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Beurtheilungen und kurze Anzeigen.

Dielitz und Heinrichs, deutsches Lesebuch für die unteren

Classen höherer Lehranstalten. Berlin, Druck und Verlag

von G. Reimer. 1862. Dielitz und Heinrichs, Handbuch der deutschen Literatur

für die oberen Classen höherer Lehranstalten. Eine nach den Gattungen geordnete Sammlung poetischer und prosaischer Musterstücke nebst einem Abriss der Poetik, Rbetorik und Literaturgeschichte. Berlin, Druck und Verlag von G. Reimer. 1863.

Diese beiden Bücher, welche trotz des verschiedenen Titels zusammengehören und ein Ganzes bilden, insofern das eine das andere ergänzt, unterscheiden sich in der Hauptsache von andern ähnlichen Sammlungen zunächst und besonders dadurch, dass in ihnen das erforderliche Material für den gesammten deutschen Unterricht in den höheren Lehranstalten dargeboten wird. Die Herausgeber haben, wie sie in der Vorrede zum „Handbuche“ selber sagen und wie die genaue Durchsicht beider Bücher, besonders aber des letzteren, es bestätigt, es sich angelegen sein lassen, in dieser Beziehung denjenigen Anforderungen zu genügen, welche in dem den deutschen Unterricht auf den preussischen Gymnasien betreffenden Ministerial-Rescript vom 13. December 1862 und in den erläuternden Bemerkungen zu der Unterrichts- und Prüfungsordnung der Real- und der böberen Burgerschulen vom 6. October 1859 gestellt werden.

Das deutsche Lesebuch, welches für die Sexta, Quinta und Quarta höherer Lehranstalten bestimmt ist, bietet in 8 Abschnitten (1. Lieder; 2. Fabeln, Parabeln, Märchen; 3. Räthsel; 4. Sprüche; 5. Erzählungen ; 6. Geschichte; 7. Natur-, Länder- und Völkerkunde; 8. Dramatisches) nahe an 350 tbeils längere, theils kürzere Lesestücke, welche mit Geschick, Geschmack und Umsicht ausgewählt sind. Die Herausgeber baben, von padagogischer Erfahrung geleitet, mit Consequenz alles Matte und Weichliche von ihrer Sammlung ausgeschlossen; unsere Zeit leidet über Gebühr an Mattheit, Weichlichkeit, übertriebener Sentimentalitat; diese muss mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, soll das deutsche Volk wieder zur Energie des Willens und zur Kraft des Handelns gelangen. Der erste Grund dazu ist in der frühesten Jugend zu legen, und wir begrüssen daber mit wahrbafter Freude diesen ersten und in diesem „deutschen Lesebucbe" consequent durcbgeführten Versuch dazu. Die Herausgeber haben aber auch eine andere wichtige Seite des deutschen Unterrichts nicht aus dem Auge gelassen: sie haben nur solche Lesestücke aufgenommen, welche bei einer klaren, kernigen und die sprachliche Bildung der Schüler fordernden Darstellung durch ihren Inhalt dem Kinde ein lebhaftes Interesse abzugewinnen und den Kreis seiner Anschauungen und Kenntnisse zu erweitern vermögen. Den Beweis dafür liefert ein prüfender Blick auf das Inbaltsverzeichniss; den schlagendsten Beweis aber haben dem Berichterstatter dafür die Wahrpehmungen geliefert, die er in dieser Beziehung im Kreise der Schule, wie im Kreise der Familie zu machen Gelegenbeit gehabt hat: die Kinder lesen gern, mit Eifer und Vergnügen in diesem Lesebuche. In der richtigen Erkenntniss der Thatsache, dass dem kindlichen Alter das lyrische und allegorische Element nicht zusagt, haben die Herausgeber die aufgenommenen Lieder, Fabeln und Parabeln auf eine geringe Zahl beschränkt, dafür aber eine beträchtliche Anzahl von Gedichten mit sachlichem Inhalte geboten, welche sich vorzugsweise zum Auswendiglernen und zur Declamation eignen. Wir gestehen offen, dass wir in dieser Beziehung noch eine grossere Beschränkung gewünscht hätten; es möchte sich empfehlen, alle Lieder, die ihren Platz bereits im kirchlichen Gesangbuche gefunden haben, das ja in den Händen jedes Schülers sein muss, aus dem deutschen Lesebucbe fortzulassen; wir rathen daher, bei der näcbsten Auflage, die gleich auf den ersten Seiten des Buches befindlichen Gellertschen geistlichen Lieder „Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht etc.,“ „Wie gross ist des Allmächtigen Güte! etc., “ „Auf Gott und nicht auf meinen Rath will ich mein Glücke bauen etc.“ gegen andere Lieder zu vertauschen, und glauben, um so mehr auf eine Erfüllung unseres Wunsches rechnen zu dürfen, als die Herausgeber in dem „Handbuche“ selber eben diesem Grundsatze gefolgt sind. Auch die Fabel von Lichtwer „Das Laster und die Strafe“ (p. 21) möchten wir beseitigt wünschen, weil sie von keinem Quartaner, geschweige denn von einem Quintaner oder gar von einem Sextaner verstanden werden dürfte. Neben der Declamation haben die Herausgeber zugleich der mundlichen Reproduction, einer Uebung, die, wie sie mit Recht bemerken, leider noch immer gar zu sehr vernachlässigt wird und doch nicht genug empfohlen werden kann, ihre besondere Aufmerksamkeit zugewandt; sie haben zu diesem Zwecke eine grosse Anzahl solcher Stücke, vorzugsweise historischen Inhalts, aufgenommen, die sich zur mündlichen Reproduction ganz vorzüglich eignen. Wenn es dagegen auf den ersten Anblick erscheinen möchte, als ob die Zahl der aufgenommenen Erzählungen zu_gering sei, so genügt es, darauf hinzuweisen, dass die Herausgeber alle Erzählungen mit historischem, geographischem und naturhistorischem Hintergrunde den Abschnitten „Geschichte“ und „Natur-, Länder- und Völkerkunde“ zugewiesen haben. Rücksichtlich dieser beiden letzten Abschnitte verdient hervorgehoben zu werden, dass einerseits die Herausgeber es nicht versäumt haben, solche Lesestücke in Fülle aufzunehmen, durch welche die Liebe zum Vaterlande, dem weiteren wie dem engeren, geweckt und genährt werde, andererseits mit Berücksichtigung der Thatsache, dass die blosse Beschreibung für die Jugend zu wenig Anziehendes habe, nur solche Schilderungen ihrem Lesebuche einreiheten, die sich an spannende Ereignisse und interessante Persönlichkeiten anlehnen. Hierbei wollen wir die Herausgeber darauf auf. merksam zu machen nicht unterlassen, dass es sich bei der grossen Aehnlichkeit des Inbalts in den beiden Stücken „Der Walfisch“ (pag. 263) und „Der Walfischfang“ (pag. 266) empfehlen möchte, das erstere, zumal da es fast nur beschreibenden Inhalts ist, ganz fortzulassen, ebenso wie Nr. 21: „Der Königstiger" (pag. 317), auf welcher die vorhergehende Erzählung „Die Tigerjagd in Ostindien“ (pag. 312) zum Theil beruht. Die Erzablungen „Der kluge Richter“ (pag. 15)

und ,Türkische Gerechtigkeit“ (pag. 76) sind nicht von 0. Schulz, sondern von Hebel. Der Druck ist hinreichend gross und durchweg deutlich, das Papier fest; Druckfebler haben wir nur sehr wenige und leicht erkennbare bemerkt, so pag. 117 Herkukes statt Herkules, p. 261 Nistel- statt Misteldrosseln, p. 282 Eine Haufe statt Ein Haufe, p. 289 Gesolge statt Gefolge, p. 304 Fuhmanns statt Fuhrmanns, p. 316 schliesseu statt schliessen, p. 339 saheu statt sahen und p. 343 aufingen statt a n fingen.

Nach Allem, was wir über das Lesebuch gesagt haben, glauben wir den Herausgebern auch mit ziemlicher Gewissheit prophezeien zu können, dass der Wunsch, den sie ihrem Buche mit auf den Weg gegeben, in Erfüllung gehen und dasselbe recht vielen Schülern zur Anregung und Belehrung gereichen werde.

Das zweite der oben genannten Bücher, das Handbuch der deut.. schen Literatur ist eine sehr reichhaltige, nach den Gattungen geordnete Sammlung poetischer und prosaischer Musterstücke. Dieses Handbuch ist zunächst bestimmt, das erforderliche Material für den gesammten deutschen Unterricht in den oberen Classen höherer Lebranstalten darzubieten, und giebt desshalb zuerst in einer Einleitung (pag. 1–54) nach voraufgeschickter Unterscheidung von Poesie und Prosa eine in 51 Paragraphen gefasste Metrik, lässt auf diese die Lehre von den Gattungen der Dichtkunst folgen, die sich auf eine in wenige Paragrapben zusammengedrängte Hervorbebung des charakteristischen Unterschiedes der Gattungen auf dem Gebiete der Poesie und der Prosa und auf eine Angabe der Arten derselben béschränkt, fügt dann auf wenigen Seiten die Hauptpunkte aus der Lehre von der Redekunst binzu und schliesst diesen einleitenden Theil mit einer Ueber. sicht der Literaturgeschichte. An diese Einleitung reiht sich der Haupttheil des Werkes, die Sammlung von mehr als 500 poetischen und prosaischen nach den Gattungen und deren Arten geordneten Musterstücken. Hier finden wir denn auch den Dichtungen und Prosastücken derselben Art die Erklärung und die Hervorhebung der charakteristischen Merkmale derselben vorausgeschickt. Diese Erklärungen sind, wie die gesammte Einleitung so abgefasst, dass sie dem Lehrer nur als Leitfaden für seinen Vortrag, und als Grundlage für die mit den Schülern anzustellenden Erörterungen dienen sollen, während die weitere Ausführung und die Begründung der mündlichen Erklärung vorbehalten bleibt. Es ist nicht zu verkennen, dass bei richtiger Benutzung dieser Erklärungen nach voraufgeschickter Lecture einzelner ausgewählter Lesestücke die Schüler, wie es z. B. in den erläuternden Bemerkungen zu d. U. u. P. (. der Real- und höheren Bürgerschulen vom 6. October 1859 verlangt wird, in den Stand gesetzt werden, mit den wichtigsten Darstellungsformen in der Muttersprache sich vertraut zu machen und über das Wesen der verschiedenen Gattungen der Literatur nicht bloss eine (meist) unverstandene Theorie, sondern das Charakteristische der verschiedenen Arten der Dichtung und Prosa an den Beispielen selbst kennen lernen. Die Herausgeber sind auch nicht der Meinung, der in der Einleitung gebotene kurze Abriss der Rhetorik solle einem fortlaufenden Vortrage derselben als einer besonderen Disciplin dienen, sondern sie haben ihn als Grundlage für die Repetition dessen bestimmt, was aus dieser Disciplin bei der Lecture gelegentlich besprochen worden ist. Wir können nicht uphin, bei dieser Gelegenheit den Wunsch auszusprechen, dass die Herausgeber bei einer neuen Auflage des Buches sich veranlasst fühlen möchten. in den Paragraphen 81 und 82, namentlich bei dem 2. und 3. Abschnitte des letzteren, die von den Tropen und Figuren bandeln, Beispiele, resp. noch mehrere derselben binzuzufügen. Wir sind ganz damit einverstanden, dass in dem Abriss der Literaturgeschichte die Verfasser die Mittheilung historischer Notizen auf das unungänglich nothwendigste Maass beschränkt, dagegen aber eine kurze und übersichtliche Darstellung des Entwicklungsganges unserer Literatur gegeben haben. Mit der Auswahl der Stücke sind wir vollkommen zufrieden, doch will es uns scheinen, als sei dem Epos ein gar zu grosser Raum überlassen und dieser der Prosa entzogen worden; bei späterer Ausgleichung in dieser Beziehung würden die Herausgeber dann gewiss der historischen Prosa 'noch einige leichtere Stücke binzufügen; denn die jetzt in der Sammlung enthaltenen dürften leicht über den Standpunkt einer Tertia hinausgehen. Die ausgewählten philosophischen Stücke haben in uns den Gedanken rege gemacht, wie vortrefflich es wäre, wenn die Herausgeber, wie sie angefangen, fortführen, noch mehrere Abschnitte aus der Psychologie aufzunehmen und ihr Buch dadurch zugleich zu einer zweckmässigen Grundlage für die Beschäftigung der Schüler mit dieser Disciplin zu machen. Die hinzugefügten Sprachproben aus der Bibelübersetzung des Ulfila, aus dem Liede von Hildebrand und Hadubrand, aus dem Nibelungen und aus dem Gudrunliede, aus Hart. manns Armem Heinrich, aus den Liedern Walthers von der Vogelweide, und zwar durchweg solcher Stücke, die in der Sammlung selbst vorher in neuhochdeutscher Sprache gegeben worden, sind auf das gehörige Maass beschränkt. Das Inhaltsverzeichniss und das Verzeichniss der Verfasser sind mit grosser Sorgfalt gearbeitet; doch hält es noch schwer, bier und da ein Gedicht aufzusuchen, über dessen Classification ein Zweifel obwalten kann; es bleibt daher sehr zu wünschen, dass die Herausgeber der 2. Auflage ein Verzeicbniss der Gedichte nach den Anfängen derselben hinzufügen möchten. Das Format des Buches ist gross; es enthalten die 46 Bogen desselben ein ausserordentlich reichhaltiges Material für den deutschen Unterricht in den oberen Classen. Wir glauben, dass das Buch ganz geeignet ist, den Zweck zu erfüllen, für den es bestimmt ist, und empfehlen es daher mit gutem Gewissen den höheren Lehranstalten zur Einführung; übrigens ist dasselbe nicht bloss für die Schule verwendbar, sondern es bietet jedem Freunde der deutschen Literatur zu einer eingehenderen Beschäftigung mit den Schätzen derselben einen geeigneten und reichlichen Stoff; es ist dieses Buch so recht ein Buch für Schule und Haus.“

Ein eigenthümlicher Druckfehler findet sich auf pag. 269 in dem Gedichte „Botenart;" es sind in demselben die ersten Zeilen umgestellt, so dass die 6 ersten Verse dieser poetischen Erzählung hier den 7. – 12. Vers bilden; im Uebrigen beschränken sich die Druckfehler auf ein geringes Maass unbedeutenderer Irrthümer, die sich, wie jeder weiss, auch bei dem besten Willen nicht immer vermeiden lassen.

H.

Program mensch a u.

Traduction raisonnée d'un fragment de l'Ecole de la Médisance,

Comédie par Sheridan vom Oberlehrer Charles Boeckel.
Programm der Realschule zu Görlitz, 1863.

Der Herr Verfasser sagt auf Seite 20: „Depuis une trentaine d'années une révolution complète s'est opérée à l'égard des livres où la jeunesse apprend le français et l'anglais. Sentant la nécessité de lui fournir une plus ample matière pour s'exercer à parler et à écrire, et de lui rendre les tré. sors de ces langues plus accessibles, les maîtres se sont mis à publier ouvrage sur ouvrage, tous destinés à ouvrir de nouvelles voies, des voies bien alignées et aplanies, et destinées à conduire l'élève sans aucun effort au beau milieu de la littérature française ou anglaise; mais le résultat prouve qu'on s'est fourvoyé sur la route nouvelle,. car on n'a réussi qu'à inspirer aux jeunes gens de l'éloignement pour les études sérieuses et à les accoutumer à ne cueillir que les fruits qu'ils trouvent sous la main; en un mot, la jeunesse studieuse" est devenue superficielle et ne veut plus tirer de sa lecture qu'une monnaie courante qui lui serve à satisfaire ses besoins du moment. Approfondir les auteurs, en pénétrer l'esprit et la tendance, étudier les formes dont leurs pensées se revêtent, et s'approprier la faculté de s'exprimer comme eux, le tout afin de former son esprit et d'étendre ses vues, de rectifier son jugement, de varier ses jouissances intellectuelles, ef de se rendre capablé de converser avec les esprits distingués d'une autre nation, voilà le but que l'élève des classes supérieures de nos écoles devrait se proposer, et voilà précisément à quoi, généralement parlant, il songe le moins. Pour opposer une digue à cette tendance vers la superficialitě (sit venia verbo) qui se manifeste dans vos écoles, et qui est, disons - le hardiment, favorisé en quelque sorte par la multiplicité des objects qu'on y traite, il ne faudrait mettre entre les mains des élèves que des livres qui, tout en écartapt les épines les plus saillantes, leur apprissent à penser, à méditer, et qui, loin de les décourager, fissent naître en eux le désir de vaincre les obstacles et de s'instruire même au-delà des limites prescrites par les règlements.“ Wir haben diese Worte hier abgeschrieben, weil wir die Klagen des Verfassers für nicht unbegriindet und seine Anforderungen an den Voterricht in den neueren Sprachen für sehr beherzigenswerth halten, und weil unser Wunsch ist, dass vielleicht noch andere unserer Herren Collegen Veranlassung finden möchten, ihre Ansichten und Erfahrungen in unserer Zeitschrift mitzutheilen. Wir selbst erlauben uns, um auch unser Scherflein beizutragen, zu dem, was der Verfasser sagt, Einiges erweiternd und begründend binzuzufügen. Es ist behauptet worden, dass die deutschen Aufsätze der Realschulabiturienten durchschnittlich einen Grad tiefer stehen als die der Gymnasialabiturienten. Wenn dies wahr sein sollte, und jene superficialité, von der der Verfasser spricht, mehr an Realschulen als an Gymnasien, oder ganz besonders an Realschulen bemerkt werden sollte, so entsteben die Fragen: Woher kommt dieser Uebelstand? Ist demselben abzu

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