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Sitzungen der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen.

93. Sitzung, am 9. Februar 1864. Herr Ma a 8 8 gab eine nach acht Kategorien gruppirte Zusammenstellung der Londoner Strassennamen, um zu zeigen, in welcher Weise historische Erinnerungen, geographische Beziehungen und die Verhältnisse des kirchlichen, staatlichen und bürgerlichen Lebens in den Bezeichnungen der Oertlichkeit sich abspiegeln und ausdrücken. Herr Foss betrachtete an einer Reihe Uhlandscher Gedichte, die der Verfasser selbst in den Ausgaben planmässig neben einander gestellt habe, die Weltanschauung Uhlands, der, im Gegensatze gegen die Romantiker, das Mittelalter zwar mit ächt historischem Sinne begreife, aber eben darum von der Verirrung fern bleibe, eine Wiederherstellung desselben zu ersehnen. Beginnend mit dem römischen Weltreiche („Ver sacrum“), schildere Uhland die Geburt des Königthums aus der Kraft von Gottes Gnaden („Der Königssohn“), den Verfall der Monarchie, herbeigeführt durch die Missachtung der geistigen Mächte („Des Sängers Fluch“), die. Grundlage der modernen Staatsentwicklung („Der freie Bauer“), das ächte Heldenthum der Neuzeit („Tell's Tod“), das Verhältniss des deutschen Volkes zu dem Begriffe des Vaterlandes („Die Glockenböhle“), den protestantischen Standpunkt des Dichters, der die unsichtbare Kirche sucht, nicht aber etwa auf dem Wege einer Rückkehr zum Katholicismus („Die verlorene Kirche“. Das versunkene Kloster“). In Bezug auf Uhland's Anschauung von der Poesie („Märchen“) verwies der Vortragende auf eine früher von ihm verfasste Abhandlung. Ergänzend fügte Herr Roth hinzu, dass Uhland nach seiner eigenen Angabe mit dem König in ,,Des Sängers Fluch“ zunächst auf Napoleon gezielt habe. — Herr F. Märker sprach über Longfellow's Hiawatha. Wenn schon unsere deutsche Mythologie, weil sie des philosophischen Gedankeninhalts entbehrt, für uns leblos ist und unsere Poesie nicht zu fördern vermag, so sei der Versuch Longfellow's, den grossen Gedanken des ewigen Friedens zum Inhalte eines Gedichts zu Archiv.f. n. Sprachen. XXXV.

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machen, welches sein Gewand von der indianischen Natur und der indianischen Mythologie borge, ein vollkommen verfehlter. Es zeige sich hier auf's Neue, wie die nordamerikanische Bildung, d. h. eine in die Wildniss versetzte Cultur einer selbständigen organischen Entwicklung überhaupt nicht fähig zu sein scheine. – Die Discussion über die hiermit angeregten Fragen musste für die nächste Sitzung vorbehalten werden.

94. Sitzung, am 23. Februar 1864. Herr Pröhle sprach über den Dichter Ernst Schulze. Nachdem er das wenige Bemerkenswerthe aus seinem äussern Leben kurz berührt, ging er näher auf sein Verhältniss zur Familie Tychsen ein, in der die ältere Tochter Cäcilie ihm befreundet war, aber ehe an eine Verlobung gedacht wurde, starb. Obgleich des Dichters „Cäcilie" und bezauberte Rose“ Perlen unserer Literatur seien, so sei doch das Publikum an die Trauerklänge, die Schulze's Dichtungen durchgingen, zu wenig gewöhnt gewesen, um namentlich dessen kleinere Dichtungen nach Verdienst zu würdigen. Der Vortragende ging darauf auf Schulze's Elegien näher ein, und weist aus eigenen Berichten des Dichters nach, dass dieselben sich auf ein Verhältniss zu Adelheid, der Pflegetochter eines Forstaufsehers auf der Plessburg, beziehen, deren Bekanntschaft Schulze gelegentlich einer Harzreise machte, die vor seinem Verhältniss zu den Tychsens liegt. Dass die Plessburg mit dem „P.“ in Schulze's Aufzeichnungen gemeint sei, theile selbst Schulze's Biograph Marggraff nicht mit, der den Ort nur einmal, und fälschlich, Pressburg nenne. Bei Erwähnung der weiteren Lebensschicksale des Dichters berührt Herr Pröhle die schönsten seiner anderen Schöpfungen. ,,Cäcilie, eine Geisterstimme,“ bei Gelegenheit der Schlacht von Leipzig gedichtet, und „Reiseerinnerung, welche einen Fluss feiert, vermuthlich die Ilse, die Schulze auf einer Harzreise im Jahre 1816 besuchte, auf der er von seiner Adelheid keine Spur mehr fand. Von dieser Reise erwähne Marggraff nichts, der überhaupt bei seiner mangelhaften Ortskenntniss vielfach ungenügend bleibe. Schulze starb, nachdem er kaum die Nachricht empfangen, dass er mit seiner bezauberten Rose“ den Brockhaus'schen Preis gewonnen. Dies Missgeschick verfolge noch im Tode den Dichter, dessen Ruhestätte neben Cäcilie Tychsen auf dem Kirchhofe in Göttingen gezeigt werde, während er in der That in Celle ruhe. Der dort liegende sei ein anderer gleichnamiger Göttinger Universitätslehrer. Herr Boltz las eine Uebersetzung von Leopardi's Canzone Italien, die denselben in die Reihe der grössten Lyriker seines Volkes setze, und die in ihrem edlen Zorn und sittlichen Entrüstung über sein geknechtetes Vaterland sich einen Adel der Gesinnung und des Ausdrucks bewahre, wie ihn nur wenige Dichter gehabt. Der Redner berührte ausserdem kurz die Lebensschicksale des Dichters und seine Verdienste als Gelehrter in den classischen und den semitischen Sprachen, sowie als Geschichtsforscher.

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Es wird demnächst die Discussion eröffnet über die in der vorigen Sitzung von Herrn Märker aufgestellte Frage, ob es dem Dichter gestattet sein dürfe, die Mythologie der nordamerikanischen Indianer in die Poesie einzuführen, und ihre Gestalten zu Trägern allgemeiner Ideen machen. Her Büchmann nimmt in umfassendem Vortrage die dichterische Befähigung Longfellow's überhaupt gegen die karrikirende Behandlung des Herrn Märker in Schutz: den Gesang des Hiawatha betreffend, so sei es nicht der Zweck des Dichters, die Idee des ewigen Friedens darzustellen, und den amerikanischen Gott zum Träger derselben zu machen: das Gedicht gehöre in den Kranz ethnographischer Dichtungen Longfellow's, wie er sie nach umfassenden Studien und Reisen in den verschiedenen Ländern der Welt in seinen Gedichten gebe. Es sei zuzugeben, dass, was in ethnographischer Beziehung seine Stärke, in poetischer bisweilen seine Schwäche sei: mag aber der die Friedenspfeife rauchende Gott barock sein, so lange die Vorstellung den Rothhäuten eigen sei, müsse sie uns in einem Gedichte genügen, das auf dem Boden derselben spiele.

Herr Pröhle wendet sich gegen die auf die nordische Mythologie gerichteten Angriffe, und weist nach, dass gewisse allgemeine Ideen in jeder Mythologie liegen: es komme nur darauf an, wie weit dieselben künstlerisch bereits verarbeitet seien: dies sei den griechischen Mythen allerdings im umfassendsten Maasse zu Theil geworden. Bei Benutzung der griechischen Mythen sei es daher am leichtesten, für die ausgesprochene Idee immer die zugehörige schöne Form zu finden, in deren Verbindung mit der Idee erst die poetische Schöpfung bestehen könne.

Herr Schweichel zeigt, dass die Dichtung allerdings im Stande gewesen, die Indianer lebenskräftig darzustellen: bei Cooper erscheinen sie im Kampf mit den Einwanderern ; bei Sealsfield als Besiegte ; bei Longfellow als der untergehende Stamm, in dessen Leben als ein idealisches der Dichter sich aus dem ruhelosen Erwerbsgetriebe seiner Zeit, wie zu einer friedlichen Idylle, flüchte: er sei darin den Autoren unserer Dorfgeschichtenliteratur ähnlich, nur mit dem Unterschiede, dass in der Dorfgeschichte die Möglichkeit einer Culturentwicklung stattfinde, bei dem Indianer nicht. Longfellow ferner vertrete in seiner Literatur das deutsche Element; er führe das deutsche Gemüth und den deutschen Gedanken ein, wenn auch in krankhaft sentimentaler Weise. Dass den jetzigen Amerikanern die Mythologie der Ureinwohner unbekannt sei, sei unrichtig; ebenso, dass nur die Mythologie eines Culturvolkes poetisch zu verwerthen sei. Wenn wir uns der Gestalten und Bilder griechischer Mythe noch fortwährend bedienten, so komme dies nicht von einem besondern Werthe derselben, sondern daher, dass unsere Cultur überhaupt auf der griechischen beruhe; im Uebrigen sei jede Mythologie zu verwerthen, sie diene nur dazu, die Localfarbe zu geben. Dass wir griechische Namen gern

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ertragen, komme von der Gewohnheit: aber wenn der die Friedenspfeife rauchende Gott barock wäre, so sci „der unbewölkte Zeus, der auf die Fluten lächle“ gewiss lächerlich. Herr Hermes erinnert an Schiller's „nadowessische Todtenklage,“ zum Beweis dass die Dichtung das Recht habe, Poetisches, bei welchem Volke sie es finde, darzustellen. Nachdem Herr Schwerin das Urtheil des Herrn Märker in Betreff amerikanischer Musik berichtigt, und Herr Leo bemerkt, dass schliesslich sich rein um persönlichen Geschmack handle, ergreift Herr Märker zum Schluss das Wort, und bleibt dabei stehen, dass der Poesie jede Mythologie fremd bleiben müsse, in der nicht begriffliche Entwicklung mit Formenschönheit sich paare: der letzteren entbehre die indische, wie auch die nordische, die es nur zur Carrikatur, nicht zu einer Schönheit der Form bringe: somit sei die fortgesetzte Geltung der griechischen Gestalten nicht Gewohnheit, sondern Nothwendigkeit: bei den rohen indischen Gestalten sei künstlerische Behandlung von vornherein abgeschnitten. Indem Herr Märker schliesslich die Trefflichkeit der Longfellowschen Freiheitsideen und die Schönheit der gegen Sclaverei geschriebenen Gedichte anerkennt, wiederholt er sein bereits ausgesprochenes Urtheil über die 'goldne Legende,' die ein schwacher und kalter Abklatsch deutscher Dichtung sei.

95. Sitzung, am 8. März 1864. Herr Roth nahm ausführlich Müllner's Schuld gegen das überwiegend verdammende Urtheil der Literarhistoriker und Kritiker in Schutz; von allen stehe auf seiner Seite nur Gottschall, nachdem doch schon Göthe in den Tagesund Jahresheften in dem Stück eine Einlenkung zum Edleren er. kennt. Es walte in der Schuld' nichts weniger als ein blindes Fatum; das Stück warne vielmehr auf's Ernsteste vor blindem Aberglauben, indem es die Folgen desselben bei bigotten Gemüthern vor Augen fübre. Die Personen fehlten aus, eigenem Irrthum, und büssten ihren Fehler; die Tragödie ruhe also auf sittlicher Grundlage: der Hauptträger der abergläubischen Ideen werde sogar in Bezug darauf für geistesirre erklärt. Müllner selbst habe sich gegen den Eifer seiner Freunde verwahren müssen: er habe ausdrücklich erklärt, er hätte das Fatum nicht in Gestalt eines Schicksalsspruches darstellen, sondern zeigen wollen, wie ein Fehler der Aeltern durch Irren der Kinder, wenn. sie keinen Charakter hätten, zum furchtbaren Unheil ausschlagen könne. Erst die Nachahmer hätten Müllner's Ideen zur Carrikatur getrieben. Schliesslich rechtfertigte der Vortragende einzelne besonders angefochtene Charaktere und Stellen des Dramas.

An diesen Vortrag knüpfte Herr Bollmann eine längere Betrachtung, indem er es als ein mit dem gelehrten Charakter der Gesellschaft nicht vereinbares Beginnen bezeichnete, literarische Produkte, über welche wissenschaftliche Aesthetik und Kritik längst gerichtet, für anerkannte Meisterwerke auszugeben. In einer ausführlichen Zergliederung von Immermann's „Opfer des Schweigens,“ die Herr Roth in

einem frühern Vortrage (Sitzung vom 19. Januar d. J.) als ein hochpoetisches Produkt bezeichnet hatte, dem die Kritik in keiner Weise gerecht geworden, führte Herr Bollmann aus, dass das Stück in der psychologischen Entwicklung der Charaktere unwahr, in Reim und Sprache höchst nachlässig, an Plattheiten und Trivialitäten sehr reich sei. Müllner's Schuld' noch einer genaueren Betrachtung zu unterziehen, verbot die Zeit. Herr Roth antwortete kurz, dass er sein Urtheil im Ganzen aufrecht erhalte.

Herr Leo wahrte den Standpunkt der Gesellschaft gegen ein längeres Eingehen auf den Gegenstand. Herr Schweichel versuchte zum Schluss die Unsittlichkeit der Charaktere und Handlungen in den "Opfern des Schweigens' nachzuweisen.

Herr Leo machte nähere Mittheilungen über Stiftung eines Zweigvereins der Deutschen Shakspeare-Gesellschaft in Bezug auf das aus Weimar eingelaufene Programm derselben.

96. Sitzung, am 29. März 1864. Herr Märker besprach das neueste Werk Longfellow's: the Wayside Inn. Dasselbe enthält einen Kranz von Dichtungen, die nach Art der Canterbury Tales so in einen Rahmen gefasst werden, dass jede derselben einer von verschiedenen Personen in den Mund gelegt wird, die in einem Wirthshaus sich zusammen finden. Je ein interlude führt den neuen Redner ein, der dann eine Scene aus seinem Leben mittheilt: einen Haupttheil bildet eine Reihe Darstellungen aus nordischer Mythe und Heldengeschichte, aus der Heimskringla entlehnt, die einem Deutschen in den Mund gelegt sind und mit Musik begleitet werden. Die Versification ist leicht, die Sprache fliessend und des Gegenstandes würdig. Was fehlt, ist eine Charakteristik der Personen, die nur durch die Angabe dessen ersetzt wird, was die Personen gelesen und gelernt. Der Redner geht darauf zur Besprechung des neuen 'Lebens Jesu' von Strauss über. Im Gegensatz zu Renan, der den historischen Stoff als historische Thatsache aufnehme, und aus den unmittelbaren Thatsachen den Leberisgang Jesu aufbaue, gehe Strauss davon aus, dass ein Leben Jesu aus den vorhandenen Fakten gar nicht geschrieben werden könne. Er frage im ersten Theile des Buches: welchen Grund die Evangelien hätten, historische Quellen zu heissen, und stelle alles zusammen, was historisch feststehe, und was man als historisch feststehend ansehen könne; und untersuche im zweiten Theile, wie auf solchem Grunde sich die verschiedenen Richtungen christlichen Glaubens auferbauen konnten. Den Schluss bilde eine Kritik des ganzen christlichen Werkes. Die Frage, wie es zu erklären, dass Dinge, die in der Urgeschichte nicht gegeben sind, in diese hineinkamen, wird daraus gelöst, dass Christus keine Familienverbindung hatte, dass er reine Negation des Staates war, dass er in keiner Beziehung zu Wissenschaft und Kunst stand. Nachdem der Vortragende auf die Kritik des Evangelii Johannis, und die Frage, wie der Jünger zu dem Evangelisten stehe, näher eingegangen war,

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