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bringt Schaden: III. 13; VI. 13; VII. 8. Die charakterlose Verleugnung der Grundsätze wird zwar nicht als Weisheit gepriesen, aber die sie darstellende Fledermaus in der Fabel zieht sich glücklich aus jeder Gefahr, und schliesslich heisst es

le sage dit, selon les gens,
Vive le roi! vive la ligue!

Der Utilitarismus führt fast nothwendig zur herzlosen Selbstsucht und mithin zur Immoralität, wenigstens wenn er consequent durchgeführt wird. Es tritt dieser Fall in einigen wenigen Fabeln ein, namentlich in der allbekannten ersten des ersten Buches, der Grille, und hier wäre nun wirklich Lamartines und Rousseau's Kritik gerechtfertigt. Allein es muss wiederholt werden: es ist dies durchaus nicht System, noch etwa das Resultat der misanthropischen Weltanschauung, welche den trostloseu Maximen des Larochefoucauld zu Grunde liegt. Er gibt, wir wiederholen es, nur das Resultat seiner Beobachtungen: dies ist der Lauf der Welt; das Gute geht neben dem Bösen einher, dieses behält oft die Oberhand; der Mensch sei klug, and ziehen ihm seine Thorheiten Missgeschick zu, so werde er durch Schaden klug. Es ist die Moral der natürlichen Vernunft

. welche Rabelais also ausgedrückt hat: facere officium taliter qualiter, sinere ire tempus prout vult ire, et semper benedicere de domino; mit andern Worten: Vernunft, eine gewisse Dosis Egoismus und gesunden Menschenverstand! Und bei Lafontaine besonders hervorzuheben ist: die Einkleidung dieser natürlichen Vernunft in die Gestalten der unbewussten Thierwelt benimmt ihr alles Herbe und Abstossende und kann die L'nschuld nicht verletzen, weil die naive Lieblichkeit der Erzählung zu unmittelbar die Phantasie ergreift, als dass der Verstand zum Grübeln noch Zeit hätte. Wir glauben desshalb auch, dass Vinet zu weit geht, wenn

er Lafontaine, den harmlosen Bonhomme, unter diejenigen französischen Schriftsteller der gallischen Schule rechnet, welche von Rabelais, Marot und Montaigne an bis auf Victor Hugo mit leichtfertigen und frivolen Schriften unmerklich aber ohne Unterlass an dem ernsten, heiligen Gefühle für Sitte und Tugend gerüttelt und es zu untergraben versucht haben. Man muss Lafontaine nicht

was

zum Moralisten, nicht zum theologischen Ethiker machen wollen, sondern als das, was er sein wollte, als den heiteren Dichter ansehen, der die Natur und das menschliche Leben wahrheitsgetreu, oft derb, aber stets in harmloser Gemüthlichkeit sine ira et studio darstellt.

Wir haben übrigens bis jetzt nur die eine Seite seiner Moral, und zwar die dunklere betrachtet; in Hinsicht auf die angeführten Vorwürfe ist es doppelt unsere PAicht, auch die andere bessere Seite hervorzuheben. Lafontaine ist auch reich an Zügen idealen Gehaltes und edler Moral, und nicht selten blickt tiefes religiöses Gefühl hervor. Er lobt Gottes Welteinrichtung und Güte IV. 4.

Dieu fait bien ce qu'il fait ... ebenso XII. 8

Dieu fit bien ce qu'il fit et je n'en sais pas plus und VI. 4:

Concluons que la Providence

Sait ce qu'il nous faut mieux que nous. Im Astrologen, II. 13, bekämpft er mit warmen Worten diejenigen, welche nicht an Gott, sondern an den Zufall glauben. Im Horoscop, VIII. 16, kommt er noch einmal auf diesen Gegenstand zurück. Mit schönen Worten preist er die Frömmigkeit im Holzhacker, V. 1:

Ne point mentir, étre content du sien,
C'est le plus sûr: cependant on s'occupe
A dire faux pour attraper du bien.

Que sert cela ? Jupiter n'est pas dupe.
Im Orakel, IV. 19, bespricht er Gottes Allgegenwart: „Den
Himmel betrügen wollen, ist Thorheit der Erde. Die tiefsten
Falten des Herzens enthalten in ihrem Dunkel nichts, was die
Götter nicht sogleich ans Licht bringen könnten. Alles was
der Mensch thut, das thut er unter ihren Blicken, auch die
Thaten, welche er im Dunkeln zu vollbringen wähnt.“

Die edlen Regungen des menschlichen Herzens sind ihm gar wohl bekannt, und wie er bei den Thorheiten der Menschen schalkhaft und beissend sein kann, so gefühlvoll und tief empfindend zeigt er sich, wenn er von den besseren Seiten des menschlichen Herzens spricht. Er schildert die Ehrlichkeit

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V. 1. (V. 8); die Freundschaft, Gutherzigkeit und Hilfreichung IV. 17; VI. 16; VII. 3; VIII. 11. 17; IX. 2; XII. 15; die Sanftmuth VI. 3; VIII. 20. Wie schön ist seine Schilderung der Freundschaft, VIII. 11: „Welch süsses Glück ist es, einen

, wahren Freund zu besitzen! Er sucht deine Bedürfnisse aus dem Innersten deines Herzens hervor, und erspart dir die Scham, sie ihm selbst zu entdecken. Ein Traum, ein Nichts, Alles setzt ihn in Angst, wenn es sich um den handelt, den er liebt.“ Er empfiehlt Wohlwollen, Güte, Wohlthätigkeit V. 17:

Il ne se faut jamais moquer des misérables :

Car qui peut s'assurer d'être toujours heureux. und II. 11:

Il faut, autant qu'on peut, obliger tout le monde.
Von erhabener Schönheit ist der Eingang der Fabel vom
Tode, VIII. 1:

La mort ne surprend point le sage:
Il est toujours prêt à partir,

S'étant su lui-même avertir

Du temps où l'on se doit résoudre à ce passage. Der scythische Philosoph ist eine weniger bekannte, aber vortrefliche Fabel philosophischen Inhaltes gegen die Rigoristiker, welche eine vollständige Ertödtung aller Leidenschaften im Menschen als das wahre Glück anpreisen: „Dieser Scythe bezeichnet recht den unverständigen Stoiker: dieser verbannt aus der Seele Wünsche und Leidenschaften, das Gute und das Böse, bis zu den unschuldigsten Wünschen. Was mich betrifft, :0 erhebe ich mich gegen solche Leute. Sie nehmen unserm Herzen die hauptsächlichste Triebfeder, und ersticken das Leben, bevor man gestorben ist. *)

Die letzte Fabel der ganzen Sammlung bildet mit ihrem ernsten Inhalte einen würdigen Abschluss; sie fällt in die letzten Jahre des Dichters und ist gleichsam sein Schwanengesang:

*) Siehe Aul. Gellius Noct. Att. XIX. 12: Sic isti apathiae, qui videri esse tranquillos et intrepidos et immobiles volunt, dum nihil cupiunt, nihil dolent, nihil irascuntur, nibil gaudent, omnibus vehementioris animi officiis atoputatis, in corpore ignavae et quasi enervatae vitae consenescunt. Die ganze Fabel ist diesem Kapitel des Gellius entlehnt.

die letzten Verse müssen auch den strengsten Richter mit ihm versöhnen: ,, Sich selbst erkennen lernen, ist die erste der Pflichten, welche die göttliche Allmacht jedem Sterblichen auferlegt. Habt ihr auf der irdischen Bahn dieses Ziel erreicht? Nur in der Stätte ewiger Ruhe werdet ihr es können. Das Heil anderswo zu suchen, ist ein grosser Irrthum . . . Diese Lehre sei der Schluss meines Werkes, möge sie den kommenden Geschlechtern nützlich sein! Ich empfehle sie den Königen, ich lege sie den Weisen vor: womit könnte ich besser schliessen!"

IV.

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Wie Lafontaine in der Literatur seiner Zeit eine gesonderte Stellung einnimmt, so ist auch sein Leben von der eigenthümlichsten Art. Nicht dass er ausserordentliche Schicksale erlebt hätte, denn er konnte sich eines ruhigen glücklichen Daseins erfreun, wie vielleicht wenigen grossen Dichtern ein ähnliches zu Theil geworden ist; aber es trägt in seinem Wesen und seinem Charakter Alles ein so eigenes Gepräge, dass man wie den Dichter so auch den Menschen liebgewinnen muss. Es ist ein ganz natürliches Gefühl, wenn wir bei einem Schriftsteller, den wir schätzen gelernt, auch nach dessen Leben fragen, und den Menschen wünschen kennen zu lernen. Wie oft wird aber unsere Erwartung getäuscht! Wie häufig widerspricht das, was wir vom Menschen erfahren, der Idee, die der Schriftsteller in uns erregte. Bei Lafontaine ist vollkommene Uebereinstimmung beider Wesen: Poet ist er in seinen Werken, Poet in seinem Leben. . Seine Schriften sind der Spiegel seines Charakters; die Anmuth und reizende Gemüthlichkeit seiner Dichtungen ist getreue Reflexion seines unbesorgten Sichgehenlassens und seines harmlosen Gemüthes. Bei wenigen grossen Männern mögen die vielfältigen Anekdoten, welche sich an ihren Namen knüpfen, so wahr sein, wie die fast unglaublichen Traditionen über Lafontaine.

Er wurde am 8. Juli 1621 zu Château-Thierry, einem nicht sehr ferne von Paris gelegenen kleinen Orte geboren, sein Vater königlicher Forstmeister war.

Sein ganzer Jugendunterricht wurde sehr vernachlässigt, und dieser Umstand,

WO

verbunden mit seinem zerstreuten, trägen und indolenten Charakter, erklärt uns die höchst merkwürdige Erscheinung eines grossen Dichters, der erst in seinem vierzigsten Jahre die wahre Bahn seines Genius fand.

Das Predigerseminar, Oratoire, in das er neunzehnjährig eintrat, um den Grad eines Abbé zu erlangen, der ihm Einkommen und Musse zu literarischen Arbeiten hätte verschaffen sollen, verliess er nach kurzer Zeit, weil ihm das Studium der Theologie allzusehr widerstrebte. Der Vater, der den indolenten jungen Mann aus seinem Müssiggange herausreissen wollte, übergab ihm sein eigenes Amt. Der neugebackene Forstmeister, dem man mit demselben Rechte ein beliebiges anderes Amt hätte übergeben können, da er noch nichts Rechtes gelernt hatte, und von der Försterei nicht einmal die gewöhnlichen technischen Ausdrücke verstand, *) versah sein Amt mit derselben naiven Sorglosigkeit seines Charakters, mit der er sich auch von seinem Vater verheirathen liess; denn sein Amt liess er durch einen Stellvertreter versehen, und um seine Frau und seinen Sohn kümmerte er sich ebensowenig. Ihn beschäftigte allein die Dichtkunst, für die er immer mehr Geschmack zu finden begann. Es ist hier der Ort, die von einem Biographen dem andern nacherzählte Tradition über die Erweckung seines Genius auf das richtige Mass der Wahrheit zurückzuführen. Wie einst der junge Corregio, so lautet dieselbe, von einem Gemälde Raphaels in heiliger Entzückung des eigenen in ihn erwachenden Genius ausgerufen: anch' io son pitore; so habe eine in Lafontaines Gegenwart vorgelesene Ode des Malherbe plötzlich seine schlummernde Seele entzündet und für das Dichten begeistert. Abgesehen davon, dass dieses Ereigniss von den Einen in Lafontaines zweiundzwanzigstes Jahr, von den Andern in sein sechsundzwanzigstes verlegt wird, und diese Diversität der Angaben einen Zweifel erlaubt, scheint es

aus inneren Gründen fast unmöglich. Wie konnte gerade dieser classische, steife, kalte Odenschmieder, **) ein Vorgänger des unnatürlichen,

uns

*) Siehe Lafontaines Epigramm gegen Füretiere, 1686.

**, Lafontaine charakterisirt ihn treffend in der Epître an den Bischof von Avranches:

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