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nicht möglich, da von allgemeinen hohlen Formeln zu einem bedingten Falle kein Uebergang ist. Man sieht, dass die Philosophie und die Kunst sich noch gar nicht ergriffen und wechselseitig durchdrungen haben, und vermisst mehr als jemals ein Organon, wodurch beide vermittelt werden können.“

Einzelne Bausteine nun zu einem solchen vermittelnden Organon bin ich schon seit vielen Jahren, so weit Kraft und Musse es gestatteten, zu liefern bemüht gewesen, z. B. in einem Beitrag zur Poetik ,,Wie malt der Dichter Gestalten?“ (Emmerich 1834), in den Abhandlungen meines Archivs für den deutschen Unterricht „Wie malt der Dichter grosse Räume und epischerhabene Gegenstände ?“ (Jahrg. 1843, Heft 1) und „Wie stellt der Dichter Ruhe und Einsamkeit dar?“ (Ebendas. Heft 4), 80 wie in der Programmabhandlung „Ueber die dichterische Darstellung der Charaktere“ (Realschule zu Trier, 1854), welche Arbeiten sämmtlich in einander greifen. Den gleichen Weg schlägt die vorliegende Untersuchung ein, deren Absicht also nicht zunächst darauf gerichtet ist, die allgemeinsten und obersten Gesetze für den innern Bau und den Abschluss des lyrischen Gedichtes aufzustellen, als vielmehr an einer Reihe mustergültiger Gedichte das betreffende Verfahren der schaffenden Künstler, mitunter auch an einem verfehlten die Missgriffe derselben darzulegen, und so für diesen Theil der Poetik einen reichern, lebensvollern und geistbefruchtendern Inhalt zu gewinnen. Zur Verhütung eines Missverständnisses sei noch bemerkt, dass die äussere Gliederung des lyrischen Gedichtes, Zerlegung in Strophen, Zahl, Bau und Umfang derselben, Wahl des Versmasses und dgl. hier entweder gar nicht, oder nur gelegentlich in Betracht genommen wird. Um die darauf bezüglichen Fragen gründlich beantworten zu können,, muss man sich erst über die innere Organisation Licht verschafft haben.

Es ist für die dichterische Praxis, wie für die Interpretation nicht viel damit gewonnen, wenn man mit einem neuern Aesthetiker sagt, die Composition des lyrischen Gedichtes solle stets dreigliedrig sein und sich wie Satz, Ge

gensatz und Schlusssatz verhalten, oder wenn man mit Vischer die Regel aufstellt, der Schulus s solle immer eine Beruhigung des Gefühls enthalten, oder mit Gottschall, der Schluss solle die Stimmung des lyrischen Gedichtes noch einmal prägnant zusammenfassen. Solche Gesetze, in völliger Allgemeinheit hingestellt, können leicht, statt zu fördern und aufzuklären, geradezu hemmend und verwirrend einwirken. Es wird sich aus den weiterhin besprochenen Beispielen ergeben, dass es manche unverwerfliche Gliederungsweisen, und besonders viele Arten des Ausklingens lyrischer Gedichte gibt, die sich unter jene allgemeinen Formeln nicht subsummiren lassen.

1) Wir betrachten zunächst Chamisso's schönes Gedicht „Das Schloss Boncourt.“ Dem Dichter kehrt in späten Jahren die wehmüthige Erinnerung an seine Heimath und Kinderzeit zurück. Er hat sie nicht zurückgerufen; sie drängt sich ihm auf, und er schüttelt gleichsam abwehrend sein greises Haupt:

Was sucht ihr mich heim, ihr Bilder,

Die längst ich vergessen geglaubt? Die erste Strophe, worin dies ausgesprochen ist, schlägt den elegischen Grundton an, der alsdann durch die fünf nächsten Strophen, scheinbar wenig sich verändernd, fortklingt. Dennoch bereitet sich innerhalb dieser Strophen im Geheimen eine Metamorphose der Empfindung vor, die uns später in Str. 8 klar entgegentreten wird. Die erwähnten fünf Strophen sind schildernder Art; aber die Schilderung ist überall mit Empfindungsanklängen durchwebt („Ich kenne die Thürme, die Zimmer, Str. 2. Ich grüsse die alten Bekannten u. 8. w.) dann verwandelt sich auch die Schilderung in ihrem Fortschritt immer mehr in Erzählung und deutet damit die wachsende Lebendigkeit der Phantasie an (der Dichter eilt in den Burghof hinein, tritt in die Kapelle u. 8. w.). Weil aber die Empfindung, als eine elegische, milder Art ist, so begegnet uns hier nicht der hastige, stürmische, regellose Bilderwechsel der Ode; die Schilderung schreitet wohlgeordnet fort, geht von einer Gesammtansicht des Ganzen aus, verdeutlicht dann einzelne Theile und fasst im Anfange der Str. 7 die einzelnen Züge

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wieder zu Einem Bilde zusammen. Wie es nun gewöhnlich in lyrischen Gedichten geschieht, dass die Empfindung die Einbildungskraft zu erhöhter Thätigkeit anregt, dann aber die erregte Phantasie wieder auf die Empfindung zurückwirkt und sie modificirt, so auch hier. Die lebhafte Vergegenwärtigung des ehemaligen Zustandes seines väterlichen Schlosses führt dem Dichter naturgemäss den contrastirenden jetzigen Zustand vor die Seele :

„Und bist von der Erde verschwunden,

Der Plug geht über dich hin !“ Daraus muss sich nothwendig eine neue Entwickelungsphase der ursprünglichen Stimmung hervorbilden. Welcher Art sie sein wird, hängt aber sehr von der Individualität, dem eigenthümlichen Charakter des Dichters ab. In Chamisso's edel gestimmtem Gemüthe entwickelt sich daraus nicht etwa ein herbes Gefühl, nicht ein Ingrimm über die Zerstörung, über den frevelhaften Raub, den die Revolution an seinem Geschlecht verübt hat. Hochsinnig weiss er den eigenen Verlust über dem Gewinn, der Andern erwuchs, zu verschmerzen und findet für seine Person in der ihm verliehenen Gesangesgabe einen reichen Ersatz. So endet also das Gedicht weder mit einem prägnant zusammenfassenden Ausdruck der Stimmung, aus welcher es hervorging, noch genügt es zu einer scharfen Charakteristik des Schlusses, wenn man sagt, er enthalte eine Beruhigung des Gefühle. Es entwickelt sich aus dem nrsprünglichen Gefühl der Wehmuth ein edleres, hochsittliches, immer freilich von der herrschenden Empfindung gefärbtes Gefühl, dessen Ausdruck den Abschluss des Gedichtes bildet.

2) Ein Gedicht von gleichfalls elegischem Charakter ist Freiligrath’s „Morgenländisches Leben.“ Der Dichter wiegt sich hier in Träume und Vorstellungen des Glücks, das er geniessen würde, wenn er, in Arabien geboren, sich von Beduinen als Zuhörern seiner feurigen Lieder umringt sähe. Das ist der Empfindungsgehalt des Gedichtes, der sich aber durchweg an eine Schilderung des morgenländischen Lebens anlehnt. Natürlich nehmen in dieser Schilderung den breitesten Raum die Zuhörer ein, die er dort haben würde; denn die Hauptvorstellung, in welcher die im Gedicht herrschende Emfindung wurzelt, ist der Gedanke, dass er dort empfängliche, gleichgestimmte Herzen für seine lodernden Gesänge finden würde, was sich in den Schlussworten der schildernden Partie concentrirt ausspricht:

Ha! Männer, denen glüh'nd, wie meines,

In heissen Schädeln brennt das Hirn!“ Die allmählich sich steigernde Thätigkeit der Einbildungskraft lässt dem Dichter das geträumte Glück als ein wirkliches erscheinen. Während in den Strophen 2 bis 4 noch überall das Verbum in conditionaler Form auftritt (,,Dann zöge ich dann hielte ich – dann strömte ich — dann hinge ein ganzes Volk“ u. 6. w.), stellt sich dafür von Str. 5 an plötzlich das Präsens ein („Nomaden sind ja meine Hörer“ u. 8. w.). Aber eben diese wachsende Lebendigkeit der Einbildungskraft führt nothwendig zur Auflösung der Selbsttäuschung. Der Gegensatz des imaginirten Glücks zur Wirklichkeit wird zuletzt so gross, dass die Freude, womit sich der Dichter an dem vorgespiegelten Zustande weidet, in Schmerz um die Gegenwart und in Sehnsucht umschlägt. Diese Umbildung der Empfindung kündet sich schon in den Ausrufungen der Str. 10 an und spricht sich endlich in Str. 11 bestimmt aus. Auch hier also lässt sich weder der Entwicklungsgang des Gefühls noch die Art des Ausklingens zwanglos unter eine der obigen allgemeinen Formeln bringen. Ein aus einer Phantasievorstellung herfliessendes Gefühl steigert sich durch wachsende Thätigkeit der Phantasie, endet im Bewu 88t werden der Realität und bildet ein anderes Gefühl aus sich hervor, mit dessen Ausdruck das Gedicht abschliesst.

3) Es tritt hier der Gedanke nahe, dass eine Metamorphose der Empfindung, wie wir sie in den beiden vorher besprochenen Gedichten beobachteten, wenn auch naturgemäss, doch unter Umständen dem Eindruck des Ganzen nachtheilig sein könne. In der That scheinen sich die Dichter manchmal gegen eine solche schliessliche Umbildung der Empfindung zu sträuben; 80 z. B. Schiller im Gedicht „Herculanum und Pompeji.“ Vor vielen Jahren hatte ich in einer Erläuterung desselben (Ausgewählte Stücke deutscher Dichter u. 8. w. von H. Viehoff. Emmerich 1838) über den Abschluss dieses Gedichtë folgendes Bedenken geäussert: „Nach meinem Gefühl hätte das Gedicht nicht da abgebrochen werden sollen, wo der Dichter es geschlossen. Durch das ganze Stück zieht sich der Ausdruck einer auf starker Phantasie - Erregung beruhenden Selbsttäuschung hindurch. Beim Anblick des ganzen unveränderten Locals, der Strassen, des Porticus, des Theaters, des Forums i. S. w. glaubt der Dichter auch jeden Augenblick die Bewohner, die Spaziergänger, das Theaterpublicum, die Richter und Processführenden erscheinen zu sehen. Noch lebhafter, dringender werden diese Erwartungen als er in ein Haus tritt und dort durch Alles an Leben und Lebensgenuss erinnert wird. Dennoch bleibt es einsam und graunvoll stille um ihn her. Muss sich da nicht jene Illusion ausleben? Muss sie nicht in eine elegische Stimmung umschlagen und in dieser ihr Ende finden? Schiller hat uns ein in fortwährender Steigerung begriffenes Gefühl dargestellt, das in dem Stücke keinen Wende-, keinen Beruhigungspunkt findet. Hindeutungen auf ein beginnendes Sichausleben dieser Empfindung hat der Dichter allerdings dem Stücke gegen das Ende hin eingestreut, z. B. die sehnsuchtsvolle Frage: „Warum bleiben die Priester nur aus?“ und den dringenden Zuruf: „0 kommt und zündet lang schon entbehrte der Gott - zündet die Opfer ihm an!" Aber bis zu einer vollkommenen Enttäuschung, bis zu einer Auflösung der, wenn auch aus freudiger Aufregung hervorgegangenen, doch mit etwas peinlichem Staunen sich mischenden Illusion in ein klarbewusstes Gefühl der Trauer um das längstversunkene grosse römische Leben hätte, nach meiner Ansicht, das Gedicht fortgeführt werden müssen.“ - Dagegen bemerkte nun Hoffmeister in seinem bekannten Leben Schiller's : In den Göttern Griechenlands hatte Schiller seine Sehnsucht nach der Hellenenwelt rührend und erschütternd ausgegossen; in milderer Klage hatte er in den Sängern der Vorzeit den entschwundenen Volkssinn für Schönheit und Kunst zurückgewünscht; hier, in Pompeji und Herculanum, bewillkomnet er freudig das Geschlecht und die Zeit als neu erstanden. Das ist die Bedeutung des Gedichtes. Und darum ist das Entzücken ganz rein durchgehalten bis zu Ende, und die Illusion der Phantasie nicht am Schlusse des Gedichtes der

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