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Besten daraus schliessen, dass er schon am 8. October, also
nur vier Tage nach dem Tode der Königin und ehe noch das
Leichenbegängniss stattgefunden hatte, Forquevaulx durch Ruy
Gomes sondiren liess, was wohl der französische Hof zu seiner
Wiederverheirathung mit der Prinzessin Anna von Böhmen
meinen würde.
Halberstadt.

Oberlehrer Dr. Brunnemann.

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Lafontaine, der Fabeldichter.

Parler de Lafontaine n'est jamais un ennui, même quand on serait bien sûr de n'y rien apporter de nouveau.

Ste. Beuve.

Es ist für den Deutschen stets eine miesliche Sache gewesen, über die Werke der französischen Dichtung aus der sogenannten classischen Periode Ludwigs des Vierzehnten ein Urtheil zu fällen. Man war von jeher nur zu sehr geneigt, in der Beurtheilung derselben den strengsten Massstab anzulegen, und mit unerbitterlicher Geringschätzung über sie abzusprechen; nicht nur würde es schwer sein, einen deutschen Kritiker und Literaturhistoriker zu finden, der Corneille, Racine und Boileau mit rühmenden Worten bedacht hätte, man hätte sogar lächerlicher Vermessenheit bezüchtigt werden können, wenn man die Verherrlichung jener Koryphäen der französischen Literatur hätte übernehmen wollen. Wie sonderbar diese Thatsache erscheinen, wie sehr diese Anschauungsweise dem nationalen Vorurtheile zuzuschreiben sein mag, so findet sie doch einigermassen, wenn nicht ihre Berechtigung, doch ihre Entschuldigung, und diese liegt im ganzen Charakter jener Dichtungen. Es ist dies so sehr wahr, dass die genannten Tragiker in ihrem eigenen Lande die heftigsten Anfechtungen erlitten haben, und dass mehr als ein Akademiker für die Ehrenrettung seiner Classiker hat in die -Schranken treten müssen. Die neueren Bearbeiter der französischen Literatur*) haben indessen mit Recht darauf hingewiesen, wie ungerecht es sei, dass die Deutschen in ihrem Urtheile über

*) Zum Beispiel Arnd, Geschichte der französischen Nationalliteratur.

jene Dichter immer wegwerfend verfahren, und bestreben sich, dieselben einer genaueren Würdigung zu unterwerfen, und sie namentlich in steten Bezug auf ihre Zeit, als auch auf den französischen Nationalcharakter überhaupt zu stellen. Das Verhältniss dieser relativen Beurtheilung zur absoluten und rein objectiven Kritik des französischen Dramas zu bestimmen, ist indessen hier nicht unsere Aufgabe. Wie einstimmig aber die deutsche Beurtheilung gewesen, und wie sehr auch die Franzosen selbst in Bezug auf die genannten Dichter auseinandergegangen sind, 80 einstimmig ist hingegen die Anerkennung, welche zwei andere Dichter jener Zeit gefunden haben, nämlich Molière und Lafontaine. Wie unparteiisch, wie objectiv wir Deutsche uns auch verhalten mögen, so werden wir doch diese Thatsache nicht leugnen können, dass Molière und Lafontaine uns stets mehr angezogen, dass wir diesen allein sogar das Lob wirklich grosser Dichter beigelegt haben.

Diese Vorliebe beruht auf derselben Ursache, wegen welcher wir den köstlichen Rabelais, und von den Neuern Beaumarchais, Alfred von Musset und Béranger besser verstehen, mit höherem Genusse lesen, und den andern gefeierten Namen eines Ronsard, Voltaire und Lamartine unbedingt vorziehen.*) 'Es ist schon oft und genug ausgesprochen worden, dass wir Deutsche nicht das ernste Drama der Franzosen als das preiswürdigste Erzeugniss ihrer classischen Literatur ansehen können, sondern dass diejenigen Werke unsern Beifall sich erwerben, welche nicht auf der pedantischen Nachahmung der Antike, nicht auf missverstandenen Sätzen des Aristoteles beruhen, und weder nach philosophischer Gedankentiefe, noch nach pindarischem Pathos haschen, sondern leicht, frei und ungebunden aus dem lebendigen Grunde des Lebens hervorgegangen und in ihrer gefälligen Form und ungekünstelten Anmuth des Stils der wahre Ausdruck des Volksgeistes sind. Und das Lob, das wir Molière und Lafontaine spenden, ist sehr bezeichnend, wenn wir bedenken, dass die Deutschen keinen Lustspiel- und keinen Fabeldichter aufzuweisen haben, den sie jenen ebenbürtig an die Seite stellen könnten. Beide dem ächt nationalen Geiste entsprossen, ziehen

*) Alex. Büchner, französ. Literaturbilder. Kapitel I passim.

uns darum so an, weil sie in ihrer Volksthümlichkeit acht poetisch und wahr sind. Dieser gallische Geist (esprit gaulois, wie Ste. Beuve ihn treffend bezeichnet) bedingt den poetischen Werth dieser Männer, durch den sie sowohl bei den Franzosen unsterblich geworden, als auch bei den fremden Völkern die vollste Anerkennung gefunden haben.

Durch die ganze französische Literatur bis in die neueste Zeit hinab wird der Bonhomme Lafontaine mit der aufrichtigsten Bewunderung und Zuneigung erwähnt und hervorgehoben. Boileau, der gestrenge Gesetzgeber des französischen Parnasses, obschon er in seiner Poetik den Lafontaine mit keiner Sylbe erwähnt, stellte ihn über den Ariost und sagte mit dem richtigen Blicke, der ihm in mancher Beurtheilung nicht kann abgesprochen werden: ,,Die schöne Natur und ihre Reize lassen sich erst fühlen, seitdem Lafontaine und Molière erschienen;" wie er denn dem Könige, der ihn fragte, wer der grösste Dichter seines Zeitalters sei, den Molière nannte. Voltaire spricht sich an einer Stelle folgendermassen aus: „Den Schuster und Bankier, die pestkranken Thiere, Müller und Sohn, so vertrefflich sie in ihrer Art sind, werde ich nie in die gleiche Linie stellen mit der Scene in den Horatiern, den unnachahmlichen Stücken Racine's, der vortrefflichen Poetik Boileau's oder dem Menschenfeind und dem Tartuffe Molière's." In einer andern Stelle geht er indess weiter, wenn er von Lafontaine sagt: „Ich kenne kein Buch, das für das Volk wie für die gebildetsten Leute so viel Reize hat... er gefällt Allen und bietet für jedes Alter Genüsse.“ Noch unverhohlener klingt das Lob, das er in einem Briefe an Vauvenargues ausspricht und, da er nicht der Oeffentlichkeit bestimmt war, gewiss seine inderste Ueberzeugung enthält: „Als Dichter ist sein Instinkt göttlich, und wenn man sich in Bezug auf Lafontaine dieses Wortes bedient hat, so bedeutet es Genie.“ Dieses Lob Voltaire's ist ziemlich bedeutsam, da man von dem stets witzig sein wollenden und noch in vollem Classicismus befangenen Verfasser der platten Henriade und des rhetorischen Mahomet kaum ein Verständniss für den Naturdichter Lafontaine erwartet bätte. Marmontel, über den Boileau mit Strenge geurtheilt und gewiss nicht ohne Recht gesagt, dass man ihn nie gefühlvoll sieht, und niemals ein Wort aus seinem

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Archiv f. n. Sprachen. XXXV.

Herzen entströmt ist, stellt Lafontaine als Muster des Apologs auf. Fénelon schrieb für seinen Zögling, den Duc de Bourgogne, eine lateinische Lobrede auf Lafontaine, welche mit folgenden schönen Worten schliesst: „Leset ihn und sagt, ob Anakreon mit mehr Anmuth gescherzt, Horaz die Philosophie mit mannigfaltigerem und anziehenderem Schmucke begleitet, ob Terenz die Sitten der Menschen mit mehr Wahrheit und Natur geschildert hat, ob endlich Virgil rührender und harmonischer gewesen ist.“ Chamfort, der eine begeisterte Lobrede auf Molière geschrieben, verfasste auch einen sehr geschätzten Commentar zu Lafontaine's Fabeln. In Laharpe, dem bekannten französischen Kritiker, findet sich folgende Stelle: „Voltaire hat nicht in das Lob Lafontaine's eingestimmt. Es scheint mir, dass er dessen Fehler übertreibt und die Schönheiten herabsetzt; dies hindert aber nicht, dass Lafontaine reizend, originell und unerreichbar dasteht, weil ihm die Natur so zu sein gegeben.“ Und in seinen Vorlesungen über Literatur, die er Lycée genannt, fügt er noch bei: ,,Lafontaine hat seinen Charakter so sehr seinen Schriften eingeprägt, und dieser Charakter ist so liebenswürdig, dass er sich alle Leser zu Freunden gemacht. Man bewundert seine Bonhomie. Dieser Name eines Bonhomme, den man ihm gegeben, wie man Heinrich IV. den guten König genannt, drückt die öffentliche Meinung aus, wie die Sprichwörter die Erfahrung der Jahrhunderte bezeugen.“ Leidenschaftliches Lob wird Lafontaine von der nicht unberufenen Frau von Sévigné zu Theil: „Es giebt gewisse Dinge, sagt sie, die man nie versteht, wenn man sie nicht gleich versteht. Gewissen verstopften und rohen Köpfen wird man die Schönheiten eines Benserade und Lafon. taine nie verständlich machen können. Diese Thüre ist ihnen verschlossen, und die meine auch. Sie sind unwürdig, diese Arten von Schönheit zu begreifen .. Wer die Anmuth der Fabeln Lafontaine’s nicht kennt, für den bleibt nichts mehr übrig, als dass man für ihn zu Gott bete und wünsche, so wenig Umgang als möglich mit ihm zu haben.“ Ein Zeitgenosse Voltaire's lässt sich sogar zu dem Ausspruche hinreissen : „Unser eigentlicher Homer, der Homer der Franzosen, wer würde es glauben, ist Lafontaine.“ Wie die Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts alle einstimmig in ihrer Bewunderung

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