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Vertheidigung der Poeten in einer Satire über sich genommen hat. Er klaget erstlich dem Tscherning seine Noth, daß man die Poesie, die doch unter' funfzigen kaum fünfen glůcket, ihm zum Vorwurfe gemacht habe. Hierauf rekt er hinzu:

Daß aber nian so gar das Gute darf beschmeißen,
Daß ein Poet ein Narr, ein Narr Poet muß heißen,
Das thut der Unverstand. Weil mancher Büffel zwar
Hat einen großen Kopf, doch Bregen nicht ein Haar.

Er giebt darauf zwar zu, daß die Poeten allezeit aufgeråumte Köpfe gewesen, und zuweilen einen lustigen Einfall nach dem andern vorgebracht håtten: doch unterscheidet er sie von den unflätigen Possenreißern, die auch nur von dem Pöbel, der gar nicht zu urtheilen weis, und von denen, die ihm, auch wohl bey Höfen, an Sitten und Gedanken gleich find, unter die Poeten gemischet worden. Alsdann feßt er Hinzu, was er von einem Dichter fordert:

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Wer ein Poet will fenn, der fer ein solcher Mann,
Der mehr als Worte nur und Reime machen kann;
Der aus den Römern weis, aus Griechen hat gesehen,
Was für gelehrt, beredt und sinnreich kann bestehen;
Der nicht die Zunge mur, nach seinem Willen rührt,
Der Vorrath im Gebirn, und Salz im Hunde führt;
Der durch den bleichen Geist aus Schriften hat erfahren,
Was merklichs ist geichen vor vielmal hundert Jahren ;
Der guter Wissenschaft mit Fleiß hat nachgedacht,
Mehr Oel als Wein verzehrt, bemüht zu Mitternacht;
Der endlich aus fid) selbst ivas vorzubringen waget,
Was niemand noch gedacht, kein Mund zuvor gesaget ;
Der zwar dem besten folgt, doch außer Dieberey':
Daß er dem Höchsten gleid), doch selber Meister ser:
Dazu gemeines Zeug und Fahle Fragen meidet,
und die Erfindung auch mit schönen Worten kleidet;
Der feinen lahmen Pers låßt unterm Haufen gehni,
Viel lieber zivanzig würgt, die nicht für gut beftehn.
Nun wer sich solch ein Mann mit Recht will lassen nennen,
Der muß kein Narr nicht seyn .

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• 6. S. Wie nun an dieser Wahrheit zum wenigsten niemand zweifeln wird, der die Schriften der besten Poeten, fonderlich der Alten, mit Verstande gelesen hat: also müssen wir auch zum andern sehen, was denn nunmehr die poetische Art zu denken von der prosaischen unterscheidet? Die Vernunft kann und foll es nach dem vorigen nicht seyn: was wird es denn wohl anders, als der Wiß oder der Geist seyn können? Und in der That' macht diese Gemüthskraft, nachdem sie ben einem stårker, als bey dem andern ist, einen großen Unterscheid in den Gedanken. Zwar ohne dieselbe ist kein Mensch zu finden. Ein jeder hat ein gewisses Maaß davon bekommen, ohne welches er sich so gar in Vernunfts schlüssen nicht würde behelfen können; wie in der Geißerlehre erwiesen wird. Allein bey einigen ist sie sehr lebhaft und starf. Gewisse Geister haben viel Sdjarfsinnigkeit, wodurch sie gleichsam in einem Hugenblicke hundert Eigenschaften von einer Sache, die ihnen vorkommt, wahrnehmen. Was sie wahrnehmen, das drůcket sich, wegen iører begierigen Aufmerksamkeit, tief in ihr Gedächtniß: und fo bald zu anderer Zcit etwas vorfällt, das nur die geringste Hehnlichkeit damit hat; To bringt ihnen die Einbildungskraft dasselbe wiederum Her

So ist ihnen denn atlezeit eine Menge von Gedanken fast zugleich gegenwärtig: das Gegenwärtige bringt sie aufs Vergangene; das Wirkliche aufs Mögliche, das Empfundene auf alles, was ihm ähnlich ist, oder noch werden kann. Daher entstehen nun Gleichnisse, verblümte Uusdrücke, Una spielungen, neue Bilder , Beschreibungen, Vergrößerungen, nachdrückliche Redensarten, Folgerungen, Schlüsse, kurz, alles das, was man Einfälle zu nennen pflegt, und die alle insgesammt aus einem solchen lebhaften Kopfe entstehen. Dergleichen Geister nun nennet man poetische Geister, und durch diese reiche Gemüthskraft unterscheidet sich ihre Art zu denken von der ordentlichen, die allen Menschen gea mein ist.

7.S. Wir wollen die Sache durch ein Erempel erläutern. Gefeßt, ein Geschichtschreiber wollte erzählen, daß ein land

durch

vor.

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durch die dren bekannten Plagen, Krieg, Hunger und Pest angegriffen worden. Er wird solches etwa folgender Ges stalt ins Werf richten: „Nachdem der Krieg in dem guten

Reiche ein Ende genommen hatte, und die feindlichen Vol. ker abgezogen waren, folgte ein ander landverderbliches

Uebel nach. Die verwüsteten Uecker trugen keine Früchte, » weil niemand da war, der sie bauen wollte: und also ente „stund eine Cheurung, die bey dem Armuth nothwendig eine

Hungersnoth nach sich ziehen mußte. Auch das war es „ noch nicht alles. Eine pestilenzialische Seuche machte das

Elend des geplagten (andes vollkommen, und beraubte es „vollends seiner nod) übrigen Einwohner.“ Das heißt nun, meines Erachtens, eine historische Schreibart, die das, was sie sagen will, deutlich und ordentlich, richtig und zierlich, nicht niedertrådytig, aber auch nicht prächtig vortragt. Wie wird sich nun ein Poet in gleichem Falle ausdrücken? ams thor soll uns solches zeigen, oder er hat es vielmehr schon auf der 324. Seite feiner Gedichte gewiesen. Er schreibt:

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Raum hatte Mavors Raserey
Den ungeschlachten Durst gefühlet,
Und deine Felder durchgewvůhlet;

So trat ihm ein Gefährte bey.
Der Mangel ward vom Krieg gebohren;

Weil in der Furchen ddem Grund,

Mehr Blut als warmer Regen stund,
Gieng aller Wecker Zier verlohren.

Dein Elend soll vollkommen seyn!
Zween Feinde' hatten sich bestritten:
Noch hast du nicht genug erlitten;

Drum schießt der dritte mit herein.
Morbona bricht durch alle Riegel,

Sie steigt aus einer Fodtengruft,

Und rihret die vergifte Luft
Durch ihre schwarzgemalten Flügel.

Du wohlgeplagtes Land und Stadt!
Was kann wohl deinen Zengsten gleichen?
Wer zählet die gestreckten Leichen,

Die Mortens Wuth geschlachtet hat?

Du

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8. S. Nun halte man dieses und jenes vorige gegen einan. ber , so wird es sich sonnenflar zeigen, worinn der Unterscheid der Gedanken bestehe. Dem Poeten sind taufend Dinge eingefallen , daran der Geschichtschreiber nicht gedacht hat; bey dem Kriege nåmlich, der Gott des Krieges, und deisen Blutburst, imgleichen die Felder, die von einem Heere durch graben und verderbet worden. Weil die Hungersnoth aus dem Kriege entstanden ist, so fällt es ihm ein, daß die Kinder von ihren Weltern entstehen; und er braucht also dort das Wort gebohren, welches ein ganzes Gleichniß anzeiger. Wenn er die unfruchtbaren Peder bedenkt, so steht er, anstatt des Regens, das Blut in den Furchen laufen. Da vorher von Feinden die Rede gewesen, so sieht er, daß auch bei Hunget ein Feind des Landes heißen könne; weil er den Kriegsleuten darinn áənlich ist, daß er Schaden stiftet. Er zábles also schon zween Feinde; und da ihm die Pest noch vor Augen fchwebt, davon er reden soll: fo macht er sie zum dritten Fein. de, weil er eben die Mehnlichkeit baran bemerket. Die Seus che bringr ihn auf die Morbona: diese låßt er, ihrer Natur gemäß, aus der Gruft steigen, und weil sie sehr fürchterlich ift, mit schwarzen Flügeln durch die vergiftete luft fahren. Hierauf sieht er ihre traurige Wirkungen: er entfeßt sich, und bricht in voller Entzückung in eine heftige Anrebe und etliche Fragen aus, beschließt aber endlich mit einer Lehre, die aus der Sache fließt, und seine vorige Beschreibung er. baulich macht. Das mag ein Muster einer vollkommen schönen poetischen Schreibart abgeben: Denn

Omne tulit punctum, qui mifcuit utile dulci,
Lectorem delectando, pariterque monendo.

9. S. Ich habe mit gutem Bebad,te eine Stelle zum Beis spiele gewählt, darinn bas poetische Wefen in voller Scarfe Crit. Dichik.

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zu sehen ist, damit man es desto handgreiflicher spüren und wahrnehmen möchte. Denn freulich giebt es verschiedene Grade derselben. Die eine ist an Einfällen und Gedanken reicher, die andere årmer; nadidem entweder ihr Verfasser mehr oder weniger Geist und Wig besessen hat; oder in einer gewissen Art von Gedichten anbringen gekonnt und gewolle. Woraus entsteht sie aber in diesein so vollståndigen Erempel anders, als aus den häufigen und kühnen Metaphoren, Metonymien und andern verblümten Redensarten; aus lebhaften Beschreibungen, kurz angebrachten Gleichnissen, unb feurigen Figuren, die den innern Affect des Poeten abschildern? Niemand sage mir, daß man dieses alles auch in Profa thun fónne. . Frenlich kann es gesdjehen; aber es wird auch alsdann eine ungebundene poetische Schreibart seyn. Kein guter prosaischer Scribent hat jemals so viel Zierrathe zusammengebäufet: und wenn er es gethan, fo haben alle Kunstrichter gesagt, er schreibe poetisch. Es läuft auch wider die Absichten, die sich z. E. ein Geschichtschreiber vorfeßen muß. Sein Zwed ist, die nackte Wahrheit zu sagen, das ist, die Begebenheiten, die sich zugetragen ħaben, ohne allen Firniß, ohne alle Schminke, zu erzählen. Thåte er das nicht, so würden seine. Leser nicht wissen, ob sie ihin glauben sollten, oder nicht. Seine große Begierde, schön zu schreiben, würde ihnen einen Argwolin benbringen, ob er nicht die Liebe zur Wahrheit aus den Augen gefekt? Das ist das Urtheil, so man vom Curtius mit Grunde zu fällen pflegt. Man traut feinen Nachrichten nicht; weil sie gar zu schon flingen. Florus hat es noch årger gemacht. Seneca, Apulejis, Sidonius Apollinaris, Marcianus Capella, Tertullianus find unter den alten in úbelm Ruffe. Barclajus aber in seis ner Argenis, und unzählige andre, die in lebendigen Sprachen, auch in neuern Zeiten geschrieben haben, sind gleichfalls unter diejenigen gezählet worden, die nicht nur poetisch, son. dern ganz bochtrabend, schwulstigi ja unsinnig gedacht und geschrieben haben. Wer die Proben von ihrer Schreibart beysammen sehen will, der darf nur Werenfelsens Differt. de

Mete

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