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conventionellen Hymnenpompes der Pompignan, Lebrun und Jean Baptiste Rousseau, Lafontaines ganz entgegengesetztes Talent erwecken? Ferner erhellt aus mehreren Stellen, dass einige der in der ersten Herausgabe enthaltenen Fabeln schon früher, ja vor der Veröffentlichung der contes (1665) gedichtet

waren:

J'avais Esope quitté

Pour être tout à Boccace, *) dass einzelne schon vor 1668 gedruckt waren, oder als Manuscript: circulirten; denn das Vorwort zum ersten Buche beginnt mit 1 den Worten: „die Nachsicht, welche man für einige meiner Fabeln gehabt, lässt mich dasselbe Wohlwollen für diese Sammlung erwarten.“ Ferner ist zu vergleichen I, 11, wo die im Jahre 1665 erschienenen Maximen des Larochefoucauld citirt sind. Endlich erwähnt Walkenär, Lafontaines gewissenhaftester Biograph, dass einer der contes, die „Schwester Johanna“ betitelt, in einer Sammlung galanter Poesieen figurirt habe, die bereits vor der Vorlesung der malherbischen Ode im Publicum circulirte. Auch sagt es Lafontaine in der Epistel an den Herzog vou Bouillon selbst

ce nourrisson que vous chérissiez tant, (vous, sc. les Muses)

qui dès l'enfance a vécu parmi vous ! wiewohl wir diese Stelle nicht gerade wörtlich zu nehmen brauchen. Es ist also wahrscheinlich, dass Lafontaine schon vor dem genannten Zeitpunkte gedichtet hat, wenn auch nur im -flüchtigen Genre des Marot und Voiture; und wenn wir die Tradition nicht ganz verwerfen, sondern etwas wenigstens davon annehmen wollen, so wäre es dies, dass nämlich die Ode des

L'auteur avait du bon, du meilleur, et la France
Estimait dans ses vers le tour et la cadence ...
Mais ses traits ont perdu quiconque l'a suivi.
Le trop d'esprit s'épand en de trop belles choses:

Tous métaux y sont or, toutes fleurs y sont roses. Ebenso den Ronsard:

Cet auteur a, dit-on, besoin d'un commentaire;
On voit bien qu'il a lu, mais ce n'est pas

l'affaire:
Qu'il cache son savoir et montre son esprit.
*) VIII. 13.

Malherbe über den Tod Heinrichs IV, die er vielleicht auf eine ausgezeichnete Weise vorlesen hörte, ihn zu ernstlichem Studium begeistert habe. Denn es ist Thatsache, dass er sich sogleich mit vollem Eifer hinter den Malherbe machte, ihn durchlas, auswendig lernte und nachzuahmen versuchte, bis jedoch sein guter Instinct noch zeitig von dieser falschen Bahn abgeleitet, und er, Dank auch den Rathschlägen eines gelehrten Verwandten auf das Studium der Alten hingewiesen wurde:

Je pris certain auteur autrefois pour mon maître;

Il pensa me gâter.
Er las nun fleissig die seinem Talente näherstehenden Marot,
Voiture, Rabelais, den Boccaz, Ariost, Machiavells Novellen und
den Heptámeron der Königin von Navarra:

Je chéris l'Arioste et j'estime le Tasse,
Plein de Machiavel, entêté de Boccace,

J'en parle si souvent qu'on en est étourdi. Der Kanonikus Maucroix und der genannte Verwandte Pintrel, der selbst eine Uebersetzung von Seneka’s Briefen herausgegeben hatte, unterstützten Lafontaine mit Rath und That, und empfahlen ihm besonders Terenz, Virgil, Horaz und Quintilian, *)

die er recht lieb gewann, so dass er bereits 1654 eine freie * Bearbeitung vom Eunuch des Terenz veröffentlichte. Das Griechische erlernte er nicht mehr, doch las er den Homer und Plato in Uebersetzungen und liess sie sich durch Racine erklären. Manche Aussprüche beweisen, wie hoch er die Alten schätzte:

Des Grecs et des Romains les grâces infinies, **) dann Anmerkung zur Fabel 15 des ersten Buches: nous saurions aller plus avant que les anciens : ils ne nous ont laissé pour notre part que la gloire de les bien suivre. Und wie treffend hat er das Geheimniss ihrer Kunst gekennzeichnet:

cet heureux art
Qui cache ce qu'il est et ressemble au hasard. *** )

ne

*) Epitre à M. d'Avranches:

Térence est dans mes mains, je m'instruis d'Horace,

Homère et son rival sont mes dieux du Parnasse.
**) Lettre à Racine.
***) Songe de Vaux, II.

Nicht bêtise war es, wie Fontenelle meinte, wenn Lafontaine den Phädrus über sich stellte, sondern Bescheidenheit und zugleich innige Bewunderung der Meisterschaft der Alten, wie er denn in dem zu seiner Zeit entbrannten Kampfe über den Vorzug der Alten und der Neuen lebhaft Partei für die ersteren ergriff.

So lebte er nun in beschaulicher Zurückgezogenheit in Château-Thierry, dichtend und träumend, bis ein an sich unbedeutendes Ereigniss in sein Leben und Dichten den entscheidensten Wendepunkt herbeiführte, indem er aus der stillen Einsamkeit seines Geburtsortes mitten in das Gewirre der stürmischen Hauptstadt verpflanzt wurde. Es war im Jahre 1660, als die Herzogin von Bouillon, Nichte des Mazarin, eine Frau, welche für leibliche und geistige Genüsse gleich empfänglich war, nach Château-Thierry verbannt wurde, und daselbst die schlummernden Talente unseres Dichters entdeckte. Sie gab ihm die Anregung zu seinen dem Boccaz und Machiavell nachgebildeten, sehr frivolen, aber witzigen Erzählungen, und als sie nach kurzer Zeit nach Paris zurückkehrte, folgte ihr der Bonhomme, Haus und Hof, Weib und Kind verlassend, um sich ganz seinem Dichterberufe zu widmen. Der gegen alles Materielle und Finanzielle gleichgiltige indolente Mann, hatte indessen das Glück, stets die freigebigsten Beschützer zu finden, welche ihm anfangs seine Vermögensgeschäfte besorgten, später aber ganz in ihr Haus aufnahmen. Ein Verwandter hatte ihn bei Fouquet eingeführt, der ihm, wie manchem anderen Dichter, ein Jahrgehalt auswarf, und ihn wie einen Freund behandelte, bis sein jäher Fall, den keine noch so muthige und eindringliche Fürbitte abzuwenden noch zu lindern vermochte, Lafontaines weitere Versorgung im Hause der Margaretha von Lothringen, Ludwigs XIV Tante, *) zur Folge hatte. Nach ihrem Tode fand der in fortwährenden Verlegenheiten und Sorgen sich verwickelnde Dichter im Hause der gebildeten und edelmüthigen Frau von Sablière eine herzliche Aufnahme und Pflege, die er zwanzig volle Jahre genoss, während Harley, der Präsident des Parlamentes war, die Versorgung und Erziehung

*) Nicht, wie die meisten Biographen irrthümlich berichten und einander nachschreiben, bei Henriette von England, Ludwigs XIV Schwägerin.

zu

:

seines Sohnes übernahm. Wie glücklich er sich bei dieser edlen Wohlthäterin befunden, das beweisen die vielen tiefgefühlten Dankesworte, welche er an sie gerichtet.

Je vous gardais un temple dans mes vers:

Il n'eut fini qu'avecque l'univers. *) So traurig Fouquets hartes Schicksal unserem Dichter erscheinen mochte, so war es für ihn ohne Zweifel ein Glück, aus der verführerischen Welt herausgerissen zu werden, in deren Freudenstrudel er vielleicht untergegangen wäre.

Stets werden aber seine Elegie an die Nymphen von Vaux und seine Epistel an den König ein ehrenvolles Zeugniss kühnen Muthes und unzertrennlicher Freundschaft bleiben, denn es grenzte an Verwegenheit, dem erzürnten Herrscher sagen dürfen: -Nymphen von Vaux, wenn Ludwig an eure Ufer seine Schritte lenkt, so stimmt ihn gnädig; denn durch die Gnade und Barmherzigkeit werden die Könige den Göttern gleich ... der schönste Sieg, ist der Sieg über das eigene Herz ... und Unglücklichsein ist soviel als Unschuld: c'est être innocent que d'être malheureux.“ Oder in der zwei Jahre nach Fouquets Einkerkerung an den König gerichteten Ode: „die Liebe ist Tochter der Gnade; die Gnade ist ein Kind der Götter. Ohne sie wäre die königliche Macht nichts als ein gehässiges Wort.“ Wenn die heutige Geschichtschreibung die auf untrüigliche Zeaguisse gestützte Gewissheit von Fouquets Schuld dargethan,**) 80 darf dies für uns kein Grund sein, die Freundschaft des Dichters für den gestürzten Mäcen in ein schiefes Licht zu stellen, indem Lafontaine dessen Schuld nicht einmal argwöhnen konnte, und seinen Sturz lediglich einer Hofkabale zuschrieb, wie denn von Voltaire ***) berichtet wird, dass der Vers der genannten Elegie

les destins sont contents: Oronte est malheureux ursprünglich also gelautet habe

la cabale est contente, Oronte est malheureux.

*) XII. 1. Diese schönen Verse erinnern an das Horazische

exegi monumentum **) Siehe unter Andern, Martin, histoire de France, Band XIII. ***, Voltaire, Brief an de la Viselède, Band XLIII.

In der glänzenden Welt der Vergnügungen, welche der verschwenderische Intendant um sich her geschaffen hatte, entstanden Lafontaines unbedeutendere und im Geschmacke der Zeit gedichteten Stücke: der Florentiner, ein Lustspiel, der Traum von Vaux, Episteln, der dem Apulejus entlehnte Roman Psyche und Cupido, das dem Ovid nachgebildete Gedicht des Mineus Töchter, ein Melodram, eine Oper, eine Tragödie, eine Reihe von Sonetten, Balladen, Madrigalen und Epigrammen, welche, die Elegie und gewisse schöne Stellen im Adonis ausgenommen, von keinem weiteren Werthe sind. Ein grösseres poetisches Talent verriethen die im Jahre 1665 erschienenen Erzählungen, welche nach Art der mittelalterlichen Fabliaux in höchst geistreicher und anmuthiger Weise behandelt sind, aber wegen ihres undecenten Inhaltes auf den Index der frivolen Literatur gehören; durfte doch in jener Zeit selbst, wo die Sitten viel freier waren als heute, und wo der Anstand noch kein allgemeines Gesetz Lafontaine einem Frauenzimmer nicht voraussetzen, dass es die Contes verstanden habe:

Mes contes, à son avis,
Sont obscurs : les beaux esprits

N’entendent pas toute chose. *) Es war im Jahre 1672, als die edle Frau von Sablière den Dichter in ihr Haus aufnahm, um ihn aller irdischen Sorgen zu entheben, so dass er 80 wohl seiner Muse leben als auch mannigfachen Studien sich hingeben konnte. Bei ihr lernte er Bernier, Gassendis gelehrten Schüler kennen, durch den er sich in den Naturwissenschaften, der Astronomie, Physik und namentlich auch in der cartesischen Philosophie unterrichten liess,

welcher Bereicherung seines Wissens manche seiner grösseren Fabeln Zeugniss ablegen:

ne trouvez pas mauvais Qu'en ces fables aussi j'entremêle des traits De certaine philosophie

von

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von

*) VIII. 13 Tircis et Amarante, an Mademoiselle von Sillery gerichtet. Diese Jugendsünden, seine contes, musste er freilich später schwer genug abbüssen.

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