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binden wolten, als die Franzosen; welche niemals anderswo,
als am Endłoer Zeilen, einen Schlußpunct (eiben. Unsere
besken und reinsten Poeten haben sichs niemals verbothen, den
Verstand in heroischen Versen, bis an den Abschnitt einer
folgenden Zeile, zu ziehen. Ich will nur Amchorn und
Günthern zum Beweise anführen, die gewiß in der Reis
nigkejt ohne Tadel sind. Der erke will in der Uebersetzung
aus Virgils Zeneis von den Mufer wissen:

Warum Junonens Zorn, durch ihres Eifers Macht,
Auch selbst die Fröinmigkeit in soldie Noth gebracht,
In so gehåufte Notly? Jit das aud) wohl zu loben,

DAB selbst die Götter u, vor Butl und Rache toben ?
Und Günther, in dem Lobgedichte auf den König August,
schreibt von der Geschwindigkeit im Dichten:

Dieß kann Lucil, ich auch. Wllein ich Teh und weis,
Wie viel Verstand und Witz, Geduld und Zeit und Fleiß,
Ein túdytig Werk begehrt, Das Kluge lústern machen,
Der Lorberu würdig seyn, der Seider Grimm verlachen

Und ewig leben soll.
Wenn man sich nun dieser Freyheit mit Maaßen bedicnet,
dann kann man es uns für feinen Fehler anredinen. Wir
halten dadurch das Mittel, zwischen dem Zwange der Fran-
zosen, und der gar zu großen Freybeit der Italiener und Enga
sảnder: die aber dadurch eine große tinmuth verlieren.

40. S. Was endlich im Deutschen die Oden anlangt, so gehöret fürs erste dazu, daß sich mit jeder Strophe der volle Verstand schließe. Die alten sateiner haben sich daran auch nicht gebunden. In Sorazens meisten Oden hången etliche Strophen so aneinander, daß man an dem Ende der einen, gar nicht stille stehen kann. Da möchte ich nun gern wissen, wie das nach ihrer Musik im Singen geflungen? Ben' uns klingt es nicht, wie wir aus etlichen altfrånkisdyen Kirchenliedern fehen. Allein das ist noch nicht genug. Wenn die Strophen mehr, als vier Zeilen haben, so kommt auch wohl mehr, als ein Punct in denselben-vor; und da fraget sichs, ob er überall stehen könne? Am Ende jeder Zeile zwar, kann es niemand gewehrt werden, den Verstand zu schließen: allein

außer

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außer dem giebt es in jeder Art der Ubwechselung von Zeilen gewisse Stellen, wo die Puncte vornehmlich biegehören, und Wer sie daselbst nicht machet, der fündiget wider den Wohlflang. Dod, das gehöret eigentlich ins Hauptstücke der Oden.

41.9. Dieß ist nun das allgemeine, fo ich vom Wohlklan, ge der poetischen Schreibart überhaupt habe sager fónnen. Besondere Anmerkungen muß sich ein jeder felbst machen; oder von geschickten Lehrern der Dichtkunst mündlich machen lassen. Die gemeinen Regeln von der Prosodie und den Reimen habe id) hier nich, abhandeln wollen. Sie stehen in so viel hundert Handbüchern, und ich seke zum voraus, daß man sich dieselben bekannt gemacht hat, ehe man mein Buch lesen will. Man kann sie ißo auch ausführlich in meiner deutschen Sprachkunst IV. Theile nachlesen. Ich habe nur den Grund von demjenigen anzeigen müssen, was andere weitläuftiger vorgeschrieben haben. Und also schließe ich mit diesem Hauptstücke den ersten Theil meiner Dichtkunst, darinn id) nach einer ģistorischen Einleitung im I. Hauptstücke, den Poeten selbst im II. und III. Hauptstücke beschrieben; im IV. das Wesen der Poesie, d. i. die Nachahmung, und sonderlich die Fabel erklåret, und im V. und VI. ihre vornehmsten Eigenschaften gewiesen. In allen folgenden Hauptstücken habe ich die Mittel, wodurch die poetische Nachahmung geschieht, nebst ihrem rechten Gebrauche und Misbrauche angezeiget : d.i. Ich habe die poetische Schreibart, nach ihren Fehlern und Schönheiten entdecket. Das waren nun allgemeine Lehren: im folgenden Theile wollen wir die besondern Gattungen der bey uns üblichen Gedichte vor die Hand nehmen. Im ersten Abschnitte werde ich diejenigen poetischen Werke durchgehen, die schon von den Alten erfunden, und zur Vollkommenheit gebracht worden. Im zweyten Abschnitte aber will ich die neuern Erfindungen der Dichter vor die Hand nehmen, und ihre Regeln

fest regen.
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Des II Theiles

I. Abschnitt. Von den Gedichten, die von den

Alten erfunden worden.

Das I. Hauptstück.
Von Oden, oder Liedern.

1. $.
Wir folgen der Ordnung der Natur. Oben ist

erwiesen wordeii, taß die Musik zur Erfinu dung der Poesie den ersten Anlaß gegeben. Die ersten Dichter, Eumolpus, mus&us, Orpheus, Arion, Amphion und Linus,

haben lauter musikalisdie Verse gemacıt, und dieselben den Leuten vorgesungen. Die alten haben ihre Gefeße gesungen, und Aristoteles meynet gar, daß dieselben darum vouos genennet worden: weil die Strophen der Lieder so hießen, darinn sie vor Alters abgesungen worden. Die Geschichte und Thaten der Helden wurden auch schon vor Erfindung der Schriften in Liedern aufbchalten. Alles, was vor dem Radmus von Milet und dem Pherecydes von Scyros in Griechenland gemacht worden, das waren Lieder, und Gesänge. Juch in der Odyssee finden wir, DO 2

daß

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