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Noch ein schöner Erempel giebt mir eben diefer Poet auf der
201. Seite, welche Stelle ich, ihrer Schönheit wegen, gang
Herseßen will:

Ich schwer es , Vaterland! bey Kindespflicht und Treuen,
Dein Lob ists, welches mich heißt feine Mühe scheuen.
Ich könnte ja sowohl, als etiva jener thut,
Auth um die Ofenbank mir wärmen Muth und Blut,
Nach Wimsde ftehn geehrt, mich meines Wesens náhren,
Und meiner Äeltern Gut in stiller Lust verzehren ;
So schlecht und klein es ist. So hast dus auch nicht Noti,
Daß ich für Gott und dich mich lasse schlagen todt,
In einer tollen Schladit. Id Gabe nichts gelernet,
Das groß von weitem steht, und nur alleine fernet;
Bin lichtem Sdheine feind.

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Besser, in seinem schönen Schäferliede von Seladon und
Leonoren, låßt seinen Schäfer folgenden Eid thun:

Idy (dyrdere dir, bey meiner Seerde,
Daß ich dich ewig lieben werde!

Und Günther in seinem Schreiben an den König August, hat eben die Figur mit großem Nachdrucke angebracht. Es heißt:

Du hörest freylid) nicht, wie vieler Wunsch und Sehnen
Dich in Person erhöht. Doch schwer ich bey der Hand,
Die deiner Würdigkeit die Krone zuerkannt:
Daß so viel tausend sind, die unter Stroh und Hütten
Für dein gesalbtes Haupt in mancher Mundart bitten.

Genug endlich von Figuren; obgleich sie dieses lange nicht alle find. Denn wer kann sie alle zählen? Muntre Köpfe bringen tåglich neue Arten hervor; und das beste ist, daß man sie oft machen kann, ohne ihren Namen zu wissen.

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soseossess Das XI. Hauptstück. Von der poetischen Schreibart.

1. S. achdem wir nun alles Zubehör der poetischen Schreib. N

art insbesondre nach einander erwogen haben: ro

müssen wir auch sehen, was aus Zusammenfügung alles dessen in der Poesie für ein Ganges entsteht. Dieses ist die poetische Schreibart, die wir in diesem Hauptstücke abhandeln wollen. Was die Schreibart überhaupt ren, ist nach so vielen andern, auch von mir, in meiner Redekunst sdhon abgehandelt worden. Ich habe daselbst gewiesen, daß fie der Vortrag vieler zusammenhangenden Gedanken fey, welder durch solche Säge und Redensarten geschieht, daraus man ihre Verknüpfung deutlich wahrnehmen kann. Diese Erklärung gab mir damals Anlaß zu folgern, daß es in der Schreibart hauptsächlich auf die Art zu denken ankomme; und daß ein Scribent in seinen Schriften, wo nicht seine Gemüthsbeschaffenheit, zuin wenigsten doch die Fähigkeit seines Verstandes abschildere. Denn kein Mensch kann besser schreiben, als er vorher gedacht hat. Ein wüster und leerer Kopf fann gar nichts; ein verwirrter nichts ordentlis ches; ein schläfriger nichts lebhaftes; ein finstrer Geist nicht deutlich; ein niederträchtiges Gemüth nicht edel; ein nårrischer Phantast nicht vernünftig schreiben. Es ist also eine vergebliche Sache, wenn sich viel junge Leute auf eine schöne Schreibart legen wollen; ehe sie recht denken gelernt haben. Der Kopf muß erst recht in die Falten gerůcket, von Unwissenheit, Irrthümern und Vorurtheilen befreyet, mit Wissenschaften, liebe der Wahrheit und Erkenntniß des Guten erfüllet werden: so wird hernach die Feder schon von sich selbst folgen: Verbaque prævisain rem non invita sequentur. Horat.

2. S. Sò deutlich dieses einem jeden in die Augen leucha tet; so sehr muß man sich wundern, daß es noch leute giebt, die es in Zweifel ziehen, und sich bemühen zu behaupten: es fåme bloß auf die Wörter und Ausdrückungen an, wenn etwas hoch, oder sinnteich, oder niedrig klånge. Man sollte es nicht denken, daß auch Scribenten, die eine ziemliche Eins sicht blicken lassen, auf solche Einfälle gerathen könnten. Man sage mir doch einen niedrigen Gedanken, mit solchen Worten, daß er hoch, nicht nur scheine, sondern in der That fey; man sage mir auch einen hohen oder scharfsinnigen Gedanken, ohne Zusak andrer Einfälle, mit solchen Worten, daß er niedrig Herauskomme: po will ich mich gern gefangen geben. Was hatte z. E. jenes genuesischen Dogen Antwort in Paris, auf diese Frage: Was ihm daselbst am merkwürdigsten vorge= kommen wåre ? ' hohes in Worten an sich, als er schlechtweg: erwiederte: der Doge! Und wie Håtte man ein kürzer Bort ersinnen können, einen fo edlen Gedanken niederzuschlagen, als dieser war: daß ein genuefischer Doge, der den König in Frankreich, im Namen seiner Republik um Vergebung bitten muß, die seltsamste Sache sen, die man in Paris sehen können Gleichwohl bleibt er unverändert; und man sage dieses, wie man will, so wird es ein edler Gedanke für denjenigen bleis ben, der ihn zuerst gehabt; und zu rechter Zeit gesagt hat. Eben das wollte ich von allen andern Erempeln des Hohen zeigen; wenn es nöthig wäre, Leute zu widerlegen, die nur aus einem Kugel, andern zu widersprechen, etwas Seltnes behaupten wollen. Man sehe indessen in den Anmerkungen zum französischen Longin, und in der gelehrten Dissertasion unsers Herrn D. Wollen von Mosis Worten die Streitigkeiten nach, die Boileau über die Hoheit der mosaischen Worte: Es werde Licht, und es ward Licht; mit verschiedenen Gelehrten gehabt hat.

3. S. So viel war von der Schreibart überhaupt allhier zu wiederholen nöthig. Die poetische insbesondere anlangend, so ist es leicht daraus zu muthmassen, wie dieselbe von der prosaischen unterschieden seyn werde: nämlich nicht in

Wor:

Worten allein; sondern hauptsächlich in der Urt zu denken. Wåre jenes, so könnte man zur Noth aus einem poetischen Lericon, dergleichen Bergmann, Männling, Samann u. a. m. geschrieben; oder im Lateinischen aus einem Gradu ad Parnassuin ein Poet werden. Man dórfte nur an statt der prosaischen Redensarten poetische Blümchen darinn aufe schlagen , und dieselben zusammen flicken: so würde ein Ges dicht daraus werden. Aber weit gefehlt, daß dieses angehen würde; so könnte höchstens nichts anders, als eine poetische Misgeburt daraus entstehen. In einer solchen Schrift würde hernach manches entstehen, was ihr Verfasser niemals ges dacht hätte: furz, es würde gar keine gesegte Schreibart Heraus kommen, weil dieses Geflick kein Ausdruck von dem Verstande seines Meisters heißen, fein Vortrag zusammen. hangender Gedanken seyn würde. Siehe des Hofrath Piersehens Dissertation von dem Unterschiede der poetischen und prosaischen Schreibart, darinn er verschiedene Regeln und Erempel, die unverwerflich sind, gegeben hat.

4. S. Will also ein Poet poetisch schreiben, so muß er auch zuvor poetisch denken lernen. Wie denken aber die Poeten, wird man vieleicht fragen? Machen fie es nicht eben so, als andere Leute, die einen gesunden Verstand und ihre fünf Sinne haben? Oder, will man ihnen etwa was Göttliches beymessen? Die Frage kann und muß mit einigem Unterschiede beantwortet werden. Fürs erste denken die guten Poeten freylid) eben so; ils andere vernünftige Leute. Thaten sie dieses nicht, so würden sie rasend oder nårrisch feyn: und Demokritus würde Recht gehabt haben, wenn er zur Poesie nur unsinnige Köpfe erfordert hat, wie Soraz berichtet:

Excludit fanos Helicone Poetas Demnocritus. Nein, ein wahrer Dichter muß ja so wohl, als ein ander Mensch, ja noch mehr, als alle, die sich nicht ins Schreiben mischen, eine gesunde Vernunft, richtige Begriffe von Din

gen,

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gen, und eine große Kenntniß von Künsten und Wissenschaf-
ten haben. Nach dieser seiner Gemüthsbeschaffenheit nun
müssen auch alle seine Gedichte schmecken. Jede Zeile muß,
fo zu reden, zeugen, daß sie einen vernünftigen Vater habe.
Kein Wort, ja wenn es auch der Reim wäre, muß einen
ůbeln Verdacht von dem Verftande dessen erwecken, der es
geschrieben hat. Daher ist auch derjenigen ihre Meynung
verwerflich, die den Wein zu ihrer Hippokrene erwåhlen, und
sich einbilden, sie könnten im Rausche die besten Gedichte
machen. Flemining war ganz andrer Meynung, als 'er
schrieb:

Die trefflidhen Poeten,
Die Kächer der Natur, die konnen Tod, dich todten;
Sind Gift, dein Gegengift! Sie können nicht vergehu,
und machen andere, lo falen, wieder steht.
Nicht folde, welche stets mit Rennen, Betteln, Laufen,
Die große Lügnerey um kleines Geld verkaufen:
Daher wir redlich Volk so kommen in Verdadit,
Und oftmals mehr, als arg, To werden ausgemacht;
Wenn sie den schandbarn lohn in Völleren verschwenden,
Und also unser Reich und ganzen Orden schånden.
Nein! schont der edlen Kunst, und sparet euer Gold,
Shr, die ihr Kluge seyn, wie Reiche heißen wollt.
Die sinds nicht, die man sucht. Was können doch die Sinnen,
Die Tatt an Hunger find, an Durste voll, beginnen
Was soll ein Kopf duch thun, der stets vom Biere treuft,
Und seinen důrren Sinn im Weinfas hat ersäuft,
Und ganz und gar verschwendt? Was Tobte soll erwecken,

Muß selber lebend seyn, nach Seel und Kimmel schmecken.
Das will auch Boileau, wenn er schreibt:

Quelque Sujet qu'on traite, ou plaisant, ou sublime,
Que toujours le Bonsens s'accorde avec la Riine,

Aimez donc la Raison! Que toujours vos Ecrits
Empruntent d'elle seule & leur Lustre & leur Prix,

5. S. Ich will noch ein deutsches Zeugniß aus unserm Rachel anführen, der ausdrücklich in diesem Puncte die

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