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schlechte Person auftritt; oder wenn ein Affect die pathetische Schreibart erfordert. In dem Heldengedichte dienet diese Schreibart nur gleichsam zum Gewürze, welches theils der Poet, theils seine Helden, die er redend einführet, ganz sparsam mit einstreuen, wenn es die Umstände an die Hand geben. In den Trauerspielen geben uns, außer den alten Griechen, die neuern Franzosen, Corneille und Racine, die schönsten Erempel: wiewohl Fenelon, in seinen Gedanken von der Tragödie, den ersten einer gar zu schwulstigen Art des Ausdrucks beschuldiget hat. In Heldengedichten aber kann, náchft dem somer und dem Virgil, auch Taffo und Voltaire zum Muster bienen. In Satiren fann endlich auch zuweilen was scharfsinniges vorkommen, zumal wenn der Poet ins Moralifiren kommt. Soraz, Juvenal , Boileau, Rachel, Kanig, neukirch und Günther sind darinn zu Mustern zu nehmen. Statt aller Erempel von der wahren scharfsinnigen Schreibart fann Neukirclis Trauergedicht auf die Königinn von Preußen Charlotte eins an die Hand geben. Es herrschet eine richtige Hoheit der Gedanken darinn, und wenn man das eine Worte spiel von Engelland am Ende wegnimmt, so ist es ohne Fehler. Ich habe schon oben hin und wieder verschiedene Stücke daraus angeführet, man muß aber das ganze Gedicht in der Sammlung seiner Gedichte, die ich ans Licht gestellet, nachlesen. Hier mag ein Stück aus Pietroben die Stelle vertreten, der gleichfalls in dieser Schreibart eine große Stärke hat. So schreibt er in dem Gedichre auf den Grafen Truchfes zu Waloburg: :

Ihr, die ihr unsern Geist, mit hohen Trieben rührt,
Und auf die Trauerbahn die matten Dichter führt;
Das Schrecken bindet mid), wie kann ich Borte binden?
Mein Schmerz verliehrt die Kunst, helft sie mir wieder finden!
Ein Jrrthum der Natur vermishet Tag und Nadit,
Weil ein Gewolke schon den Mittag finster macht.
Bie? låßt der Frühling auch Eis um das Herze fühlen,
Denn Blut und Jugend noch in allen 2dern spielen?

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Bat, wo der stolze Bau der Ehrenbogen steht,
Zugleich der rauhe Tod sein Siegesmaal erhöht?
Der, wenn sein Mordaltar von trüben Flammen glühet,
Auch von der Fürsten Schouß die fetten Opfer ziehet.

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Eben einen so vernünftig. erhabenen Ausdruck kann man in Opigens und Flemmings lobgedichten, auf bohe Häupter, imgleichen in Günthers Oden, zumal in der auf Graf Sporfen, darinn kein sonderlicher affecè stecket, antreffen.

22. S. Wie nun diese Schreibart große Schönheiten an fich hat: so ist es fein Wunder, daß sieviel Liebhaber gefuna Den bat. Ein jeder Poet hat vor einiger Zeit recht sinnreich oder hoch, wie mans insgemein zu nennen pflegt, schreiben wollen: allein da so wenigen von Natur die Federn dazu gewachsen gewesen, so ist es den meisten wie dem Ifarus gegangen, der so hoch flog, daß ihm die Flügel schmolzen, und er also gar herunter fiel. Von der wahren Hoheit der Schreibart hat longin ein eigen Buch geschrieben, und von der falschen Hoheit habe ich schon Werenfelsens Disser: tation de Meteoris gelobt. Diese beyden Schriften muß man mit großem Fleiße lesen, wenn man sich auf einem so glipfrichten Stege, als der ist, der nach dem Parnaß führet, nicht versehen will. Es ist nirgends leichter, Fehltritte zu thun, als hier; denn es kommt mehr auf den Geschmac, als auf Regeln hier an. Boubours selbst, der vernünftigste Kunstrichter in Frankreich, wie er selbst von den gelehrtesten Engländern genennet worden, hat zwar in seiner Maniere de bien penser eine Menge fehlerhafter Stellen angemerkt und verworfen; aber felten die Ursachen und Re. geln seiner Urtheile angeben können. Und so geßt es auch denen, die uns im Deutschen haben lehren wollen, was Longin durch das Erhabene versteht; als welche, außer vielen Schmàuchelenen gegen einige noch lebende Dichter, und manchen vergållten Censuren, wider andere, denen ihre Schußgórter nicht wohl wollen, nicht viel deutliches zuwege gebracht haben.

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23. g. Unter den alten lateinischen Poeten ist dieser falIchen Hoheit halber Lucan schon oben erwähnet worden; und man kann ihm noch den tragischen Seneca an die Seite feßen. Das machet, beyde waren Spanier von Geburt, und liebten von Natur die schwülstige Art des Ausdruckes. Unerhörte Vergrößerungen foften ihnen nichts. 3. E. Lus can schreibt im V. Buche :

Tunc quoque tanta maris moles crevisset in aftra,

Ni fuperum rector preflisset nubibus undas. d.i. Auch damals würde die ungestüme See bis an die Sterá ne aufgeschwollen seyn: wenn nicht Jupiter die Wellen mit den Wolken beschweret und niedergedrůcket håtte. Wer sieht hier nicht die Unmöglichkeit sowohl des ersten, als des an= bern ein? Das ist ihin noch nichts. Den Caro scheut er sich nicht, allen seinen Göttern entgegen zu legen, ja vorzuziehen, indem er ihn zum Gönner und Beförderer der guten und gerechten Sache des Pompejus machet; den Göttern aber Schuld giebt, daß sie dem boshaften Cäfar beygestanden håtten. Es heißt gleich im ersten Buche:

Nec queinquam jaın ferre potest Cæfarve priorem,
Pompejusve paren. Quis justias induit arma?
Scire nefas. Magno le judice quisque tuetur.
Victrix cauffa Diis placuit; sed victa Catoni.
Des stolzen Casars Geist fann feinen höhern leiden,
Pompejus nichts, ihm gleich. Wer hat nun wohl von benden
Das befte Recht zum Streit ? die Antwort fällt hier schwer,
Weil bende durch den Schutz sehr großer Richter friegten:

Den Sieger sdhúßte Gott, und Cato den Befiegten. Muß denn nun die Begierde hoch zu denken und zu schreiben, einen Poeten zu der Ausschweifung verleiten, daß er einem bloßen Menschen mehr Weisheit, Liebe zur Gerechtigkeit, und mehr Billigkeit, als der Gottheit selbst, zuschreiben dörfe? geseßt, daß es auch nur eine heidnische wäre. Die Stoifer wußten ihren weisen Mann nicht höher zu loben, als wenn fie ihn Gott åhnlich machten, ja ihn einen Freund der Göte ter nennten. Lucan aber erhebt Den Caro auf den göttlichen Thron, und seker die Götter nicht etwa an die Stelle Catons; denn das wåre zu viel Ehre für sie: nein, an die Stelle der ungerechten Richter, die allen Bösewichtern bere stehen. Denn er saget gleich im Anfange, daß er Jus sceleri datum besingen wollte: wie das årgste Bubenstůck, verstehe Casars Herrschlucht, Recht bekommen, oder gesieger habe. Wer hier nicht der gesunden Vernunft Plaß geben will, der muß in der Berunderung Lucans ganz und gar ersoffen senn.

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24. S. Nicht besser klingen viele Stellen, ja ganze Tragds dien des Seneca. Man darf nur das Buch aufthun, um eine dergleichen schwulstige Schreibart anzutreffen. Ich will nur eine Stelle aus dem Herkules Detåus anführen, welche Tragödie ihm auch zugeschrieben wird. Herkules will in die Zahl der Götter aufgenommen werden, und muß folgendergestalt den Jupiter anreden:

Quid tamen nectis moras? Numquid timemur? nunquid impofitum fibi Non poterit Atlas ferre cum cælo Herculem? &c. Da, da tuendos, Jupiter! faltem Deos. Illa licebit fulmen a parte auferas, Ego quam tuebor. Sive glacialein polum Sen ne tueri fervidam partem jubes Hac esse superos parte

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puta. Ich will nur eine prosaische Ueberseßung davon geben: „Was fáumest du noch lange, Jupiter? Fürchtest du dich

etwa vor mir ? Oder wird Atlas den Herkules mit dem „Himmel zugleich nicht ertragen können? Gib, gib mir, „o Jupiter ! zum wenigsten das Amt, die Götter zu beschüßen.

Derjenige Theil des Himmels, den ich vertheidigen werde, „wird deiner Donnerkeile nicht bedürfen. Du magst mir „ nun entweder den kalten Nordpol, oder die hißige Mits „ tagsgegend anvertrauen : so kannst du versichert seyn, daß „ die Götter unter meinem Schuße sicher seyn sollen.“ Das ausschweifende Wesen dieser Rede zu entdecken, ist gar nicht norhig; und ich würde dem Verftande meiner Leser viel zu

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wenig zutrauen, wenn ich ihnen in einer so handgreiflichen Sache behůlflich seyn wollte.

25. S. Im Deutschen kann uns Lobenstein die Muster einer so schwulstigen Schreibart geben. Seine Tragödien find überall damit angefüllt, und er verdienet deswegen der deutsche Seneca zu þeißen. In dem Stauspiele Jbrahiin Sukan hebt der thracische Bosphor so asiatisch, oder vielmehr übersteigend und schwulstig an zu sprechen:

Befremdets euch, ihr Völker holder Sitten,
Daß des erzůrnte:1 Bosphors Cdylund
Den Strand verläßt, wo Thrar und Türke wüten,
Für des unwirthbarn Meeres Mund,
Der Donau süße Lipp und grüne Fluth zu füllen?
Es ist nichts feltsames mein unterirdisch Lauf:
Es schleust ja die Natur des Abgrunds Röhren auf,
Auch Strömen, daß ihr Glas kann unter Meeren fließen.
In Plotens Inseln trinkt man ein moreish Quell,
Und in Sultanien rinnt, was zu Mecha quillet,
Des Alfeus Silber ist in Elis nicht so hell,
Als wo er seine Brunst mit Arethusen stillet.
Wie soll der Erde Kluft denn mir verschlossen seyn,
Mir, der ich selbst das Rohr bin aller Meere?
Weil Calpens Meersdlund nid)ts dem Ocean flößt ein,

Was nicht der Meere Brunn, das schwarze Meer, gebåhre. ac. So fährt nun dieser Vorredner unaufhörlich fort, und treibt seine Scharfsinnigkeit aufs höchste, wenn er endlich fu ausbricht:

Mit was für neu und ungewohnten Stralen,
Seh aber id) Burg, Stadt und Land gefront?
Ja einen neuen Stuhl mit Purpur aufgethront?
Der Donau Haupt mit Myrtenfrånzent pralen?
Sich ihren Sand in Gold, ihr Schilf in Zuckerrohr,
Sein Schmelz in Diamant, den Schaum in Perlen kehren?
Was leuchtet aus Tyrol für ein Gestirn hervor?

Kann sein Erztreich Gebirg auch Sonnen nun gebahren? Hier sind alle lohensteinische Schönheiten bensammen zu fina den. Stralen, Purpur, Myrren, Rrånze, Gold, Zucker, Schmelz, Diamant, Schaum, Perlen, DeCrit. Dichik.

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stirne,

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