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Sturm und Drang eines wechselvollen, raschen Lebens war für die religiöse Entwickelung und den Ernst religiösen Denkens wenig Raum. Da aber, als die Kraft, die er in dem Strudel des Lebens versucht, angespannt und erschöpft hatte, zusammenzubrechen schien, als er auf dem Krankenlager sich nach geistiger Nahrung sehnte, trat Religion und Bibel wieder näher an sein Inneres heran. Ein Freund Langer, der ,,fromm, ohne dogmatisch zu sein," in dem Streit des historisch-positiven Christenthums mit dem reinen Deismus, sich für das erstere entschlossen hatte, vermittelte diese Rückkehr zu religiösem Denken und wusste den kranken Jüngling, in dessen momentanen psychologischen Zuständen, sowie in dessen Bibelfestigkeit er die wirksamste Unterstützung fand, ebenfalls auf seine Seite zu ziehen. So fiel es ihm leicht, Goethe für den Glauben an einen göttlichen Ursprung der Bibel zu gewinnen und damit für einen der Hauptgrundsätze des positiven Christenthums. Es ist recht bezeichnend, dass uns dazu in Wahrh. und Dichtg. gemeldet wird, dass Goethe über die ruhige Denkweise seines Freundes noch hinausging und sich mit besonderem Gefühl und Enthusiasmus mit dem neuen Testament beschäftigte, bezeichnend, weil sich darin vielleicht ahnen lässt, wie viel der Dichter an dieser theilweisen Bekehrung Theil hat. Dass es nur eine theilweise war, darüber belehrt uns der innere Zustand, in dem er sich nach seiner Rückkehr nach Frankfurt befand. Fräulein von Klettenberg, das Urbild „der schönen Seele“, 10) bemerkte eine Unruhe, eine Ungeduld, ein Streben, Suchen, Forschen, Sinnen und Schwanken an ihm und versicherte ihn, „das alles komme daher, weil er keinen versöhnten Gott habe.“ Es scheint nicht ohne Wirkung auf ihn geblieben zu sein, wenigstens suchte er durch das Studium von Arnolds Kirchenund Ketzergeschichte seinen eigenen Ideen eine Stütze zu verleihen, denn die Gesinnungen des Verfassers stimmten sehr zu den seinigen. Unter dem Einfluss mystischer und kabbalistischer Kreise, in denen er sich bewegte, bildete sich, nach seinem Berichte in ,,Wahrheit und Dichtung 11) eine Art theo-kosmogonischer Religionsphilosophie auf der Basis des Neuplatonismus, von der er selbst sagt, dass sie seltsam genug aussah. In einer etwas pantheistisch gefärbten Weise,

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10) Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ 6. Bch. 11) 2. Th. 8. Bch.

gehen aus der Gottheit, die sich von Ewigkeit her selbst producirt“, die Dreieinigkeit, die himmlischen Geister, die Schöpfung, der Mensch, der Sündenfall u. s. w. gradatim hervor, von dem Höchsten zum Niedereren herabsteigend.

Lewes 12), der überhaupt Goethes Selbstbiographie, als im Greisenalter geschriebenes Werk nur mit Vorsicht benützt, 13) äussert sein Misstrauen über die Treue dieser Darlegung; Schütz 14) macht auf parallele Stellen in den Wanderjahren und dem ersten Heft über deutsches Alterthum aufmerksam, die indessen nicht Sicherheit über die fragliche Stelle und deren Treue gewähren. Mag es sich aber hiermit wie immer verhalten, so viel steht fest, dass neben chemischen und besonders gearteten medicinischen Büchern, 15) auch solche religiösen Inhaltes Goethe beschäftigten. Zehn Tage nach seiner Ankunft in Strassburg am Charfreitag schreibt er an Johann Christian Limprecht in Leipzig : 16) „Wie ich war, bin ich noch, nur dass ich mit unserem Herre Gott etwas besser stehe und mit seinem lieben Sohn Jesu Christo. Daraus folgt nun, dass ich auch etwas klüger bin und erfahren habe, was das heisst, die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. Freilich singen wir erst das Hosianna dem, der da kommt; schon gut, auch das ist Freude und Glück, der König muss erst einziehen, ehe er den Thron besteigt." In einem Briefe vom 19. April an denselben lesen wir: 17) ,,Ich bin anders, ganz anders, dafür danke ich meinem Heilande; dass ich nicht bin, was ich sein sollte, dafür danke ich auch. „Luther sagt: „Ich fürchte mich mehr für meinen guten Werken, als für meinen Sünden“ und wenn man jung ist, ist man nichts ganz“. Seinem Freunde Trapp, der sich bei ihm Raths bezüglich des Verheirathens erholt hatte, antwortete er darauf mit Hinweis auf „seinen Gott“, denn wer sich von dem nicht rathen liesse, sei übel berathen. 18) „Reflectionen“ sagt er, ,,sind eine sehr leichte Waare, mit Gebeten dagegen ist es

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12) a. a. 0. 2. Bch. 3. Abschn. S. 106.

13) Siehe über die Motive hierzu a. a. 0. die Vorrede des Verfassers und Löpers Untersuchung hierüber in der Hempel’schen Ausgabe.

14) Goethes Philosophie im ersten Bande.

15) Wellings opus mago-cabalisticum. Theophrastus ParacelsusBasilius Valentinus Helmont, Starkey. Aurea catena Homeri.

16) S. d. j. G. S. 231. 17) D. j. G. S. 232. 18) D. j. G. S. 236.

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ein sehr einträglicher Handel, eine einzige Aufwallung des Herzens im Namen des, den wir inzwischen einen Herrn nennen, bis wir ihn unseren Herrn betiteln können und wir sind mit unzähligen Wohlthaten überschüttet. Es war eine Zeit, da mir die Welt so voll Dornen schien, als Ihnen jetzo. Der Himmelsarzt hat das Feuer des Lebens in meinem Körper wieder gestärkt und Muth und Freude sind wieder da. Aus einem Briefe an das so sehr verehrte Fräulein von Klettenberg, dem ersten aus Strassburg 19) erfahren wir mehr über seine religiöse Disposition. Er geht aus einem wirklichen Bedürfnisse hervor, nach dem Gang zum heil. Abendmahl über seine Erfahrungen im Umgang mit den frommen Leuten in Strassburg an sie zu berichten. Er habe, schreibt er, sich im Anfange sehr stark an sie gewendet, aber es sei, als wenn es nicht sein sollte. Er findet sie von Herzen langweilig. Lauter Leute von mässigem Verstande, die mit der ersten Religionsempfindung auch den ersten vernünftigen Gedanken dachten und nun meinen, das wäre alles, weil sie sonst von nichts wissen; dabei so hällisch und meinem Grafen 20) so feind, und so kirchlich und pünktlich, dass – ich Ihnen eben nichts weiter zu sagen brauche." Er tadelt ferner dieser Leute ,,Vorliebe für ihre eigenen Empfindungen und Meinungen, die Eitelkeit eines jeden Nase dahin drehen zu wollen, wohin die ihrige gewachsen sei; Fehler, denen solche Leute, die eine gute Sache haben, mit der grössten Sicherheit nachhängen.“ Dem gegenüber findet er in demselben Briefe, dass der Zweck seines Lebens sei, dieser Welt nützlich zu sein, und dass die Religion dazu denn auch etwas helfe, und bittet gegen den Schluss, mit ihm und für ihn zu beten, dass alles werde, wie's werden soll. Aus allen diesen Stellen resultirt, dass zwar das skeptische Denken in Goethe noch nicht beseitigt, wohl aber in ihm ein ernstes religiöses Bedürfniss, das schon zu Handlungen drängt, sich festgesetzt hat. Bei dieser mehr positiven Färbung seiner religiösen Weltanschauung ist es denn auch erklärlich, dass die negative Bewegung in der damaligen französischen Literatur ihn abstiess. Das atheistisch - materialistische „systéme de la nature" Holbachs legte er als,, grau, cimmerisch und todtenhaft“ aus der Hand. In dem uns

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19) D. j. G. S. 239 ff. im Aug. 1770 geschrieben.
20) (wohl) Zinzendorf.

erhaltenen Tagebuch finden wir neben Rousseau, Voltaire, Mendelssohn, Plato und anderen Griechen, Thomas a Kempis citirt und ein Verzeichniss mystischer Bücher, die Göthe zu lesen beabsichtigte. Das wichtigste für uns ist eine Vertheidigung Giordano Brunos gegen Bayles Kritik. Er lernte die phantastisch - pantheistische Naturphilosophie desselben noch in Strassburg kennen. Giordanos Idee einer natura naturans. und natura naturata, die Identificirung des Weltalls mit Gott, seine dem innigen und untrennbaren Zusammenhang zwischen dem Kleinsten und Grössten im Realen entsprechende Entwickelung in der Art des Aufsteigens vom Kleinsten zum Grössten im Idealen und die daran geknüpfte Entwickelungstheorie der Pflanze zur Thier- und Menschenseele und dieser wieder zur höchsten geistigen Vollkommenheit, alle diese Ideen mussten vermöge der Annehmlichkeit, die alle pantheistischen Gedanken für poetisch angelegte Naturen enthalten, auf Goethe Eindruck machen. Lewes 21) führt diesen Eindruck auf eine schon frühe Neigung des Goethe'schen Geistes zum Cultus der Natur zurück und nennt schon den Gottesdienst des siebenjährigen Knaben, den wir oben besprochen, einen pantheistischen. Ich vermag indessen von Pantheismus darin nichts zu entdecken. Giordano Bruno, ein anziehender Geist und Character der Geschichte, von Bewunderung für die Macht und Grösse der Schöpfung erfüllt, wie er, tritt ihm mit dem Satze entgegen: „Das Eine, das Unendliche, das Seiende und das, was in Allem ist und durch Alles hin ist, ist eines und dasselbe überall. Und so fällt die unendliche Dimension, indem sie nicht Grösse ist, zusammen mit dem Individuum, wie die unendliche Vielheit, indem sie nicht Zahl ist, zusammenfällt mit der Einheit.“ 22) Bei der Lec ture dieses Satzes stutzt der Jüngling. Er findet darin weder Gottlosigkeit, noch Abgeschmacktheit, wohl aber etwas ihm bisher ganz fremd Gewesenes, etwas Paradoxes, das ihn anzieht, er weiss nicht weshalb. Er will Giordano nicht entschuldigen, glaubt aber diese Stelle verdiene, wie manche anderen, ,,eine Erklärung und Untersuchung, die philosophischer wären, als Bayles Gerede.“ Er will Brunos Ideen nicht beipflichten, hält sie aber „wenigstens für tiefsinnig

21) a. a. 0 2. Bch. 5. Abschn. S. 115.

22) Zueignungsbrief der Abhandlung „von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen

und vielleicht für einen Urtheilsfähigen fruchtbar.“ – Es war überhaupt von jeher eine Eigenschaft von Goethes Denken, Alles, was an ihn herantrat, nicht etwa durch ein systematisches Studium und ein logisches Gegeneinanderhalten mit seinem bisherigen Wissen zu verarbeiten, und deshalb war er nicht Philosoph, sondern, sofern es nicht seiner sinnlichen Beobachtung unterworfen werden konnte, mit einer gewissen Nothwendigkeit auf sich wirken zu lassen und das mit seinem inneren individuellen Sein Vereinbare aufzunehmen, alles andere aber wieder fallen zu lassen, und darauf beruht seine Grösse als Dichter. So geht es ihm denn auch mit Giordano Bruno, so später auch mit dem ihm jetzt noch unbekannten Spinoza. Es ist gewiss mit eine Wirkung Giordano Brunos, wenn wir in seinem Tagebuch lesen: „Getrennt über Gott und Natur abhandeln ist schwierig und gefährlich, gerade als wenn wir über Leib und Seele gesondert denken. Wir erkennen die Seele blos durch das Mittel des Leibes, Gott nur durch Erkenntniss der Natur; daher scheint es mir verkehrt, diejenigen der Verkehrtheit zu zeihen, die durch ein philosophisches Raisonnement Gott mit der Welt verknüpfen. Denn alles, was ist, muss nothwendig zum Wesen Gottes gehören, weil Gott das einzig Wirkliche ist und alles umfasst. Auch die heilige Schrift ist dieser Ansicht nicht entgegen, obwohl wir ihre Aussprüche nach seinem eigenen Urtheil zu drehen einem jeden gern gestatten. Das ganze Alterthum war derselben Ansicht, und auf diese Uebereinstimmung gebe ich viel. Denn das Urtheil so grosser Männer ist mir ein Zeugniss, dass das Emanationssystem durchaus. vernunftgemäss ist, wenngleich ich zu keiner Schule schwören möchte und sehr bedauere, dass, da aus derselben Quelle die schlimmsten Irrthümer, fliessen, im Spinozismus dieser so reinen Lehre ein böser Bruder erwachsen ist.“ Aus allem diesem ist neben jener unbewussten nothwendigen Einwirkung des Pantheismus auf Goethes Phantasie deutlich zu erkennen, wie er noch nicht von den liebgewordenen Vorstellungen der Schrift sich loszureissen vermag, auf die er sich, wie zur Entschuldigung, auch hier und zwar zunächst berufen zu müssen glaubt. Dauerte doch auch seine Beschäftigung mit mystisch-kabbalistischen Studien noch fort. als er längst Herder kennen und Hamann bewundern gelernt hatte. Auch Jung Stillings Geistesrichtung war ihm nicht

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