Page images
PDF
EPUB

das Auslachenswürdige derselben auf eine spafhafte und doch lehrreiche Art echeller. Ich darf diese Erklärung nid)t weitläuftig recheferrigen. Der allgemeine Begriff der Dichtkunst, daß sie eine Nachahmung sen, Herrscher auch hier billig. Die That oder Handlung muß lächerlich, das ist, ungereimt aussehen, ohne sehr schädlich zu seyn. Diese muß, vermittelst einer spaßbafren Erzäh. lung, so sinnlich gemachet werden, daß die leser dadurch belustiget und belehret werden; und also lust und Nußen als der Zveck eines wahren Dichters, daraus entitehe.

17. S. Das erste also, was ein fomischer Heldendichter zu thun hat, ist die Wahl der That, oder Handlung, die er besingen will. Diese kann entweder wirklich vorgefallen feyn, und dann ist es desto besser; oder er kann sie felost erdichten. Gefeßt aber , er erdichtete sie, so muß doch etwas wahres dabey zum Grunde liegen. Denn gefeßt, der meiste Theil der Leser wußte nichts von dem geraubten Wassereimer, von der Zánkerey der Geistlichen über den Pult im Chore, oder von der abgeschnittenen Haarlocke der Belinde, u. d. m. so ist es doch für die, so es wissen, desto lustiger; und der Dichter selbst hat aụs der Wahrheit und Verschiedenheit der Umstände viele Vortheile und Hůlfsmittel ; seine Fabel desto lebhafter zu schildern. Tassoni, Boileau und Pope haben also init Fleiß etwas wirklich geschehenes besin jen wollen; und eben so hat es Heinrich von Alkmaar in Reis neken dem Fucse gemadyet. Scarron und Rollenbagen aber haben alte Fabeln zum Grunde gelegt, und dieselben als Geschichte angesehen, darauf sie, als auf Wahrheiten bau. en konnten. Andere haben nicht minder etwas wirklich geschelenles, oder mehr als einerlen im Sinne gehabt, ob wir es gleid, nicht allemal wissen. Diese That nun darf eben nichts großes und wichtiges; sondern roll vielmehr an sich etwas kleines und lächerliches seyn. Denn wenn etwa ein Bauerdorf mit einem Fischerdorfe in ein Handgemenge gerathen, welches somer in der Batrachomyomactie bes schreiben wollen; oder der schlaue Hofmann Reinald einen Crit. Dichik.

Gg

König

[ocr errors][merged small]

König von Frankreich seiner Zeit betrogen und geåffet, wel. ches zum Reinete Fuchs Anlaß gegeben; oder ein paar Stádte einander einen Eimer weggestohlen, u. f. w. so sind dieses an sich lächerliche Dinge, die ein Didyter, als låcher. lich nach juahmen, oder zu beschreiben suchet. Und hier könnte es auch wohl kommen, daß ein Poet eine Sache von einer gewissen Seite als lächerlich ansehen und zeigen könnte, die vielen andern als ernsthaft vorgekommen wäre. Hierinn ist der Grund von den lustig eingekleideten ernsthaften Heldengedichten Virgils und Voltairens zu suchen.

18. S. Ist nun die Wahl dergestale geschehen : fo muß man sich entschließen, ob man eine thierische, oder mensch. liche Fabel daraus machen will. Das erste haben Somer, und von Alkmar, nebst dem Rollenbagen, imgleichen der Verfasser des Mücken- und Ameisenkrieges gethan: das lektere aber haben die andern komischen Heldendichter erwähler. Bendes ist gleichgültig, und des Spaßhaften fähig, wenn der Dichter nur sein Handwerk versteht. Zuweilen hat eins, zuweilen das andere feine Vortheile. Ben dem ersten klingt das schon zuweilen lächerlich, wenn man Thiere nach mensd;lider Urt reden und handeln låßt; 3. E. die Bewaffnung der Mäuse und Frösche, im somer, der es ihnen weder an Stiefeln noch Harnischen, weder an Sturmhauben, noch Schilden und Spießen fehlen läßt. Rollen. bagen läßt gar die Mäuse nod) von ausgehöhlten Kürbfen eine Florte ausrüsten, u. d. gl. Im zwenten Falle fålle dieses Jacherliche zwar wey; aber die Wahrscheinlichkeit ges winnet destomehr. In benden Fällen aber besteht das Justige hauptsächlich darinn, daß man von kleinen Sachen, große und erhabene Redensarten und Gleichnisse; von großen aber kleine brauchet. So vergleichet Somer die Scharmüßel feiner Mäuse und Frösche, mit dem Kriege der Centauren, und dem Aufrulre der Riesen gegen die Götter; und Pope den Zanf feiner Belinde und des Edelmanns, der ihr die {oce abgeschnitten, mit dem Kriege vor Troja, in den sich alle Görcer und Elemente gemisdet. Doch darf die Schreib

art,

art, aus eben dem Grunde nicht allemal gleich seyn. Es fann hier, ohne Bedenken, das Hohe mit dem Niedrie gen, das Ernsthafte mit dem Lustigen, und die wid tigste Sache mit der geringsten Kleinigkeit vermenget werden. 3. E. Pope:

Puder, Schönfleck, Liebesbrief, Bibel, alles liegt beysammen. Imgleichen:

Eher mag doch Luft und See, und der ganze Ball der Erden, Mann und 2 ff und Papagey, Kaß und Fund zum Chaos werden!

19. 9. Ein wichtiger Punct ist noch übrig, was nåm. lich die sogenannten Maschinen, oder das Wunderbare an. langet. Man versteht dadurch den Benstand der Götter, oder anderer übermenschlichen geistlichen Wesen, welchen sie den nen im Handeln begriffenen Menschen oder Thieren leisten. somer hat den Jupiter mit allen Göttern über die Drohung des Mäusebelden Meriðarpar, rathschlagen lassen; ja er schlägt wirklich mit Blik und Donner drein, um die Mäuse zu schrecken; so wie er sonst die Riesen vom Himmel zurůd geschlagen. Pope hat dagegen die Sylphen und Gnomen, das ist, die Luft- und Erdgeiter des Grafen von Gabalis, auf eine sehr spaßhafte Art in sein Gedidit gemenget, um es desto wunderbarer zu machen. Boileau mischet die Zwietracht, als eine Göttinn, in seine Fabel, vom Pulte; und eben so ist im deutschen Dichterkriege Eris mit im Spiele. Auf gleiche Weise könnte ein Dichter im Deute Ichen entweder einen Alp, oder Poltergeist, einen Wassernir, oder ein Bergmannchen; oder doch sonst eine allegorische Gottheit, aus der Zahl der laster und Tugenden, in eigener, oder fremder Gestalt erscheinen lassen. Dieses geschieht nun billig in dem eigenen Charakter jeder solcher Person, und dadurch erlangen auch Kleinigkeiten ein größeres Unsehen. Man darf auch in folchen scherzhaften Sachen eben nicht gar zu bedachtfam damit umgehen: nein, auch unnöthige und überflüssige Maschinen werden hier billig geduldet; wie šo E. Umbriel im Lockenraube ist.

Gg 2

20. S.

20. S. Was die Schreibart solcher komischen Gedichte betrifft, so ist frentich die poetische besser, als die ungebundene: wählet aber jemand diese, so muß er sie doch mit vielen poetischen Uusdrückungen zu zieren wissen. Was die Verse betrifft, so können sie entweder alte Knittelderse senn, wie im Reinicke Fuchs, oder Froschmåuseler; oder wie im Sudibras, im Scarron, in der Quenellomadzie, und der umgekleideten Henriade: oder sie können auch ordentlich seyn, wie in der Secchia rapita; im Pulte und lockenraube. Es kommt auf die Wahl des Dichters an; nur muß er das, was er machet, recht in seiner Gewalt haben. Wer sich nicht den rechten Gesd mack der alten Knittelderse iin lesen alter Poeten erworben hat, der bleibe lieber bey den neuern Versen. Ich kenne nur einen Dichter in Deutschland, Herrn Hofr. Müldener in Dresden, der uns dergleichen glückliche Proben, geliefert hat. Hier fållt mir erst ein, daß auch der Herr von Solberg in dánischer Sprache ein folch komisches Gedicht von Peter Paars geliefert , welches man unlángst auch verdeutschet hat. Ich habe es noch nicht gelesen, fann also nichts, davon sagen. Wer eine genauere Defonomie des innern Wesens folcher Fabeln wissen will, der muß das folgende Hauptstück mit durch lesen. Hier verlohnte sich die Mühe nicht, die gange Verfassung epischer Gedichte noch vollkomme:

ner zu erklären.

den

Des

*****
Des I. Abschnitts IV. Hauptstück.
Von der Epopee, oder dem Hel

dengedichte.

[ocr errors]

N

[ocr errors]

unmehr kommen wir an das rechte Hauptwerf und

Meisterstůck der ganzen Poesie, ich meyne an die

Epopee, oder an das Heldengedicht. Somer ist, fo viel wir wissen, der allererste, der dergleichen Werk un. ternonmen, und mit fuldhem Glüce, oder vielmehr mit foldher Geschicklichkeit ausgeführet hat; daß er bis, auf den heutigen Eag den Benfall aller Verständigen verdienet hat, und allen seinen Nachfolgern zum Muster vorgeleget wird. So groß die Menge der Poeten unter Griechen und lateinern, Italienern, Franzosen, Engelländeru und Deutschen gewesen: so klein ist nichts destoweniger die Anzahl derer geblieben, die sich gewagt haben, ein solches Heldengedicht zu schreiben. Und unter zehn oder zwanzigen, die etwa in. Perhalb drey: tausend Jahren solches versuchet haben, ist es. kaum fünfen oder sechfen damit gelungen: woraus denn die Sdwierigkeit eines so wichtigen poetischen Werkes fattsam erhellen kann.

2. S. somer ist also der Vater und der erste Erfinder dieses Gedichtes, und folglich ein recht großer Geist, ein Mann, von besonderer Fähigkeit gewesen. Seine Ilias und Odyffee haben sich nicht nur den Benfall von ganz Griechenland, sondern auch die Hochachtung und Bewunderung des tiefsinnigsten unter allen Weltweisen, Aristotels, unstreitig erworben. Dieses lektere ist von weit größerm Gewichte, als das erste: denn das scharfsichtige kritische Auge eines Kunstverståndigen sieht auf das innerste Wesen einer Sache; da hergegen der unverståndige Pöbel, ja selbst die Helden, Gefeßgeber und Prinzen, nebst der Menge der Gg 3

Halb

« PreviousContinue »