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Bei dieser groben Nichtbeachtung aller Vorschriften der Kritik kann sich Voltaire die Verehrung Shakespeares, die diesen „Wilden" Corneille vorzieht, nicht erklären: Ein Problem ist es für ihn, daß seine Stücke noch beachtet werden in einem Jahrhundert, das den „Cato“ Addisons erzeugt hat", der bekanntlich ganz nach dem Muster der französischen Tragödien verfaßt ist, und der daher nicht verfehlen konnte, die Anerkennung Voltaires zu finden (Appel à toutes les nations, Oeuvres XXIV 201).

Johnson hält diese Verwunderung Voltaires für unbegründet. Daß zwei so verschiedene Dichter gleichzeitig Beachtung finden konnten, erklärt er dadurch, daß Shakespeare die Sprache der Menschen spreche und Addison die der Dichter, womit er sagen will, daß der eine trefflich die Natur beobachte und den Charakter der Menschen zu schildern verstehe, während der andere uns durch die Schönheit der Sprache und der Gedanken erbaue. Aber darum könne uns sein „Cato“ auch nicht so ergreifen wie Shakespeares ,,Othello" (IX 267).

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Ein flüchtiger Rückblick auf die Urteile Voltaires und Johnsons über Shakespeare ergibt worauf wir bereits eingangs hingewiesen haben, daß Johnson den damals herrschenden ästhetischen Gesetzen gegenüber eine größere Selbständigkeit bewahrt, indem er auch sein natürliches Empfinden' nicht unbefragt läßt, sich daher weniger an Äußerlichkeiten stößt und somit auch der Größe Shakespeares gerechter zu werden vermag.

Von den Werken Voltaires nennt Johnson mit Namen nur „Charles XII“, und Candide“. Von der Lebensbeschreibung des schwedischen Königs sagt er, es sei eines der besten Geschichtswerke, die je geschrieben worden seien (XI 204, nach Hawkins' Angabe). Voltaires Tätigkeit als Geschichtsschreiber muß er überhaupt hoch eingeschätzt haben, denn er rühmte ihn als einen guten Erzähler, dessen Hauptverdienst in einer glücklichen Auswahl und Anordnung der Umstände beruhe (Bosw. 176).

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,Candide" lobt er als ein Werk, das „mehr Kraft in sich habe als irgend etwas, das Voltaire geschrieben habe" (Bosw. 401, 1778).

Hier müssen wir auch der auffälligen Übereinstimmung zwischen „,Candide“ und „Rasselas" gedenken, die wie Leslie Stephen (S. 50) hervorhebt eine der seltsamsten in der Literaturgeschichte ist. Die beiden Geschichten gleichen sich so sehr, daß nach Johnsons eigenen Worten es unnüß wäre, die Entlehnung des Planes des einen von dem andern zu leugnen, wenn der Zeitraum zwischen ihrem Erscheinen nicht ein so kurzer gewesen wäre, daß er eine Nachahmung ausschlösse (Bosw. 93). Wie Emerson dargelegt hat (Introduction XIV ff.), ist,,Rasselas" am 22. oder 23. Januar 1759 vollendet worden, in welchem Monat auch „Candide" veröffentlicht wurde, so daß es ausgeschlossen ist, daß das englische Buch die Antwort auf das

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französische sein konnte, wie Cumberland (1732–1811) irrtümlicherweise angenommen hatte (Misc. II 74). Allerdings ist „Rasselas" erst zwischen dem 13. März und dem 30. April aus der Presse hervorgegangen, und diese Zeit zwischen der Vollendung und der Drucklegung gibt der Möglichkeit Raum, daß Johnson seiner Erzählung Nachträge eingefügt hat, was Emerson bezüglich des Kapitels XLIV für durchaus möglich hält.1) In dem Vergleich zwischen den beiden so verwandten Schriften, dessen ins Einzelne gehende Durchführung immerhin von Interesse wäre, können wir uns auf die knappe Parallele stüßen, die Emerson gezogen hat, und die wir wegen ihrer Bündigkeit und Sachlichkeit am besten wörtlich wiedergeben: Each opposed to the optimism of the time a form of pessism. Each book teaches that this world is at best a place of sorrow and disappointment, a place in which it is useless to look for happiness, and in which choice is hedged about by many insuperable barriers. Neither book gives much space to suggesting a remedy for the miseries of life. Both are written rather to oppose a prevalent belief regarded by the authors as radically wrong. But, from hints in the two, it may be seen that, while Voltaire scoffed at the idea of a benevolent Creator and so implied disbelief in any Creator, Johnson regarded the future life as a complete vindication of the goodness of God (Introduction XXXVI).

Zu dieser Parallele möchten wir im Anschluß an den Grundgedanken, daß nach der Darstellung beider Schriftsteller nur Not und Enttäuschung der Menschen harrten, hinzufügen, daß sich beide darin unterscheiden, daß Voltaire seine Personen nur zufälliges, willkürliches, von außen her drohendes Leid und Elend zur Entkräftung des Leibniz'schen Optimismus ertragen läßt, während im „Rasselas“ das Unglück der Menschen in seelischen Leiden besteht, die sic quälen und bedrücken, und in der Unmöglichkeit, in irgendwelchen Lagen des Lebens zu innerer Zufriedenheit und Ruhe zu gelangen. Die Unzufriedenheit mit seinem Los treibt Rasselas in die Welt, das Glück — d. h. nicht das Befreitsein von äußeren Gefahren, sondern die Glückseligkeit zu suchen. Er hofft sie in einem Beruf, in einer „Lebenswahl“ zu finden, aber überall trifft er Menschen, die sich aus ihren Verhältnissen heraussehnen, weil ihnen die innere Befriedigung fehlt. Diese psychischen Leiden und Gefahren, dies Drängen und unruhige Suchen nach einer harmonischen Weltauffassung, nach der Einheit und dem Frieden der

1) Introduktion XV. Nach Emersons Zählung ist es Kapitel XLV. Johnson hat nämlich irrtümlicherweise zwei Kapitel als Chap. XXVIII bezeichnet, wodurch die von Emerson verbesserte Zählung entstand. Unsere Angaben beruhen auf der ursprünglichen.

Seele, das bei Johnson auch sonst zu beachten ist, unterscheiden „Rasselas" bon,,Candide".

Besonders eine Stelle ist für die Beurteilung des Verhältnisses des „Rasselas“ zum „,Candide“ von Bedeutung. Im „,Candide" hören wir von sengenden und brennenden Feinden, die in das Land einfallen. Das elterliche Schloß der Kunigunde wird zerstört, seine Bewohner getötet und vertrieben; verheerende Krankheit sucht die Menschen heim. Die Guten haben ebenso zu leiden wie die Bösen, zwischen denen auch der ein Schiff dem Untergang weihende Sturm keinen Unterschied macht. So zieht sich die Schilderung des Unglücks der Menschen auf „der besten aller Welten“ durch die ganze Geschichte fort. Gegen eine solche Darstellungsweise der Welt wendet sich Johnson entschieden. Einmal verfällt Nekayah in einen ähn= lichen Ton. Sie klagt über das Elend, das die Guten und Bösen gleichmäßig bedroht: All natural, and almost all political evils, are incident alike to the bad and good: they are confounded in the misery of a famine, and not much distinguished in the fury of a faction; they sink together in a tempest and are driven together from their country by invaders (Chap. XXVII, XI 77). Auf diese Worte seiner Schwester kommt Rasselas im folgenden Kapitel zurück, um sie ihr zu verweisen und eine derartige Schilderung der Welt zu verwerfen. Er tadelt die Bücher, in denen an solchen äußeren Gefahren und Schrecknissen das Unglück der Welt gezeigt wird. Solche Darstellungen seien deshalb zu mißbilligen, sagt der Prinz, weil diese Übel für die meisten Menschen überhaupt nicht in Betracht kommen und sie also ein falsches, zum mindesten sehr entstelltes Bild geben. Tausend und aber tausend stürben, ohne je die Schrecken des Krieges oder ähnliche Übel empfunden zu haben. Es sei daher sinnlos, über etwas zu spekulieren, was sich vielleicht nie ereignen würde, und wenn es einträfe, jeder menschlichen Überlegung spotte: I cannot bear that querulous eloquence which threatens every city with a siege like that of Jerusalem, that makes famine attend on every flight of locusts, and suspends pestilence on the wing of every blast that issues from the south. On necessary and inevitable evils, which overwhelm kingdoms at once, all disputation is vain: when they happen they must be endured (Chap. XXVIII, XI 77).

Bei dieser Polemik denkt man natürlich an „Candide“, in dem mit „streitsüchtiger Beredsamkeit“ von solchen Schrecknissen gesprochen wird, zumal Johnson an ein Werk von aktueller Bedeutung - wie es doch ,,Candide" gedacht haben muß, von dem er einen ungünstigen Einfluß auf das Publikum erwartete, denn ohne dies hätte die Warnung vor solchen Büchern feinen Sinn. Eine andere Frage aber ist es, ob diese Kritik eine absicht

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liche ist. Die Möglichkeit dazu ist ja, wie oben angedeutet, gegeben, da ,,Candide" bereits im Januar erschien,,,Rasselas" dagegen frühestens Ende März zum Druck kam.1) Doch wenn sich auch diese Frage auf Grund solcher Erwägungen allein nie entscheidend beantworten lassen wird, so werfen diese Ausführungen Johnsons doch auf das innere Verhältnis des ,,Rasselas" zum „Candide“ und auf die Auffassung, die Johnson diesem entgegengebracht haben muß, so viel Licht, daß sie wohl hervorgehoben zu werden verdienen. 2)

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1) Formelle Erwägungen scheinen die Annahme einer durch das Erscheinen des Candide" veranlaßten Einschaltung nur zu stützen: Der Zusammenhang wird durchaus nicht unterbrochen, wenn man den Angriff auf die pessimistischen Bücher ausschaltet; im Gegenteil die Stelle macht den Eindruck, als ob sie gar nicht am richtigen Plate wäre. Johnson bespricht das Glück und Unglück in den verschiedenen Lebensstellungen: im Kapitel XXVII spricht er über die Größe, die Nachteile einer hohen sozialen Lebensstellung, im folgenden (XXVIII) über die Ehe; hiermit steht die Auslassung über die Verwerflichkeit einer einseitig pessimistischen Weltanschauung in keiner organischen Verbindung, kaum daß eine äußere, formelle Verknüpfung besteht. Die Äußerung der Nekayah, daß Gute und Böse auf Erden gleichmäßig dulden müssen, findet ihren Abschluß durch die Bemerkung, die zudem ganz im Gedankengange Johnsons liegt (vgl. Emersons Ausführung, Introduction XXXVI und seine Anmerkung zu 75:14, wo er auf R. 203 verweist, s. auch oben S. 97) —, daß der Tugendsame vor dem Schlechten die Aussicht auf ein ewiges Leben voraushabe. Es überrascht daher, daß Rasselas auf die schön abgeschlossene Ausführung zurückkommt, um in ein entfernt liegendes Gebiet zu streifen, und sich über die Verwerflichkeit übertriebener Darstellung des Elends der Welt auszusprechen. Nachdem er geschlossen hat, daß derartige Erwägungen unberechtigt seien, fährt er ganz unvermittelt fort: Marriage is evidently the dictate of nature.......... Es ist unmöglich einzusehen, warum nach solchen Erörterungen plößlich der Gedanke an die Ehe in ihm aufsteigt. Man muß zum mindesten zugeben, daß der Zusammenhang ein viel natürlicherer wäre, wenn man den Angriff auf die pessimistischen Bücher ganz wegließe. Umvillkürlich denkt man daher an eine spätere Einschaltung.

2) Hill hat noch auf die allgemeine Ähnlichkeit folgender Stellen aufmerksam gemacht (vgl. Emersons Anmerkung zu 133: 14). ,,Rasselas", Chap. XLVI: Those men, answered Imlac, are less wretched in their silent convent than the Abyssinian princes in their prison of pleasure. Whatever is done by the monks is incited by an adequate and reasonable motive. Their labour supplies them with necessaries; it therefore cannot be omitted, and is certainly rewarded. Their devotion prepares them for another state, and reminds them of its approach, while it fits them for it. Their time is regularly distributed; one duty succeeds another, so that they are not left open to the distraction of unguided choice, nor lost in the shades of listless inactivity. Vgl. hiermit ,,Candide" Chap. XXX: Je n'ai que vingt arpents, répondit le Turc; je les cultive avec mes enfants, le travail éloigne de nous trois grands maux: l'ennui, le vice et le besoin.... Travaillons sans raisonner, dit Martin; c'est le seul moyen de rendre la vie supportable (Oeuvres XXI 217).

Rousseau.

Wer den Einfluß, den Rousseau mit seiner Philosophie auf das EngLand seiner Zeit ausgeübt hat, studieren will, der wird nicht umhin können, auch nach Boswells „Life“ zu greifen. Großes Aufsehen erregten gleich nach ihrem Erscheinen Rousseaus Schriften auch im kühlen Großbritannien. Des neuen Philosophen wunderliche Gedanken bildeten das Tagesgespräch der vornehmen Gesellschaft. Im Mittelpunkt der geistigen englischen Welt stand damals Johnson, auf dessen Urteil so viel Wert gelegt wurde, daß es niemand' übergehen konnte. Es muß daher doppelt interessieren, gerade seine Stellungnahme zu den neuen Fragen zu kennen.

Das Interesse, das seine Zeit an den von Rousseau behandelten Problemen nahm, teilte Johnson nicht in gleichem Maße. Ihm lagen jene Untersuchungen im allgemeinen ferner, sie führten ihn auf ein ihm wenig vertrautes Gebiet. Weniger dem eigenen Triebe folgend als der Not gehorchend, die ihm aus seiner leitenden Stellung inmitten dieser von Rousseau so eingenommenen Welt erwuchs, ließ er sich in Auseinanderseßungen ein. Die Erregung der Gemüter nötigte auch ihn, sich zu äußern.

Nur ein paarmal kommt der Name Rousseaus auf des Gestrengen Lippen aus seiner Feder ist er nie geflossen ; aber diese paarmal ge= nügen, um uns zu zeigen, mit welchen Vorurteilen er an ihn herantrat, wie wenig Verständnis er dem Wesen des neuen Propheten entgegenbrachte, ja, mit welchem unerbittlichen Hasse er ihn verfolgte, - mit dem Hasse eines Mannes, der sein Höchstes und Heiligstes bedroht glaubt. Er hält ihn für den schlechtesten aller Menschen, für einen Schuft, für den keine Strafe hart genug ist: I think him one of the worst of men; a rascal, who ought to be hunted out of society, as he has been. Three or four nations have expelled him; and it is a shame that he is protected in this country.1) Und als Boswell ihm ganz treffend erwidert, er leugne nicht, daß Rousseau mit seiner Lehre vielleicht Unheil stifte, aber er glaube nicht, daß seine Absicht eine schlechte sei, fährt Johnson unerbittlich fort: Sir, that will not do. We cannot prove any man's intention to be bad. You may shoot a man through the head, and say you intended to miss him; but the judge will order you to be hanged. An alleged want of intention, when evil is committed will not be allowed in a court of justice. Rousseau, Sir, is a very bad man. I would sooner sign a sentence for his transportation, than that of any felon who

1) Rousseau weilte vom 13. Januar 1766 bis 20. Mai 1767, von Hume eingeladen, in England.

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