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falsche Angabe Boileaus mit den Worten seines „Bewunderers" begründet: „Boileau, who desired to be thought a rigorous and steady moralist, having told a petty lie to Lewis XIV. continued it afterwards by false dates; thinking himself obliged, in honour,1) says his admirer, to maintain what, when he said it, was so well received."

In diesen Worten erkennen wir eine freie Wiedergabe von Boileaus Rechtfertigung durch Brossette, der mit dem „admirer" gemeint ist: Mr. Despréaux s'est crû depuis engagé d'honneur à soutenir un mot qu'il avait dit en présence de toute la Cour et qui avait si bien réussi. Wie Brossette weiter berichtet, sei dieser Vorfall der Grund gewesen, warum Boileau in seinen Werken falsche Angaben bezüglich seines Alters machte: C'est ce qui l'a obligé toutes les fois qu'il a eu occasion de parler de sa naissance, de la mettre en 1637.....2)

Großen Gefallen hatte Johnson an Boileaus langsamem und sorgfältigem Arbeiten (Lives, II 358):

Vingt fois sur le métier remettez votre ouvrage,

Polissez-le sans cesse et le repolissez,

Ajoutez quelque fois et souvent effacez.

(Art poétique, chant I. v. 172 ff.; Oeuvres II 185.)

Dieser Rat tönt uns in den verschiedensten Variationen und Tonarten auch aus Johnsons Werken entgegen. 3) Gegenüber dem hastigen und

),,in honour" ist kursiv gedruckt, wohl um die Entlehnung aus Brossette anzudeuten [vgl. im Tert obliged in honour mit: engagé d'honneur].

2) Im Vorwort zu der Ausgabe seiner Werke vom Jahre 1701 sagt Boileau, er sei nun bereits mehr als 63 Jahre alt: Comme c'est ici vraisemblablement la dernière édition de mes ouvrages que je reverrai, et qu'il n'y a pas d'apparences, qu'âgé comme je suis de plus de soixante et trois ans, et accablé de beaucoup d'infirmetés, ma course puisse être encore fort longue, le public trouvera bon que je prenne congé de lui dans les formes (Oeuvres I 23). Hierzu bemerkt Brossette, daß Boileau damals bereits 64 Jahre alt war; vgl. auch Epître V, (Oeuvres II 52); Epître X, (Oeuvres II 131).

3) The widest excursions of the mind are made by short flights frequently repeated; the most lofty fabricks of science are formed by the continued accumulation of single propositions (R. 137, VI 419). Er empfiehlt dem Schriftsteller, seine Arbeit nach ihrer Vollendung sorgfältig durchzulesen (Adv. 138, IX 160). Von Pope sagt er: He was one of those few whose labour is their pleasure: he was never elevated to negligence, nor wearied to impatience (Lives, IV 105). Vgl. ferner R. 169 (VII 171 ff.); R 111 (VI 253); Adv. 138 (IX 160); Lives (II 389, 427). Doch Johnson selbst hat diesen Ratschlag in der ersten Zeit seines Schaffens nicht befolgt; wie schnell und flüchtig er seine Rambleraufsätze verfaßte und seinen ,,Rasselas", beweist Boswell (S. 51 u. 93, siehe auch unter Malherbe S. 27, Anmerkg. 1); allerdings kann er zu seiner Rechtfertigung anführen, daß die pekuniäre Not ihn dazu zwang, womit er auch andere Dichter entschuldigt.

schnellen Schaffen Drydens (Lives, II 358), der zu seiner „Ode on Cecilia's Day" nur 14 Tage gebraucht hatte, betont Johnson die Geduld und den Fleiß Boileaus, dessen Equivoque" (Satire XII, Oeuvres I 335), eine Dichtung von nur 346 Zeilen, 11 Monate seines Lebens zur Abfassung und drei Jahre zur Durchsicht in Anspruch genommen habe (Lives, II 358). Auch das weiß Johnson von Brossette, der in einer Anmerkung zur Satire XII sagt: II [l'auteur] emploia onze mois à la faire et trois ans à la corriger (B.-Br. Oeuvres I 215).

Weit häufiger als die Werke jedes anderen französischen Dichters zitiert Johnson diejenigen Boileaus oder Stellen und Gedanken daraus. Es ist dies zum Teil darauf zurückzuführen, daß Boileau nicht nur auf seine Landsleute, sondern auch auf die Engländer einen mächtigen Einfluß ausgeübt hat.') Die Abfassung der „Lives" brachte es mit sich, daß Boileau häufig nur deshalb genannt ist, um Beziehungen dieses oder jenes englischen Dichters zu Boileau zu erwähnen.

So erfahren wir, daß Boileau der Lieblingsschriftsteller des Grafen Rochester war (Lives, II 198); daß dieser in seiner „Satire on Man“ (Lives, II 201) Boileau stark benutzt hat (Satire VIII); daß nach dem Vorbild von Boileaus „Address à son Esprit (Satire IX) Popes „Epistle to Arbuthnot" verfaßt ist; 2) daß Priors Burleske der „Ode on Namur" (Oeuvres II 480),,in einigen Teilen große Lustigkeit und Zierlichkeit besißt, die ihr immer Leser verschaffen wird" (Lives, III 147); daß Blackmore einen Vergleich zwischen Dennis und Boileau anstellt, der sehr zugunsten des ersteren ausfällt. 3) Auch die Bemerkung, daß die Geschichte von dem Quacksalber in dem Essay on Translated Verse" des Lord Roscommon (1633?-1685) Boileau entlehnt sei (Lives, II 213), ist von keiner größeren Bedeutung. 4) Boileaus Satyre gegen die Frauen (Satire X) schäßte Johnson nicht so hoch, wie Popes „Character of Women" (Lives, IV 133). Zur Begründung seiner Vorliebe sagt er, daß Pope mit viel größerer Scharfsichtig

1) Vgl. Sander, S. 77 ff.

2) Johnson hat bei diesem Hinweis auf Boileaus,,Address à son Esprit" (Lives, IV 75) augenscheinlich die Satire IX im Auge, die Boileau mit dem Verse beginnt: C'est à vous, mon Esprit, à qui je veux parler (Oeuvres I 229). Hill ist dagegen der Ansicht (Lives III 177, n. 1), daß Johnson dabei auf die ,,Epître, à mes Vers“ d. i. Epître X (Oeuvres II 128 ff.) verweisen will.

3) Lives, III 175, bezüglich dieser von Johnson unrichtig zitierten Stelle bei Blackmore (Preface to Alfred, S. 2) siehe Hills Anm. Lives II 239.

4) Johnson denkt dabei an den Anfang des IV. Gesanges der „Art poétique":

Dans Florence jadis vivoit un médecin,

Savant hâbleur, dit-on, et célèbre assassin etc. (Oeuvres II 277).

Vgl. Hill, Lives I 237, n. 1.

keit die weibliche Natur erforscht und weibliche Vorzüge hervorgehoben habe. Dieser Zusatz kann uns andeuten, daß Johnson Boileau deshalb verurteilt, weil dieser nur die Laster des weiblichen Geschlechtes erwähnt und diese geradezu als allgemein hinstellt.1) Auf jeden Fall können wir mit Sicherheit behaupten, daß Johnson diese einseitige Schilderung des Weibes nie gebilligt hat, denn, mag er auch hin und wieder über ihre Eitelkeit spotten, verachtet hat er die Frauen nie, sondern oft eine große Verehrung für sie bekundet. 2)

Auch bei einem Vergleich zwischen dem Lutrin" (Oeuvres II 325 ff.) und dem „Rape of the Lock" läßt Johnson den Franzosen den kürzeren ziehen (Lives, IV 123). Er ist nicht damit einverstanden, daß Dennis (1657-1734) Popes Rape of the Lock" des Mangels einer Moral beschuldigt 3) und das Gedicht aus diesem Grunde unter Boileaus „Lutrin“ stellt. Es kann ja sein, meint er, daß weder der eine noch der andere die Welt viel besser gemacht haben, als sie sie vorfanden, 4) aber wenn sie beide etwas erreicht hätten, so wäre leicht zu sagen, wer sich mehr verdient gemacht hätte. Die Grillen, die Launen, die Verdrießlichkeit und Eitelkeit der Frauen, säten Zwietracht in den Familien, erfüllten Häuser mit Mißbehagen und arbeiteten dadurch dem Glück des Lebens mehr entgegen als der Ehrgeiz des Klerus in vielen Jahrhunderten.

Betrachten wir nun, nachdem wir einige Urteile Johnsons über Boileau und seine Werke kennen gelernt haben, wie er sich zu den ästhetisch-kritischen 1) Dasselbe Urteil über Boileaus Satire hatte schon Addison gefällt (vgl. Sander, S. 88).

*) Vgl. die Schilderung der Prinzessin Nekayah im „,Rasselas"; der Aspasia in der,,Irene"; das Urteil des alten Gelehrten im ,,Rasselas" (Chap. XLX, XI 131), des Abbildes Johnsons; ferner Bosw. 282.

3) The purpose of the poet [Pope] is, as he tells us,,,to laugh at the little unguarded follies of the female sex". It is therefore without justice that Dennis charges the ,,Rape of the Lock" with the want of a moral, and for that reason, sets it below the ,,Lutrin", which exposes the pride and discord of the clergy.

4) Es ist dies die häufig wiederholte Klage Johnsons, daß die Welt sich sehr schwer bessern läßt. Books of morality are daily written, yet its influence is still little in the world (Adv. 137, IX 151); She [Truth] indeed advanced, but she advanced slowly; and often lost the conquests which she left behind her, by sudden insurrections of the appetites, that shook off their allegiance, and ranged themselves again under the banner of her enemy (R. 96, VI 162 ff.). We see that volumes may be perused with attention, to little effect, and that maxims of prudence or principles of virtue, may be treasured in the memory without influencing the conduct. Of the numbers that pass their lives among books, very few read to be made wiser or better (R. 87, VI 401); vgl. ferner: R. 50 (V 322 ff.); 77 (VI 39); 87 (VI 97); 155 (VII 90).

Anschauungen Boileaus stellt, wie sich der Kritiker mit dem Kritiker unterhält und auseinandersetzt.

Eine bemerkenswerte Übereinstimmung verrät Johnson mit Boileau in der Wertschäzung der Geselligkeit für den Menschen im allgemeinen und für den Dichter im besondern. In einem Briefe an seinen Freund Langton, den er davor warnt, sich aus der Gesellschaft seiner Bekannten zurückzuziehen und sich dem Nichtstun hinzugeben, ruft Johnson diesem zu:

,,Que les vers ne soient pas votre éternel emploi,

Cultivez vos amis !"

einen Vers, den Boileau an seinen Schüler" gerichtet habe (Bosw. 540). Boileau gibt in seiner „Art poétique" (Chant IV v. 121 ff.) diesen Ratschlag den Dichtern im allgemeinen, doch wie Brossette uns berichtet, hatte er dabei vor allem La Fontaine im Auge: „,qui n'avait pour tout mérite que le talent de faire des vers", 1) in dem wir also den „Schüler“ Boileaus zu erkennen haben. Auch Johnson kann den Dichtern und Gelehrten gar nicht genug raten, aus ihrer Büchereinsamkeit ans Licht der Gesellschaft zu kommen. 2)

Was macht denn die Gesellschaft so notwendig für den Dichter? Boileau gibt zur Antwort:

C'est peu d'être agréable et charmant dans un livre.

Il faut savoir encore et converser et vivre (Art poét. IV 122 ff.). Als eine freie Überseßung hiervon mutet uns Johnsons Bemerkung an: ,,To read, write and converse in due porportions is therefore the great business of men of letters" (Adv. 85, IX 67). Also um die Kunst der Unterhaltung zu lernen, sollen die Dichter die Gesellschaft aufsuchen, denn die klassizistische Zeit legte einen unglaublichen Wert auf die Konversation.3) Wie Boileau und seine Zeit betrachtete auch Johnson die Konversation als einen „Prüfstein“ des Geistes (Bosw. 464); 4) wie Boileau,

1) Brossettes Worte in der Anmerkung zu Vers 121.

2) Der Dichter und Gelehrte soll die Gesellschaft aufsuchen, vgl.: R. 157 (VII 101); 159 (VII 115); 168 (VII 167); 173 (VII 198); 179 (VII 229); Adv. 85 (IX 66); 131 (IX 144); Bosw. 303.

3) Über die Bedeutung, die Johnson der Konversation zuschreibt, vergleiche : Id. 34 (VIII 135 ff.); XI 207; Bosw. 482.

*) Um die Ähnlichkeit zwischen Johnson und jener Periode der französischen Literatur in der Wertschäßung der Konversation zu erkennen, vergleiche man folgende Stellen: He [Johnson] had, however, all his life habituated himself to consider conversation as a trial of intellectual vigour and skill (Bosw. 464). Ebenso betrachtete Chapelain (1595-1674) die Unterhaltung, er bezeichnet die Gesellschaft des Hôtel Rambouillet als „pierre de touche de l'honnête homme". Mlle. Scudéry (1607–1701) zog die Tuilerien dem Lande vor, „parce qu'on y est mieux pour

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so glänzte auch Johnson in geistreichen, wißigen und schlagfertigen Reden und Antworten; auch für Johnson war der kein vollkommener Dichter, der nur zu dichten verstand,1) und wenn er von einem geistreichen Manne reden hörte, so fragte er zuerst: What is his conversation ?" (XI 207). Doch noch aus einem andern wichtigen Grund war die Vertrautheit mit der Gesellschaft für den Dichter erforderlich. Der Gegenstand der klassizistischen Dichtung ist der Mensch, den man nur in der Gesellschaft kennen und schildern lernen konnte. Deshalb sagt Boileau:

Etudiez la cour et connaissez la ville,

L'une et l'autre est toujours en modêles fertiles 2)

(Art poétique, Chant III v. 391).

Deshalb predigt auch Johnson den Dichtern:) Get früh in die Gesellschaft; dort findet ihr den Menschen, der stets im Mittelpunkt eures Interesses stehen soll. Auch könnt ihr euch nur dann den Menschen verständlich machen, wenn ihr ihre Ausdrucks- und Denkweise genau kennt; für einen einsamen Gelehrten ist das unmöglich; wie wollt ihr die Menschen

causer". Johnson, um zu zeigen, wie unsinnig der Wunsch sei, unter Wilden zu leben, sagt: What a wretch must he be, who is contented with such conversation as can be had among savages (Bosw. 366). Die Konversation ist der höchste Genuß des Lebens Mlle de Scudéry: La conversation est le plus grand plaisir de la vie et presque le seul. Ganz so spricht Johnson von dem anregenden Leben in London: When a man is tired of London, he is tired of life, for there is in London all, that life can afford (Bosw. 345). Durch die Konversation sollen Kenntnisse erworben werden: Varillas (1624—1696) behauptete,,,que de dix choses qu'il savait, il en avait appris neuf par la conversation". Von Johnson berichtet uns Hawkins: He had a great opinion of the knowledge procured by conversation (XI 207). Auch Anregung zur Tugend gewährt die Konversation: Mlle. de Scudéry: La conversation est le moyen le plus ordinaire d'introduire non seulement la politesse dans le monde, mais encore la morale la plus pure et l'amour de la gloire et de la vertu. Johnson: In solitude if I escape the example of bad men, I want likewise the counsel and conversation of the good (,,Rasselas", Chap. XXI, XI 62). (Die Beispiele aus der französischen Literatur sind nach Lanson S. 372 zitiert). 1) Von William Broome (1689-1745) sagte er: I have formerly heard him described as a contracted scholar and a mere versifyer, unacquainted with life and unskilful in conversation (Lives, III 414).

2) Vgl. hiermit Johnson, der von Milton sagt: He had read much, and knew what books can teach; but had mingled little in the world, and was deficient in the knowledge which experience must confer (Lives, II 172). A great city is, to be sure, the school for studying life and: „The proper study of mankind is man" as Pope observes (Bosw. 368).

3) Vgl. R. 4 (V 22); 11 (V 67); 37 (V 240); 77 (VI 41); 136 (VI 411); 168 (VII 167); 180 (VII 233); 208 (VII 393); Lives (III 414); „Rasselas", Chap. X (XI 31); Chap. XXI, XI 62; XI 173.

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