Page images
PDF
EPUB

Heinrich von Kleist, seine Jugend und die Familie Schroffenstein,

nebst einem noch ungedruckten Stück aus dem Katechismus der Deutschen. Von A. R. Schillmann. Programm der Oberschule zu Frankfurt a. 0. 1863.

Die Abhandlung ist früher erschienen, als der Verfasser die letzte Schrift über Kleist von Wilbrandt benutzen konnte. Er hatte aber nicht sowohl die Absicht, unbekannte Stücke aus Kleist's Leben aufzuhellen oder neue Ansichten über seine Gedichte aufzustellen, als einem noch viel verbreiteten Vorurtheil zu begegnen, als ob Kleist nämlich ein leichtfertiges Genie gewesen sei, welches weniger Achtung verdiene. Der Verfasser hatte den löblichen Zweck, in der Vaterstadt Kleist's das Interresse für den Dichter zu erhöhen, und bei der verständigen Benutzung der übrigen Schriften über Kleist und seines Briefwechsels wird ihm das wohl gelungen sein. Das über die Famalie Schroffenstein gefällte Urtheil ist durchaus richtig. Was die Neuigkeit betrifft, so finden sich bekanntlich in dem von Köpke herausgegebenen politischen Katechismus zwei Lücken. Im Besitz des Präsidenten Dr. Simson zu Frankfurt ist eine Handschrift, vier Halbbogen, von Kleist's eigener Hand, die freilich auch nicht vollständig ist, aber doch das 4. und 7. Capitel vervollständigt, das 5. und 6. ganz und den Anfang des 10. entbalt, auch einige Schreibfehler der Köpkeschen Copie verbessert; im Druck

, Werth, ist aber als Ergänzung immerhin mit Dank anzunehmen. Vielleicht findet man sich in Frankfurt dadurch veranlasst, weiter nach Kleistianis zu forscben. Herford.

Hölscher.

Miscelle.

Orthographisches. Ueber das Wörtchen „Mal“ oder „mal“ in seinen verschiedenen Verbindungen.

Bekanntlich herrscht in der Schreibung der hierher gehörenden Wortverbindungen eine nicht geringe Verwirrung: vergleiche einmal, ein Mal, Einmal; das erstemal und das erste Mal; zum zweitenmal und zum zweiten Mal etc.

Allerdings sind die Abweichungen, um die es sich bierbei handelt, nicht grade von grosser Bedeutung, indess wird es doch gut sein, wenn man sich auch hier über eine gleichmässigere Schreibweise verständigen kann.

Vollkommen einig ist man zunächst über die Schreibung des tonlosen „einmal,“ mag dasselbe nun in der Verbindung von „nicht einmal“ oder „endlich einmal“ oder sonst wie vorkommen: vergleiche Schiller VIII, 16, (er konnte dieses nicht einmal wünschen); ib. 23 (endlich einmal); ib. 91 (der Plan, dem er einmal als dem ersten gehuldigt hatte). – Demgemäss pdegt man ferner auch die Zusammensetzungen mit andern Grundzahlen als einfache Adverbia zu behandeln: vergleiche Schiller VIII, 11. (zweimal führte er seine muthlosen Schaaren etc.); ib. 117 (dreimal gelang es ibin etc.). Hieran schliesst sich auch diesmal odes diessmal und ein andermal, wofür man jedoch auch schreiben kann ein ander Mal oder ein anderes Mal."

Anders nämlich stellt sich die Sache, wenn zu der Grundzahl noch ein Adjectiv hinzutritt: vergleiche Schiller VIII, 59 (zu zehn verschiedenen Malen); ib. 149 (nur ein einziges Mal). Hier tritt der substantivische Charakter des Wortes „Mal" so entschieden hervor, dass man ihn auch in der Scbrift nicht verleugnen darf. Dasselbe gilt aber auch von denjenigen Fällen, wo das Wort „Mal“ mit Ordnungszahlen verbunden ist: vergleiche das erste Mal, das zweite Mal, das letzte Mal etc. Die getrennte Schreibweise ist hier mit Recht zur herrschenden geworden: vergleiche Schiller VIII, 32. 62. 100. 102. 116. etc. Die Schreibweise „das erstemal, das letztemal etc.“ findet sich zwar ebenfalls oft genug, und sie ist z. B. bei Göthe die gewöhnliche (vergleiche XIV, 14; XIX, 222 und öster), allein sie ist nicht zu billigen, am wenigsten dann, wenn zu der adjectivischen Ordnungszahl noch eine Präposition binzutritt: vergleiche Göthe XXI, 188 (eine Familie, die ich zum zweiten mal besuchte, wo es nothwendig heissen muss „zum zweiten Mal“).

Als ein besonderer Fall ist endlich noch der zu erwähnen, wenn in dem Worte „einmal" die erste Silbe betont werden soll. Hier ist die Schreibweise sehr schwankend: vergleiche Schiller VIII, 19 (Philipps Erscheinung hätte dieses Gauckelspiel auf Einmal geendigt), Göthe XIV, 14 (- übersieht man auf Einmal das ganze Thal) mit Schiller VIII, 39 (die Schiffe, welche auf einmal in den Hafen einliefen); ib. 103. 119. 121 etc. Das Letztere ist jedenfalls vorzuziehen, und wenn man die Betonung der ersten Silbe für das Auge noch besonders bemerklich machen will, so kann das auf andere Weise geschehen (durch gesperrten Druck oder durch ein Accentzeichen).

2 „Ich habe rechts oder „ich habe Recht?“ - „Ich gebe dir recht“ oder „ich gebe dir Recht?“

Wenn man nicht etwa die grossen Anfangsbuchstaben überhaupt verwerfen will, so wird man sich wohl für das Zweite entscheiden müssen, wobei allerdings nicht zu leugnen ist, dass sich in den Drucken auch die erste Schreibweise (recht, unrecht) sebr häufig findet: vergleiche Göthe XIX, 212 (der Hofmeister gab ihm recht); XIV, 5 (Gewiss, du hast recht). Besser ist es aber zu schreiben: du hast Recht, du hast Unrecht; ich gebe dir Recht, ich gebe dir Unrecht. Denn dass Recht und Unrecht hier als Substantiva zu betrachten sind, wird man wohl kaum in Abrede stellen können: vergleiche im Franz jsischen j'ai tort, j'ai raison.

3. „Ich bin schuld“ oder „ich bin Schuld?" „Ich gebe dir schuld“ oder „ich gebe dir Schuld?"

Beide Schreibweisen sind bekanntlich sehr gebräuchlich: vergleiche Göthe XVII, 400 (Bin ich Schuld an dem, was vorgeht?); Schiller VIII, 118 (Alle Lasten wurden ihm Schuld gegeben). Anders Göthe XXVIII, 45 daran war denn doch das verdammte Blasen schuld), XXII 343 (obne dass man es den Zuständen hätte schuld geben können). Die letztere Schreibweise sucht man dadurch zu rechtfertigen, dass man das Wort „schuld“ in dem Sinne von schuldig nimmt, wozu man freilich gar kein Recht hat. Jedenfalls kann man die zweite Redensart „ich gebe dir Schuld“ nicht auf diese Weise erklären.

4. „Seinesgleichen“ oder „seines Gleichen“ „Unseresgleichen“ oder „unseres Gleichen?"

Auch bier sind beide Schreibweisen im Gebrauch: vergleiche Göthe XIX, 175 (Montau und Seinesgleichen); XXI, 198 (Missreden über Unsersgleichen); ebenso XXII, 278 und öfter. Anders Göthe III, 6 (Wirst du deines Gleichen kennen lernen), XIX, 56 (Sie möchte schwerlich ihres Gleichen finden), Schiller VIII, 21 (der mit Königen als seines Gleichen unterhandelt).

In allen diesen Verbindungen ist das den ersten Bestandtheil bildende Pronomen mit dem folgenden Worte so eng zusammengewachsen, dass man wohl am besten thut, das Ganze als ein Substantivum zu betrachten und demgemäss zu schreiben. Man vergleiche dazu Ausdrücke wie Unsereiner, das Vaterunser, das Einmaleins u. a.

5. „Für nichts und wider nichts“ oder „für nichts und wieder nichts?

Dem Anschein nach lassen beide Schreibweisen sich ganz gut erklaren, wie denn auch beide gleichmässig vorkommen: a. Für nichts und wider nichts, pro nibilo et contra nihil = temere, frustra. b. Für nichts und wieder nichts = für nichts und abermals nichts, also auch gar nichts, ganz umsonst oder vergeblich.

Da auch in anderen Verbindungen das Für und das Wider so häufig vorkommen, so könnte man geneigt sein, der ersteren Schreibweise den Vorzug zu geben, indess wird man bei näherer Betrachtung sich zuletzt

= für

doch für das „wieder nichtsó entscheiden müssen. Es spricht dafür vor Allem die Betonung. Man sagt keineswegs: Für nichts und wieder nichts (wie man bei der ersten Erklärungsweise nothwendig sprechen müsste), sondern „Für nichts und wieder nichts“ = für nichts und abermals nichts. Man vergleiche damit andere ganz analoge Ausdrücke wie „Tausend und aber tausend“ und ähnliche. Luckau.

Fr. Ad. Wagler.

In einem Reisebandbuche: Les Bords du Rhône de Lyon à la Mer par Alphonse B— Paris 1843 fand ich folgenden Chant populaire du Mois de Mai. Der Herausgeber, sagt er, habe an Ort und Stelle das Lied am ersten Mai gehört, und es auf Dictat der Landleute niedergeschrieben. Er selbst verstehe nichts davon. Daher die Unverständlichkeit einiger Stellen:

Véci lou djoli mé de mai
Que lous galans plan tan lou mon
N'en plautaré iun à ma mio
Saro plus iarlt que sa tio-liuo.
Li boutarem per lou garda
Un soudar de chaque côtà.
Qui boutaren per sentinella,
Saro, lou galant de la bello.
Ab! què me fatchario per tu
Si tu mio l'avio vègu;
Ja mio n-amo quoqués autres,
Et sè monquars de nous autrés.
Mi savou bèn, cè que faré,
Mi, m'en iré, m'enbarquaré,
Mi, m'en iré dret à Marseillo
Et n'en pensaré plus à iello.
Quand de Marseillo revendré
Devant sa porte passaré;
Demandaré à sa vesino
Coumé se porte Catherino.

Catherino se porto bien
Et l'on maria l'y o bien longten
Aub'un moussier de la compagno
Que li fait bien fuirè la damo.

N'em porto lou tchapet borda
Et l'espècio à son cotà;
La noriro mieux seu ren faire
Que non pas ti, mavais cardaire !

L. M.

Im zweiten Hefte des 32. Bandes dieses Archivs hat Herr Dr. Eduard Schreder versucht, die deutsche Orthographie zu verbessern, weil die jetzige Schreibart den Ausländern das Erlernen der deutschen Sprache erschwere. Nach elf Jahren Aufenthaltes im Auslande darf ich ibn versichern, dass die deutsche Orthographie für den Ausländer durchaus keine Schwierigkeiten hat. Die französische und englische Rechtschreibung sind viel schwieriger, und doch lernt Jedermann diese Sprachen. Die schwülstigen Sätze, in denen sich deutsche Schriftsteller gefallen, schrecken allerdings viele vom Lernen ab. Ausser Heine, Goethe und Varnhagen giebt es keinen deutschen Prosaiker, der deutsch verständlich geschrieben hätte. . Das wird man erst gewahr, wenn man anfängt zu übersetzen. Die Saalbadereien, welche in diesen langen Sätzen eine über der andern aufgespeichert liegen, können nicht den Leser anziehen.

Ein anderes Hinderniss, welches der Verbreitung deutscher Bücher entgegensteht, ist die Unehrlichkeit entweder der deutschen oder der englischen Buchhändler. Wir müssen hier enorme Preise für deutsche Bücher bezahlen. So habe ich für die „Neuen Goethestudien“ neun Schillinge bezahlt, und für dieses Archiv bezahle ich jährlich achtzehn Schillinge. Die meisten deutschen Buchhändler zeigen ihre Bücher an als „gebeftet,“ oder „brochirt,“ aber höchst selten sind die Exemplare, welche nach England gesandt werden, geheftet. Aus Cotta's Verlage, der uns mit Schulbüchern versorgt, babe ich in meinem Leben kein geheftetes Buch gesehen, obwohl ich häufig, für das Heften zu zahlen gehabt habe. Man wird dergleichen überdrüssig, und kauft lieber französische Bücher, die billig, sauber und lesbar sind. Wenn deutsche Schriftsteller ihre Sprache so gebrauchen, dass sie für civilisirte Menschen verständlich ist, und wenn deutsche Buchhändler ein Buch so billig verkaufen, wie die Franzosen und Engländer, dann wird auch die deutsche Literatur im Auslande allgemeiner werden. Bristol

Dr. Ludwig Meissner.

Sonderbarkeiten im Gebrauche der deutschen Sprache.

,Wichtigere hochortige Erlässe. Programm des Gymnasiums zu Pilsen 1862, S. 25.

„Ordens - Provinz-Vorstehung.“ Programm des Gymnasiums zu Bozen 1862, S. 51. 9.

„Er ward so anhaltend im Beichtstuhl besucht, dass endlich seine bei. den Ellbogen sich wundeter.“ Das. S. 28.

„So obliegt mir die schmerzliche Plicht.“ Programm des Gymnasiums zu Linz 1862, S. 34.

„Am 1. Mai betheiligte sich das ganze Gymnasium sammt seinem Lehrkörper bei der feierlichen Grundsteinlegung zum Maria-Empfängniss-Dome, alle stiegen in die Baugrube zum festlichen Hammerschlage auf den Grundstein, erlegten dort aus eigenem Antriebe eine Gabe mit dem Wunsche, Gott möge dieses Unternehmen segnen zur Verherrlichung seiner reinen Mutter. Das. S. 34.

„Es wurden folgende Schüler mit Prämien betheilt.“ Programm des akademischen Gymnasiums zu Wien 1862, S. 33.

„Schreiben, wodurch der hochgeborne Graf C. als Statthalter seine Berufung bekannt gibt. Programm des Gymnasiums zu Olmütz 1862, S. 41.

„Am 20. Juli langte die hochortige Bestätigung der von den Schülern zusammengelegten Schuster’schen Studentenstiftung herab.“ Programm des Gymnasiums zu Eger 1862, S. 61.

« PreviousContinue »