Page images
PDF
EPUB

merfet habe. Es kann nicht schaden, eine Probe davon hieher zu reken, die mehr als irgend etwas einen Abscheu davor erwecken kann. Dieß Gedicht ist 1710. auf D. Wenzeln gemacht, und hebt an:

Der Wik des Alterthums, aus dessen reicher Pracht, Die jüngern Gold und Bley zu Doctoringen stehlen,

Hat audy aus weiser Kluft den Ring herausgebracht, Den Ruhm der Sterblichen der Nachwelt zu vermählen.

Man wusch den toðten Leib in einer Balsamsee,
Und meinte so den Zahn der Fåulniß zu zerreiben:
Man wollte That und Lob den Steinen einverleiben,

Und thürmte deren Rumpf fast an die Wolfenhóh.
Die meisten (piąten sich den Griffel fluger Schriften,
Den Todterblaßten Ruhm, sich selbsten Dank zu stiften.

Doch weil der Glieder Bau, des Marmors Silber : Griebe Der Blätter leichten Zeug die Zeiten niederlegen:

So suchte man dabey, Held, Waffen, Schild und Spieß Der helffaphirnen Burg des Himmels einzuprägen.

Drum fityimmert Herkules, Ulkmenens Götterfind, In einer Heldentracht von acht und zwanzig Sternen; Und lasset auch ein Kind aus seinen Stralen lernen,

Daß Klugs und Kühnheit Gold, zu Ehrenkleider'n spinut. So wird sein Ehrenruf bey heitrer Nacht verjünget, So oft fich Tellus Ball um seinen Kreispunct fchwinget ac.

[ocr errors]

So ist nun das ganze ziemlich lange Gedicht mit unendlich vielen weitgesuchten und übereinander gehåuften Metaphos ren und Allegorien durchwirket und vollgestopfet, daß es bloß um der Seltenheit Halber, werth wåre, wieder aufgelegt zu werden.

24. 9. Damit es meiner Abhandlung aber doch nicht an allen Erempeln von neuern Blümchen fehlen möge: so will ich dieselben aus einem neuern, zu Altdorf, nur im 1727. Jahre gedruckten Bogen entlehnen; weil ich in demselben alles beya fammen finde, was ich sonst mit vieler Mühe würde zusam. men fuchen müssen. Folgende Redensarten nun, halte ich für lauter Phobus, wenn der Poet schreibt: Tirans frobes Licht strale mit neuen Bligen, und mache die sapphirs

ne

1

ne Burg zu Siacinthen. Ein Trauriger Héißt ihm ein
folcher, der Aegyptens finstre actor, statt Gosens
Sonne küsset. Die Lilie lacbe mit reinstein Silber;
ihr bemikteer Thron macht die Perlen fobanroth,
und ihr Atlaß sinkt ins Verwesungsreich. Auf den
Blárcern der Blumenköniginn, die von Cytherens
Blut den Iirsprung haben soll, blůber Rubin und
Purpur. Die klare Lufi fitneye ambrirte Përlen.
Man soll uns einst in Pdens guldnen Auen, mic
buntgefärbtem Prache, als helle Sterne schauen.
u. d. m. Das Galimatias will ich aus dem Schlusse dies
ses Gedichtes bernehmen, und da es Gryphius gar wohl
ein Mischmasch genennet hat: so will ich einen jeden fragen,
ob man wohl mehr verschiedene Dinge in 16 Zeilen hätte
durcheinander mengen, oder dem Scheine nach mit einander
reimen können, als dieser Poet wirklich gethan hat? Denn
da finde ich Kanaan, güldne Blumen, Titans Stralen,
der Thetis Wellen, Wetter, Orcan, Purpur, Regen.
güsse, Schmuck, Senz, Sonne, fchmaragdne Felder, Per-
lenwasser, Schnee und Eis, holde Blumen, Rosenblut,
Frost, Dornen, bittre Aloe, der Myrrhen herbes Pech,
oder Coloquinten, das gelobte Sand des Himmels, Nef=
seln, die Sternenhöhe, Zuckerbrodt, Umbrosin, Nectar,
diamantne Quen, Honigseim und Ulicant: ja damit nichts
vergessen würde, so kommt zuleßt auch Ambra und Zi-
beth noch nach. Wir müssen nunmehr die Stelle selbst
sehen. An falschen Reimen nach der Karten frånfischen
Mundart fehlet es auch nicht.

Hier ist das Kanaan, das güldne Blumen trägt,
Wo Titans Stralen nie in Thetis Wellen steigen.
Rein Wetter, fein Orcan darf ihren Purpur bleichen,

Hier ist kein Regenguß, der ihren Schmuck zerschlagt.

Hier ist kein solcher Leng, der bald die Sonne zeigt,
Und das schmaragdne Feld mit Perlenwasser tránket;
Bald aber Schnee und Eis statt holder Blumen schenfet,
Hier wird der Rosen Blut durch keinen Frost gebleicht.

Bon

Von Dornen weis man nichts; die bittre Aloe,
Der Myrrhen herbes Pech, die öden Coloquinten,
Sind im gelobten Land des Himmels nicht zu findeni,

Die Nelseln Find verbannt von dieser Sternenhöh.

Hier ist nur Zuckerbrodt und süßer Ambrosin,
Der Nectar fließet hier durch diamantne Quen;
Hier ist nur Honigseien und Alicant zu schauen,

Meil Ambra und Zibeth die Blumen überziehn.

25. S. Man glaube nicht, daß diese lohensteinische Schule ben uns ausgestorben: sie hat sich nur in eine andre Gestalt verwandelt. Die Alpen haben ihr ein neues Haupt geliefert, und unter dessen Schuß und Schirin, glauben sie berechtiget zu seyn, noch årgere Ungereimtheiten auszuhecken. Vor kurzem, daß ich nur eins von vielen nenne, hat man uns zu Berlin einen Frühling geliefert, den man mit großem Geschren in Zürch nachdrucken lassen: ob er gleich allen Uns sinn verdoppelt, den die Zürcher Maler sonst am Lobenstein und neukirch verworfen hatten. Und was könnte man nicht aus dem Messias hier für Proben anführen? Doch ich fraue es der gesunden Vernunft unsrer Deutschen zu, daß sie bald wieder aufmachen wird. Das beste Mittel wider dies sen schwulstigen Geist, ist das Lesen der alten Lateiner und der neuern Franzosen. Wer sich die Schönheiten des Terenz, Virgils, Soraz und Juvenals , bekannt und gelåufig gemacht hat; wer den Boileau, Racine, Cor. : neille und Moliere mit Verstande gelesen, und igre nas túrliche Schönheit der Gedanken fennen gelernet ; wer endlich den Longin vom Erhabenen, den Bouhours von der Art in sinnreichen Schriften wohl zu denfen, den Wes renfels, (de meteoris orationis) des Pope Art of Criticism, den Harlequim - Horace, und den deutschen Antilongin mit Bedacht gelesen hat; der wird gewiß unmöglich auf eine so feltsame Art des poetischen Ausdruckes verfallen: gesegt, daß er noch so erhaben zu sdyreiben gesonnen våre.

Das

[ocr errors]

Das IX. Hauptstück.
Von poetischen Perioden und

ihren Zierrathen.

1. S. E Dine Periode überhaupt ist eine kurze Rebe, die einen,

oder etlidie Gedanken in sich schließt, und für sich selbst

einen völligen Verstand hat. Ich nenne sie eine kurze Rede, um dadurch anzuzeigen, daß sie sich zu einer langen, wie ein Theil zum Ganzen, derhålt: denn aus vielen Perioden entsteht erst eine gebundene oder ungebundene Schrift. Zudem ist die Kürze einer Periode eine besondere gute Eigenschaft derselben, wie bald foll gewiesen werden. Joh Page ferner, daß eine Periode einen oder ecliche Gedanken in fich schließe; um dadurch die einfachen Perioden von den Zusammengesekten zu unterscheiden. Jene bestehen nur aus einem einzigen Saße, darinn man von einer Sache etwas bejahet, verneinet, bewundert, fraget, oder in Zweifel zieht. Diese hergegen entstehen aus der Verbindung etlicher folcher Såße, die ihrer Natur nach, mit einander zusammen hången; es ren nun, auf was fiir eine Art es wolle. Endlich fodre ich von einer Periode, daß sie einen völligen Verstand haben solle: damit das Gemüth am Ende derselben einigermaßen befriediget und ruhig sein könne. Denn wenn an dem völligen Sinne einer Rede etwas fehlet; fo kann man noch nicht stille stehen: sondern die Gedanken etlen weiter, und wollen die võllige Mennung der Rede fassen; welches allezeit mit einiger Unruhe verknüpft ist. Diese Unruhe nun, ist dem Gemůthe eines Lesers oder Zuhörers allezeit unangenehm, und daher sehnt er sich immer nach einer Befriedigung; die er nicht anders, als beym Schlusie eines Sakes erhålt.

2. S. Die Poeten haben die Ehre, daß sie die ersten Erfin. der der Perioden sind; und daß die Meister der ungebundnen

Schreibo

Schrelbart ihnen die Kunst haben ablernen müssen. Wie man nåmlich überhaupt eher in Verfen, als in Prosa geschrieben hat: so ist auch die poetische Schreibart eher ins Geschick gebracht worden, als die prosaische. Die Poeten, Mus&us, Orpheus und linus, ja felbst Somer und Besiodus ha: ben lange vor dem Pherecydes gelebt: welcher zu allererst auf die Gedanken gekommen seyn soll, daß man auch ohne ein gewisses Snibenmaaß schreiben könne. Und da man auch in diesen alten Dichtern, sonderlich im Homer, eine periodische Schreibart antrifft: so weis man hergegen unter den viel neuern prosaischen Scribenten den Isokrares zu nennen, der zu allererst in ungebundner Rede Perioden zu machen, anges fangen. Cicero giebt uns in seinem dritten Bude vom Red. ner Nachricht davon. Die Stelle verdient, daß ich sie an. führe: „Die Alten hielten dafür, man måsse in der unges „bundnen Rede auch Verse machen; das ist , ein gewisses wohl. „, klingendes Solbenmaaß beobachten. Denn sie verlangten,

daß man nicht sowohl durch gewisse Zeichen der Abtheilung, „, als vielmehr in der Rede felbst, durch die Worte und Såße, „ in gewissen Stellen einen Schluß machen solle; nicht zwar unserer Müdigkeit, sondern dem Uthemholen zu statten zu kommen. Und das soll vornehmlid) Isokrates aufgebracht „ haben; damit er die ungeschickte Schreibart der Alten, der Unmuth und des Gehores wegen, zu einem Wohlflange

bringen möchte. Denn vermittelst dieser zwen Stücke, „haben die Musikverståndigen, welche vorzeiten mit den Poeten „einerley waren, den Vers und Gesang zur Belustigung

ausgefünstelt: damit sie sowohl durch das Sylbenmaaß, „als durd, die Stimme, belustigen, und dem Ekel der

Düren zuvor kommen möchten. Diese benden Stückenuri, „ich meyne den Wechsel der Stimme, und die Abtheilung

der Rede, in geschlossene Såke, haben sie, so viel es sich hat týun lassen, aus der Poesie, auch in die Beredsamkeit „einzuführen, für rathsam gehalten.

3.J. Wir sehen aus dieser Stelle das innerste Wesen der Perioden, und begreifen zugleid), wie die ersten Dichter auf

99

« PreviousContinue »