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am Eingange dieses Aufsatzes ist ausgesprochen worden, gerade Lafontaines Eigenthümlichkeit ist es, welche ihm vor allen andern französischen Dichtern die Vorliebe und Zuneigung des Auslandes erworben hat.

Einen ähnlichen Vorwurf wie Lessing macht J. J. Rousseau den Lafontaineschen Fabeln. In seinem Emil, wo es sich um die Bücher handelt, welche dem Knaben zuerst in die Hände sollen gegeben werden, schlägt er, und dies nicht mit Unrecht, Fabeln vor; allein diejenigen unseres Dichters findet er theils zu weitläuftig, manche in moralischer Hinsicht verwerflich, theils ereifert er sich gegen die moralische Nutzanwendung am Anfange oder Schlusse der Fabel, indem er sie überflüssig findet und vom Kinde selbst will herausfinden und in Worte fassen lassen. Gegen den letzten Einwurf wäre nun nicht viel einzuwenden, und vom pädagogischen Standpunkte aus ist das Princip, von welchem Rousseau hier ausgeht, ganz richtig, da bekanntlich jeder Unterricht desto fruchtbringender ist, je mehr des Kindes Verstand zur Selbstthätigkeit angeleitet wird. Indessen sehen wir doch nicht ein, wie die Paar Verse am Schlusse der Fabel dem genannten Zwecke schaden können, und literarisch gehören sie zum Ganzen, sie bilden den natürlichen und desshalb nothwendigen Abschluss der Erzählung

Quelle morale puis-je inférer de ce fait?
Sans cela, toute fable est un oeuvre imparfait. XII. 2.

und enthalten gerade bei Lafontaine bald eine anmuthige, bald eine satirisch gefärbte Wendung, und ihre Form ist stets so passend, so concis, so fein ausgeführt, dass eine sehr grosse Zahl derselben als wirkliche Sprichwörter in die französische Sprache übergegangen sind. Was schliesslich den Umfang der Fabeln betrifft, so steht dem Lehrer eine grosse Auswahl zur Verfügung, und die Erfahrung hat zur Genüge gezeigt, dass die Kinder die grösseren Fabeln mit eben so grosser, wenn nicht noch grösserer Freude lernen als die kleinen, und mit wenigen Ausnahmen stehen sie dem jugendlichen Fassungsvermögen durchaus nicht so fern. Es hat ja gerade ein Kritiker mit Recht darauf aufmerksam gemacht, wie Lafontaine dadurch, dass er für alle Altersstufen gleich anziehend wirkt, der Bewunderung würdig ist, welche man aus diesem Grunde den grossen Dichtern zollt. Dem Kinde bietet Lafontaine Belustigung, dem Manne Belehrung und dem Gebildeten immer neuen Genuss.

Sehen wir uns nun nach der moralischen Tendenz selbst, nach dem Geiste, in welchem das Fabelbuch geschrieben ist, 80 werden wir finden, dass sich sehr häufig eine schalkhafte, doch nicht böswillige Absicht zeigt. Es sind die Verkehrtheiten im menschlichen Leben, die ihm ein Lächeln entlocken, ein Lächeln, das oft von einer beissenden Bemerkung begleitet ist

Rien ne pèse tant qu'un secret,
Le porter loin est difficile aux dames,
Et je sais même sur ce fait

Bon nombre d'hommes qui sont femmes. Manchmal erwächst die ganze Erzählung zur Satire, z. B. VI. 21; II. 16; VII. 3; V. 12. Der Pfaffe und der Tod VII. 11, stellt in scharfer Weise die Verkäuflichkeit der kirchlichen Ceremonien an den Pranger. In der Zwietracht VI. 20, kommen die Pfaffen noch einmal und die Advokaten schlimm weg, letztere auch noch IX. 9.

Auch die politische Satire ist vertreten. Im Leichenbegängniss der Löwin, VIII. 14, wird die Kriecherei der Höflinge gegeisselt: „Ich vergleiche den Hof einem Lande, wo alle Leute traurig, fröhlich, für Alles fähig, gleichgiltig, und dem Fürsten das sind, was er will, oder wenn sie es nicht sein können, doch zu scheinen suchen. Die Höflinge sind ein camäleonartiges Geschlecht, sie sind die Affen des Herrn.“ Das Ende der Fabel ist an die Könige gerichtet: „Belustigt die Könige mit Lug und Trug, schmeichelt ihnen, bezahlt sie mit angenehmen Täuschungen: wie sehr sie im Herzen darüber entrüstet sein mögen, so lassen sie sich fangen und ihr seid ihre Freunde.“ Der adelige Stolz über Stammbaum und Wappen wird in X. 16 eine „thörichte Eitelkeit und armseliges Geschwätz“ genannt. Die Katze

un saint homme de chat, bien fourré, gros et gras, welche von Wiesel und Hase als Schiedsrichterin eines Prozesses angegangen wird und beide auffrisst, wird mit den mächtigen Herrschern verglichen, welche von den kleineren Fürsten zu ihrem Unheil um Hilfe angerufen werden. Die zwei Ziegen, welche einander auf einem engen Stege begegnen, ohne sich auszuweichen, sind Ludwig der Vierzehnte, Louis le Grand, und Philipp der Vierte, welche für den pyrenäischen Frieden auf der Bidassoainsel zusammenkommen, XII. 4. Verwegen klingt folgende Auflehnung gegen jede Herrschaft: „Was kümmert es mich denn, sagt der Esel, wem ich angehöre? Rettet euch, und lasst mich weiden. Unser Feind, das ist unser Herr, ich sage es euch auf gut französisch.“ So scharf diese gegen Adel und Königthum geführten Hiebe aussehen, so würde man sehr irren, wenn man Lafontaine dabei ernstliche politische Angriffe unterschieben wollte. Seinem gutmüthigen und indolenten Wesen lag es zu fern, einer bestimmten politischen Partei anzugehören; und wenn er sich gegen höfische Augendienerei oder gegen den Absolutismus ausspricht, so ist es eine beiläufige satirische Bemerkung, die ihm sein auf Alles achtender Beobachtungsgeist eingegeben hat, wie dieser ihm denn auch die Thorheiten bemerklich macht, die er in einer ganz entgegengesetzten Sphäre wahrnimmt. Er ist 80 unparteiisch, dass auch die demokratische Regierungsform seine Kritik erfahren muss: VII. 17; I. 12; III. 2; VIII. 26. Das Volk nennt er l'animal aux têtes frivoles, und anderswo sagt er: le peuple est juge récusable. Er lobt sogar das monarchische Princip: „Die Fabel des Menenius Agrippa lässt sich auf die königliche Macht anwenden. Sie empfängt und gibt, Alles arbeitet für sie, und Alles wird durch sie erhalten.“ Ebenso X. 11: „0 ihr Hirten der Völker, Könige, die ihr durch Vernunft die Herzen einer fremdartigen Menge zu gewinnen glaubt, es wird euch dies nie gelingen. Es bedarf eines anderen Mittels. Bedient euch eurer Netze: die Gewalt überwindet Alles.“

Die politische Satire ist also bei Lafontaine mehr zufällig. Das Gebiet, das' er hauptsächlich im Auge hat, ist das menschliche Leben, mit seinen Tugenden, Thorheiten und vielfältigen Erscheinungen. Er schildert den Geiz IV. 20; die Habsucht V. 3. 13; VIII. 27; IX. 10. 16; XI. 6; XII. 3. 6; die Undankbarkeit XII. 16, die Schlechtigkeit der Verläumdung III, 6; V. 16; VIII. 3; die Selbstsucht I. 17; III. 2. 10; XII. 4; den Ehrgeiz XI. 5, den Aberglauben IV. 8; die Eitelkeit und Prahlerei I. 3; V. 20; VII. 9; die Feigheit und Unbeständigkeit IV. 4; V. 7, 14; VI. 1. 2; III. 14; überhaupt die Leidenschaften und Verblendung der Menschen VII. 15; IX. 11, XII. 1. 14; ihre Bosheit und Grausamkeit III. 15; IV. 11. 13; X. 12; XII. 2. 19. Namentlich werden die Ueberhebung, die Täuschungen der Eigenliebe, der Ehrgeiz oft gegeisselt: I. 7; II. 16. 19; IV. 3. 5. 7. 9; V. 14. 21; VII. 10; X. 3; XI. 8. Die Fabel I. 3 schliesst mit den Worten, die zu allen Zeiten ihre Wahrheit haben: „Jeder Bürger will bauen wie die grossen Herren; jeder kleine Fürst hat Gesandte, und jeder Marquis will Pagen halten.“ Oder IX. 6: „Jeder sucht seine eigenen Träume und Wünsche nach Kräften zu verwirklichen; der Mensch ist Eis für die Wahrheit, aber Feuer und Flamme für die Täuschungen.“ Aehnlich II. 6; VII. 1.

Anderswo werden gewisse Klassen der Gesellschaft vorgeführt, z. B. die Geistlichkeit, wobei gelegentlich die fromme Heuchelei gegeisselt wird, wie VII. 3: „Wen bezeichne ich mit dieser so wenig hilfreichen Ratte? Einen Mönch? Nein, sondern einen Derwisch: ich vermuthe, dass jeder Mönch hilfreich sei.

Oder er characterisiert die Lebensalter: „die Jugend ist ein erbarmungsloses Geschlecht“ IX. 2; aber das Alter ist kaum besser: XII. 5, „die Jugend schmeichelt sich, und glaubt Alles zu erlangen

das Alter ist unerbittlich.“ Dieses harte Urtheil über den Menschen, sowie der Ueberblick über das gegebene Verzeichniss der Thorheiten und Laster, welche den Inhalt der Fabeln zu bilden scheinen, möchte leicht einen betrübenden Eindruck machen. Ist es der gute liebenswürdige Lafontaine, der die Menschen so schlecht macht, und sich darin gefällt; nur ihre Gebrechen darzustellen? Wie weit ist es von seiner gerühmten Bonhomie bis zum Pessimismus des Larochefoucauld? Auch findet sich keine Fabel in dem Verzeichnisse, welche die Tugend lehrt. Um hierauf zu antworten, muss erinnert werden, dass Lafontaine nicht auf dem abstracten Boden der moralischen Sittenlehre steht, sondern die concrete Welt der Realität in ihrer derben Nacktheit im Auge bat; er beabsichtigt nicht, eine Tugendlehre zu geben,

Archiv f. 2. Sprachen. XXXIV.

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und die Menschen anzuleiten, einem Ideale moralischer Vollkommenheit nachzustreben, sondern er nimmt die Welt, wie sie sich ihm darbietet, und begnügt sich, in gleichsam epikuräischer Gelassenheit der Menschheit einen Spiegel vorzuhalten, worin sie ihrer Thorheiten und Schwachheiten überführt wird. Die eigentliche Moral, die christliche Ethik, das Pflichtgefühl ist nicht bei ihm zu suchen; was er gibt, das sind Lebensregeln, Beobachtungen aus dem menschlichen Thun und Treiben, nicht Tugend-, sondern Klugheitsregeln. Er empfiehlt Vorsicht I. 1. 8; II. 10; III. 5. 7. 18; IV. 1. 2. 25. 16. 22; V. 4; VIII. 22; X. 4. 12; Klugheit II. 4; XI. 1; XII. 18. 23; Genügsamkeit II. 17; V. 3; VI. 11. 17; III. 4; IV. 2; V. 2; VII. 3. 4. 10. 11. 12. 17; VIII. 25; IX. 2; XII. 11; Eintracht IV. 18; Arbeitsamkeit V. 9; VIII. 2; X. 16; Fleiss und Selbstthätigkeit VI. 10. 18; X. 14; Geschicklichkeit, Geistesgegenwart und gesunden Menschenverstand V. 19; VII. 7; IX. 14; VIII. 18; X. 9. Aus dieser allgemeinen Uebersicht ist es ersichtlich, dass diese Moral sich entschieden zum Utilitarismus hinneigt. Allein dieser Utilitarismus ist im Grunde die Moral aller Fabeln; Aesop, Phädrus, Gellert, Hagedorn, huldigen ihm, und die Weisheit und Erfahrung der Völker in Redensarten und Sprichwörtern läuft auf dasselbe hinaus. Man kann sie in wenige Worte zusammenfassen: sei klug, schaue auf deinen Vortheil, thue Andern nicht, was dir selbst unlieb wäre

si tu veux qu'on t'épargne, épargne aussi les autres (VI. 15). Allerdings wird der Utilitarismus zuweilen ziemlich nackt ausgesprochen: „Die alte Ratte war erfahren; sie wusste, dass das Misstrauen der Vater der Sicherheit ist.“ Die Wohlthätigkeit wird folgendermassen motivirt: „In dieser Welt muss Einer dem Andern helfen. Wenn dein Nachbar umkommt, so wird auf dich seine Last zurückfallen.“ Was bleibt zu thun übrig, wenn man von einem Mächtigeren ungerecht behandelt wird? „parler de loin, ou bien se taire,“ die Faust in die Tasche machen, oder schweigen! Der Betrüger kommt gewöhnlich schlecht weg, nicht allein weil ihn die Gerechtigkeit ereilt, sondern ebenso oft darum, weil er von einem noch schlaueren überboten und übervortheilt wird: I. 18; II. 15; IV. 19; V. 8; IX. 1; 13; X. 5; II. 3. 8; VI. 15. Den Bösen gut zu sein,

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