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die erste umfasst acht Verse, die zweite reicht bis V. 21 („Wohin? Ach, wohin?"), die dritte von da bis zum Schlusse. Aber auch noch innerhalb derselben geht eine stetige Metamorphose der Empfindung fort, so dass hier das Gefühl nicht in ruhiger Schwebung über demselben Punkte kreist, nicht wie eine voll aufgeschlossene Blume erscheint, die ruhig ihren Farbenglanz spielen lässt, sondern wie eine Knospe, die vor unsern Augen sich entfaltet und erst am Schlusse uns als fertiges Gebilde entgegenlacht.

7) Folgt es nun nothwendig aus dem Wesen des lyrischen Gedichtes, dass die darin dargestellte Empfindung und Stimmung eine Reihe von Entwicklungsstufen und Metamorphosen durchläuft, um schliesslich entweder mit der Umbildung in eine Empfindung von verschiedenem Charakter, oder mit dem Culminiren oder der Aufhellumg der ursprünglichen Empfindung zu verklingen? Oder darf vielleicht das lyrische Gedicht auch mit dem vollen und klarbewussten Ausdruck der Empfindung anheben? Und welcher Art wird in diesem Falle die innere Organisation und der Abschluss des Gedichtes sein müssen? Was vor uns wird und wächet, erregt uns in der Regel zu stärkerer Theilnahme, als das Gewordene und Fertige; und so wird uns auch ein Gefühl, dessen Entwicklungsgang wir in unserm Innern mit durchleben, meist lebhafter ansprechen. Dennoch lässt sich nicht läugnen, dass manche lyrischen Gedichte, die mit dem prägnanten und klaren Ausdruck der darzustellenden Empfindung einsetzen, sich als wirkungsreich erweisen. Bei diesen ergibt sich nun für den weitern Fortgang als das Naturgemässeste eine Ausbreitung und Detaillirung des Inhaltes und für den Schluss wieder ein concentrirender Ausdruck des Gesammtgedankens, also dass durch diesen Anschluss des Ausgangs an den Anfang das Ganze sich gleichsam kreisförmig abrundet. Als Beispiel diene Schnezler's Allleben:

Ich fühle mich im ganzen weiten All,
Ich kreise mit in aller Wesen Ringe.
Ich fühle mich im fernsten Sonnenball,
Wie in dem kleinsten der beseelten Dinge.

Im Lichtstrahl, Blumenhauch und Wiederhall
Verbreit ich glänzend, duftend mich und klinge;
Es ist das Sehnsuchtslied der Nachtigall
Dasselbe Lied, das ich im Innern singe.
Hoch zu dem Himmel, zu der Alpen Wall
Lass ich mich heben mit des Adlers Schwinge;
Um Blumen gauklich, um des Borns Krystall
Mit der Sylphide, mit dem Schmetterlinge.
Ich fühle brausen mich im Wasserfall,
Als Silberquell durch Wiesen ich mich schlinge;
Ich fühle mich im Sturm und Donnerschall,
Als Hauch des Hirten in der Lenzsyringe.
Ich fühle mich im ganzen weiten All

Und kreise mit in aller Wesen Ringe. Was an diesem Gedichte in Beziehung auf den Fortgang der Distribution des Inhaltes nicht ganz beifallswürdig ist, möge hier noch auf sich beruhen: wir bemerken nur gelegentlich in Betreff der äussern Form, dass die Durchführung derselben Gleichklänge durch das gange Gedicht durchaus zweckmässig wirkt, da hier dieselbe Vorstellung und Grundempfindung von Anfang bis zu Ende festgehalten werden soll.

8) Gedichten von der Art des eben besprochenen kommt in der Regel eine mehr verstandesmässige Anlage zu; daher verlangt auch die Distribution ihres Inhaltes, welche die Mitte derselben bildet, eine sachlich oder logisch strengere Ordnung und Reihenfolge des Einzelnen, als sonst in lyrischen Gedichten zu herrschen pflegt; und zugleich ist es wünschenswerth, dass die äussere Gliederung sich der innern Organisation genau anschliesse. Aus dem erstern Gesichtspunkte betrachtet, lässt Schnezler's „Allleben“ in der Distribution Einiges zu wünschen übrig. Es mussten entweder die Dinge, in deren Leben der Dichter sein eigenes verwebt fühlt, eine aufsteigende Reihe vom Kleinsten zum Grössten bilden; oder, wenn er die Einzelheiten (wie seine Intention gewesen zu sein scheint) als Gegensätze des Kleinen und Grossen darstellen wollte, so musste die Form des Contrastes reiner durchgeführt werden; und auch dann noch war ein Aufsteigen der Contrastgruppen wünschenswerth.

9) Aus dem Bisherigen erhellt, dass Gottschall's Regel, der Schluss des lyrischen Gedichtes solle die Grundstimmung noch einmal prägnant zusammenfassen und, gleichsam bereichert

durch die Auslassungen der Mitte, zum Anfange zurückkehren, zwar nicht allgemein gültig, aber doch auf eine gewisse Art lyrischer Gedichte anwendbar ist. Eben so ist auch der Vischer'schen Forderung, der Schluss solle eine Beruhigung des Gefühls ausdrücken, eine Berechtigung für andere Fälle nicht abzusprechen. Nur darf der Ausdruck Beruhigung nicht missverstanden werden. Nicht etwa eine Ermattung des Gefühls soll den Schluss des Gedichtes herbeiführen, wie z. B. in „Wanderers Sturmlied“ von Goethe, einem Beispiel aufund niederwogender, kämpfender Begeisterung, worin schliesslich das den Dichter beseelende stolze Bewusstsein des inwohnenden Genius ibn gänzlich zu verlassen droht; vielmehr soll das Gefühl bis zum Ende rege bleiben, ja in der Regel sogar sich steigern, aber es soll entweder durch Ausscheidung gewisser streitenden Elemente ein harmonisches Ausklingen, eine Befriedigung, oder durch Aufnahme eines neuen Elements ein wohlthuender Einklang erzielt werden. Wäre etwa sehnsüchtiges Hoffen und Harren, also die Vorstellung und das Erwünschen eines Glücks, vermischt noch mit Zweifel und Bangen, die Grundstimmung eines Gedichtes, so würde die Ausscheidung der Ungewissheit und Besorgniss einen Abschluss des Gedichtes gewähren, welcher uns dann mit dem reinen, ungemischten Gefühl des Glücks entliesse; 80 z. B. in Schiller's ,,Erwartung," einem Gedichte, das auch seiner innern Organisation und der auf's schönste damit harmonirenden äussern Gliederung wegen eine wiederholte und sorgfältige Betrachtung verdient. An einem stillen, süssträumerischen Spätsommerabend, wo die ganze Natur zu schönem Genusse ladet, wo die Traube, die Pfirsche üppig schwellend hinter Blättern lauschen, harrt ein Liebender seiner Angebeteten in einem Garten, den wir uns nicht etwa, durch den ersten Vers („Hör' ich das Pförtchen nicht gehen ?“) verleitet, als ein ländlich einfaches Gärtchen zu denken haben; die Pappeln, der Teich mit dem Schwan, der Springbrunnen, die Bildsäule vor der Taxuswand, auch das seidene Gewand deuten darauf hin, dass hier die Liebe in höhere Gesellschaftskreise gelegt ist. Bei jedem Geräusch, das der Abendhauch, der durch die Pappeln streicht, oder ein aus dem Busch auffahrender Vogel, oder der Schwan, wenn er durch

Archiv ( n. Sprachen. XXXV.

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den Silberteich daherrauscht, oder die herabfallende reife Frucht verursacht, glaubt er die Geliebte sich nähern zu hören; selbst sein Auge führt ihn irre, dass er die an der Taxuswand Aimmernde Bildsäule für ihr Gewand hält. Die frohen, flüchtigen Täuschungen spricht er jedesmal im lebendigen daktylischen Masse, die gleich folgende Enttäuschung in traurig sinkenden Trochäen aus, worauf dann immer in den zärtlich schmachtenden Ottave rime der Eindruck der umgebenen Natur mit dem Gefühl der Sehnsucht zusammenschmilzt. Diesen Auf- und Abwogen der Empfindung mit dem begleitenden Wechsel des Metrums geht bis zum Schlusse des Gedichtes durch; nur dass zuletzt das Erscheinen der Stunde des Glücks“ natürlich nicht wieder durch zwei daktylische und zwei trochäische Verse, sondern durch vier anapästische ausgedrückt ist. In dem Gehalt der einzelnen Stanzen nun ist eine fortwährende Steigerung des Gefühls und der Phantasiethätigkeit nicht zu verkennen. In der ersten ist die Aufmerksamkeit des Liebenden noch der nächsten Umgebung zugewandt, die er zum würdigen „Sitz der Liebe“ bereitet sehen möchte; in der zweiten verweilt seine Phantasie schon inniger bei der Vorstellung des Liebesglücks, daher die Bitte an die Nacht, ihre Wonne vor der Welt zu verbergen; in der dritten zieht sein Herz aus Allem, was es um sich erblickt, Nahrung seiner Gefühle; in der vierten öffnet es sich kühner, gleich dem Kelche der Nachtblumen; in der fünften endlich, wo die Umgebung, in nächtliches Dunkel versunken, seinen Liebesträumen keine Nahrung mehr bietet, will er sich nicht länger mit dem „Schattenglück,“ das ihm seine Phantasie gewährt, begnügen und fleht dringend um die Nähe der Lebenden. Ich wüsste dem wunderlieblichen Gedichte, was den Wohllaut der Sprache, die Vollendung der äussern Form und ihren Zusammenklang mit der innern Gliederung, und vor Allem, was die herrliche Musik der Empfindung betrifft, kaum ein anderes von Schiller zur Seite zu stellen. Will man eines daneben halten, worin der Abschluss durch Aufnahme eines mildernden Empfindungselementes erzielt wird, so betrachte man etwa Schiller's „Nänie.“ Hier spricht sich die Grundempfindung sogleich voll und bestimmt in den Anfangsworten aus: „Auch das Schöne muss

sterben, worauf dann für die Fortbewegung im Innern des Gedichtes sich naturgemäss die Form der Distribution oder Exemplification ergibt. Der Schluss besteht aber nicht blogs in einem Wiederzusammenfassen zu einem prägnanten Gesammtausdrucke, sondern gibt zugleich der angeregten Empfindung eine tröstlichere, beschwichtigende Richtung, indem er den Gedanken aufnimmt, dass das Schöne nicht klanglos zum Orkus hinabgehe : Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich.

10) Betrachtet man die letzgenannten Gedichte näher, 80 erkennt man, dass bei ihnen der Abschluss eigentlich doch · immer auf einer Modification und Umbildung des im Gedicht herrschenden Gefühls beruht. Wir haben mehrere Arten solcher Umbildung kennen gelernt; es giebt ihrer indess noch andere, und von diesen heben wir noch ein Paar der wichtigern hervor. Herrscht im Gedicht eine mehr passive Gemüthsstimmung, so wird ein sehr entschiedener Schluss durch das Eintreten eines mehr activen Elements gewonnen, also indem sich z. B. aus einein unbestimmten Gefühl ein bestimmtes Streben, oder, – was einen noch markirtern Abschluss giebt

- ein bestimmter Vorsatz hervorbildet. Ein Beispiel ist Geibeľs „Zigeunerb u b' im Norden.“ Er vergleicht seine Heimath, das schöne Spanien, mit dem Norden, wo er jetzt mit der Laute umherwandert, in deren Töne sich stets Klänge der Sehnsucht einmischen (Str. 1 bis 3). Dann erinnert ihn (Str. 4 und 5) ein Erntefesttanz an den spanischen Fandango, und über der Vorstellung desselben steigert sich seine Sehnsucht bis zu dem in Str. 6 ausgesprochenen) Entschlusse heimzukehren.

heimzukehren. - Herrscht im Gedicht ein activeres Gemüthswalten, etwa ein Kampf gegen eine Empfindung, so kann der Sieg über dieselbe, oder auch eine willige Unterwerfung unter ihre Macht den Abschluss bilden. Da das Letztere minder leicht eingeräumt werden möchte, 80 weisen wir auf Goethe's „Rastlose Liebe“ hin. Der Dichter sucht sich einer neuen auf ihn einstürmenden Liebesneigung zu erwehren. Die innere Gemüthsbewegung durchläuft drei Entwicklungsstufen: zuerst Ankämpfen gegen die Herzensaufregung, versteckt hinter einem Kampf gegen

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