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Das VI. Hauptstůck.
Von der Wahrscheinlichkcit

in der Poesie.

1. 6. us dem vorigen Hauptstücke wird man zur Gnůge er:

sehen haben, daß das Wunderbare in der Dichifunst

nicht ohne Unterscheid statt findet: es muß auch glaube lich herauskommen, und zu dem Ende, weder unmöglich noch widerfinnisch aussehen. Daher kommt es denn, das man auch im Dichten eine Wahrscheinlichkeit beobachten muß: ohne welche eine Fabel, Beschreibung, oder was es sonst ist, nur ungereimt und lächerlich fenn würde. Ich verstehe nämlich durch die poetische Wahrscheinlichkeit nichts anders, als die Aehnlichkeit des Prdichreren, mit dein, was wirklich zu gesitchen pflegt; oder die Uebereinstimmung der Fabel mit der Natur. Soraz hat gleich im Anfange feiner Dichtfunst die' Thorheit eines Malers verspottet, der in einem Gemålde einen Menschenkopf auf einen Pferdehals segen, einen Vogelfropf mit bunten Federn hins zufügen, und den Leib aus Gliedmaßen verschiedener anderer Thiere zusammen flicken wollte. Die Ursache dieser seiner Regel aber ist keine andre, als, weil folch ein Bild wider alle Wahrscheinlichkeit laufen würde. Es thut auch der Einwurf dieser Vorschrift feinen Eintrag, den er sich im Namen gewisser poetischen Freygeister machet:

Pictoribus atque Poëtis : Quidlibet audendi feinper fuit æqua potestas. Denn, wie schon oben in den Anmerkungen der Uebersegung dieser Stelle erinnert worden, so beantwortet er denselben gleich darauf fo: daß er die Freyheit im Dichten in gebüha rende Grången einschränket.

Scimus,

Scimus, et hanc veniam petimusque damusque vicissim: Sed non ut placidis coëant immitia; non ut

Serpentes ovibus geminentur, tigribus agni.
Was heißt das anders gesagt, als daß ein Poet in seinen
Fabeln, beståndig die Regeln der Wahrscheinlichkeit vor
Augen haben müsse? Eben das prágt er uns im folgen-
den ein:

Ficta voluptatis causa, fint proxina veris.
Nec quodcunque volet poscat fibi fabula credi.

2. S. Vielleicht denkt jemand, dieses ren demjenigen zumider, was in dem Hauptstücke von der Fabel schon gesagt worden. Wir theilten da die Fabeln in glaubliche, unglaubliche und vermischte ein, und rechneten zu den unglaublichen die meisten åsopischen : wo nämlich die unvernünftigen Thiere redend eins geführet werden. Soll nun die Wahrscheinlichkeit in allen Gedichten herrschen, so wird man etwa sprechen: so müssen ja alle diese thierische Begebenheiten ganz verworfen und aus der Poesie verbannet werden. Allein man muß hier die poea tische Wahrscheinlichkeit, in eine unbedingte und eine bedingte Wahrscheinlichkeit abtheilen. Jene findet fich frenlich in den åsopischen Fabeln nicht: wenn Bäume und Thiere als vers nünftige Menschen Handelnd eingeführet werden. Nach dem gemeinen Laufe der Natur pflegt solches nicht zu geschehen; daher pflegt man auch Kindern bey Erzählung solcher Fabeln vorher zu sagen: sie håtten sich damals zugetragen, als die Thiere noch reden konnten. Dadurch gesteht man ihnen zu, daß solche Begebenheiten frenlich, nach der ißigen Beo schaffenheit der Thiere, keinen Schein der Möglichkeit an sich hätten.

3. S. Deswegen aber kann man doch diesen Fabeln die bedingte Wahrscheinlichkeit nicht absprechen, die unter gewissen Umstånden dennoch statt hat, wenn gleich so schlechterdings keine vorhanden wäre. Daß jo E. die Bäume fich einen König wählen können, das ist an sich selbst, in dieser Welt, weber möglich noch wahrscheinlich: gleichwohl macht

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bort

dort im Buche der Richter Jotham eine schöne Fabel dars aug; der es an ihrer hypothetischen Wahrscheinlichkeit nicht im geringsten mangelt. Denn man darf nur die einzige Bedingung zum voraus Teken, daß die Bäume etwa in einer andern Welt Verstand und eine Sprache haben: To geht alles übrige sehr wohl an. Es wird möglich und wahrscheinlich fenn, daß sie in ihrer Wahl auf den Delbaum fallen werden, und daß der Delbaum solches abschlagen und sagen wird: Soll ich meine Fettigkeit tassen ac. Es wird möglich seyn, daß sie ferner auf den Feigenbaum gerathen können; und daß dieser ihnen gleichfalls eine abschlägige Antwort geben wird: Soll ich meine Süßigkeit lassen sc. u.s.wo. Hier thun weder die Båume überhaupt, noch jeder ins besondre etwas, das nach der einmal angenommenen Bedingung unmöglich ware. Ein Delbaum redet, wie ein Delbaum, und ein Fei. genbaum, wie ein Feigenbaum reden würde, wenn bende den Gebrauch der Sprache hätten. Hier ist also nichts. Wider. sprechendes in der Begebenheit, folglich auch nichts Unwahrscheinliches. Daß nun dergleichen hypothetische Wahrscheinlichkeit in der Fabel zulänglich ren, das habe ich oben in der Beschreibung derselben schon sattsam angezeiget : und daß Somerus dieselbe beobachtet babe, zeiget Horatius, wenn er von ihm schreibt:

Atque ita mentitur, fic veris falsa remiscet,

Primno ne medium, medio ne discrepet iinum. 4. S. Will man hiervon in Aristotels Poetif das IXte und XXVíte Capitel nachschlagen, so wird man finden, daß seine Gedanken eben dahinaus laufen; ungeachtet er sich juweilen harter Ausdrůckungen bedienet. Le Clert, in seinen Parrhasianen hat sich sonderlich darüber aufgehalten, daß diefer Philosoph gesaget : Die poetische Wahrscheinlichkeit gebe zuweilen bis aufs Uvernünftige. Allein, wer das Erempel ansieht, welches Aristoteles davon gegeben, nåmlich da Achilles den Sektor dreymal rund um die Stadt Troja getrieben, die Seere aber indessen stock tille gestanden, wie

Somer

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Somer in der Jlias erzählt: so wird man wohl sehen, daß dieses so ungereimt nicht ift, als es wohl scheint. Frenlich ließe sich solches auf der Schaubühne nicht wahrscheinlich vors stellen, wie Aristoteles selbst gesteht. Allein in einem Hels dengedichte, wo man nur die Erzåhlung liest, da kann es wohl wahrscheinlich klingen; fonderlich, wenn der Poet das Unglaubliche daben künstlich zu verstecken weis. Zum wes nigften hat Somer diese Kunst gewußt; denn er erzählt diese Fabel fo künstlich, daß man mit den Gedanken ganz auf die benden Helden verfällt, und die benden Armeen darüber ganz vergißt. So wird denn die Wahrscheinlichkeit zum mina desten in so weit erhalten, als dieselbe von einem Leser des Heldengedichtes verlanget wird: geseßt, daß die Sache an sich selbst wunderlich genug aussehen würde. Ueberdem darf man sich nur erinnern, daß uns auch die alten Geschichtschreiber mehr als eine wahre Begebenheit erzählen, da die Heerführer, vor den Augen ihrer Heere sich in einen hißigen Zwenkampf eingelassen, und nicht eher nachgelassen, als bis einer von benden auf dem Plaze geblieben.

5. S. Ueberhaupt ist von der Wahrscheinlichkeit dieses ane zumerken: daß oft eine Sache, die an sich unglaublich und unmöglich aussieht, durch den Zusammenhang mit andern Begebenheiten, und unter gewissen Umständen, nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich und glaublich werden könne. Dahin gehören, zum Erempel, viele Fabeln, wo die Götter, oder andre Geister darzwischen kommen. Diesen trauet man viel größere Kräfte zu, als bloßen Menschen. Wenn nun dieselben einem Helden, ober sonst einem von ihren Lieblingen zu gefallen, etwas außerordentliches unter: nehmen, das man sonst nicht glauben würde: so wird dieses eben dadurch wahrscheinlich, wenn es nur nicht an und für sich selbst unmöglich ist. Hierwider hat nun Somer geriß verstoßen, wenn er den Vulcan folche fünstliche Werke vira fertigen läßt, die ganz unbegreiflich sind. Er macht Dren. füsse oder Stühle, die von sich selbst in die Versammlu g der Götter spazieren. Er schmiebet goldene Bildfeulen, t.e

nicht

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nicht nur reden, sondern NB. auch denken können. Er mache endlich dem Achilles einen Schild, der eine besondere Bes schreibung verdient. Erstlich ist er mit einer so großen Menge von Bildern und Historien gezieret, daß er zum wenigsten so groß gewesen seyn müßte, als des Tasso diainantner Schild, aus der himmlischen Riistfammer, dessen oben gedacht worden. Fürs andre sind seine Figuren auf dem Schilde leben. dig, denn sie rühren und bewegen sich, so, daß man sich selbige wie die Mücken vorstellen muß, die rund um den Schild schweben. Fürs dritte, find jwo verschiedene Städte darauf zu sehen, die zwo verschiedene Sprachen reden, und wo zween Redner sehr nachdrückliche und bewegliche Vorstellungen an das Volk thun. Wie ist es möglich, dieses alles auf einem Schilde, auch durch eine göttliche Macht zuwege zu bringen? Kurz, Somerus hat sich versehen, und die Wahrscheinlichfeit nicht recht beobachtet.

6.5. Eben das kann man von seinen Göttern sagen, die er noch viel årger, als die unvollkommensten Menschen geo schildert hat. Sie sind wie Menschen gebohren, verheirathen sich wie Menschen, und vermehren ihre Geschlechter wie Menschen. Sie sind allen unsern Leidenschaften, Krank. heiten, ja gar der Gefahr des Todes unterworfen. Sie werden verwundet, vergießen Blut, und haben so gar einen Wundarzt nöthig. Sie zanken fich, drohen einander Schlige, und verspotten fich, wie die kleinen Kinder. Es ist wahr, daß zu Somers Zeiten, die Lehre von Gott noch in dicken Finsternissen gestecket hat. Die Philosophen hatten sich noch nicht auf die Untersuchung der göttlichen Natur geleget: und von einer Offenbarung wußte man nichts. Was uns also heute zu Tage sehr unwahrscheinlich vorkommt, das konnte damals dem Volke sehr wahrscheinlich klingen. Dessen ungeachtet håtte doch somer die Gottheiten nicht so veråchtlich abbilden sollen, als er gethan hat. Man hielt fie zwar größtentheils für gewesene Menschen; aber doch für solche, die vergöttert, das ist, in einen vollkommnern Zustand versetzet worden. Dieses Håtte also auch aus iğren Beschreibun.

gen

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