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Den Adlern drobete; dieß, die beschreiben wir.
Rom! was umnebelt dich ? Ach! wie gerathet ihr,
Ihr Bürger in die Wuth, den alten Ruhm zu schånden?
Der Römer edles Blut so schimpflich zu verschwenden,

Und gebt, was übrig bleibt, verhaßten Völkern Preis ac. In eben der aufgeblasenen und unnatürlichen Schreibart fährt der Poet unaufhörlich fort. Das macht, er hat laus ter übersteigende Gedanken, seltsame Vorstellungen von ges wöhnlichen und gemeinen Dingen, weit gesuchte Gegensåße, ftarke Figuren, 'ur f. w. welches fich alles für Erzählungen nicht schicfet. Vom Statius und Claudian babe ich schon auf der 22. S. in den Anmerkungen zur Horazischen Dicht. kunst die Proben angefübret, welche Stelle man nadəschlas

gen fann.

16. S. Es ist nicht zu leugnen, daß nicht in dieser Schreibart, sonderlich Lucans, viel Feuer, Einbildungskraft und Zierrathe zusammen gehåufet anzutreffen seyn sollten. Dies fes kann man den Bewunderern desselben einräumen, ohne deswegen auf ihre Seite zu treten. Es fraget fich nur, ob dieses alles mit Verstande und an dem rechten Orte anges bracht worden? Heldengedichte müssen entweder keine Ers zählungen seyn, oder, die Schreibart derselben 'muß anders eingerichtet werden , als Lucan sie eingerichtet ßat. Soraz schreibt gleich im Anfange seiner Dichtkunst:

Incæptis gravibus plerumque & magna professis.
Purpureus late qui fplendeat unus & alter,
Afsuitur pannus; cuin lucus & ara Dianæ,
Et properantis aquæ per amanos anbitus agros,
Aut flumen Rhenum, aut pluvius describitur arcus :

Sed nunc non erat his locus! Eben hierinn ist auch Milton tadelhaft, dessen Erzählungen fast durchgehends gar zu verblümt, stolz und prächtig sind. Er verschwender causend Bilder, Gleichnisse und Beschrei. bungen. Er bringt, gleich dem lohensteinischen Arminius, alle seine Seleþrsamkeit und Belesënbeit an, und verfälle

auf

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auf langwierige. Ausschweifungen, die den Sinn des Lesers zerstreuen. Talso und Voltaire, fönnen die Kunst zu erzählen unzähligemal besser, als dieser Englánder.

17. S. Was die Briefe anlangt, die poetisch abgefaßt werden, so haben sie eben diese natürliche Schreibart nöthig. So hat Goraz die Seinigen geschrieben; ja ich kann auch

; den Ovið hier anführen, obgleich deffen Sendschreiben alle zu den Elegien gehören. Im Französischen ist Boileau ein Neister darinnen; im Deutschen aber hat Opig diese Schreibart fehr wohl inne gehabt. Flemining und Ranig habens ihm gleich gethan; Neukirch) und Günther aber haben ihn weit übertroffen. Jh will zur Probe aus Neu.

Ich firche Schreiben der Aurora, an den König von Preußen, etwas berseken:

Ich schreibe, Konig, hier, was man bey Sofe flagt,
23as meinen Ruhm derlegt, wie fast ein jeder sagt.
ch! zúrne nicht zu früh, denn unsers Geistes Triebe
Eind zwar voll Eifersucht, allein aud voller Liebe.

Es ist nichts grausames, womit du uns beschwerft:
Wir klagen, daß du dich für andre selbst verzehrst;
Daß du ein König bist, und doch in deinen Landen
Kein Diener je gelebt, der früher aufgestanden.
Die Hirten sind erstaunt, die Mufen schämen rich:
Denn bende finden schon , ro bald sie machen, dich.
Mein Phóbus, der dir doch so berzlich wünscht zu dienen,
Sit selber, wie du weißt, ftets viel zu spät erschienen;
Und fuhr mich heute noch mit rauhen Worten an:
Daß ich der Bolfen Flor nid)t früher abgethan.
Was Phóbus an mir straft, geb ich mit gleichem Blicke
Der Ordnung der Natur und dieser Welt zurücke.
Was nibt mir, sprech ich oft, der hellen Flügel dhein,
Wenn Helden flüchtiger, als Licht und Flügel reyn?
Allein, was die Natur mid läßt zur Antwort hören,

Ist dieß, ich möchte doch nicht ihr Geseke storen ac, Hier Herrschet durchgehends das natürliche ungekünstelte Wes sen der poetischen Schreibart; obwohl alles ebel und artig gedad)t und gefaget worden.

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18.S.

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18. S. Doch man muß die natürliche Schreibart durchs aus nicht mit der niederträchtigen vermischen. Sie sind wie Tag und Nacht von einander unterschieden, obgleich viele gier feinen Unterscheid bemerken können.

Sie mennen, wenn sie sich einer niedrigen Schreibart bedienten, so stünde ihnen alles fren; zumal, wenn sie etwas scherzhaftes fagen wollten. Daher kommen nun die niedertråchtigen Scherze, oder vielmehr die Fragen unsrer Dichter. 3. E. aus vielen Hunderten eines solchen Meisters, Rönigs, in seinen Fastnachtspossen und Pritschmeisterreimen, nur ein Paar zur Probe zu geben:

Hier stellt sich ein Ducatenhuster ein;
Das wird für mich auch wohl nicht übel Feyn,
Doch bey der Hölzernen Zutschkann voll Bier
Wirst du wohl fluchen:
Denn mich bedeudt, du wirst viel lieber dir

Ein hübsch Paar fleischerne Zutschlannen suchen.
Dder dieses :

Es fommt, weil du achier den weiten Schuß gethan,
Ein Sober, der gefült mit Epern, für dich an:
Doch, kannst du sie entrathen;

So schick den ganzen Korb an die Castraten. Auch Gunther ist ben feiner unedien Lebensart sehr oft auf diese niederträchtige Schreibart gerathen; und das zwar nicht nur in Satiren, Darinn er außer Racheln auch wohl die Alten zu Vorgångern gehabt; sondern in Briefen und andern Gedichten, darinn man wohl etwas edlers von ihm Håtte fordern können. Ich will hier nur aus seiner Heldenode auf den Prinz Eugen etwas anführen, welches das ganze Gedicht verstellet. Er beschreibt einen Soldaten, der aus Ungarn fømmt, und in einer Dorfschenke feine Chaten erzählt:

Dort fpißt ein voller Tisch das Ohr,
Und hört, wie Nachbars Hans erzähle:
Hans ißt, und schneidet doppelt vor,
Uno Idymiert sich dann und wann die Reble.
Seht, spricht er, Sdwåger! seht nur her,
Als wenn nun dieß vie Donau wår:

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Hier macht er einen Strich mit Biere.
Daftreiften wir, da stund der Feind;
Hier gieng es schärfer, als man mennt!

Gott straf! ihr glaubt mirs ohne Schwäre. 19. $. Von Erzählungen dieser Art, will ich aus Ricde rers Fabeln Nefopi die LXV. Herseken, wiewohl sie alle gleich geschicke dazu wåren. Es heißt:

Ein Fuchs, der Bauren schuldger Diener,

Da, wenn es an ein Stehlen geht;:
Stahl einem solchen viele Hüner,

Und machte sie im Huy labet.
Der Bauer suchte fich ju rächen,

Und durfte dod, fein Wortlein sprechen. So edel erzählt nun unser nýrnbergischer Phádrus. Das heißt ja abgeschmackt, und nicht natürlich, es wåre denn, daß jenes auch gewissen Leuten in der Natur steckte: zum wenig sten aber würde es alsdann keine schöne Natur seyn; die sich doch Maler und Dichter billig nachzuahmen bemühen sollten. Von Briefen beruffe ich mich auf Ranigens Gedichte, auf der 122. S. der neuen Auflage. Es ist des Herrn von Brand Antwortschreiben, auf des Herrn von Ranig unvergleich liches Schreiben vom Landleben, und hebt so an:

Mein allerliebfter Freund und werthefter Herr Bruder,
Der du im Blumberg ißt versammlest deine Fuder,
Der du, wie Tityrus, dort in dem Schatten liegst,
Und zählest, was für Korn du in die Scheunen friegst:
Du dürftest dich fürwahr so fünstlid, nicht bemühen,
Mich durch ein schön Gedicht hinaus aufs Land zu ziehen.
Es braucht, willst du mich sehn, von dir ein einzig Wort:
Dein Landgut ist für inich ein allzulieber Ort;
Ich weis schon, wie man da die Stunden kann vertreiben.

Die Feldluft hättest du nicht nothig zu beschreiben x. Das ist ja wohl gegen die fanißische natürliche Schreibart lauter kaltes und ungesalzenes Wasser; ich will sagen, eine elende, magre Prosa, die so nothdürftig in Sylbenmaaß und Reime gebracht worden. Und doch hat uns Konig diese

. lumpen auf Ranigens Purpur geflicket !

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zu sehen ist, damit man es desto handgreiflicher spüren und wahrnehmen möchte. Denn freylich giebt es verschiedene Grade derselben. Die eine ist an Einfällen und Gedanken reicher, die andere årmer; nachdem entweder ihr Verfasser mehr oder weniger Geist und Wig besessen hat; oder in einer gerissen Art von Gedichten anbringen gefonnt und gewollt. Woraus entsteht sie aber in diesein so vollständigen Erempel anders, als aus den häufigen und fühnen Metaphoren, Metonymien und andern verblümten Redensarten; aus lebhaften Beschreibungen, furz angebrachten Gleichnissen, und feurigen Figuren, die den innern Affect des Poeten abschildern? Niemand sage mir, daß man dieses alles auch in Profa thun fónne. Freylich kann es geschehen; aber es wird auch alsdann eine ungebundene poetische Schreibart fenn. Kein guter prosaischer Scribent hat jemals so viel Zierrache zusammengehåufet: und wenn er es gethan, so haben alle Kunstrichter gesagt, er schreibe poetisch. Es läuft auch wider die Absichten, die sich z. E. ein Geschichtschreiber vorsehen muß.

)8Sein Zweck ist, die nackte Wahrheit zu sagen, das ist, die Begebenheiten, die sich zugetragen haben, ohne allen Firniß, ohne alle Schminke, zu erzählen. Thåte er das nicht, so würden feine. Seser nicht wissen, ob sie ihm glauben sollten, oder nicht. Seine große Begierde, schon zu schreiben, würde ihnen einen Argwolon benbringen, ob er nicht die Liebe zur Wahrheit aus den Augen gefekt? Das ist das Urtheil, so man vom Currius mit Grunde zu fällen pflegt. Man traut seie nen Nachrichten nicht; weil sie gar zu schön flingen. Florus hat es noch årger gemacht. Seneca, Apulejus, Sidonius Apollinaris, Martianus Capella, Tertullianus sind unter den Alten in übelm Ruffe. Barclajus aber in seiz ner Argenis, und unzählige andre, die in lebendigen Sprachen, auch in neuern Zeiten geschrieben haben, sind gleichfalls unter diejenigen gezählet worden, die nicht nur poetisch, sona dern ganz hochtrabend, flwulstig, ja unsinnig gedacht und geschrieben haben. Wer die Proben von ihrer Schreibart beysammen sehen will, der darf nur Werenfelsens Dissert. de

Mete

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