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Die deutscher Reden Zier bisher umbúllet hat.
Kriegt gleich ein Messelstrauch bey Rosen reine Statt;
So blühen sie gleichwohl. Wir wollen nicht bedenken,
Das tråge Hummeln sich an diesen Bienstock henken.
Ein Körper bleibet doch, obgleich des Schattens Schein
Sidy großer macht, als er. Die Zeit soll Richter seyn!

1. B. der Poet. w.

26. S. Ich würde noch VTeukirche Erempel anführen, der nach Ablegung des Hofmannswaldauischen und lobensteinischen Geschmackes fehr besorgte, daß sein verwilntes Schlesien und das sonst so wißige Budorgis an seiner Poesie nichts Gefälliges mehr finden würde; wenn ich solches nicht schon in dem Vorberichte zu Soragens Dichtkunst gethan håtte. Ich will also nur noch ein Zeugniß aus Pietschen anführen. Dieser fand bey dem Antritte seines poetischen Lehramtes in Königsberg, den Geschmack der ganzen Stadt, durch die schwulstigen Gedichte eines gewissen Schlesiers, der durch die Musik berühmter geworden , als durch die Poesie, nåmlich des Capellmeisters Veidbarð und seiner Schüler, verwöhnet. Diese stopften insgemein ihre Sachen auf gut lobensteinisot), ja noch weit årger, voller Gelehrsamkeit; da denn die meisten, die solche bewunderten, ohne sie zu verstehen, sich einbildeten: Pietsch wåre mit seinen Gedichten, gegen Neidharden, für nichts zu rechnen. Ben einer vornehmen Priesterleiche also, nahm jener Gelegenheit, diese Unart zu bestrafen, und den liebhabern einer zusammengestoppelten Menge von Namen, und hochtrabenden Zusdrückungen, ihren übeln Geschmack dadurch zu verweisen, daß er ihn felber nachahmete. Er hebt so an :

Jhr Musen stimmet mir die abgespannten Senten Nad) dem verderbten Sinn der ungereimten Zeiten: Weil doch kein reines Lied verivohnten Ohren klingt, Wenn man die Stimme nicht nach fremden Tönen zwingt: Wer liebt wohl ein Gedicht? Wenn nicht entfernten Sachen Die vielen Reiben bunt, den Einfall kraftlos machen ?

So låsset Neufirch auch gerechte Klagen tonen; „Soll ich im Alter mich mit fremden Lorbern fronen?

Sonst

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„Sonst trug der Tacitus der Reime schwaches Haus,
„Ich schmiúdt es noch dazu mit Sinnenbildern aus:
„ Dort hatte Seneca, dort Plato mas gelaget,

Dort bat id) einen Spruch dem Plautus abgejaget.
„Damals gefiel ich noch! dod) ißt sind meine Lieder

Sehr matt und ohne Kraft und Schlesien zuwider: „Denn mein entlehnter Slanz nahm durch den falschen Schein

Wie schlecht er immer war, viel hundert Leser ein. So will aud) Königsberg nur solche Dichter hören,

Die ihren eignen Vers, durch fremde Namen stören. Ulles dieses nun geht einzig und allein dahin, daß ein Poet sich an den Geschmack feiner Zeiten und Derter nicht zu fehren, sondern den Regeln der Alten und den Erempeln großer Dichter zu folgen habe.

27. S. Woher der üble Geschmack des großen Sau. fens komme: das ist aus dem obigen leicht abzunehmen. Die schlechte Auferziehung ist sonder Zweifel die allergemeinste Quelle desselben, und dadurch werden auch die fähigsten Köpfe verwahrloset. Weil die Kinder durchgehends nur durch die Nadjahmung urtheilen lernen: so gefällt ihnen gleich von Jugend auf das, was sie von ihren Weltern, oder andern {euten, denen sie was zutrauen, loben horen. *

Die ersten Urtheile werden also unvermerkt eine Richtschnur der übrigen, und nachdem sie durch eine lange Gewohnheit gleichsam tief eingewurzelt find, fo fónnen sie fast gar nicht mehr ausgerottet werden. Der Geschmack alter Leute låßt sich also schwerlich bessern. Sie bleiben fest in ihren Mennungen, und schás men sich, dasjenige zu verwerfen, was sie ihr Lebenlang für schon gehalten haben: Man mag ihnen fagen, was man will; fo bleiben sie doch auf ihrem Eigensinne: weil sie es für schimpflich ansehen, sich ben grauen Haaren in ihren Urtheilen

zu * Sehr schön schreibt hievon Se: uns verderblicher, als daß wir uns neca im 1. Cap. de Vita beata : Nul- nach der gemeinen Sage des Þóbels la res non majoribus malis impli- richten; und uns einbilden, das ley cat, quam quod ad rumorein com- das Beste, was mit vielein Beyfalle ponimur: optimna rati ea, quæ ma- aufgenommen wird. :::: Wir gno assensu recepta sunt. loben nicht nach der Vernunft, sonNec ad rationem, sed ad fimilitu- dern behelfen uns mit dem Nachaffen dinem vivimus. 0. i. Stein Ding ist anderer.

quæ

zu ändern, und dadurch einzuräumen, daß sie so lange geirret
und einen übeln Geschmack gehabt: zumal, wenn sie Leuten,
die jünger find, als sie, recht geben, und folgen sollen.

Vel quia nil rectum, nisi quod placuit fibi, ducunt;
Vel quia turpe putant, parere ininoribus, et,
Imberbes didicere, fenes perdenda fateri.

Hor. L. II. Ep.1.
Entweder weil man nichts für recht und richtig hält,
Als was man-selber liebt, was seinem Sinn gefått;
Bonicht, weil man sich soll nach jüngern Leuten richten,
Und was man jung gelernt, im Alter selbst vernichten.

28. S. Junge Leute hingegen können leichter ihren Ges !
schmack ändern, wenn sie gleich bereits verwöhnet worden.
Sie sind in ihrer Meynung noch so sehr nicht verhårtet; fie
trauen ihren Urtheilen noch keine solche Unfehlbarkeit zu, daß
sie nicht auch zuweilen falsch seyn könnten: sie geben also eher
der gefunden Vernunft Gehör, und begreifen die Richtigkeit
der Regeln gar leicht. Ja wenn man ihnen gleich nicht die
Gründe des guten Gesdymades und die Quellen wahrer
Schönheiten entdecken und begreiflich machen fann; weil sie
etwa nicht studiret haben, oder sonst die gehörige Fähigkeit
nicht besiken: so lernen sie doch aus der bloßen Empfindung
endlich recht urtheilen. Man darf ihnen nur etwas Schönes
zeigen, und sie aufmerksam darauf machen: sogleich werden
sie es gewahr. Denn mehrentheils gefällt ihnen deswegen
das Schlechte, weil sie noch nichts bessers gesehen haben:
nicht anders, wie mancher bloß daher in eine mittelmäßige
Gestalt verliebt ist; weil er noch keine Gelegenheit gehabt,
eine rechte Schönheit kennen zu lernen. Man zeige nur einem
folchen Liebhaber eine vollkommenere Person, als seine vera'
mennte Halbgottinn ist: er wird ihrer entweder gar vergessen;
oder doch zum wenigsten den größten Theil seiner Hochachtung
gegen dieselbe' verlieren. Indessen ist es nicht zu leugnen,
daß auch junge Leute zuweilen von dem schon ziemlich einges
führten guten Geschmace muthwillig abweichen, und auf einen

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weit schlimmern verfallen. Dieses wiederfährt stolzen und ehrsüchtigen Köpfen, die sich, es koste was es welle, durch etwas neues und seltsames unterscheiden wollen. Der ges bahnte Weg ist ihnen zu verächtlich: sie wollen sich durchaus hervor thun, und wenn es gleich durch Thorheiten seyn sollte. Sie ahmen also auch die Fehler großer Leute, auch offenbare Abreichungen von Regeln der Vernunft nach; und verführen wohl gar durch ihr Erempel andre. So wislen die Kunsts richter, daß Ovið und Seneca den römischen, Marino und Ariost den wålschen, Milton den englischen, ja durch seine Uebersetzungen auch den deutschen Geschmack zum Theile verderbet habe.

29.9. Und so hätte ich wohl meines Erachtens in diesem Szauptstücke meinen Vorfaşins Werk gerichtet, indem ich nicht nur einen deutlichen Begriff von dem Geschmacke überhaupt gegeben, sondern auch die Regeln des guten Geschmacks entdecket, und ign dadurch von dem übeln unterschieden; ferner dieses gegen die Einwürfe vertheidiget, und endlich etliche zweifelhafte Fragen, die ben dieser Materie auf geworfen worden, nach meinen Grundsågen entschieden. Nunmehr fullte ich besondere Lehren geben, und zeigen, was denn in allerlen Gedichten, Einfällen und Ausdrůcs fungen dem guten oder übeln Geschmacke gemäß sey. Allein, dieses ist eine Arbeit, die alle folgende Capitel dieses Buches einnehmen wird, als in welchen ich stückweise die Regeln vortragen will, darnach die poetischen Schönheiten beurtheilet werden müssen. Man merke zum Beschlusse Sorazens Regel an: Interdum vulgus rectum videt; est ubi peccat.

Lib. II. Ep.1. Oft hat der Pöbel recht', und oftmals feħlt er aud): Und, Maxiina

pars

Vatum
Decipimur specie recti.
Der Didyter größter Theil, beträgt sich durch den Schein.

Das

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Das IV. Hauptstück. Von den dreren Gattungen der poetischen Nachahmung, und infonder

heit von der Fabel.

1. & ie Nachahmung der Natur, darinnen, wie oben gewies

sen worden, das Wesen der ganzen Poesie besteht, kann

auf drenerley Art geschehen. Dic erste ist eine bloße Beschreibung, oder sehr lebhafte Schilderey von einer natürlichen Sache, die man nach allen ihren Eigenschaften, Schönheiten oder Fehlern, Vollkommenheiten oder unvollkommenheiten seinen Lesern klar und deutlich vor die Augen malet, und gleichsam mit lebendigen Farben entwirft: so dag es fast eben so viel ist, als ob sie wirklich zugegen wäre. Dieses nun mit rechter Geschicklichkeit zu verrichten, das iit eine gar feine Gabe: und man þat es dem oiner zu großem lobe an= gemerket, daß ein berühmter griechischer Maler, der eine Minerva zu schildern willens war, zu dem Ende erst in der Ilias die Beschreibung dieser Göttinn nachgeschlagen, fie durchgelesen, und sich dadurd) eine lebhafte Abbildung von ihr gemachet. Solche Malerey eines Poeten nun, erstrecket sich noch viel weiter , als die gemeine Malerkunft. Diese kann nur für die Augen malen, der Poet hergegen kann für alle Sinne Schildereyen machen. Er wirket in die Einbildungsfraft; und diese bringt die Begriffe aller empfindlichen Dinge fast eben so leicht, als Figuren und Farben Hervor. Ja er kann endlid, auch geistliche Dinge, als da sind innerliche Bewe. gungen des Herzens, und die verborgensten Gedanken beschreiben und abmalen. Nur ist hierben zu merken, daß ein Dichter seine Absicht niemals vergessen muß. Ein jedes endliches Ding hat zwo Seiten, eine gute und eine böse. Will man nun ein Ding loben: so muß man die erste; will

man

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