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hinab verfolgen. In der mehr der Epik sich hinneigenden Literatur der Trouvères hatte nun die Thierfabel sich in den Chansons de gestes, contes und fabliaux das ganze Mittelalter hindurch erhalten, und das sechzehnte Jahrhundert bearbeitete noch öfter diese Stoffe. Es war aber nicht allein des Stoffes, der Fabeln wegen, dass die Volkspoesie diese Gattung mit Vorliebe pflegte, sondern eben so sehr aus Liebe zur Natur, der sie ja immer näher stand. Diese Liebe zur Natur, das Verständniss derselben, das Naturgefühl in einem Worte ist es, das Lafontaine's Genie anzog, und das wir auch an ihm sobewundern. Er ist in dieser Hinsicht eine sehr auffallende Erscheinung: mitten in der Zeit, wo fremde Einflüsse von allen Seiten her auf Frankreich einwirken, wo Italien, Spanien und namentlich die antikisirende Richtung der Renaissance herrschend geworden, wo von oben herab Alles verbannt wurde, was den einseitigen, beengenden und pedantischen Lehren der Gesetzgeber über die drei Einheiten, die historischen, mythologischen und allegorischen Erfordernisse widersprechen mochte, wo in der prunkvollen, nach strenger Etikette sich bewegenden Gesellschaft jede freiere Regung von dem regierenden Formalismus unterdrückt war, mitten in dieser Periode der raffinirten Ueberbildung erscheint ein poetisches Genie, welches der ihn umgebenden Welt der Convention und Abstraction sich entzieht und in reizender Naivität der Natur in die Arme wirft. Nicht dass Lafontaine sich in weitläuftigen Beschreibungen von Naturscenen gefällt; weit entfernt, sich so zu verirren, begnügt er sich gleich den Alten mit wenigen Worten, kurzen Andeutungen, und sein Gemälde ist fertig; aber durchweg fühlt man die Liebe zur Natur und den Sinn für landschaftliche Sceneric. Sein Naturgefühl ist halb epikureisch, halb melancholisch, aber immer weit entfernt von unserer modernen Sentimentalität.*) Er steht in dieser Hinsicht den Alten, die er viel gelesen hatte, sehr nahe. Für die moderne Sentimentalität fehlte ihm das schwärmerische, religiöse Gefühl und die Sehnsucht nach dem

*) Siehe den Aufsatz des Verfassers über das Naturgefühl der Alten und der Modernen in der Bibliothèque universelle de Genève, 1860 October

Unendlichen, kommt sie doch überhaupt in allen modernen Literaturen erst mit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderta deutlicher zum Vorschein, um erst im neunzehnten, mit und nach der Romantik sich vollends zu entfalten. Lafontaine nimmt die Natur in ihrer concreten Erscheinung; was er in ihr personifiziert, das sind nicht ihre dunkeln Kräfte, sondern ganz bestimmte und bekannte Geschöpfe, und das Leben, die Sitten derselben schildert er als ein treuer und scharfsehender Beobachter.

Wie geschickt führt zum Beispiel den Hasen vor (Fabeln VII. 16):

Il était allé faire à l'aurore sa cour

Parmi le thym et la rpsée.
Après qu'il eut brouté, trotté, fait tous ses tours,

Jeanot Lapin retourne aux souterrains séjours. Welch frisches Bild des frühen Morgens, und wie naturgetreu das Umherhüpfen des jungen Häschens, das durch den familiären Namen Jeanot gleichsam als ein alter Bekannter vorgeführt wird.

Wie hübsch das ländliche Bild in der Milchfrau VII, 10:

er

Perrette, sur sa tête ayant un pot au lait

Bien posé sur un coussinet
Légère et court-vêtue, elle allait à grands pas,
Ayant mis ce jour-là, pour être plus agile,

Cotillon simple et souliers plats ... und die ganze übrige Fabel.

Dann in Eiche und Schilfrohr wie klar die Darstellung einer sumpfigen Gegend, und des Sturmes, der die Eiche entwurzelt.

In unzähligen andern wird unit wenigen Worten, oft sogar nur durch den Geist des ganzen Gedichts die Einbildungskraft des Lesers in die Natur versetzt. Der Rabe, welcher, um dem Adler es gleich zu thun, sich auf den wolligen Rücken des Schafes setzt und darin verwickelt, wird ergriffen und o nein; der Hirte verübt keine so unnöthige Grausamkeit, sonderu er denkt an die kleinen Kinder zu Hause

le prend, l'encage bien et beau,
Le donne à ses enfants pour servir d'ar sette.

getödtet?

Aber auch gefühlvolle Worte, welche die Liebe zur Natur und zur Einsamkeit aussprechen, finden wir bei Lafontaine. Während die meisten Dichter seiner Zeit von der Natur nur aus hergebrachter Tradition sprechen und mit dem obligaten Aufwande mythologischer Namen, deren Bedeutung ihnen verschlossen war; während für sie und dies bezeichnet 80 recht ihre Entfremdung von der Natur - ein einsames Thälchen eine abscheuliche Einöde und ein Fels ein trostloses Chaos ist, vor welchem sie zurückweichen, sagt Lafontaine: „Ich kann sagen, dass mir Alles unter dem Himmel zulächelte. Für mich war die ganze Welt voll Herrlichkeiten, ich war gerührt von den Blumen, den Liedern, den schönen Tagen.“ Es klingt etwas wie die Melancholie der Méditations poétiques aus folgenden Versen hervor:

Solitude où je trouve une douceur secrète,
Lieux que j'aimais toujours, ne pourrai-je jamais,
Loin du monde et du bruit, goûter l'ombre et le frais!
Oh! Qui m'arrêtera sons vos doux asiles !

que les ruisseaux m'offrent de doux objets,

Que je peigne en mes vers quelque rive fleurie! Für seine Zeitgenossen war die Natur todt; durch ihre ideale aber kalte Verstandespoesie war ihnen das Verständniss für die sinnliche Welt abhanden gekommen. Lafontaine allein repräsentirt den Realismus, der die nahe liegende Welt der alltäglichen Erscheinungen zum Gegenstande seiner Betrachtung erhebt und sie künstlerisch gestaltet. So verbindet er, sowohl durch die Stoffe, die er wählt, als durch seine realistische, aber durchaus poetische Behandlung derselben, das Mittelalter mit der Neuzeit, er verknüpft, wie Ste. Beuve nicht unpassend sagt, das siebenzehnte Jahrhundert mit der Vergangenheit und der Zukunft.

Auf den ersten Anschein mag es nun sonderbar erscheinen, wie ein moderner französischer Dichter, der mit hoher Begeisterung und tiefem Gefühle der Schönheit der Natur, den melancholischen Reiz der Wälder, Thäler und Seen besungen, wie Lamartine über den ebenso naturliebenden Lafontaine den Stab hat brechen können. Im ersten Buche seiner Selbstbiographie schreibt nämlich Lamartine über unsern Dichter Folgendes: „Ich mus auch einige Fabeln Lafontaine’s auswendig lernen; aber die hinkenden, zerrissenen, ungleichen, unsymmetrischen Vei waren mir widerwärtig;“ wir brauchen kaum bemerklich machen, dass Lamartine wohl einen Anachronismus bege indem er das Urtheil des Mannes dem Kinde unterschiebt „übrigens waren diese Geschichten von Thieren, welche spreche sich Lehren geben, sich übereinander lustig machen, egoistisc höhnisch, geizig, ohne Mitleid, ohne Freundschaft, und boshaft sind als wir Menschen, ein Eckel für mich. Lafontain Fabeln sind eher die unerbittliche, kalte und eigensüchti Philosophie des Greises, als die liebenswürdige, edelmüthig naive und gutherzige Denkweise des Kindes: sie wirken w Galle.“ Es ist nicht nöthig, auf die weiter unten zu besprechen Moral der Fabeln einzugehen, auf die Lamartine besonde anspielt, um uns seine Kritik zu erklären, sondern ein Bli auf die innerste Natur beider Dichter wird uns Aufklärur bringen. Was hier zu Tage tritt, ist nichts als die alte Klu zwischen Idealismus und Realismus. Lamartine gehört vol ständig der neuen Zeit an; in seinen theosophisch gefärbte Oden und elegischen Liedern schweift er mit lyrischem Schwung in den idealen Regionen der modernen Sentimentalität umhe keine Spur von der positiven und etwas boshaften gallische Muse; er hat, wenn man uns den Vergleich erlaubt, etwas vo der edlen Reinheit und metaphysischen Erhabenheit Schiller Lafontaine hingegen vereinigt in sich das etwas derbe, abe immer heitere, sinnliche Wesen der Villon, Rabelais und Regnie mit der nicht minder derben Naturwahrheit der Tenier un Ostade, und dieser gallische Geist, wie sehr ihm auch Lafontain die feine, gebildete Sprache seiner classischen Zeit anzupasse weiss, bildet doch

doch einen unüberbrückbaren Gegensatz z der schwärmerischen Sentimentalität der J. J. Rousseau un Chateaubriand, welche den Lamartine begeistert.

Aus demselben Grunde geht auch Ludwigs XIV Wider wille gegen Lafontaine hervor; nicht, wie Arnd meint, wei des Königs kitzliches Anstandsgefühl über die schlüpfriger Contes empört war, denn es wird wohl Niemand von Ludwig Moralität sprechen wollen; nicht, wie Andere behaupten, weil Lafontaine den ruhm- und lobsüchtigen König und Eroberer durch pomphafte Verse zu preisen unterlassen; *) auch nicht wegen der treuen Anhänglichkeit, welche der dankbare Dichter seinem ehemaligen Wohlthäter, nun aber in Ungnade gefallenen und schuldigen Fouquet bewiesen, und der kühnen Fürsprache, die er für ihn eingelegt wurde doch Pellison, der Fouquet mit nicht geringerer Energie vertheidigt hatte, sogar der Vertraute des Königs sondern es war die innerste Natur beider Männer, die sie von einander abetiess; und wollen wir, um nicht zu weit zu gehen, jenen genannten Ursachen, auf welche manche Schriftsteller ein besonderes Gewicht gelegt haben, um Lafontaine's Ungnade zu erklären, nicht alle Berechtigung versagen, sondern ihnen einen Collectiveinfluss einräumen, so dürfen sie doch nicht als die alleinigen und hauptsächlichsten angeführt werden. Es ist bekannt, dass Ludwig die Bilder Teniers und anderer flämischer Genremaler, als man ihm eine Ueberraschung damit hatte machen wollen, sogleich aus seinem Palaste zu entfernen befahl, weil sie zu sehr nach Bier und Taback röchen. So mochte auch dem hohen, in der Galanterie auferzogenen König, dessen Majestätsgefühl den strengsten Anstand und die demüthigste Ehrfurcht vor seiner Person verlangte, und nur in prächtigen Marmorsälen oder in den Lenotreschen verkünstelten Gartenanlagen umherzuwandeln gewohnt war, vor allzuländlichen Scenen und möglicher Familiarität mit dem unwürdigen Geschlechte der Bauern und Thiere grauen. Die Lafontainische Mose war ihm zu fremd, zu frei, zu unschicklich, nicht akademisch sanctionnirt; statt von Apoll, Venus und Nymphen

) Im Gegensatze zu den Stellen, wo Lafontaine gegen den königlichen Absolutismus, gegen Hof und Adel die mahnende Stimme erhebt, finden sich doch mehrere, wo er des Königs mit schmeichelhaften und gewiss ernst gemeinten Worten erwähnt. Z. B. Prolog zum 1. Buche an den Dauphin:

Illustre rejeton d'un prince aimé des cieux,
Sur qui le monde entier a maintenant les yeux,
Et qui, faisant fléchir les plus superbes têtes,

Comptera désormais ses jours par ses conquêtes ... dann Prolog des Buches VII, ferner VIII. 4. X. 2. und Epilog des Buches XI. Songe de Vaux. Es sind dies allerdings immer nur kurze Complimente und findet sich nirgends darunter ein Passage du Rhin à la Boileau, noch eine Racinesche Bérénice.

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