Page images
PDF
EPUB

femme lascive pour pervertir le sang de Charlemagne et de saint Louis; que tel qui se pensoit être issu d'un de ces grands héros étoit peut-être venu d'un valet de chambre ou d'un violon ... (Oeuvres I, LXXVI).

Johnson ist demnach bei der Wiedergabe ein Fehler aus der Feder geflossen, der den Gedanken sinnlos macht, und der ihm bei nochmaligem Durchlesen hätte auffallen müssen.1) Was kann es bedeuten, daß durch die Leichtfertigkeit einer Frau ihr Stolz auf eine alte Abkunft zunichte wird? Ihre Abkunft bleibt doch immer dieselbe, wie sie auch leben mag; nur diejenige ihrer Nachkommen wird durch ihren Fehltritt eine andere, als sie wähnen.

Daß sich neben unbedeutenden und nichtssagenden Beobachtungen in Racans Biographie auch solche finden, die der Erwähnung wert sind, gibt Johnson stillschweigend dadurch zu, daß er sich noch zweimal auf Urteile Malherbes stüßt — ohne ihre Quelle näher anzugeben -, die er ebenfalls in Racans Memoiren gelesen haben muß.

"

Johnson führt im R. 118 aus, daß die meisten Menschen so von den täglichen Sorgen des Lebens in Anspruch genommen seien, daß sie nicht verstehen könnten, weshalb Tage und Nächte über Studien zugebracht werden sollten, die immer wieder zu neuen Studien führen, und die, nach Malherbes Bemerkung, doch nicht den Preis des Brotes herabzusetzen imstande seien (VI 303)." Hierbei hat Johnson zwei von Racan erzählte Äußerungen Malherbes im Sinn: Un jour que M. de Mésiriac,2) avec deux ou trois de ses amis, lui apporta un livre d'arithmétique d'un auteur grec nommé Diophante, que M. de Mésiriac avoit commenté et ses amis lui louant extraordinairement ce livre, comme un travail fort utile au public, M. de Malherbe leur demanda s'il feroit amender le pain et le vin. Il fit presque une même réponse à un gentilhomme de la religion qui l'importunoit de controverse, lui demandant pour toute réplique si on boiroit de meilleur vin, et si on vivroit de meilleur blé à la Rochelle qu'à Paris (Oeuvres I, LXIX).

Bei der Besprechung einiger Verse Drydens, deren Vergleiche und Bilder er als unnatürlich verwirft, erinnert sich Johnson der Kritik, die Malherbe an Versen mit einem ähnlichen Bilde geübt hat. In dem Jubel

1) Über das hastige und flüchtige Entstehen der meisten Ramblernummern vgl. Boswell: [Johnson] told us,,,almost all his Ramblers were written just as they were wanted for the press; that he sent a certain portion of the copy of an essay, and wrote the remainder, while the former part of it was printing. When it was wanted, and he had fairly sat down to it, he was sure, it would be done" (Bosw. 300).

2) Bachet de Mésiriac lebte von 1581-1638.

gedicht, in dem der vielseitige Dryden den König Karl II. begrüßte, in ,,Astræa Redux" (1660), sagt er hyperbolisch:

And welcome now, great monarch, to your own!

Behold the approaching cliffs of Albion.

It is no longer motion cheats your view;
As you meet it, the land approacheth you,

The land returns, and in the white it wears
The marks of penitence and sorrow bears.

Johnson bemerkt zu dieser Beweglichkeit des Landes, er wisse nicht, ob dieser minderwertige Einfall nicht auch noch entlehnt sei: A French poet read to Malherbe some verses in which he represents France as moving, out of its place to receive the king. Though this" said Malherbe,,,was in my time, I do not remember it" (Lives, II 393). Racan berichtet über diesen Spott seines Meisters: [Malherbe] avoit aversion contre les fictions poétiques, et en lisant une épître de Régnier1) à Henri le Grand qui commence:

,,Il étoit presque jour, et le ciel souriant......“

et où il feint que la France s'enleva en l'air pour parler à Jupiter et se plaindre du misérable état où elle étoit pendant la Ligue, il demandoit à Régnier en quel temps cela étoit arrivé, et disoit qu'il avoit toujours demeuré en France depuis cinquante ans et qu'il ne s'étoit point aperçu qu'elle se fût enlevée hors de sa place (Oeuvres I, LXXI).

Es wird nötig sein, Régniers Verse zum Vergleich heranzuziehen, um die Ähnlichkeit der Darstellung bei ihm und Dryden prüfen zu können. Régnier spricht in dem ,,Discours au Roy", der mit dem von Racan zitierten Verse beginnt, von einer Nymphe, die in größter Not den König um Hilfe fleht. Aus der Schilderung geht hervor, daß niemand anders als Frankreich diese Nymphe ist; von ihr sagt der Dichter:

Apres quelque priere en son coeur prononcée

La Nimphe en le quittant au ciel s'est elancée,

Et son corps dedans l'air demourant suspendu etc. (Oeuvres S. 161). Auf diese Stelle dürfte sich wohl die Kritik Malherbes beziehen. Aus Johnsons Worten, einer freien Version des Racanschen Berichtes, scheint hervorzugehen, daß er selbst die Verse Régniers nicht kannte, sondern sich bei der Vermutung der Entlehnung nur auf Racan stüßte; denn die Verse der beiden Dichter weisen so wenig Ähnlichkeit auf, daß von einer Nachahmung nicht die Rede sein kann. 2)

1) Mathurin Régnier, Satyrendichter, lebte von 1573-1613.

2) Boileau hat übrigens ein ganz ähnliches Bild gebraucht. Er läßt in der ,,Epître au Roi" (1675) Felsen sich bewegen:

Je crois voir les rochers accourir pour m'entendre (Oeuvres II 105). Diesen Vergleich hat Dryden, dessen ,,Astræa. redux" 1660 erschien, nicht gekannt.

Boileau.

Das größte Lob, das Johnson je einem Franzosen gespendet hat, kann Boileau für sich in Anspruch nehmen: Boileau will be seldom found mistaken (Lives, II 356). Und dieses Lob ist nicht das einzige; ihm reiht sich gleichwertig die Bemerkung an: He surely is no mean writer, to whom Boileau shall be found inferior (Lives, IV 133). Diese Äußerungen lassen uns ahnen, daß Boileau eine bevorzugte Stellung in Johnsons Wertschätzung eingenommen haben muß, was uns denn auch von anderer Seite bezeugt wird. Johnsons große Freude an Boileaus Werken verbürgt uns Mrs. Piozzi, die mit ihm lange Jahre hindurch im engsten Verkehr stand; 1) auch Murphy betont, daß er ein ausgesprochener Bewunderer Boileaus war (Misc. I 416). Für jeden Kenner des Charakters Johnsons ist es überflüssig hinzuzufügen, daß diese Bewunderung keine knechtische war, daß er nicht kritiklos alles annahm, was er bei Boileau fand, oder wie sich Tyers ausdrückt, daß er keinen Kritiker von dem Bücherbrett herunternahm, weder Aristoteles, noch Bossu, noch Boileau", um von ihnen zu borgen (Misc. II 372). Davon werden wir uns bald selbst überzeugen können.

"

Die Verehrung Johnsons für Boileau hatte jedoch ihre Grenzen. Sie war vor allen Dingen nicht immer gleich groß. Ganz äußerlich werden wir hierauf dadurch hingewiesen, daß die Belege für sie aus der lezten Hälfte von Johnsons Schaffen stammen; zudem finden wir die weitaus meisten Anspielungen in den „Lives“, während wir vorher dem Namen des französischen Kritikers nur selten begegnen, was man ja allerdings auch darauf zurückführen könnte, daß Johnson im Beginn seiner literarischen Laufbahn vor allem als Moralist und weniger als Kritiker tätig war, während ihm später die „Lives" häufig Gelegenheit boten, sich auf Boileau zu berufen. Aber auch innere Gründe gestatten uns zu behaupten, daß Boileau bei Johnson zuerst nicht in so hohem Ansehen stand. Erinnern wir uns des Urteils Johnsons über die europäische, also auch die französische Kritik. Wie verächtlich spricht er da von den modernen Kritikern! Willkürlich seien sie bisher in der Aufstellung ihrer Regeln verfahren und nicht nach bestimmten, unveränderlichen Geseßen. 2) Neben den Vorzügen der Alten hätten sie auch

1) Johnson was a great reader of French literature and delighted exceedingly in Boileau's works (Anecdotes, Misc. I 334).

2) We owe few of the rules of writing to the acuteness of criticks, who have generally no other merit than that, having read the works of great authors with attention, they have observed the arrangement of their matter or the graces of their expression, and then expected honour and reverence for precepts which they never could have invented: so that practice has introduced rules, rather than rules have directed practice (R. 158, VII 107).

deren Fehler angenommen. Dieser Tadel muß natürlich auch Boileau treffen; ja ihn im besonderen, denn wir werden sehen, daß Johnson als Stüße seiner Behauptung zwei Ansichten kritisiert, die Boileau in seiner „Art poétique“ (Chant II, v. 71) ausgesprochen hatte.

Auf die Beschäftigung mit Boileau weist uns auch Johnsons Vorhaben hin, eine Geschichte der Kritik von Aristoteles bis auf die jüngste Zeit zu schreiben. Wann Johnson diesen Plan faßte, ist ungewiß. Erwähnt wird diese Geschichte der Kritik mit dem ausführlichen Titel: „History of Criticism as it relates to judging of authors from Aristotle to the present age, an account of the rise and improvement of that art, of the different opinions of authors, ancient and modern" (Bosw. 551) unter einer Masse anderer geplanter Werke, von denen er keines auch nur begonnen hat, in einem Katalog, den er kurz vor seinem Tode seinem Freunde Langton gab. Bei einigen der geplanten Bücher stehen Daten aus den Jahren 1752/53. Um jene Zeit werden wohl auch die anderen Pläne entstanden sein. Daß wir dieses Verzeichnis nicht allzu ernst nehmen, auf jeden Fall nicht daraus schließen dürfen, daß Johnson sich mit dem Stoffe der einzelnen Themen näher beschäftigt hat wie das Boswell andeutet -, daß es vielmehr plößlich aufsteigende Gedanken und Einfälle sind, die er notierte, um sie später vielleicht einer näheren Untersuchung bezüglich ihrer Verwendbarkeit zu unterziehen, dafür spricht die große Zahl und die große Verschiedenartigkeit der Stoffe dieser Werke. 1) Unter ihnen sind auch solche erwähnt, an die er in seinen späteren Jahren nie gedacht haben würde, so die allegorischen Dichtungen, die uns auf die erste Hälfte seines Schaffens verweisen, die Rambler-Periode, in der er die Allegorie sehr liebte (siehe S. 45), während er sie zur Zeit der „Lives" verabscheut. Nach 1766 dürfen wir das ganze Verzeichnis sicher nicht anseßen, da er Anfang 1767 dem König gegenüber äußerte, er glaube genug geschrieben und seine Rolle als Schriftsteller ausgespielt zu haben (Bosw. 150). Einen Anhalt für die Zeitbestimmung der Entstehung des Planes der „History of Criticism“ kann uns R. 158 geben, wo er über den gegenwärtigen Stand der Kritik ganz Europas spricht. Dieser Auffat läßt sich nahezu als eine Ankündigung zu jener geplanten Geschichte der Kritik auffassen, als eine ausführliche Besprechung des Nebentitels: an account of the rise and improvement of that art.

In seinem letzten Lebensjahre sehen wir ihn noch einmal in die Lektüre

1) So finden wir allein im Januar 1753 die Titel folgender Werke verzeichnet: 1. A collection of Proverbs from various languages, Jan. 6,-53; 2. A collection of Stories and Examples, like those of Valerius Maximus, Jan. 10,-53; 3. From Aelian, a volume of select stories, perhaps from others, Jan. 28,-53.

Boileaus vertieft. In seiner „Biographical Sketch of Johnson" berichtet uns Tyers, daß Johnson „kürzlich“ Boileaus Werke gelesen habe (Misc. II 363). Da diese Skizze wenige Tage nach Johnsons Tod, noch im Dezember 1784 verfaßt ist, läßt sich das „kürzlich“ doch höchstens auf das verflossene Jahr beziehen. Damit können wir vielleicht in Verbindung bringen ein Zitat aus Boileau in einem Briefe Johnsons vom 12. Juli 1784.

Aber nicht die Werke Boileaus allein, sondern auch dessen Biographie haben Johnsons Interesse erregt, nach einigen zufällig erwähnten biographischen Einzelheiten zu schließen. Zur Erlangung solcher Kenntnisse über das Leben Boileaus lagen nun allerdings die Verhältnisse sehr günstig. Boileaus Werke waren gleich nach seinem Tode von seinem Freunde, dem Advokaten Brossette (1671-1743), herausgegeben worden. Diese Ausgabe ist am Fuß der Seiten mit Anmerkungen zu Boileaus Werken versehen, die aus dem langjährigen, intimen Verkehr mit dem Dichter geschöpft sind. Dadurch hat sie eine große Bedeutung; sie ist für das Studium Boileaus unentbehrlich und für uns um so wichtiger, als Johnson alle Einzelheiten von Brossette weiß.

In der Biographie Congreves weist Johnson gelegentlich der Besprechung einer Lüge dieses Dichters auch auf eine Unwahrheit Boileaus Ludwig XIV. gegenüber hin (Lives, III 156). Congreve hatte behauptet, er sei in England geboren (Lives, III 156), während andere Irland als sein Heimatland bezeichneten. 1) Johnson rechnet ihm diese Verleugnung seines Geburtslandes nicht als ein schweres moralisches Verbrechen an; denn, meint er, solche Unwahrheiten, die niemandem schaden, die nur die Eitelkeit eingäbe, würden zu leicht geäußert, und einmal ausgesprochen, widerwillig aufrecht erhalten. Da er als Beispiel hierfür Boileau anführt, so sehen wir, daß er auch ihm seine Lüge nicht übel nimmt. Dieser Dichter, fährt Johnson fort, der für einen strengen Moralisten gehalten zu werden wünschte, habe durch falsche Daten eine kleine Lüge, die er einst Ludwig XIV. gegen= über getan hätte, zu verheimlichen gesucht.

Worin ist nun Boileau dem König gegenüber der Wahrheit untreu geworden, und welches sind die falschen Daten? Über eine solche Unwahrheit berichtet Brossette, daß Boileau, als Ludwig XIV. ihn eines Tages fragte, wann er geboren sei, erwidert habe, daß die Zeit seiner Geburt der ruhmreichste Umstand seines Lebens sei: „Je suis venu au monde une année avant votre Majesté, pour annoncer les merveilles de son Règne“ (B.—Br., Oeuvres, I XXIX). Daß Johnson diese Anekdote von Brossette weiß, wird uns dadurch zur Gewißheit, daß er etwas ironisch die

1) Nach dem DN B. ist Congreve am 12. Febr. 1670 (Johnson gibt an 1672) in Bardsey Grange bei Leeds in Yorkshire geboren. Die Bezeichnung seines Geburtslandes beruhte also auf Wahrheit.

« PreviousContinue »