bauten prachtig, und erfanden neue Zeuge zu Kleidungen und Teppichen; die von ihnen weit und breit verführet wurden. Sie erfan. den duch úppige Tänze, wodurch die Jugend weichlich und wollüstig gemachet ward. Daber befahl Cyrus auf des Rrosus Ratų, daß die streitbaren Lydier, ihre Nachbarn, ihre Kinder auf Jonisch sollten erziehen lassen; das ist, sie zu, Tänzern, Sångern und Spielleuten machen sollten , mø. durch sie unfehlbar zur Wollust unð Ueppigkeit gelangen würden. Dieß geschah: und so wurden die Indier weichlich und weibisch. Man ließ sie als Gaufler und Tänzer nach Griechenland, Hetrurien und Rom fommen, und auf öffentlichen Schaubühnen fid) zeigen: ja die Rómer nannten von ihnen die Spiele Ludos. Doch die Milesier übertrafen in allen diesen Künsten ihre übrigen Sandsleute noch: und sie waren die ersten, die auch solche verliebte Fabeln zu schrei. ben begunnten. Daher bekamen sie denn von ihnen den Namen der milefisien: obwohl auch die Cyprier und Cilicier, ihre Nadybarn, gewissen Arten derselben ihren Namen gegeben haben: als welche lektern wegen iþrer Ga. be zum (úgen in Griechenland zum Sprůchworte wurden. Diese milesischen Fabeln nun wurden allgem&ch sehr frech und geil, ob sie gleich im Anfange ziemlich ehrbar und be. scheiden gewesen seyn mocyten.

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3.5. Indessen sind alle diejenigen, rozwischen dem Cyrus und Alexandern dem Großen geschrieben worden, gånzlich verlohren gegangen. Findet man gleich bey den Alten einen Dionysius von Milet, der unter dem ersten Darius ges lebet, und fabelhafte Geschichte geschrieben haben sol!: fo ist es doch nicht gewiß, ob es milesische, das ist, verliebte Fabeln gewesen. Eben fo wenig fann man den Segesipp und andre hieher rechnen, deren milefische Gesdichte Parthenius ans führet; welcher um Augusts Zeiten eine Sammlung vers liebter Geschichte geschrieben: da die daraus angeführten Stücke fattsam zeigen, daß sie bloß die Historie von Piles rus enthalten. Zu Alepanders Zeiten lebte Klearchus von Soli, in Cilicien, ein Schüler Aristorels; und dieser. hat verliebte Bücher geschrieben: aber auch diese fonnten leicht Sammlungen wahrer Begebenheiten gewesen seyn. Theophraft, der gleichfalls Aristotels Lehrling gewesen, foll eben so wohl als sein Lehrer erotische Sachen geschrieben haben. Wer aber ihre Art zu denken kennet, wird viel eher glauben, daß sie, als Weltweise, von der Liebe gehandelt. Diogenes Laertius redet von einem Ariston, der auch erotische Abhandlungen verfertiget hat: und Achen&us nens net den Titel des Buches eines andern Aristons Liebesgleichnisse. Pbilipp von Amphipolis, Serodian, und Amelius der Syrer, haben nach dem Berichte eines alten Urzneylehrers, auch verliebte Fabelų gennachet. Aber wer fann uns von ihrem Inhalte versichern, ob sie philosophisch, mythologisch, historisch, oder romanhaft gewesen? So bleibt uns denn nur Antonius Diogenes übrig, der nach des Phos tius Muthmaßung, bald nach Alexandern, einen wahrhaften Roman von den Reisen und der Liebe des Dinias und der Dercyllis gemachet hat. Dieser hat augenscheinlich die Odossee nachgeaşmet; und ob er wohl auch viel abgeschmackte Mährchen und unwahrscheinliche Erzählungen eingemenget, so ist er dennoch ziemlich bey der Regel geblieben.

4. 9. Diefen Schriftsteller haben sich nachmals Lucius, Lucian, Achilles, Tatius, Jamblichus und Dama,

scius,

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seius, zum Muster dienen lassen: wie Photius in seiner Bibliothek berichtet. Er hat aber selbst einen Antiphanes genennet, der sein Vorgänger in dergleichen Fabeln gewesen. Dieser war ein komischer Dichter gewesen, von welchem Stephanus, der Erdbeschreiber meldet, daß er unglaubliche und possirlidhe Erzählungen geschrieben. Er war von Berge in Chracien; daher die Griechen Gelegenheit, naso men, zu sagen, wenn jemand fügen vorbrachte, daß er bergenzete. Aristides von Miletus, hat kurz vor dem Triumvirate des Marius, Cinna und Sylla gelebet: denn Sisenna, ein römischer Geschichtschreiber, Hatte seine miles fische Fabeln ins Latein überfeket. Daß selbige voller Una flåterenen gewesen, können wir daraus schließen, weil Surenas, der parthische Feldherr, der den Römer Crassus schlug, dieses Buch in dem Geråthe des Roscius, als eine Beute fand; und deswegen vor dem Rathe zu Seleucia diber die römische Ueppigkeit spottete, als die auch im Felde folche wollüstige Bücher mit sich schleppete. Run fotgeten Lucius von Patras, und Lucian von Samosata, fast zu einer Zeit. Jener machte eine Sammlung von magischen Verwandlungen der Menschen in Thiere, oder Herenmährchen; die er aber

ganz ernstlich glaubte. Lucian hingegen war gescheis der, und erzählte eben dergleichen in seinem Esel; den er nach jenem Lucius nennet, um darüber sein Gespött zu haben. Es hat noch einen solchen fabelhaften Esel gegeben, welchen Ammonius, ein Sprachlehrer geschrieben: und dies fer ist so wißig gewesen, daß er das Fressen und Saufen ver. gessen, wenn er einen schönen Vers lesen gehöret. Lucian hat überdem feine zwey Bücher wahrhaftiger Lügen gemachet, die gleichfalls sicher gehören; und die sowohl Rollenbagen, als eine neuere Feder verdeutschet hat: wie man in der kleinen Sammlung der lucianischen Schriften sehen kann, die ich aiis licht gestellet habe.

5. K. Um eben die Zeit, nämlich unterm Kaiser Antonin, hat Jumblicbus feine babylonischen Fabeln von der Licbe des Rhodines und der Sinonis geschrieben, darinn er

alle

alle seine Vorgånger übertroffen hat. Photius giebt uns einen Auszug davon, und hieraus sieht man, daß er nur eine einzige Haupthandlung mit den gehörigen Zierrathen und Episodien ausgeschmůcket; und die Wahrscheinlichkeit genau beobachtet. Indessen ist er der Zeitordnung gar zu historisch gefolget, und hat den Leser nicht gleich in die Mitte seiner Begebenheiten geworfen; wie somer in der Donssee gethan. Es sollen noch Manuscripte davon vorhanden senn. Man muß aber diesen Jamblichus nicht mit dem Schüler Porphyrb, einem platonischen Weltweisen vermengen, der erst um Julians Zeiten gelebet hat. Das vollkommens fte Stück in dieser Urt aber, hat uns Seliodor, in seiner åthiopischen Historie vom Theagenes und der Chariklea hinterlassen. Nichts ist züchtiger und tugendhafter, als die Liebe dieses Paares; und dieses sollte billig allen Romana schreibern nach der Zeit zum Muster gedienet haben. Man könnte fagen, diese Ehrbarkeit håtte man der christlichen Religion zu danken, der Beliodor zugethan gewesen; und darinn er sich durch besondere Verdienste bis zur bischöflichen Würde geschwungen: wenn es nicht unzåhlige andere schmutzige Nachfolger gegeben håtte, die sich nicht weniger, als er, Christen genennet. Sein eigenes tugendhaftes Herz muß ihm also einen Abscheu vor allen Unflåtereyen gemachet qaben. Er war Bischof zu Tricca in Thessalien, und füörte daselbst, wie Sokrates berichtet, die Gewohnheit ein, die Geistlichen abzuseßen, die sich nicht derjenigen Weiber enthielten, die fie vor erlangtem Priesterorden geheirathet hatten. Daher wird denn des leichtglaubigen Vicephorus Erzählung verdåchtig, als ob in einer provinzial Kirchenversammlung, dem heliodor, die Wahl vorgeschlagen und auferleget worden: entweder fein Buch verbrennen, oder sein Bisthum fahren zu lassen; davon er aber das lekte erwählet håtte. Seine Fabel indeffen zeiget eine reiche Erfindungskraft; alles ist darinn abwechselnd, neu, unvermuthet, wahrscheinlich, wohl eingefädelt, und glücklich aufgelöset. Die Nusa wickelung ist so schön, als natürlich, und beweglich; ja aus

ber

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