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Von Dornen weis man nichts; die bittre Aloe,
Der Myrrhen herbes Pech, die öden Coloquinten,
Sind im gelobten Land des Himmels nicht zu findeni,

Die Nelseln Find verbannt von dieser Sternenhöh.

Hier ist nur Zuckerbrodt und süßer Ambrosin,
Der Nectar fließet hier durch diamantne Quen;
Hier ist nur Honigseien und Alicant zu schauen,

Meil Ambra und Zibeth die Blumen überziehn.

25. S. Man glaube nicht, daß diese lohensteinische Schule ben uns ausgestorben: sie hat sich nur in eine andre Gestalt verwandelt. Die Alpen haben ihr ein neues Haupt geliefert, und unter dessen Schuß und Schirin, glauben sie berechtiget zu seyn, noch årgere Ungereimtheiten auszuhecken. Vor kurzem, daß ich nur eins von vielen nenne, hat man uns zu Berlin einen Frühling geliefert, den man mit großem Geschren in Zürch nachdrucken lassen: ob er gleich allen Uns sinn verdoppelt, den die Zürcher Maler sonst am Lobenstein und neukirch verworfen hatten. Und was könnte man nicht aus dem Messias hier für Proben anführen? Doch ich fraue es der gesunden Vernunft unsrer Deutschen zu, daß sie bald wieder aufmachen wird. Das beste Mittel wider dies sen schwulstigen Geist, ist das Lesen der alten Lateiner und der neuern Franzosen. Wer sich die Schönheiten des Terenz, Virgils, Soraz und Juvenals , bekannt und gelåufig gemacht hat; wer den Boileau, Racine, Cor. : neille und Moliere mit Verstande gelesen, und igre nas túrliche Schönheit der Gedanken fennen gelernet ; wer endlich den Longin vom Erhabenen, den Bouhours von der Art in sinnreichen Schriften wohl zu denfen, den Wes renfels, (de meteoris orationis) des Pope Art of Criticism, den Harlequim - Horace, und den deutschen Antilongin mit Bedacht gelesen hat; der wird gewiß unmöglich auf eine so feltsame Art des poetischen Ausdruckes verfallen: gesegt, daß er noch so erhaben zu sdyreiben gesonnen våre.

Das

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Das IX. Hauptstück.
Von poetischen Perioden und

ihren Zierrathen.

1. S. E Dine Periode überhaupt ist eine kurze Rebe, die einen,

oder etlidie Gedanken in sich schließt, und für sich selbst

einen völligen Verstand hat. Ich nenne sie eine kurze Rede, um dadurch anzuzeigen, daß sie sich zu einer langen, wie ein Theil zum Ganzen, derhålt: denn aus vielen Perioden entsteht erst eine gebundene oder ungebundene Schrift. Zudem ist die Kürze einer Periode eine besondere gute Eigenschaft derselben, wie bald foll gewiesen werden. Joh Page ferner, daß eine Periode einen oder ecliche Gedanken in fich schließe; um dadurch die einfachen Perioden von den Zusammengesekten zu unterscheiden. Jene bestehen nur aus einem einzigen Saße, darinn man von einer Sache etwas bejahet, verneinet, bewundert, fraget, oder in Zweifel zieht. Diese hergegen entstehen aus der Verbindung etlicher folcher Såße, die ihrer Natur nach, mit einander zusammen hången; es ren nun, auf was fiir eine Art es wolle. Endlich fodre ich von einer Periode, daß sie einen völligen Verstand haben solle: damit das Gemüth am Ende derselben einigermaßen befriediget und ruhig sein könne. Denn wenn an dem völligen Sinne einer Rede etwas fehlet; fo kann man noch nicht stille stehen: sondern die Gedanken etlen weiter, und wollen die võllige Mennung der Rede fassen; welches allezeit mit einiger Unruhe verknüpft ist. Diese Unruhe nun, ist dem Gemůthe eines Lesers oder Zuhörers allezeit unangenehm, und daher sehnt er sich immer nach einer Befriedigung; die er nicht anders, als beym Schlusie eines Sakes erhålt.

2. S. Die Poeten haben die Ehre, daß sie die ersten Erfin. der der Perioden sind; und daß die Meister der ungebundnen

Schreibo Schrelbart ihnen die Kunst haben ablernen müssen. Wie man nåmlich überhaupt eher in Verfen, als in Prosa geschrieben hat: so ist auch die poetische Schreibart eher ins Geschick gebracht worden, als die prosaische. Die Poeten, Mus&us, Orpheus und linus, ja felbst Somer und Besiodus ha: ben lange vor dem Pherecydes gelebt: welcher zu allererst auf die Gedanken gekommen seyn soll, daß man auch ohne ein gewisses Snibenmaaß schreiben könne. Und da man auch in diesen alten Dichtern, sonderlich im Homer, eine periodische Schreibart antrifft: so weis man hergegen unter den viel neuern prosaischen Scribenten den Isokrares zu nennen, der zu allererst in ungebundner Rede Perioden zu machen, anges fangen. Cicero giebt uns in seinem dritten Bude vom Red. ner Nachricht davon. Die Stelle verdient, daß ich sie an. führe: „Die Alten hielten dafür, man måsse in der unges „bundnen Rede auch Verse machen; das ist , ein gewisses wohl. „, klingendes Solbenmaaß beobachten. Denn sie verlangten,

daß man nicht sowohl durch gewisse Zeichen der Abtheilung, „, als vielmehr in der Rede felbst, durch die Worte und Såße, „ in gewissen Stellen einen Schluß machen solle; nicht zwar unserer Müdigkeit, sondern dem Uthemholen zu statten zu kommen. Und das soll vornehmlid) Isokrates aufgebracht „ haben; damit er die ungeschickte Schreibart der Alten, der Unmuth und des Gehores wegen, zu einem Wohlflange

bringen möchte. Denn vermittelst dieser zwen Stücke, „haben die Musikverståndigen, welche vorzeiten mit den Poeten „einerley waren, den Vers und Gesang zur Belustigung

ausgefünstelt: damit sie sowohl durch das Sylbenmaaß, „als durd, die Stimme, belustigen, und dem Ekel der

Düren zuvor kommen möchten. Diese benden Stückenuri, „ich meyne den Wechsel der Stimme, und die Abtheilung

der Rede, in geschlossene Såke, haben sie, so viel es sich hat týun lassen, aus der Poesie, auch in die Beredsamkeit „einzuführen, für rathsam gehalten.

3.J. Wir sehen aus dieser Stelle das innerste Wesen der Perioden, und begreifen zugleid), wie die ersten Dichter auf

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diese Erfindung gekommen sind. Sie suchten das Dhr zu vergnügen, und den Leuten beym Unhören ihrer Gedichte keinen Ueberdruß zu erwecken. Dahin gehörte nun eine wohlklingende Rede, die in einem Athem ausgesprochen, und doch wohl verstanden werden konnte. Sie maßen also alle ihre Zeiten ab, bradyten das Sylbenmaaß darinnen auf, und schlossen, so viel möglich war, jeden Gedanken in einen, zween oder drey Verse; fo viel man nåmlich in einem Athem bequem aussprechen konnte. Daher entstunden nun die poetischen Perioden. Ein Erempel macht die Sache deutlich. Simon Dach schreibt auf eines liefländischen Herzogs mit einer brandenburgischen Prinzeßin Beylager 1643.

Ich bin To fremde nicht in meinem Vaterlaride,
Dem, der nur etwas hålt von Tugend und Verstande.
Mein Churfürst, sagt man mir durch gründlichen Bericht,
Erkennt, ob ich ein Lied geschrieben, oder nicht?

So kundig bin ich ihm ! Hier sieht ein jeder, daß in diesen fünftehalb Zeilen der Ver. stand sich dreymal (dyließt. Erst machen zwey und zwen Zeilen einen volligen Sak aus: hernach ist eine halbe Zeile ein ganzer Sak; der sich zwar auf das vorhergehende bezieht, aber doch für sich verstanden werden kann. Nod, eins aus demselben Gedichte.

Mir dringet långst zu Ohren,
Ja auch ins Herze selbst, der súßen Sånger Schal.

hore langst von fern die Heerpaut und den Hall
Der zwof Trompeten gehn. Vor Freuden Teh id) springen
Die Bergstadt Ottokars, und alles wieder klingen.
Der reiche Pregel reckt sein nasses Haupt empor,
Hordt, was da ley, und läuft geldwinder, als zuvor,

Dem frischen Hafe zu. Hier sieht man wieder, daß der Verstand dieser acht Zeilen sich viermal geschlossen hat, nåmlich da, wo die Puncte stehen. Und folglich besteht dieses Stück aus vier Perioden.

4. J. Will man dagegen sehen, wie ein Vers aussieht, darinn feine Perioden sind: fo darf id, nur ein Stück aus

einem alten Meisterfånger anführen. Z. E. Der alte Uebers feßer Homers, Job. Spreng, erzählt im Unfange des ersten Buches, wie der Priester Cyryses feine Tochter wiederger fordert habe.

Dann dieser Priester lobesam
Bald für die Schiff der Griecyen fam,
Und wollt sein liebe Todyter haben,
Dieselb erledigen mit Gaben,
Bracht deren gar ein große Zahl
Für die Kriegsobersten zumal,
Von Gold und Silber auch ein Kron
Apollinis, des Gottes fron,
Ein' gulden Zepter in der Hand,
Ersucht die Griechen mit Berstand,
Fürnernlich Agamemnoniem
Und Menelaum ganz bequem
Die beiden König hochgehoben,
Des Atrei Söhn auserkohrn,
Als hochverständig und großmüthig,
Fing an und sprach mit Worten gütig:
Ihr beyde Fürsten hochgedacht,

Und auch der Griechen große Macht ze. Ich mußte noch ganze Seiten ausschreiben, wenn ich hier ein Ende finden wollte: so gar hångt alles an einander, baß man nirgends stille halten oder aufhören kann. Es hat aber auch unter neuern Poeten Leute gegeben, die nid)t anders geschrieben haben, als ob die Periode in Versen zu den vers bothenen Künsten gehörte. Sonderlich in den ungemischten alerandrinischen Versen halten es einige, z. E. Amaranthes, oder Corvinus u. a. m. nicht nur für erlaubt, sondern wohl gar für eine Schönheit: wenn sie alles aneinander hången, und wohl dreyßig ja vierzig lange Zeilen wegschreiben, darinn man nirgend still stehen fann; wo man nicht durch das Athemholen den Zusammenhang der Worte und Gedan: fen unterbrechen will.

5. S. Eine solche Schreibart nun, ist in ungebundner Rede schon verwerflic); vielweniger wird sie sich für einen guten Poeten schicken, der noch kórnichter, nachdrücklicher und fråfe Crit. Dichik.

I

tiger

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