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geschmiedet hat, Voltaire, Montesquieu, Diderot machen zum Gemeingute der allgemeinen Bildung was dort errungen war; langjam arbeitet sich Deutschland empor, bis es durch Friedrich den Großen und Lesjing sich seine gebührende Stellung erobert. Unter der Herrschaft des Verstandes war die Poesie Mittel zum Zwede gewesen die neuen Gedanken gefällig darzustellen und zu verbreiten; Phantasie und Gemüth aber walteten beim Verfall der bildenden Kunst und dem Mangel echter Dichter in der Musif; Händel, Bach, Gluck retteten die Sache der Kunst und die Ehre Deutschlands in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Nun kommt der Idealismus des Gefühls zum Durchbruch, nun erschallt Rousseau's Nuf nach Natur, Deutschland ist jung geblieben und in Sturm und Drang einer begeisterten Jugend entfaltet sich eine neue Blüte der Kunst, die ein menschheitliches und rein menschliches Bildungsideal anstrebt, die in lessing'& Nathan, Goethe's Faust, Schiller's Posa Ideale des Geistes erschafft, wobei die formale Schönheit und das edle Maß der Antike ebenso Hülfe leistet wie in der Kunst der Renaissance bei Rafael, Michel Angelo und Tizian. Und wie einst neben Phidias und Praxiteles auch Pindar, Aeschylos und Sophofles standen, so nun Haydn, Mozart, Beethoven neben den Dichtern; wie damals Sokrates und Platon, jo jeßt Kant und seine Nachfolger. Die Boesie aber, die Kunst des Geistes, ist nun tonangebend. Der weltgeschichtliche Höhenpunkt im idealen Gebiet wird jetzt in Deutschland erreicht, während Frankreich auf realem Gebiet die Forderungen des Geistes durch seine Revolution durchsetzt und überstürzt, indem die Freiheit durch den Schrecken und den Militärdespotismus zwar die Fesseln des Feudalismus bricht, aber auch die Menschheit darauf hinweist daß nicht alles mit dem Verstande gemacht wird, daß die Gefeße der Natur und das Naturwüchsige in der Geschichte Anerkennung fordern und das Wirklidie als das Vernünftige begriffen werden soll. Diesen Umschwung bezeichnet die Romantik, welche von der in Materialismus entarteten Aufflärung sich zuin Christenthum, von dem zerstörerischen Umsturz zur Betrachtung des organischen Werdens in der Menschheit wendet. Der geschichtliche Sinn tritt nun in den Vordergrund, und indem er die Vergangenheit nach ihrer eigentlichen Bedeutung auffaßt und rechtfertigt, verirrt er sich zu rückwärts schiebenden Bestrebungen, welche die Freiheit und das Recht des Fortschritte verleugnen. Doch diese lassen sich nicht dämpfen, und finden eine Stüße und mächtige Förderung an der

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Forsdung der Natur, welche die Gesetze und Kräfte derselben theo retijd erfaßt und praktisd für das Leben verwerthet. Naturwissendast und die auf sie gegründete Tedynik und Volkswirthidaft unterscheidet unsere moderne Welt von der antiken. Wie in den Tagen des aufklärenden Verstandes, jo steht auch jetzt das fünstlerische Schaffen hinter dem Ningen in Staat und Kirche und hinter der wissenschaftlichen Arbeit der Geschichts- und Naturerfenntniß zurück, anch in der Schätzung der Nation; doch sind Byyron und Heine, Walter Scott und George Sand, Cornelius und Delacroix Bürge dafür daß das prometheisdie Feuer der (dyöpferkräftigen Phantasie nicht erlischt. Einstweilen haben wir die (Senugthuung daß die Hinwendung zum Realen und Deutschen ein Vaterland gewonnen hat; daß die politische und wirthschaftliche Arbeit wie sie für sich erfolgreich ist, so auch für eine freie Neli giosität, für Kunst und Wissenschaft den gesunden Volfsboden bereitet, das ist unsere Hoffnung und unsere Aufgabe.

Spinoza. Leibniz. Newton.

Ein philosophisches Jahrhundert ist angebrochen, die Zeit wird fommen wo die heilbringende Wahrheit fid) überall zeigen darf, dreibt Scibniz und stimmt darin mit den großen Genojjen überein daß (Gott umd die Natur stets auf die Vernunft gegründet sind, daß in der Welt nichts Unverstandenes oder Zufälliges und Grundlojes zurüdgelassen, vielmehr die Siesetze gefunden und anerkannt werden jollen, die selber ewig imt nothwendig sind, weil sie die Natur der Dinge und das Wesen der Vernunft ausmachen.

Als die Niederlande ihre Freiheit errungen hatten, wurden sie ein Asyl für strebende (Seister. Von der Inquisition verfolgte Juden aus Spanien und Portugal fameu corthin, und in einer folden Familie ward Baruch Spinoza 1632 geboren. Bruno in • Bezug auf den Inhalt, die Einheit alles Lebens, die Gegenwart Gottes in der Welt, Descartes in Bezug auf die Form, den mathematischen Beweis der Wahrheit, wurden die Leitsternie seiner Jugend. Die Rabbiner boten ihm ein Jahrgehalt, wenn er der Synagoge treu bleibe; er antwortete daß er nicht Geld, sondern Wahrheit suche. Da thaten sie ihn in Bann, aber ihrem Fluchy zum Trot nannte er sich den Gesegneten, Benedictus; bei verfolgten puritanischen Christen fand der verfolgte Jude eine Stätte. Seine Unabhängigkeit zu wahren schliff er optische Gläser, lehnte einen Niuf an die Universität Heidelberg ab, und führte das leidenschaftslose beschauliche Stillleben des Denker8 bis zu seinem ruhigen Tode 1677. Von Jugend an brustleidend hatte er doch den Grundsatz: Der freie Mensdy denkt an nichts weniger als an den Tod, und jeine Weisheit ist nicht ein Nacyjinnen über das Sterben, sondern über das Leben. Er war dieser freie Mensch der neuen Zeit, ungebunden durch Ueberlieferung, Ceremonien und Schulvorurtheile. Und das Wesen der reinen unbefangenen Betrachtung bezeichnete er claffisdy also: Man muß die Handlungen der Menschen weder beflagen, noch belachen, nocy verabsdeuen, sondern begreifen; ich werde sie fammt den Begierden ganz so untersuchen als ob es sich um geometrische Linien oder Flächen handelte. Wenn man in die ganze Ordnung der Natur eine klare Einsicht hätte, so würde man alles so nothwendig finden wie die Säte der Mathematif; darnach will Spinoza den Zusammenhang der Dinge in seiner Einheit er: kennen und in strenger Folgerung die gegliederte Kette der Bestimmungen darstellen welche das Ad in sich begreifen. Mit un mittelbar gewissen allgemeinen Grundsätzen will er beginnen und alles Besondere aus ihnen ableiten. Die Sätze die aus der Natur des Dreiecks folgen, sind aber ewig darin enthalten, und so scheint ihm auch das Mannichfaltige in dem Einen eine unveränderliche Ordnung der Dinge. Von hier aus sieht Spinoza überall nur (Grund und Folge, feine freie Selbstbestimmung und feinen Zweck. Daß es Gefeße der Natur wie des Geistes gibt welche feine willkürlich gemacyte Einrichtung, sondern nothwendige Formen des Seins und Denkens sind, ist das Wahre; daß sie allein gelten sollen, daß geleugnet wird was nicht aus ihnen folgt, ist Spinoza's Schranke; das Leben entwickelt sich nach solchen Gesetzen, aber nicht aus ihnen, das Selbst, die Persönlichkeit ist kein Ergebnis eines Causalzusammenhangs, sondern die eigene schöpferische Willensthat, die zu ihrer Verwirklichung ebenso an die Naturbedingungen gebunden ist wie diese für sie geordnet sind. Das Wesen Gottes aus dem alles mit derselben Nothwendigkeit folgt wie die Gleidyheit aller Radien aus der Natur des Treijes, ist eben nicht der ganze Gott, sondern nur der ihm zu Grunde liegende Inbegriff der ewigen Wahrheiten. Daß es nur Ein in sid) unendliches und ewiges Sein geben kann, in welchem und durch welches alles besteht, diese ursprüngliche Wahrheit hat Spinoza mit aller Araft und Entschiedenheit für die Neuzeit begründet. Gott ist ihm diese Einheit, die alleinige Substanz, das allgemeine Wesen aller Dinge, deren innebleibende, nicyt äußerliche Ursache. Zwei Wejensbeschaffenheiten leitet der Denfer aus der Substanz nicht ab, sondern findet sie in der Erfahrung: die Ausdehnung und das Denken; in jenem ist die materielle, in diesem die geistige Welt begriffen. Es ist die eine Substanz die sich auf diese zweifache Weise offenbart; die Ordnung und der Zusammenhang der Ideen und der Dinge entsprechen einander, aber sie wirken nicht auf einander, denn sie sind nur der doppelte Ausdruck einer und derselben Wirklichkeit; was die Seele in der Weise des Denkens das ist der Körper in der äußern Realität, die Seele ist der Begriff des Leibes für die Vera nunft, der Leib die ausgedehnte Seele für die sinnliche Auffassung. Rörper und Seelen aber sind wie alles Besondere innerhalb des Allgemeinen, dessen Modificationen oder endliche begrenzte Erscheinungen. Alle Körper sind besondere Formen innerhalb der Ausdehnung, die sich burd, alle erstreckt und alle in fid befaßt; alle Seelen Daseinsweisen des göttlichen Denkens, das sie in sich begreift. Die ganze Natur ist Ein Individuum, dessen Theile, die Körper, auf mannichfache Weise wechseln, während das Ganze besteht und dasselbe bleibt; alle Geister zusammen machen den ewigen und unendlichen Verstand Gottes aus. Wir nennen Welt die Entfaltung des Wesens, Gott die Einheit desselben, aber beides ist eins, eins im andern. Gott, die unendliche Ursache, ist zugleich die unendliche Reihe seiner Wirkungen, jedes Ding ist ein Glied in ihrer Rette, durch den Zusammenhang des Ganzen bestimmt; und diese Naturordnung ist für Spinoza die einzige; ,,ein Stein der geworfen wird und sich einbildet zu fliegen, ist der sich frei dünkende Mensch"; wobei nur unerklärt bleibt woher dann diese seltsame Einbildung komme. Die denkende Betrachtung geht von der Vorstelluug der einzelnen Dinge zur Erfassung ihres Zujammenhangs, so erhebt sie sich zur Weltordnung, und so begreifen wir die endlichen Eristenzen unter dem Gesichtspunkte der Nothwendigkeit oder im Lichte der Ewigkeit, wir denken sie in Gott, und das ist das wahre Erkennen. Da ist alles Zufällige, Vereinzelte in dem Einen und seiner Ordnung aufgelöst. Das ist die adäquate, der Sache entsprechende Erkenntniß. Und wie das Licht sich selbst und die Finsterniß offenbar macht, so ist die Wahrheit das Prüfmal ihrer selbst und des Irrthums.

Jedes Ding trachtet in seinem Sein zu beharren und sich selbst zu behaupten; das bewußte Streben heißt Wille oder Begierde. Was dies Streben fördert das nennen wir gut, das Gegentheil böse. Das Gefühl des befriedigten Strebens ist Freude, durch dasselbe geht der Geist zu größerer Vollkommenheit über. Das Traurige, Drückende will er loswerden, das Fördernde gewinnen; dieses lieben, jenes hassen wir; Liebe und Haß sind Lust und Unlust begleitet von der Vorstellung einer äußern Ursache. Hoffnung und Furcht entstehen durch die Erwartung einer Lust oder Unlust. Wir sind leidender Natur sofern wir den Einwirtungen anderer ausgesett sind, wir sind thätig und frei wenn wir unser eigenes Wesen bejahen und behaupten, also im Denken, da sind wir die alleinige Ursache des Geschehens; aber wenn die Dinge auf uns einwirken, wenn die Leidenschaften uns bewältigen, sind wir unfrei. Die flare Erkenntniß ist unsere beste Tüchtigkeit, durch sie schweben wir betrachtend über unsern Empfindungen. Unser Wille ist das Vermögen zu bejahen und zu verneinen, wir bejahen was unser Leben erhöht, und das suchen wir dauernd zu machen, dem Wechsel von Lust und Unlust zu entrinnen. Das fönnen wir, wenn wir uns auf das Unendliche und Ewige richten, in ihm unjere Glücjeligkeit finden. Das höchste Gut des Geistes ist die Erkenntniß Gottes, sie befreit uns von dem Endlichen und Vergänge lichen, weil sie uns alles als ein Glied der unvergänglichen Weltordnung begreifen läßt. Außer Gott gibt es nichts das uns zum Heile dienen fann; wenn wir uns und alles in ihm erkennen, so haben wir das Gefühl dauernder Beseligung, und lieben ihn, der allein liebenswürdig ist. Indem wir das Göttliche wissen und wollen, sind wir eins mit ihm, und indem wir selbst zu seinem Wesen gehören, ist unsere Liebe zu ihm ein Theil der unendlichen Liebe Gottes zu sich selbst. 31 Gott begreifen und lieben wir alle Menschen, und unsere Seligkeit in dieser erkennenden Liebe ist nicht der Tugend Lohn, sondern die Tugend selbst.

,,Der Thor wird durd, die äußern Ursachen und sinnlichen Begierden hin und her getrieben und kommt niemals zur wahren Ruhe des Geistes, denn er lebt im Dunkel über sich selbst, über Gott und die Welt, und der letzte Augenblick seines leidenden und elenden Zustandes ist zugleich das Ende seines Daseins, während der wahre Weise von der Leidenschaft nicht bewegt wird, sondern

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