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auf sie folgt, in eine sinnbildliche Beziehung zu setzen gewusst, sondern jede Betrachtung steht auch mit der nächstfolgenden in Verbindung, wie in meinem Commentar zu Schiller's Gedichten im Einzelnen nachgewiesen ist. Dadurch stellt sich die Dichtung, trotz des steten Wechsels der Bilder und Empfindungen, als ein streng geschlossenes Ganzes dar. In der Elegie „der Spaziergang“ knüpft der Dichter seine culturhistorischen Betrachtungen an die wechselnden landschaftlichen Bilder, die ihm auf einer Lustwanderung entgegentreten, und auch hier ist überall auf Congruenz des Aeussern und Innern Bedacht genommen. Das Gemüth,“ schrieb W. von Humboldt über das Gedicht an Schiller, „wird hier nach und nach durch alle Stimmungen get ührt, deren es fähig ist. Die lichtvolle Heiterkeit des bloss malenden Anfangs ladet die Phantasie freundlich ein und gibt ihr zunächst eine leichte, sinnlich angenehme Beschäftigung. Das Schauervolle der darauf veränderten Naturscene bereitet zu grösserem Ernste vor und macht die Folge noch überraschender. Mit dem Menschen (von dessen Dasein bis dahin noch keine Spur erschien), tritt die Betrachtung ein. Aber da dieser, noch in grosser Einfachheit, der Natur getreu bleibt, braucht sich der Blick noch nicht auf viele Gegenstände zu verbreiten. Allein der ersten Einfalt folgt nun die Cultur, und die Aufmerksamkeit muss sich auf alle mannigfaltigen Gegenstände des, gebildeten Lebens und ihre vielfachen Wechselwirkungen zerstreuen. Der Blick auf das letzte Ziel des Menechen, auf die Sittlichkeit, sammelt den herumschweifenden Geist wieder auf einen Punkt.“ Am Schlusse des Gedichtes findet sich der Lust wandelnde in einer wilden Gebirgslandschaft, die zu der Naturscene des Anfangs einen starken Contrast bildet, aber desto grössere Verwandtschaft mit den Phantasiebildern und Gefühlen hat, die ihn zuletzt beschäftigten, mit den Betrachtungen über die Entartung der Staatsgesellschaft und die daraus entspringende Revolution. Das Gefühl der Einsamkeit ergreift ihn mächtig in der schauerlichen Gebirgsstille, und bringt ihm auch schnell zum Bewusstsein, dass jene Schreckensbilder menschlichen Unglücks, die eben an ihm vorübergegangen, nur Phantasiegebilde gewesen. Er fühlt sich wieder an dem Herzen der Natur, deren Unveränderlichkeit, dem Wechsel menschlicher Dinge gegenüber, der Schluss der Elegie su rührend schildert. Hier vermisst nun Hoffmeister einen rechten Abschluss der sinnlichen Folie. „Das Gedicht,“ sagt er, „lässt uns beim Wanderer in der Einöde, ungeachtet er doch ebensowohl, als die Menschheit, zum Anfangspunkte zurückkehren musste.“ Dagegen habe ich schon in meinem Commentar eingewandt, dass auch die Menschheit nach der Auffassung unsers Dichters nicht zum Ausgangspunkte zurückkehrt. Der Zustand derselben nach dem Umsturz der Staatsgesellschaft ist zwar wieder eine Art von Naturzustand, aber nicht jener friedliche, sanfte, entzweiungslose, aus dem Schiller die Menschheit sich heraufentwickeln läget. Auch ist nirgendwo am Schlusse die Herstellung der Natur in der Menschbeit in einer neuen, veredelten Gestalt angedeutet, und eben darin scheint mir ein Mangel zu liegen, so dass ich nicht sowohl an der sinnlichen Unterlage, als im Gedanken- und Empfindungsgehalte den rechten Abschluss vermisse. Schiller gibt ebenso wenig von den ferneren Aussichten der Menschheit, von ihrer nun weiter zu durchlaufenden Bahn nähere Andeutungen, als er den Spaziergang des Wanderers, den er ja auch in der Wildniss verlässt, zu einem festen Ziele zurückführt. Und doch fühlt Jeder sogleich, dass die Menschheit den eben beschriebenen Kreis nicht noch einmal durchlaufen kann, da an dem nun beginnenden Entwicklungsprocess neue Factoren betheiligt sind.

19) Anderer Art sind wieder die sinnlichen Unterlagen, die Schiller im eleusischen Fest und in den vier Welt. altern gewählt hat, um für seine culturhistorischen Bilder und Betrachtungen ein gliederndes und einrahmendes Gerüst zu gewinnen. Jenes Gedicht, das die Entwicklung des bürgerlichen Vereins aus der Einführung des Ackerbaues zum Gegenstande hat, soll seiner äussern Form nach als ein Festhymnus für die Eleusinien gelten. Es beginnt mit einer daktylischen Chorstrophe, die zu festlicher Freude aufmuntert, und schliesst mit derselben, im Inhalt nur wenig veränderten Strophe,. und somit läuft das Gedicht zu seinem Anfangspunkte zurück. Im Innern wird nun in mehr epischer Art die Einführung des Ackerbaues und die Entwicklung der Gesittung in trochäischen

Strophen besungen, und zwar in zwei Haupttheilen von je zwölf Strophen, die durch eine daktylische Chorstrophe scharf voneinander abgesondert sind, so dass also das Ganze eine zweigliedrige, vollkommen symmetrische, sehr leicht aufzufassende Anlage hat. - In den vier Weltaltern, dem letzten Glied der culturhistorischen Gedichtgruppe, ist zum einfassenden Rahmen das Bild eines frohen geselligen Kreises gewählt, vor dem der Dichter sein weltgeschichtliches Gemälde zu ästhetischem Genusse aufrollt; und dem entspricht auch der im Gedicht herrschende Ton. Die Stimmung in allen diesen, Gedichten ist eine verschiedene. Das Lied von der Glocke durchwandert die ganze Stufenleiter menschlicher Gefühle; der Spaziergang hat einen rührend elegischen Charakter ; in eleusischen Fest herrscht begeisterte Freude; Heiterkeit und Freiheit charakterisirt die vier Weltalter. Dieses Gedicht ist wieder, sehr fest umschrieben und symmetrisch gegliedert. Die Anfangsstrophe veranschaulicht das frohe gesellige Mahl, die Schlussstrophe huldigt den daran Theil nehmenden Frauen. Zwischen diesen Endpunkten gliedert sich das Gedicht zunächst zweitheilig: Str. 2 bis 5 stellen des Dichters Verhältniss zur Weltgeschichte, die weiter folgenden Strophen die vier Weltalter dar.

20) Um nicht die Abhandlung über Gebühr anschwellen zu lassen, erlaube ich mir, in Betreff der innern Organisation und Abgrenzung didaktisch-lyrischer Gedichte auf die bezüglichen Erörterungen in Hoffmeister's trefflichem Werk über Schiller, oder auf meinen Commentar zu Schiller's Gedichten hinzuweisen, und stelle schliesslich noch eine Anzahl einzelner, theilweise schon im Vorhergehenden gelegentlich angedeuteter Abgrenzungsarten zusammen.

a) Bisweilen nimmt der lyrische Dichter, um den Schluss des Gedichtes bestimmter zu markiren, Abschied von seinem Liede. Diese Schlusswendung ist für die Canzone ziemlich stereotyp geworden; die Italiener pflegen nämlich einer in Canzonenform verfassten Dichtung eine kürzere (siebenzeilige) Strophe, „Abschied“ genannt, anzufügen, worin der Dichter sein Lied anredet, um ihm einen Auftrag zu geben, ihm Dank zu sagen, oder sonstwie sich von ihm zu beurlauben.

b) Verwandt damit ist die Schlussanrede an die Musen, von der wir schon oben, bei Besprechung der Goethe’schen Elegie „Alexis und Dora,“ ein Beispiel kennen gelernt haben.'

c) Auch noch in anderer Weise kann sich der schliessliche Rückblick des Dichters vom Gegenstande auf sein Lied oder seine Kunst gestalten, wie z. B., wenn Geibel „Im April“ mit der Klage abschliesst, dass er heut den rechten Ton nicht finden könne, den milden, feuchten Frühlingsabend zu besingen.

d) Ein ander Mal nimmt der Dichter nicht sowohl vom Liede, als vielmehr vom Gegenstande desselben Abschied. Dies ist eine stereotype Schlussformel für die Homerischen Hymnen, womit sich dann gewöhnlich zugleich ein Rückblick des Dichters auf seine Gesangeskunst verbindet. So schliesst z. B. der erste Hymnus „Auf Apollon:“ Und nun lebe mir wohl, du Sprössling des Zeus und der Leto!

Aber ich werde so Dein, wie anderer Lieder gedenken.

e) Der einfassende Rahmen, dessen mehrmals gelegentlich Erwähnung geschehen, kann doppelter Art sein. Er kann sich entweder durch ein abweichendes Metrum, oder durch den Gegenstand vom Ganzen unterscheiden. Häufig verbindet sich Beides. Als Regel lässt sich aufstellen, dass eine solche Einrahmung allein nicht genügt, um ein Gedicht als einheitliches Ganzes erscheinen zu lassen; sie soll nur unterstützend wirken, um die innere Einheit stärker hervorzuheben.

f) Die Zurundung eines Gedichts durch völlige oder theilweise Wiederholung der Anfangsstrophe am Schluss findet am häufigsten in Gedichten Anwendung, die den Gedanken- und Empfindungsgehalt zu Anfange bestimmt und concentrirt aussprechen, dann sich im Innern durch Specificirung und Exemplificirung gliedern und mit dem Wiederzusammenfassen des Inbaltes enden.

g) Eine gewisse Verwandtschaft mit der Wiederholung der Anfangsstrophe hat der Refrain, der jedoch mehr Archiv f. n. Sprachen. XXXV.

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der strophischen Gliederung, als dem Abschlusse des Gedichtes dient. Eine nähere Betrachtung desselben gehört in die Lehre von der äussern Gliedererung lyrischer Gedichte.

h) Was endlich das Ausschwingen der dialogisch abgefassten lyrischen Gedichte in rascherm Redewechsel betrifft, so ist dies besonders an seinem Platze, wenn sich die Gefühle gegen den Schluss hin steigern, wie in Goethe's Gedicht „Der neue Pausias und sein Blumenmädchen,“ wo jedoch die lebhaftere Oscillation des Vers um Vers absetzenden Dialogs bis ganz zum Ende hätte fortdauern, und nicht zuletzt wieder dem Wechsel von Distichen Platz machen sollen.

H. Viehoff.

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