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daß Johnson seine literarische Tätigkeit mit Überseßungen aus dem Franzöfifchen eröffnete. Diese Erstlingsarbeiten sind auch ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr der junge Autor von dem Glauben erfüllt gewesen sein muß, daß die Kenntnis der französischen Sprache und Literatur für einen angehenden Schriftsteller unerläßlich war. So wird schon das Verlangen, ein Mann der Feder zu werden, ihn zu eifrigem Studium der Franzosen ange= spornt haben.

Seine große Belesenheit in der französischen Literatur bezeugen übereinstimmend mehrere seiner Freunde, die uns Berichte über ihn hinterlassen haben. So sagt Mrs. Piozzi in ihren „Anecdotes“: Johnson was a great reader of French literature (Misc. I 334). Ganz entsprechend schreibt Tyers: With French authors he was familiar (Misc. II 363), und bei Boswell, der den Bericht eines ungenannten Freundes anführt, lesen wir: He spoke often in praise of French literature (Bosw. 503)..

Wenn nun das in seinen uns überlieferten Urteilen über die französische Literatur enthaltene Lob keineswegs ein uneingeschränktes ist, so muß immer berücksichtigt bleiben, wie ängstlich Johnson stets darauf bedacht war, keinem fremden Volke eine Überlegenheit über England in irgend einer Beziehung offen einzuräumen: England überragt für ihn alle anderen modernen Nationen. Vor allem aber ist es ihm darum zu tun, daß bei Vergleichen zwischen England und den fremden Völkern die Überlegenheit über Frankreich hervortritt.) An den Gedanken müssen wir uns von vornherein gewöhnen, daß es Johnson, der, wie Carlyle sagt, „nichts weiter sieht und kennt als England, der der John Bull des geistigen Europa ist“, 2) unmöglich ist, die Bedeutung der französischen Literatur für ihn im besonderm und für England im allgemeinen in vollem Umfange anzuerkennen. Als ein Selbst= bekenntnis können jene Worte Johnsons in R. 93 betrachtet werden, daß es keinen Kritiker gäbe, der bei einem Vergleich zwischen den Schriftstellern des eigenen Landes und denjenigen eines fremden Volkes ein einwandfreies Urteil fällen könnte (VI 140).

Er war der Ansicht so erzählt Maxwell von Johnson in seinem kurzen Bericht, den Boswell wiedergibt —, daß die Engländer ihren Boden sowohl als auch ihren Geist besser pflegten als irgend ein anderes Volk;

1) Durch dieses Verhalten Johnsons wird man an Addison erinnert, bei dem diese Auffassung jedoch nicht so tendenziös hervortritt und daher einwandfreier er= scheint. Wie Johnson stellt auch Addison die Alten über die Modernen, unter denen er die Engländer höher schäßt als die Franzosen (Spectator N. 463); siehe Sander S. 68. 2) His interests are wholly English; he sees and knows nothing but England; he is the John Bull of Spiritual Europe: let him live, love him, as he was and could not but be! (Carlyle IV 103).

doch gab er zu, daß die Franzosen, obgleich sie in keinem Gebiet der Literatur das Höchste geleistet hätten, in jedem doch sehr hoch ständen (Bosw. 176). Diese Anschauung, daß sich die Franzosen in allen Literaturzweigen ohne wirklich gründliche Erschöpfung irgend eines Teiles betätigt hätten, liegt auch den übrigen zusammenfassenden Urteilen Johnsons zugrunde. So pflegte er zu sagen: „Die Franzosen zeichnen sich dadurch aus, daß sie ein Buch über jeden Gegenstand besißen“ (Bosw. 503).1) Ein ander Mal läßt er sich folgendermaßen über die Franzosen vernehmen: The French writers are superficial, because they are not scholars, and so proceed upon the mere power of their own minds; and we see how very little power they have (Bosw. 125). Auf dasselbe läuft es ungefähr hinaus, wenn er den Unterschied zwischen einem Engländer und einem Franzosen also definiert: „Ein Franzose muß immerzu sprechen, ob er nun etwas von der Sache versteht oder nicht; ein Engländer dagegen begnügt sich damit nichts zu sagen, wenn er nichts zu sagen hat" (Bosw. 433). 2) Am deutlichsten kommt das Verhältnis der beiden Literaturen, wie er es sich vorstellt, in der folgenden Äußerung zum Ausdruck: There is, he said, perhaps more knowledge circulated in the French literature than in any other. There is more original knowledge in English (Bosw. 531).

Diese Urteile besagen also kurz folgendes: Die Franzosen gehen in die Breite (ihre Phantasie läßt sie über alles schreiben), ohne in die Tiefe zu dringen (sie sind keine gründliche Gelehrten); während die Engländer, wenn sie auch nicht wie jene auf allen Gebieten tätig waren, auf manchen um so gründlicher und hervorragender gearbeitet haben.

In einem in diesem Zusammenhange beachtenswerten Auffaß in Id. 91 geht Johnson von der Bemerkung aus, daß es doch sehr widersinnig sei, die an und für sich schon so schwierige Erlangung einer gründlichen Bildung dadurch zu erschweren, daß man sich sein Wissen bei einem fremden Volke hole, während man es doch viel bequemer im eigenen Lande erlangen könne. Das aber geschähe in England; denn während die fremden Autoren die Gunst der Engländer genöffen, würde die einheimische Literatur verachtet.

1) Vgl. Mrs. Piozzi: His dislike of the French was well known to both nations, I believe, but he applauded the number of their books and the graces of their style (Misc. I 216).

2) Diese Oberflächlichkeit des Schaffens wurde den Franzosen häufig zur Last gelegt. Baillet (1649—1706) in seinen,,Jugemens des Savants“ sagt (S. 154), als er von den Fehlern und Mängeln spricht, die den Frauzosen von anderen Nationen vorgeworfen würden: D'autres ont publié que le grand vice des François étoit de se contenter d'éfleurer les Sciences sans les aprofondir, de vouloir tout embrasser sans rien retenir, de vouloir goûter de tout, sans vouloir digérer rien de solide, en un mot de ne savoir les choses que superficiellement.

Darauf sucht er im einzelnen zu beweisen, daß das ganz unberechtigt sei. Er räumt ein, daß für die, deren Leben dem Studium gewidmet ist, die Kenntnis der fremden Sprachen erforderlich ist, aber für denjenigen, der bloß zu seinem Vergnügen und zu seiner Unterhaltung lese, und der nicht nach literarischen Ehren trachte, böten die eigenen Schriftsteller alles, was er brauche, um seine Wünsche zu befriedigen.

Die englischen Dichter von Spenser bis Pope seien allen Autoren überlegen, deren sich der Kontinent rühmen könnte, und daher würden die Dichter der andern Nationen, so bekannt sie auch seien, in England nur sehr wenig gelesen.1) Ebenso fände auch jeder im eigenen Land alles, was in Mathematik und den abstrakten Wissenschaften wissenswert sei; was die „Kenntnis der Natur der Körper" beträfe, so sei England allen voran. Am flauesten verteidigt Johnson die englische Philologie und Kritik, die nur sehr wenig fremder Hilfe bedürften". Indirekt ist dies also doch ein Eingeständnis, daß die Engländer in dieser Hinsicht den Franzosen nachständen. 2) In der Philologie hat er zweifelsohne das Wörterbuch der französischen Akademie und andere grammatikalische und sprachwissenschaftliche Arbeiten im Auge. Schließlich legt er noch dar, daß keine andere Literatur sich eines solchen Schazes theologischen Wissens rühmen könne, und daß auch bezüglich politischer Werke die Engländer sich selbst genügen könnten. 3) Bemerkenswert ist, daß er die Geschichtsschreibung und die Briefliteratur unerwähnt läßt; und dieser Zurückhaltung entspricht, daß er bei anderen Anlässen (R. 122, 152) die Rückständigkeit der Engländer in diesen Zweigen

1) Hier spricht Johnson gegen sein besseres Wissen. Im grellsten Widerspruche hierzu steht seine Befürchtung, die er fünf Jahre zuvor geäußert hatte, daß durch) die häufigen Übersetzungen aus dem Französischen, die den französischen Satzbau wiedergäben, die Engländer schließlich dazu gebracht würden, einen Dialekt Frankreichs zu stammeln (IX 226, siehe später S. 16).

2) Dies Bewußtsein der Rückständigkeit Englands in der Philologie kommt auch noch an anderen Stellen zum Ausdruck, vgl. IV 636 u. IX 227 (siehe S. 14). 3) Es ist seltsam, daß Johnson, der hier zeigt, daß die Engländer ihre Bildung in allen Wissenschaften viel besser durch einheimische Autoren erwerben können, im Vorwort zum „Preceptor“ (1748) für die englische Jugend selbst viele von Franzosen verfaßte oder doch wenigstens französisch geschriebene Bücher aus den verschiedensten Wissensgebieten empfiehlt. Eine Zusammenstellung dieser Bücher, die alle an ihrer Stelle von uns erwähnt sind, dürfte den Widerspruch am deutlichsten hervor= treten lassen: Für die Geometrie empfiehlt er Le Clerc und Tacquet; für die Ge= schichte: Le Clerc's Compendium of History, Petavius's Rationarium Temporum, Scaliger's de Emendatione Temporum; für die Kirchengeschichte: Dupin und Fleury; für die Dichtkunst Bossu und Bouhours; für den Zeichenunterricht: The Jesuit's Perspective; für die Logik: Crousaz und Le Clerc; für die Philosophie Spectacle de la Nature; für die Kenntnis des Handels Dictionnaire de Commerce.

der Literatur den benachbarten Nationen gegenüber bedauert; ihre Er= wähnung hätte daher dem Zweck dieses Aufsaßes, in dem er den französischen Einfluß bekämpft, wenig entsprochen. Daß dieser Auffag des Idler in erster Linie gegen Frankreich gerichtet ist, geht auch aus dem Schlußfaß hervor: Laßt uns unsere Nachbarn nicht stolz machen, indem wir bei ihnen Hilfe suchen, die wir nicht nötig haben, noch unsern Fleiß durch Schwierigkeiten entmutigen, mit denen wir uns nicht zu belasten brauchen“ (VIII 368).

So stolz Johnson aber auch auf die Überlegenheit Englands über das Frankreich seiner Zeit ist, so muß er doch zugeben, daß das einstmals anders war, und daß England seinem nachbarlichen Nebenbuhler gerade in literarischer Hinsicht sehr viel verdankt.

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Nach Johnsons Anschauung ist die Literatur, deren Blüte für ihn in England erst mit dem Klassizismus beginnt, von Frankreich herübergekommen. Die Überlegenheit der englischen Literatur, auf die er stets hinweist, hat nach seiner Auffassung ihre Grundlage in der französischen, und dies gibt er auch ausdrücklich zu. „Die Literatur“, sagt er, war lange Zeit in Frankreich, bevor wir sie hatten. Paris war die zweite Stadt für das Wiederaufleben der Wissenschaften. Italien hatte sie vorher; in Frankreich war nicht ihr erster Frühling, höchstens ihr zweiter, ein Frühling nach einem Winter. 1) Was haben wir für die Literatur getan", fragt er, „was dem gleichkäme, was von den Stephani und anderen in Frankreich getan wurde! Unsere Literatur kam zu uns durch Frankreich." Aber hierauf als befürchte er, Frankreich zu sehr zu loben betont er wieder, daß nunmehr die Engländer den Franzosen überlegen seien: „Wir sind jezt den Franzosen über in der Literatur, aber wir hatten sie in England erst lange nach ihnen. Jeder Mann, der einen Degen und eine gepuderte Perücke trägt, schämt sich, nicht literarisch gebildet zu sein. Ich glaube nicht, daß es in Frankreich ebenso ist. Aber troßdem ist in Frankreich sehr viel Gelehrsamkeit, weil sie eine so große Zahl religiöser Institute besigen, so viele Menschen, die nichts zu tun haben, als zu studieren.... Wo viele Schüßen sind, sind immer auch einige Treffer" (Bosw. 369). Bei dieser rühmenden Erwähnung der Klöster hat Johnson sicher vor allem die Verdienste der Jesuiten, der Benediktiner, deren Bibliothek er bei seinem Aufenthalt in

1) Diese Äußerung Johnsons ist nämlich die Antwort auf die Behauptung : Literature is upon the growth, it is in its spring in France; here it is rather passée (Bosw. 368). Dies will Johnson nicht zugeben. Der Frühling der Literatur sei von Italien ausgegangen und nicht von Frankreich, wo es höchstens ein zweiter, ein Frühling nach einem Winter gewesen sei.

Paris mit großem Interesse besichtigte,') und nicht zuletzt auch der Jansenisten von Port Royal im Auge.

England erhielt somit

Passus einzugehen

um auf den Hauptgedanken des zitierten seine Literatur durch die Vermittlung Frankreichs. Wann aber kam nach Johnsons Anschauung die Literatur von Frankreich nach England? Das geht deutlich aus seiner Darstellung der englischen Literaturgeschichte, wie sie uns in den „Lives" entgegentritt, hervor. „Im 16. Jahrhundert", sagt er, war England noch nicht der Hauptort der Literatur (capital of literature), als welcher es heute mit Recht gilt" (Life of Ascham, 1515-1568, IV 626). Waller und Denham bezeichnet er als die Reformatoren der englischen Dichtkunst (Lives, II 309); Denham nennt er einen der Väter der englischen Poesie" (Lives, II 75) und bald darauf einen derer, die „den Geschmack in England verbesserten“ (ibid. II 81). Waller und Denham stehen aber an der Spiße der Dichter, die, sich auf die französische Literatur stüßend, dem Klassizismus in England zum Durchbruch verhalfen. 2) Damit beginnt, wie wir bereits betont haben, für Johnson eigentlich erst die englische Literatur, und daraus geht her= vor, in welchem Maße er diese der französischen Dichtkunst zu Dank_ver= pflichtet glaubt. 3)

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Johnson verehrt das Frankreich, das das Studium des Altertums eifrig pflegt, das eine Literatur auf den Schönheitsbegriffen des Altertums aufbaute, und das diese dann England vermittelte. Diese Epoche der französischen Entwickelung ist es, der er die höchste Anerkennung zollt, indem er sie als „die Mittagsstunde des Wissens der Franzosen“ bezeichnet.

2. Johnson und die französische Renaissance.

Nächst den Alten genießen die Gelehrten der Renaissance, „die ihre Sprache und ihren Stil mit so großem Erfolg nachahmten, und die mit so viel Fleiß daran arbeiteten, sie allgemein verständlich zu machen“ (IX 347),

1) Siehe sein Pariser Tagebuch unter dem 25. Oktober 1775 (Bosw. 262). *) Auch Gosse, der den englischen Klassizismus in englischen Verhältnissen begründet sieht, gibt den Einfluß der französischen Literatur zu, siehe S. 112.

3) Diese Bedeutung Frankreichs war für England nach klassizistischer Auffassung besonders groß, weit größer als der moderne Literarhistoriker zugibt. Für den Klassizisten war die höchste Dichtung diejenige, die von Frankreich ausging; während die frühere Literatur, auch die Dichtung Shakespeares, mehr der Ausdruck eines noch in der Barbarei steckenden Volkes war. Das war auch Johnsons Auffassung. Um die Mängel Shakespeares zu entschuldigen, sagt er: The English nation, in the time of Shakespeare, was yet struggling to emerge from barbarity (IX 264).

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