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Erzählung, welche von Gustav Schwab in seinem Werke über Schwaben (S. 189) mitgetheilt wird.

Im fernen Walde hört man oft von obenher ein dumpfes Läuten, welches von der verlornen Kirche ertönen soll. Es bezeichnet hiermit der Dichter jene unendliche Sehnsucht nach dem Ueberirdischen, die sich bei tiefen Gemüthern stets offenbart. Wenn in Weihestunden der Mensch sich hinwegsehnt aus der Verderbniss der Zeit, wenn der Sinn ganz vom Irdischen abgekehrt ist, dann kommt er, wie der Dichter singt, hòch hinauf. Dann träumt er so hinweg, weit über hundert Jahr, und sieht über Nebeln eine freie Stätte sich öffnen. Darauf steht ein herrlicher Münster:

Mir dünkten helle Wolken ihn
Gleich Fittigen, emporzuheben,
Und seines Thurmes Spitze schien
Im sel’gen Himmel zu verschweben.

Anbetend kniet er vor dem Altar nieder. Und als er, „von Lieb und Andacht ganz durchstrahlet,“ vom brünstigen Gebete den gesenkten Blick wieder nach oben wendet:

Da war gesprengt der Kuppel Bogen,
Geöffnet war des Himmels Thor
Und jede Hülle weggezogen.

Was ich für Herrlichkeit geschaut
Mit still anbetendem Erstaunen,
Was ich gehört für sel'gen Laut,
Als Orgel mehr und als Posaunen:
Das steht nicht in der Worte Macht,
Doch wer darnach sich treulich sehnt,
Der nehme des Geläutes Acht,
Das in dem Walde dumpf ertönet.

Damit man den Dichter aber ja nicht unter die Romantiker zähle, welche diese Kirche der Zukunft, dieses Himmelreich Gottes auf Erden etwa in der Form der katholischen Kirche suchen, folgt gleich das heitere achte Gedicht, betitelt: „das versunkene Kloster.“ Nicht mit Bitterkeit bekämpft er die Missbräuche des Klosterlebens, nicht schilt er auf die Mönche und Nonnen, den faul Haufen, wie ihn Hans Sachs in der

Wittenbergischen Nachtigall nennt, nein! mit Humor, mit Scherz spottet er als Protestant in seiner Siegesgewissheit über diese Verirrungen.

Ein Kloster ist versunken
Tief in den wilden See,
Die Nonnen sind ertrunken

Zusammt dem Pater, weh! Wie die versunkene Krone von Keinen mehr ersehnt wird, 80 auch nicht das versunkene Kloster. Nur die lustigen Nixen kommen herbei und bilden einen schäkernden Convent.

Das Glöcklein ruft zur Hore,

Wann's ihnen just gefiel. Im Vollmondglanze ziehen sie ihre Tanzringe, so dass die weissen Schleier flattern und die schwarzen Stolen wehen.

Der Kobold dort im Schutte
Der hohlen Felsenwand,
Er nimmt des Paters Kutte,
Die er am Ufer fand;
Die Tänzerinnen schreckend
Kommt er zur Mummerei,
Sie aber tauchen neckend

Hinab in die Abtei. Somit hat der Dichter gezeigt, wie er sich zu Staat und Kirche des Mittelalters stellt. Um uns aber klar zu machen, was er von der Poesie jener Zeit hält und wie er ihr Verhältniss zu der unserer Tage auffasst, fügt er als neuntes und letztes Gedicht die schöne Allegorie „das Märchen“ hinzu. Da wir aber über diese Dichtung früher in dem Programm des Berliner Friedrich-Wilhelms - Gymnasiums vom Jahre 1849 ausführlich gehandelt haben, so übergehen wir hier die Explication dieses Gedichtes.

Wir haben gehört, dass eine Bearbeitung Uhlandischer Dichtungen von kundiger Hand unternommen ist; wir geben in aller Bescheidenheit diese Betrachtungen mit der Hoffnung, dass wir damit dem trefflichen Gelehrten vielleicht eine kleine Hilfe bei seinem schwierigen Werke leisten können. Berlin.

R. Foss.

Der historische Don Carlos.

Unter dem Titel: Un ambassadeur français à la cour de Philippe III, hat Mr. Charles de Moüy im Jahre 1862 nach einem Manuscripte der kaiserlichen Bibliothek in Paris dépêches manuscrites du Sieur de Forquevaulx, ambassadeur de S. M. Chretienne auprès de S. M. Catholique im Auszuge veröffentlicht. Forquevaulx nahm diese Stelle als Nachfolger des Marquis de St. Sulpice im Jahre 1565 ein und bekleidete dieselbe sechs und ein halbes Jahr, bis zum 15. März 1572. Wenn wir die Zeit von 1565 bis 1572 als die Dauer dieser Gesandtschaft bezeichnet haben, so müssen uns dabei sofort eine Reihe wichtiger Daten aus der Geschichte Frankreichs und Spaniens wieder in's Gedächtniss kommen, die Siege Karl's des Neunten über die Hugenotten bei Dreux, St. Denis, Jarnac und Momontour und die Friedensschlüsse von Amboise, Longjumeau und St. Germain en Laye, die Vernichtung der türkischen Seemacht durch Juan d'Austria bei Leponto, Margaretha von Parma's Statthalterschaft in den Niederlanden und ihre Beseitigung durch den Herzog von Alba, und in der That, über alle diese Punkte finden sich in Forquevaulx's Depeschen die wichtigsten Aufschlüsse, wir aber überlassen ihre Benutzung nach dieser Seite hin berufeneren Federn und wollen uns darauf beschränken, die Geschichte einer Episode aus derselben auszuziehen, die sich während dieser Zeit an dem Madrider Hofe abspielte und für uns Deutsche von um so grösserem Interesse ist, als sie Schiller zu einem seiner Meisterwerke begeisterte, dem Don Carlos.

Die Idee zu diesem dramatischen Gedicht, wie Schiller es

Archiv f. n. Sprachen. XXXV.

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se.ber nennt, hatte er bekanntlich schon während seines Aufenthaltes in Braubach gefasst, an die Ausarbeitung ging er jedoch erst 1784, als er wieder nach Mannheim zurückgekehrt war, vollendet wurde es in Gohlis und Loschwitz. Die Ideen, die er darin zur poetischen Anschauung bringen will, sind zunächst die reine Menschlichkeit und dann die Freiheit, ohne welche die reine Menschlichkeit nicht zur Erscheinung gelangen kann. Diese Ideen werden, die erste durch Don Carlos, die zweite durch Marquis Posa repräsentirt und um den Trägern dieser Ideen den tragischen Stempel aufzudrücken, ohne welchen ihr Untergang unser Gefühl verletzen müsste, lässt er Don Carlos durch die Liebe zur Stiefmutter, den Marquis aber dadurch fehlen, dass er in seinem Verkehr mit dem Könige von dem Gesetze strengster Wahrhaftigkeit Umgang nimmt. Schiller ist vor allen Dichtern das Glück zu Theil geworden, seine Schöpfungen populär zu halten und so haben wir vielfach seine Gedichte in dem Maasse in uns aufgenommen, dass wir seine Charaktere ganz willkürlich und ohne Weiteres auch in die Geschichte übertragen. Bei Nennung des Namens Don Carlos entsinnen wir uns nicht mühsam der dürftigen Notizen, die man uns seiner Zeit im historischen Unterricht über ihn gegeben hat, sofort steht Schiller's Don Carlos, wie er leibt und lebt, vor unserm Auge. Es möchte daher vielleicht nicht ganz ohne Interesse sein, zu vernehmen wie ein Augenzeuge ihn uns zeichnet und um so mehr, als derselbe unbedingt auf Glaubhaftigkeit Anspruch machen darf. Von Katharina von Medici, der es natürlich sehr am Herzen liegen musste, am fremden Hofe einen treu ergebenen Diener um ihre Tochter, die Königin Elisabeth, zu wissen, war er mehr als Vertrauensmann, denn als politischer Agent nach Madrid geschickt worden. Und wie scrupulös gewissenhaft er seinem Auftrage nachkommt, das beweist jede einzelne Depesche und namentlich auch der Umstand, dass er Nichts, auch nicht das Unbedeutendste für zu gering hält, um nicht in einer späteren Depesche darauf berichtigend zurückzukommen, sobald er sich überzeugt, das erste Mal nicht ganz recht berichtet gewesen zu sein.

Zum ersten Male thut Forquevaulx des präsumtiven Thronerben in seiner Depesche vom 3. November 1565 Erwähnung. In einer Unterredung mit Königin Elisabeth, wobei er laut Instruction einige Worte über des Prinzen Aeusserungen in Bezug auf eine etwaige Theilung des Reiches hatte fallen lassen, beschränkte sich diese darauf, ihm zu antworten, Don Carlos sei der ehrenhafteste und gehorsamste Sohn, den es gäbe; wozu Forquevaulx folgenden Commentar liefert: „Obwohl er gemeiniglich alle Handlungen seines Vaters missbilligt und tadelt, so zeigt er doch auch auf der andern Seite, dass er Alles für gut findet, was die Königin, Ihre Tochter, sagt oder thut, und es giebt Niemand, der eine solche Gewalt über ihn hätte, wie sie; und alles dies macht sich in der natürlichsten und aufrichtigsten Weise, denn er versteht es nicht sich zu verstellen oder zu heucheln.“ Aber trotz dieser für Don Carlos schmeichelhaften Aeusserungen scheint derselbe doch keinen durchweg günstigen Eindruck auf unsern Berichterstatter gemacht zu haben, denn weiterhin, in der nämlichen Depesche, wo er auf den Erzherzog Rudolf von Böhmen zu sprechen kömmt, gibt er diesem den Vorzug: „Es ist ein schöner junger Prinz und berechtigt ohne Zweifel zu ganz andern Hoffnungen als der Prinz von Spanien.“

Und diese Ansicht behielt er auch von dem Prinzen. Mittlerweile wurde das Verhältniss zwischen Vater und Sohn immer gespannter und unerquicklicher, Philipp fing an, nicht nur an seiner politischen Befähigung, sondern auch an seiner Gesinnung gegen ihn zu zweifeln; er begriff, wie gefährlich an einem jungen Mann, wie Don Carlos, ein so ungemessener Ehrgeiz werden müsste, den sonst keine Eigenschaft seines Charakters rechtfertigte, und eine Phantasie, die in ihrer Lebhaftigkeit bisweilen 'geradezu an Tollheit streifte. Als daher der Aufstand in den Niederlanden ausbrach und Don Carlos den Wunsch äusserte, sich dorthin begeben zu dürfen, um den Aufstand zu unterdrücken, es von vornherein beschlossen, darauf nicht einzugehen. „Er ist,“ sagt Forquevaulx, „ein junger Mensch, der nur seinem Kopf folgt, und leicht könnte er mit den Italienern und Flandern Etwas anfangen, was sie später bitter bereuen möchten. Man bemerkt sogar, dass er unzufrieden ist, nicht schon jetzt einige grosse Staaten in seiner Gewalt zu haben, um da allein zu befehlen.“ Aber bei allem seinen Ehrgeiz scheint es ihm an Muth gefehlt zu haben, wenigstens erschien

war

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