Page images
PDF
EPUB

Nur aus wenigen Bemerkungen läßt sich entnehmen, wie sich Johnson zu der französischen Bühne im besonderen verhielt. Daß er das französische Drama in seiner ganzen Anlage billigte, und daß er unter der englischen Bühne die nach dem französischen Muster reformierte verstand, geht daraus hervor, daß er beide identifiziert. Er tadelt Milton, daß er in „Samson Agonistes" die antike Tragödie der französischen und englischen Bühne vor= gezogen habe (Lives, II 172).

Im Prolog zur „Irene" wendet sich Johnson gegen „die modernen Künste", durch bloß auf die Sinne wirkenden Mittel, wie Trompetenlärm und Donner, den Beifall der Zuschauer zu gewinnen; er habe dies in seinem Drama unterlassen :

To force applause no modern arts are try'd
Shou'd partial cat-calls all his hopes confound,
He bids no trumpet quell the fatal sound.
Shou'd welcome sleep relieve the weary wit,

He rolls no thunders o'er the drowsy pit.

No snares to captivate the judgment spreads;

Nor bribes your eyes to prejudice your heads (XI 219).

Diese Zeilen erinnern an zwei Auffäße im „Spectator“ (Nr. 42, 44), worin Addison in ähnlicher Weise mißbilligt, daß das englische Drama durch rein äußerliche Hilfsmittel zu wirken suche, indem es die Augen und Ohren der Zuschauer beeinflusse. Auch er verurteilt die Verwendung von Donner, Trommeln und Trompeten und verweist dabei auf die ruhige französische Bühne, die Johnson allerdings nicht zum Vergleich heranzieht, die ihm aber zweifellos ebenfalls vorgeschwebt haben wird.

Den im französischen Drama herrschenden Reim beanstandete Johnson jedoch; er fand ihn für die Verwendung im Drama ungeeignet. Dryden habe auf Anregung Karls II. nach dem Muster der Franzosen reimende Tragödien geschrieben, „bis das Gefühl für das Passende in ihm überwog, und er sich schämte, noch mehr solcher Stücke zu verfassen" (Lives, II 313).

Von den französischen Romanen sagt er im Vergleich mit denen Richardsons, sie seien wohl ganz nette Nippsächelchen (pretty baubles), aber ein Zaunkönig sei doch kein Adler (Bosw. 176).

befinden sollen; ebenso willkürlich findet er die Bestimmung, daß ein Drama nie mehr als fünf Akte habe. Auch die Regel von der Einheit der Zeit findet er unbegründet. Wenn auch die Wahrscheinlichkeit erfordere, daß die Zeitdauer der Handlung derjenigen der Aufführung eines Stückes möglichst gleichkomme, so sei doch auch zu bedenken, daß das Wahrscheinlichkeitsgefühl der Zuschauer durch Zettunterschiede zwischen den einzelnen Akten nicht verlegt werde. Ebenso hält er die Mischung von Tragischem und Komischem im Drama für gerechtfertigt, weil sie dem wirklichen Leben entspreche (VII 96 ff.).

Unangenehm empfindet Johnson die Rückständigkeit der Engländer gegenüber den Franzosen in der Briefliteratur. Nicht daß er dies unumwunden eingesteht; aber seine Ausführungen lassen sein Bedauern erkennen.

Interessant ist es zu verfolgen, wie er im R. 152 seine Landsleute zur Pflege dieser Literaturgattung anregt. Da Johnson dabei, wie aus dem Aufsat hervorgeht, die reiche Briefliteratur der Franzosen im Auge hat, so muß, was er von den andern Nationen" sagt, vor allem auf diese bezogen werden. Es sei auffallend, daß die englischen Schriftsteller, die doch „vielleicht in Kraft und Geist, und seit kurzem auch in Genauigkeit und Feinheit der Form") sich mit den Autoren jedes Landes messen könnten, nur sehr wenig 2) danach getrachtet hätten, sich durch die Veröffentlichung von Briefen auszuzeichnen. Die Antwort, die man auf die Frage eines Ausländers, woher dieser Mangel rühre, zu geben habe, sei, daß der Engländer Kleinigkeiten verachte und die Mitmenschen nicht mit Mitteilungen seiner persönlichen Leiden und Freuden belästigen wolle. 3) Ein flüchtiges Durchblättern der „unzähligen“ Briefe der Schöngeister Frankreichs zeige, daß andere Völker sich von den gleichen Versuchen nicht durch das Gefühl der Unfähigkeit abschrecken zu lassen brauchten, denn es sei nicht sonderlich schwierig, kleine Unglücksfälle als besonders schwere darzustellen, alltägliche Ereignisse auszuschmücken, kriecherische Schmeicheleien zu wiederholen, knechtische Hyperbeln zu häufen und „all das zu erzeugen, was Voiture (1598—1648) 1) und Scarron (1610-1660) an verächtlichem Zeug hinterlassen hätten“ (VII 70). Man fragt sich unwillkürlich, warum Johnson, um die französische Briefliteratur zu kennzeichnen, als Vertreter gerade diese beiden auswählt,

1) Eine Anspielung auf den Klassizismus, der in Pope in formeller Hinsicht den Höhepunkt erreichte, so daß sich seitdem England in Genauigkeit und Feinheit der Form" mit Frankreich messen konnte.

"

2) Gelegentlich der Besprechung der Briefe Popes gibt Johnson einen knappen Überblick über die, wie er sagt, sehr geringe englische Briefliteratur (Lives, IV 62).

3) Wie sehr Johnson nichtsdestoweniger die Pflege der englischen Briefliteratur wünschte, geht aus seinem Vorhaben, eine Briefsammlung herauszugeben, unzweideutig hervor. In dem Katalog geplanter Werke finden sich drei diesbezügliche Vermerfe: A collection of Letters, translated from the modern writers, with some account of the several authors. Danach scheint er sich mit den französischen Briefschriftstellern näher beschäftigt zu haben, denn auf diese wird sich vor allem die geplante Übersetzung von Briefen beziehen. A book of Letters, upon all kinds of subjects; schließlich: A Collection of Letters from English authors, with a preface giving some account of the writers; with reasons for selection, and criticism upon styles; remarks on each letter, if needful (Bosw. 551).

4) Voitures Name begegnet uns noch einmal in den Lives (II 316). Doch ist diese Erwähnung für uns von keiner Bedeutung, da Johnson an dieser Stelle kein eigenes Urteil über Voiture fällt.

wo es doch an bedeutenderen Beispielen keineswegs fehlte. Madame de Maintenon und besonders Madame de Sévigné wären doch zwei Namen gewesen, die den englischen Lesern viel bekannter waren, und die in der Briefliteratur einen weit höheren Plaß einnehmen. Die Antwort auf die Frage, weshalb er jene beiden oberflächlichen Plauderer anführt, auf die seine Charakteristik der französischen Briefe sich allerdings anwenden läßt, gibt der Aufsaß selbst. Er wollte zeigen, daß, wenn auch die Franzosen, „unzählige Briefe" besigen, sie sich deshalb doch keiner beneidenswerten Überlegenheit über die Engländer rühmen könnten, die, wie er im Id. 91 darlegt, ihren Nachbaren auf keinem Gebiet der Literatur nachständen. So verächtlich aber hätte er von den Briefen der Madame de Sévigné nicht reden können, wenn anders er nicht die Sorgen einer liebenden Mutter als nichtige und verächtliche Kleinigkeiten hätte bezeichnen wollen.

5. Johnsons Übersetzungen aus dem Französischen.

Seine literarische Laufbahn begann Johnson mit Übersetzungen aus dem Französischen (vgl. oben S. 7). Es ist das nicht etwas rein Zufälliges; sondern es ist sicher, daß er dabei weniger seinen eigenen Geschmack als vielmehr den seiner Zeit befragte. Johnson befand sich damals in großer pekuniärer Verlegenheit, der er durch eine literarische Arbeit abzuhelfen hoffte (Bosw. 17). „No man but a blockhead ever wrote except for money", sagte Johnson,1) und wenn je, so galt damals für ihn dieser Grundsay. Der pekuniäre Gesichtspunkt ist bei diesen Erstlingsarbeiten sicher der leitende gewesen. Daher richtete er sein Augenmerk auf die französische Literatur, die sich damals großer Beliebtheit erfreute. Doch gehören die beiden schließlich von ihm gewählten Bücher der französischen Literatur nur insofern an, als er für seine Arbeiten die französischen Übersetzungen des portugiesischen und des italienischen Werkes benügte. Er erinnerte sich der Schilderung einer Reise nach Abessynien, die er im Pembroke College in französischer Sprache gelesen hatte (Bosw. 17), und die ihm so viel Neues und Interessantes zu bieten schien,2) daß er hoffte, damit Anklang zu finden; deshalb machte er sich an die Übersetzung dieser Reise als an ein „nüßliches und vorteilhaftes" Unternehmen. Aus der Bibliothek in Pembroke College fich er das Buch,3) das ursprünglich in

1) Vgl. Leslie Stephen, S. 16 ff.

*) Vgl. sein Vorwort zur abessynischen Reise: The following relation is so curious and entertaining, and the dissertations that accompany it [aus der Feder Le Grands] so judicious and instructive, that the translator is confident his attempt stands in need of no apology, whatever censures may fall on the performance (IX 431).

3) Hill nimmt an, daß Johnson dieses Buch nicht zurückgab, da es sich jeßt nicht mehr dort findet.

portugiesischer Sprache von dem Jesuitenpater Lobo verfaßt war und den Titel trug: „Voyage Historique D'Abyssinie du R. P. Jérôme Lobo de la Compagnie de Jésus, traduit du Portugais, continué et augmenté de plusieurs dissertations, lettres et mémoires", par M. Le Grand, Prieur de Neuville-les-Dames et de Prevessin. Joachim Le Grands (1653-1733) Übersetzung war im Jahre 1728 erschienen, während Johnson die seinige im Jahre 1735 in Birmingham herausgab (Bosw. 17) unter dem Titel: A Voyage to Abyssinia by Father Jérome Lobo, a Portugese Jesuit, By Mr. Legrand. From the French, 1735.

Von Le Grand fagt Johnson im Vorwort, daß die Abhandlungen, die dieser den Reisebeschreibungen Lobos beifügte, treffend und lehrreich seien (IX 431), und daß er, obwohl er ein eifriger Anhänger der katholischen Kirche gewesen sei, große Mäßigung an den Tag gelegt habe. Doch tadelt er ihn, weil er dem Bericht seines Landsmannes Du Bernat mehr Gewicht als dem der portugiesischen Jesuiten beigelegt habe, aus keinem andern Grunde, als weil jener ein Franzose war (IX 434). Diese Überseyung, von der Johnson in späteren Jahren sehr gering dachte (Bosw. 290), hat deshalb eine besondere Bedeutung, weil sie Johnson Veranlassung gab, den Schauplaß des „Rasselas“ nach Abessynien zu verlegen.1) Wie Murphy angibt, hat Johnson den Namen Rasselas aus demjenigen eines abessynischen Generals Rassilo Christos, der in der Reisebeschreibung vorkommt, gebildet (Misc. I 415).

Auch mit der von ihm in Angriff genommenen Übersetzung der Geschichte des Konzils von Trient von Sarpi hoffte Johnson den Geschmack des Publikums zu treffen. Das erhellt aus seinem Briefe an den Verlagsbuchhändler Cave. Jenes Buch, schreibt er, erfreue sich in England solcher Beliebtheit, daß er hoffe, eine Übersetzung werde eine gute Aufnahme finden (Bosw. 24).2) Im Oktober 1738 erschien denn auch eine Ankündigung seiner Übersetzung des Werkes des Italieners Paul Sarpi, die unter Zuhilfenahme der Anmerkungen der französischen Übersetzung von Le Courayer angefertigt worden sei. Doch nachdem einige Bogen gedruckt waren, gab man das Unternehmen auf, da es von anderer Seite ebenfalls in Angriff genommen wurde (Bosw. 32). Die von Johnson benutte französische Übersetzung des Pierre François Le Courayer (1681—1776), der lange Zeit in England lebte (von

1) Vgl. hierüber Hawkins I 366 und Emerson S. XXII.

2) Der Brief ist am 2. Juli 1737 geschrieben; in ihm heißt es: The History of the Council of Trent having been lately translated [1736] into French and published with large notes by Dr. Le Courayer, the reputation of that book is so much revived in England, that, it is presumed, a new translation of it, from the Italian, together with Le Courayer's Notes from the French, could not fail of a favourable reception (Bosw. 24).

1732 ab), erschien 1736 unter dem Titel: ,,Histoire du Concile de Trente de Fra Paolo Sarpi traduite par le P. Le Courayer avec des notes." Es bestand damals bereits eine französische Übersetzung von Nicolas Amelot de la Houssaye:,,Histoire du Concile de Trente de fra Paolo Sarpi traduite par le sieur de la Motte Josseval [Pseudonym für Amelot]. Auf diese Übersegung spielt Johnson in einem Brief an Cave an.1) Le Courayer sagte von ihr, daß ihr Stil schon etwas veraltet sei (un peu passé). Dieses Urteil hat Johnson später angeführt, um zu zeigen, daß sich die französische Sprache troz der Arbeit der Akademie sichtlich verändert habe (IX 223).*)

Boswell schreibt aus inneren Gründen Johnson auch die Überseßung von Abbé Guyons „Dissertation on the Amazones" zu (Bosw. 36). Der französische Geschichtsschreiber Abbé Guyon (1699-1771) veröffentlichte 1740 die,,Histoire des Amazones anciennes et modernes."

Außerdem übersetzte Johnson noch je eine kleine Abhandlung von Brumoy 3) und Fontenelle (siehe S. 104).

6. Einige Quellen, aus denen Johnson seine Kenntnis der französischen Literatur schöpfte.

Bevor wir zur Besprechung der einzelnen Autoren übergehen, dürfte es angebracht sein, in aller Kürze die Chrestomatien, Zeitschriften und Wörterbücher, die Johnson erwähnt, und die ihm daher mutmaßlicherweise Wegweiser bei seinem Studium der französischen Literatur gewesen sind, zusammenzustellen.

An der Spite steht das große Wörterbuch von Pierre Bayle (1647—1706): „Le Dictionnaire historique et critique". Wie es schon Addison ein steter Begleiter auf seinen Streifzügen durch die französische Literatur gewesen ist, 4) so wird es sicherlich Johnson ebenfalls große Dienste geleistet haben, was auch aus seinem Urteile hervorgeht. Er bezeichnet es als ein sehr nüßliches Werk, besonders für diejenigen, die den biographischen Teil der Literatur liebten, der ihn selbst am meisten interessiere (Bosw. 117).5)

1) In dem oben erwähnten Brief (S. 20, Anm. 3) lesen wir: The French had a version by one of their best translators [vor Le Courayer] (Bosw. 24). 2) Siehe unter die französische Akademie“ (S. 15).

[ocr errors]

3) Siehe unter,,Johnson und die französische Renaissance“ (S. 14).
4) Vgl. Sander, S. 109.

5) Hawkins behauptet ebenfalls, daß Johnson die Lebensbeschreibungen großer und gelehrter Männer sehr gern gelesen habe. Zwei oder drei Jahre vor seinem Tode habe er sich an einen seiner Freunde gewandt mit der Bitte, ihm ein Verzeichnis solcher Biographien in französischer Sprache zu geben, die gut und natürlich geschrieben wären (XI 203).

« PreviousContinue »