Page images
PDF
EPUB

Das III. Hauptstück.
Vom guten Geschmacke cines

Poeten.

1. S. 6 es gleich scheint, daß ich im vorigen alle gute Eigen

schaften eines wahren Poeten erzählet habe: so ist doch

noch etwas von großer Wichtigkeit übrig, daß ich in einem befondern Hauptstücke abhandeln will. Es ist in den neuern Zeiten sehr viel vom guten Geidimacke geredet und geschrie: ben worden. Man hat ihn gewissen Dichtern zugestanden, andern aber abgesprochen; und endlid) gar die Regel gemaclyt: Ein Poet müsse einen guten Geschmack haben. Diese Regel nun deutlich zu erklären, und zu erweisen, das ist meine Absicht in diesem Hauptstücke.

2. J. Ich will mich hier nidit in die historische Untersuchung einlassen, wenn und wo das Wort Geschmack zuerft in dieser neuen Bedeutung angenommen worden. Das haben schon andre vor mir gethan, deren Schriften ich mit Vergnügen und Vortheil gelesen habe. Id weis auch, daß in Frankreich nur neulich der Pater Dubosc und Herr Rollin verschiedene Streitigkeiten darüber gehabt. Man kann diese Redensart nunmehr für eine bekannte und völlig eingeführte Halten; und man darf sichs nur angelegen seyn lassen, fie im rechten Verstande zu gebrauchen. Diesen aber zu bestimmen, das ist nicht eines jeden Werk. Wem es damit gelingen foll, der muß erstlich die Kräfte der menschlichen Seelen, und sonderlich die Wirkungen des empfindenden und urtheilenden Verstandes aus der Weltweisheit verstehen. Hernach muß er eine Fertigkeit in der Vernunftlehre besigen: fo, daß er fåhig ist, sich von jedem vorfommenden Dinge und Ausdruce, nach logischen Regeln, eine gute Erklärung

zu machen. Endlich muß er sich auch in der Poesie, oder andern Künsten, davon etwa die Rede ist, wohl geůbet haben. Ohne diese dren Stücke, wird die Beschreibung des guten Geschmackes nicht zum besten gerathen können. Da es nun denen Franzosen, die bisher davon geschrieben, ents weder an zweyen, oder doch zum wenigsten an einem von diesen dreyen Stücken gefehlet hat: so ist es auch kein Wunder, daß sie weder mit einander eins worden, noch uns Deutschen ein besseres Licht, gaben anzünden können. Unsre {andesleute haben die Sache mit viel größerer Geschicklichkeit angegriffen; und sie eben deswegen auch weit gründlicher auszuführen vermocht.

3.9. Zum ersten reße ich zum voraus, der Geschmace, im gemeinen und eigentlichen Verstande, rey die Fähigkeit, oder die Gabe unserer Zunge, die verschiedenen Wirkungen zu empfinden, die von Speise und Trank auf derselben vers ursachet werden, wenn sie davon sattsam berühret und durchs drungen worden. Unfre Sinne, in so weit sie körperlichen Gliedmaßen zukommen, sind nichts als Leidenschaften; und empfangen also nur die Eindrückungen, der außer uns befindlichen Dinge. Daher eigne ich auch der Zunge bloß die Fähigkeit zu empfinden zu, welche nur was Leidendes ift; da hergegen eine Kraft etwas Thåriges angezeiget håtte. Diese habe ich für den Geschmack auf behalten, in so weit er in der Seele ist: den ich also eine Kraft des Gemüthes nenne, vermoge welcher dassetbe, die von Speise und Trank in den schwammigten Fåserdhen der Zunge verursachten Veränderungen, sich vorstellen, und ihren lInterfcheid beurtheilen kann.

4.5. Man wird mir ferner teicht einräumen, daß die Begriffe und Vorstellungen, welche wir uns von dem befons dern Geschmacke verschiedener Speisen machen, ben aller ihrer Klarheit, dennoch nichts deutliches in sich haben. Wir sind ben gesunden Tagen yar wohl im Stande, daß Süße vom Bittern, das Saure von dem Herben u. f.no. zu unters scheiden, und jedes mit feinem Namen zu nennen: und also find die Begriffe von diesen Wörtern ber uns nicht dunkel.

[ocr errors]

Wir sind hingegen nicht verinógend, das allergeringste zu antworten; wenn man uns fragt: worinnen der saure Ges schmack vom bittern, diefer vom herben, scharfen u.s.f. unters schieden sen, und woran wir einen vor dem andern erkennen? Dieses zeiget, daß unsere Vorstellungen davon verwirrt, und eben so undeutlich sind, als die Begriffe von der rothen, blauen, grünen oder gelben Farbe. Und von eben dieser Undeutlichkeit kommt es her, daß man das Sprůchwort ges macht hat: Vom Geschmace můsse man nicht viel zanken.

5. 5. Weiter nehme ich aus der gemeinen Sprache an, baß man denen, die den gesunden Gebrauch ihrer Zunge haben, den guten Geschmack nicht abzusprechen pflegt; so lange fie sagen, daß der Zucker füß, der Wermuth bitter, und der Esig sauer schmeckt: denn darinnen kommt die ganze Welt überein. Wer hergegen ein Gallenfieber hat, so, daß ihm alles ohne Unterscheid bitter schmeckt, dein eignet man einen verderbten Geschmack zu: weil er nicht mehr nach der Bes schaffenheit der Sachen, sondern nach seiner verderbten Zunge urtheilet. Imgleichen pflegt es zu geschehen, daß fich ges wisse Leute von Jugend auf gewöhnen, Kohlen, Kale, Kreide, Spinnen u. d. gl. zu essen: daher es nachmals kommt, daß sie in dem Genusse solcher abgeschmackten Dinge einen besondern Geschmack zu finden vermeynen; welchen aber niemand, der keine so verwöhnte Zunge hat, darinnen finden kann. Von solchen Leuten sagt man nun auch, daß fie einen verderbten, ůbeln, oder verkehrten Geschmack haben. Und so viel vom Geschmacke im eigentlichen Verstande.

6.9. Von dem metaphorischen Geschmacke unsrer Seele bemerket man; daß man sich dieses Wortes fast ganz allein in freyen Künsten, und in etlichen andern sinnlichen Dingen bedienet: Kergegen wo es auf die Vernunft allein ankommt, da pflegt man dasselbe nicht zu brauchen. Der Geschmack in der Poesie, Beredsamkeit, Musik , Malerey und Baufunst; imgleichen in Kleidungen, in Gårten, im Hausrathe u. d. gl. ist sehr befannt. Aber niemals habe ich noch vom Ges schmacke in der Arithmetik und Geometrie, oder in andern

1

Wissenschaften reden hören: wo man aus deutlich erkannten. Grundwahrheiten, die strengesten Demonftrationen zu machen vermögend ist. In solchen Wissenschaften aber, wo das deutliche und undeutliche, erwiesene und unerwiesene noch vers mischt ist, da pflegt man auch wohl noch vom Geschmacke zu reden. 3. E. ich könnte wohl sagen: Ein theologisch Buch nach mosheimischem Geschmacfe; ein Recht der Natur nach Puffendorfs Geschmacke; eine Arzneykunst nach Boerhavens Geschmacke. Über hier muß ich anmerken, daß man den Geschmack nur in denjenigen Theilen solcher Disciplinen suchet, die noch ungewiß sind, und also nicht durchgehends beliebt werden. So bald eine Sache allgemeinen Beyfall erhålt, und für was demonstrictes gehalten wird; fo bald hört man auch auf, sie zum Geschmacke zu ziehen. So werden die Sternseher nicht mehr sagen können, eine Astros nomie nach copernikanischem Geschmacke: weil dieser Welts bau bereits allenthalben für den einzigen wahren erkannt und angenommen wird.

7. S. Diese Anmerkung ist von großem Nußen. Sie lehrt uns nảmlich, daß der metaphorische Geschmack, eben fo wohl, als der gemeine , nur mit klaren, aber nicht ganz deutlichen Begriffen der Dinge zu thun hat; und nur solche Dinge von einander unterscheidet, die man nach der bloßen Empfindung beurtheilet. 3. E. Ein Bürger bauet fein Haus, und läßt sich von etlid)en Baumeistern Risse dazu machen. Sie gerathen alle anders. Obgleich nun der Bauherr nichts von der Architektur verstoot, so wählt er doch einen Rizvor allen übrigen, den er will ausführen lassen: und man sagt alsdann, er habe die Wahl nach seinem Geschmacke verrich. tet. Fragt man ihn, warum er diesen und nicht einen andern Riß gemahlet? so weis er nichts weiter zu sagen, als daß ihm dieser am besten gefallen habe; das ist, er habe ihn für den schönsten und vollkommensten gehalten. Denn ich feße zum voraus, daß der Bauherr nicht ganz eigennukig zu bauen, sondern ein schönes Gebåude aufzuführen willens sen. Gefeßt aber , man legte einem andern, in der Baukunst sehr

geübten

H 5

geübten mathematischen Renner, die obgedachten Risse vor, mit dem Begehren, sich einen zu erwählen: so würde dieser fie gewiß alle nach architektonisdhen Regeln untersuchen, und zulegt denjenigen allen übrigen vorziehen, der nach den Grundsåßen der Wissenfchaft, die größte Vollkommenheit håtte. Hier würde man aber schwerlich sagen, dieser Meister und Kenner vabe nach seinem Geschmacke gewählet; vielmehr würde es heißen: er habe die Risse nach den Regeln geprüfet, und vermoge seiner Einsicht befunden, daß der erwählte der beste gewesen.

8. S. Aus dieser bisher erläuterten Anmerkung erhellet nun: daß zwo Personen, von einer Sade, aus verschiedener Erkenntniß, nåmlich theils nach dem Geschmacke, theils aus Wissenschaft und Einsicht urtheilen; sodann aber, daß sie auch sowoậl einerlei), als zweyerley Urtheile fållen können. Wåre es im obigen Falle nicht leicht möglich, daß der ungelehrte Bürger sich von den verschiedenen Rissen eben den aussuchte, welden aud) hernach der bauverständige Kenner für den besten erflårete? Könnte aber auch nicht gerade das Widerspiel geschehen; daß ihm nämlich ein andrer Entwurf besser anstünde, an welchem hernach der Baumeister viel Fehler auszuseßen fånde? Ein jeder sieħt wohl, daß beydes möglich ist. Aber was folgt daraus? Dieses: 1) daß Leute, die nach dem bloßen Geschmacke urtheilen, sehr uneins seyn können: 2) Daß beyde Urtheile zugleich nicht wahr senn fónnen; weil sie nämlich widerwärtig sind: endlich 3) daß dasjenige Urtheil dem andern vorzuziehen fery, welches mit den Regeln der Baukunft und dem Husspruce eines Meisters in dieser Wissenschaft einstimmig ist. Die ersten beyden Folgerungen sind wohl unumstößlich: wegen der dritten aber, fann man auch nicht viel Zweifel tragen. Denn wie wäre es

möglich,

* Der große Leibniß ift bier vols rendre Raison. C'est quelque chokoinmen meiner Meynung. In dem se d'approchant de l'Instinct. Le Recueil de div. piec. de Mrs. New- Gour est formé par le Naturel & ton, Clarke etc. schreibt er p. 285. par l'Usage: & pour l'avoir bon, il Le Gout distingué de l' Entende- faut s'exercer à gouter les bonnes ment, consifte dans les Preceptions Choses, que la Raison & l’Experienconfuses, dont on ne sauroit assez ce ont deja autorisées; en quoi les

[ocr errors]
« PreviousContinue »