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Dieser Enthusiasmus beruhte freilich nicht minder auf den arkadischen Hirtengeschichten, Idyllen und Pastoralen, deren Florian eine Reihe veröffentlicht hatte, und welche die damalige, in dem wirren Kampfe der Geister über Religion, Philosophie, Politik, Volkswohl, Souveränität und Menschenrechte entzweite Gesellschaft mit hohem Entzücken aufnahm, weil sie in Folge einer natürlichen Reaktion das Bedürfniss nach Natur und Ruhe, welche ihr die trostlose Wirklichkeit nicht bot, lebhaft empfand, und diese Dichtungen demselben entsprachen. Es war eine momentane Begeisterung, welche den Verfasser der Galatea mit dem Fabeldichter zusammenwarf und zum Helden des Tages machte, nachdem er, wie man wusste, neunmal vergeblich an die Pforten der ruhmspendenden Akademie geklopft hatte. Die unparteiische Folgezeit, welche so manches falsche Urtheil der Zeitgenossen berichtigt, hat auch Florians Verdienste auf ein vernünftigeres Mass zurückgeführt. Florian ist in der That weder Ebenbürtiger, noch Nebenbuhler Lafontaines; er steht unstreitig über seinen Zeitgenossen Lamotte, Le Bailly und Lemonnier, aber mit unserem Meister kann er sich nicht messen. Florian gebricht es nicht an Anmuth und Gefühl, aber jene Unmittelbarkeit, jene überraschende Tiefe und Wahrheit der Auffassung, jene dichterische Kraft, mit einem Worte Lafontaines Genie besitzt er nicht. Dieser berührt alle Saiten anseres Gefühls zugleich, er überrascht uns überall. Jener ist auch wahr, aber auf eine andere Weise; er ist nicht so innig, nicht so originell, seine Poesie erhebt sich nie über die Schranken des Alltäglichen und Gewöhnlichen. Seine Sprache hat auch nicht den poetischen Schwung, jene Frische und geniale Lebendigkeit, welche den grossen Dichter kennzeichnet, sie ist im Gegentheile gemessen, nüchtern, nicht gerade affektirt, aber zärtlich und aller Energie bar. Man vergleiche unter anderem Florians ,bonhomme et le trésor I. 4, mit Lafontaines ,,savetier". Im letzteren glänzt die höchste dichterische Gestaltungsgabe in ihrer concreten und gemüthlichen Darstellungsweise, während bei Florian der hausbackene Verstand die Poesie nicht aus der abstracten Allgemeinheit herausdringen lässt, und die lehrhafte Tendenz viel zu nackt hervortritt.

III.

Indem wir Lafontaines Dichtungen zu schildern versuchten, seine Liebe zur Natur, sein Erzählungstalent, seine naive Darstellungsweise hervorhoben, und namentlich darauf hinwiesen, wie er aus jeder Fabel ein kleines Epos voll dramatischer Lebendigkeit zu machen versteht, haben wir in einem gewissen Masse auch das Verhältniss seiner Fabeln zu dem, was man gewöhnlich die Moral oder Nutzanwendung nennt, wenn nicht gekennzeichnet, doch berührt. Dieser Punkt ist nämlich gerade eine der hauptsächlichsten Eigenthümlichkeiten, welche unsern Dichter vor allen andern Fabeldichtern auszeichnet. Es is bereits oben ausgesprochen worden, dass die didaktische Tendenz in den Lafontaineschen Fabeln, wenn nicht ganz als Nebensache behandelt, doch so sehr zurücktritt, dass die poetische Ausschmückung des epischen Elementes zur Hauptsache wird und die Anmuth und künstlerische Ausführung den Leser fas ausschliesslich beschäftigt. Es ist dies auch derjenige Punkt der Lessings Kritik hervorgerufen hat, und auf welchen wi um so mehr eingehn müssen, als dessen Besprechung zu richtigen Würdigung Lafontaines erforderlich ist. Nachden nämlich Lessing in seiner Abhandlung über die Fabel vol Acsops und des Phädrus conciser Manier gesprochen, ruft e aus: „Aber Lafontaine, dieses sonderbare Genie? Nein, wide ihn selbst habe ich nichts, aber wider seine Nachahmer.“ Diese Ausspruch des deutschen Kritikers würde ein unbedingtes Lol enthalten, wenn nicht die folgende Theorie, die Lessing von Apologe entwickelt, dasselbe ziemlich schmälerte. Nachdem e nämlich die Schwatzhaftigkeit der Nachahiner des Lafontain gerügt, gibt er seine Ansicht über den Apolog: „Die Erzählun der Fabel soll kurz sein, soll zusammengepresst, so viel al möglich ohne alle Zierrathen und Figuren, mit der einzige Deutlichkeit zufrieden sein ... Bei den Alten gehörte di Fabel zum Gebiete der Philosophie, und aus diesem holten si die Lehren der Redekunst in das ihrige herüber ... Lafontain gelang es, die Fabel zu einem anmuthigen, poetischen Spiel werke zu machen, er bezauberte, er bekam eine Menge Nach ahmer, die den Namen eines Dichters nicht wohlfeiler erhalten

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zu können glaubten, als durch solche in lustigen Versen ausgedehnte und gewässerte Fabeln . Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewusst werden soll, 80 muss ich sie auf einmal übersehen können ... alle Zierrathen streiten mit der Absicht der Fabel. Plato verbannte alle Dichter, auch den Homer, aus seinem Staate, dem Aesop aber wies er einen rühmlichen Platz an Ich wollte eine Sittenlehre, und dazu glaubte ich meine Erdichtungen nicht kurz, nicht trocken genug aufschreiben zu können.“ So weit Lessing. Es kennt Jedermann die kurzen prosaischen Fabeln, welche er als Muster und zur Verdeutlichung seiner Theorie verfasste. Lessing sieht nämlich die Fabel als ein ganz speciell didaktisches Schriftstück an; sie soll kurz, einfach und bündig eine allgemeine Wahrheit oder einen speciellen Satz enthalten, und denselben ohne allen poetischen Schmuck zur deutlichen Anschauung bringen. Aesop und Phädrus sind ihm Muster des eigentlichen Apologs, besonders der erstere, welcher seine Fabel mit drei Worten abthut.

Dagegen lässt sich nun zweierlei fragen. Wir leugnen freilich nicht, dass die Kürze und Concision im Ausdrucke ihr Verdienst hat, und dass die Lessingschen Fabeln Muster von Bündigkeit und energischer Klarheit sind. Aber wo bleibt die Poesie? Enthalten sie noch eine Spur dichterischer Schönheit? Darauf gehen sie ja gar nicht aus, sie sollen durchaus allen poetischen Schmuckes entbehren. Was sollen sie dann? Sollen sie gleich dem Katechismus oder geometrischen Lehrsätzen der Jugend eingeprägt werden, damit sie dieselben dereinet im Leben praktisch durchführe? Es fällt uns gerade eine der von Lessing namentlich angeführten äsopischen Fabeln ein: „Eine Hirschkuh frägt erstaunt eine Löwin, warum sie nur ein Junges werfe. Eines, antwortet diese, aber einen Löwen!“ Was soll die Jugend, da wir von ihr reden, denn damit anfangen? Ist das Nahrung für ihre Phantasie, für ihr Gemüth, oder für ihr Herz? Was bleibt an einer solchen Fabel noch übrig, das Interesse erwecken kann? Sie ist mehr für den Verstand, wird man vielleicht einwenden. Gut, aber warum dann einen so langen Umschweif machen? Warum, anstatt einfach dem Kinde einzuprägen: überhebe dich nicht über Andere! ihm eine

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Hirschkuh und eine Löwin vorführen, ohne ihm zugleich den Charakter und die Eigenheiten beider Thiere zu schildern, die ja gerade die gegebene Lehre nur verdeutlichen können. Von obigem Grundsatze ausgehend, müsste man alle weiteren Erörterungen verurtheilen, und sich einfach begnügen, dem Kinde Grundsätze und Lehren zu geben ohne alle Beweise und Erzählungen. Wir sehen also gar nicht ein, warum die Fabel, wenn sie aller Poesie beraubt wird, überhaupt noch soll beibebalten werden. In der prosaisch trockenen Form, wie Lessing sie will, muss sie der Jugend unerträglich langweilig erscheinen, und was mag sie dann dem Manne bieten?

Une morale nue apporte de l'ennui:

Le conte fait passer le précepte avec lui. sagt Lafontaine, und Phädrus scheint dies auch gefühlt zu haben, denn er sagt X. 60:

Haec exsecutus sum propterea pluribus

Brevitate quoniam nimia quosdam offendimus. Lessing will aus der Fabel nichts Anderes als ein rhetorisches Uebungsstück, eine Denk- und Sprechübung machen, wie er sie denn auch am Schlusse seiner Abhandlung in der That zu pädagogischen Zwecken verwenden will; ein Vorschlag, der, beiläufig gesagt, höchst beherzigenswerth und jedem Lehrer in der Muttersprache zu einpfehlen ist.

Zweitens fragen wir, ob denn die poetische Ausschmückung der moralischen Lehre schaden, ob sie dieselbe verwischen kann. Lesen wir eine der grössten Lafontaineschen Fabeln, die pestkranken Thiere zum Beispiel: ist der Grundgedanke, dass die Mächtigen der Welt ungestraft Böses thun, während die Schwachen und Kleinen für dieselben Thaten bestraft werden, durch die dichterische Ausführung und Ausmalung der Pest und des Hofgerichtes zerstört oder nur verändert worden? Niemand wird das behaupten wollen. Wir gehen noch weiter : durch die grossartige Anlage der Fabel, die Beschreibung der Seuche und die meisterhaften, charaktervollen Reden des Löwen, des Fuchses und des Esels wird der Gedanke, auf welchem das ganze Gedicht beruht in ein weit helleres Licht gestellt und energischer ausgemalt; aus dem lebendigen, in vollem

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Blätterschmucke prangenden Strauche entspriesst die Moral von selbst als die krönende Blüthe. Lafontaine steht nicht auf dem Boden der gewöhnlichen Fabulisten. In seiner Hand wird die

. Fabel eine kleine Epopoie; er nennt sie selbst une ample comédie à cent actes divers et dont la scène est l'univers. Dem Gemälde schenkt er ebensoviel Aufmerksamkeit als der daraus hervorgehenden Lehre, und er spricht es grundsätzlich aus

en ces sortes de feintes il faut instruire et plaire. Manche Erzäblung ist so allseitig ausgeführt, dass er mehr als eine Nutzanwendung aus derselben ziehen kann, so I. 14; II. 13; VII. 6. 18; X. 3.

Sehen wir davon ab, ob die Lessingsche Theorie richtig sei oder nicht, und nehmen wir an, dass die Lafontainesche Fabel von der normalen Gestalt der Fabel durchaus abweicht, 80 bleibt ihm doch gewiss der Rubm, in derjenigen Form, womit er die französische Literatur bereichert hat, etwas Ausgezeichnetes, ja das Höchste geleistet zu haben, und wie Schiller in seiner schönen Abhandlung über naive und sentimentale Poesie sagt, kann und soll ein Kunstwerk, das an sich schön und vollkommen ist, wenn es auch einen an Rang untergeordGegenstand zum Vorwurfe hat, eben so sehr unsere ungetheilte Bewunderung hervorrufen, als ein Anderes, das einen Stoff von höherem Werthe oder Umfange behandelt. Endlich wenn jene Definition Lessings in Beziehung auf die Fabel richtig wäre, und man diese strenge Normirung auch auf andere Zweige der Literatur anwenden wollte, wo wäre dann irgend einem Dichter noch möglich, sich selbstständig und frei zu bewegen, durch seine Eigenthümlichkeit in Ausführung und Form, mit einem Worte, durch seine Originalität sich auszuzeichnen; denn gerade in der Originalität des Dichters liegt der grosse Zauber, womit er unser Gemüth gewinnt. Wenn Vinet behauptet, dass Lafontaine von allen französischen Dichtern der unnachahmlichste ist, dass er dem französischen Nationalgeiste am vollkommensten entspricht, und um den die fremden Literaturen die französische ne meisten beneiden können, 80 stimmen wir ihm bei; aber wir müssen ihm widersprechen, wenn er glaubt, dass Nichtfranzosen unfähig sind, Lafontaines originelle, zarte und grosse Schönheit zu verstehen und zu würdigen; denn, wie es bereits

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